Man mag es kaum glauben, aber es passiert tatsächlich: Mit dem Watt en Schlick findet vom 29. Juli bis 01. August ein richtiges Festival statt. Mit Moshpits, Group Hugs und kollektiver Euphorie. Die drei G’s machen es möglich. Nur getestete, geimpfte oder genesene Personen bekommen Zutritt auf das Gelände, Tests werden jeden Morgen auf dem Zeltplatz durchgeführt. Und dann geht’s los. Dann wird drei Tage getanzt, gehüpft und gesungen. Bei Von Wegen Lisbeth, Leoniden und Giant Rooks sehen wir uns ja sowieso alle, so viel ist klar. Welche Acts ihr ansonsten nicht verpassen solltet, erfahrt ihr hier.
1. Schmyt
Spätestens seit „Taximann“ ist man sich einig: Schmyt wird groß. Seine Musik ist es schon. Stimme, Beats, Texte – ein einziges Alleinstellungsmerkmal. Sein Sound ist von Anfang an ein Unikat. Schmyts Debüt EP „Gift“ ist der Beweis. Er überzeugt mit Innovation und Vielseitigkeit – und verdammt viel Talent. Das bleibt auch unter den ganz Großen des Deutschrap nicht unbemerkt. RIN ist nach gerade mal zwei veröffentlichten Songs direkt Feature-Gast auf der EP und Schmyt ist eines der wenigen ausgewählten Features auf Haftbefehls schwarzem Album. Auf dem Watt en Schlick steht Schmyt jetzt der nächste große Schritt bevor: Es ist wird das erste Mal sein, dass er seine Songs live performt. Aufregend!
2. Mavi Phoenix
Mavi Phoenix ist zurück. Endlich! Es ist ein besonderes Comeback. Mavi outet sich 2019 als trans, heißt fortan Marlon. Auf seinem Album „Boys Toys“ nimmt er uns mit in seine Gefühls- und Gedankenwelt dieser Zeit. Für ihn ist es ein Coming-of-Age-Album. Danach zieht er sich zurück, um sich auf seine Transition zu konzentrieren. Ein Jahr später, im April dieses Jahres, meldet er sich mit dem verträumten, ruhigen „Grass And The Sun“ zurück. Kein Rap, keine aufgeregten Beats. Mavis Stimme lässt sich nur erahnen, zu erkennen gibt er sich nicht. Im Mai ist es dann so weit. Mavi performt seinen Song „Nothing Good“ bei Jan Böhmermann. Alles ist anders, möchte man meinen, aber Mavi nimmt ihn sofort wieder ein, den Raum, bei Böhmermann und in der Musikwelt. Denn es gibt da einen Raum, der gehört nur Mavi Phoenix und niemandem sonst, egal, ob er mit Beats oder Gitarrenriffs gefüllt wird.
3. 01099
„Bier“ von BHZ, „Wein“ von Makko – Getränkehymnen sorgten in den vergangenen Jahren nicht selten für den Durchbruch damaliger Newcomer des Deutschrap. Mit „Durstlöscher“ haben auch 01099 den Grundstein für einen vielversprechenden Weg gelegt und uns noch dazu einen spitzenmäßigen Sommerhit geliefert. Die drei Dresdner machen schon seit 2019 zusammen Musik. 2020 veröffentlichen sie ihr erstes Album „Morgensonne“, im Juni dieses Jahres folgt die „Dachfenster“-EP. Der Sound von 01099 zeichnet sich durch eine ansteckende Leichtigkeit und entspannte Melodien aus, die einen sehr musikalischen Hintergrund der Rapper vermuten lassen. Zum Release ihrer EP brachten die Jungs ihre Songs erstmals auf die Bühne. Das Konzert am Dresdner Elbufer war innerhalb von Minuten ausverkauft, die Menge war textsicher und bereit zur Eskalation. Wer Lust auf Moshpits und Sommerfeeling hat, sollte sich diese Show nicht entgehen lassen.
4. Ilgen-Nur
Wenn Ilgen-Nur am Festivalsamstag die Floßbühne betritt, ist es Zeit, zur Ruhe zu kommen. Augen zu und träumen. Ihre Songs bewegen sich zwischen sanften Melodien und kraftvollen Zeilen, die ins Herz treffen. Ilgen-Nur singt über innere Kämpfe, Ängste und Bedürfnisse, die eine ganze Generation in sich trägt. Ihr Debütalbum „Power Nap“ erschien 2019. Darauf zehn Lieder, die so zeitlos sind, dass sie ihre Wirkung nicht verlieren und auf der Bühne sicher für Gänsehaut sorgen werden. Und wer weiß, vielleicht zeigt sie uns ja auch den ein oder anderen neuen Song.
5. Tightill
Nicht viele können von sich behaupten, ein Genre erfunden zu haben. Tightill schon. Strassenpop nennt er es und füllte damit im März ein ganzes Album. Es klingt nach allem, was der Name verspricht. Tightill bewegt sich mühelos zwischen Straße, Disko und Punk Club und das mit einer Leichtigkeit, die ansteckt. Auf dem Watt en Schlick bringt Tightill seinen Strassenpop auf die Bühne und so viel sei verraten: Hier wird getanzt!
6. Rikas
Auch bei Rikas wird es schwer, die Beine still zu halten. Aber warum sollten wir auch, das haben wir ja jetzt wirklich lange genug getan. Jetzt ist es Zeit, zu tanzen, bis die Füße weh tun. Rikas haben dafür den perfekten Soundtrack. Nach ihrer EP „Swabian Samba“ und ihrem Debütalbum „Showtime“ folgten in diesem Jahr schon vier neue Songs, die sie uns sicher vorspielen werden.
7. Pabst
Wie geht das nochmal mit dem Moshpit? Zu eurer eigenen Sicherheit sei euch empfohlen, den Spaß vor dem Pabst Konzert erst eimal wieder zu üben. Die Songs ihres Albums „Deus Ex Machina“ schrieben sie extra so, dass sie live besonders viel Energie erzeugen. Seit Album Release gab es aus bekannten Gründen wenige Möglichkeiten, sich davon zu überzeugen. Umso spannender wird Pabsts Auftritt auf der Palettenbühne am Festivalfreitag.
8. Lie Ning
Am Samstag lohnt es sich, sich pünktlich auf den Weg zum Festivalgelände zu machen. Um 14 Uhr wird Lie Ning die Bühne betreten und wahrscheinlich jeden verzaubern, der davor steht. Der 22-Jährige hat eine so sanfte und doch kraftvolle Stimme, dass ihr euch jetzt schon auf Gänsehaut einstellen könnt. In seinen Songs verpackt er die Konflikte einer schnelllebigen, rastlosen Generation auf der Suche nach Zugehörigkeit, nach Akzeptanz, nach einem Zuhause. Dabei strahlt er allein in seinen Musikvideos ein so kompromissloses Selbstbewusstsein aus, dass sich erahnen lässt, was uns da auf der Bühne erwartet.
9. Luke Noa
Luke Noa kommt aus Biberach, Baden-Württemberg, aber klingt, als sei allein die Welt sein Zuhause. Oder London. Oder irgendeine andere Stadt in England. Nur nicht Baden-Württemberg. Er klingt auch viel älter, als die 22 Jahre, die er alt ist. Und er klingt berühmter, als er es (noch) ist. Das liegt vor allem daran, dass Luke Noas Sound von Anfang an in eine klare Richtung geht. Seine Songs klingen so reif und ausgefeilt, wie von einem Britpop-Superstar und auch visuell beweist Luke Noa ein sicheres Gespür für Ästhetik. Das wird mal groß, also seht ihn euch an, solange es noch klein ist.
10. Eunique
Nach ihren erfolgreichen Anfangsjahren war es lange still um Eunique. Zumindest in der Öffentlichkeit. Hinter den Kulissen musste die Hamburger Rapperin kämpfen – in einem Rechtsstreit mit ihrem ehemaligen Management. Über zwei Jahre wurde es ihr unmöglich gemacht, ihre Musik, sogar ein fertiges Album, zu veröffentlichen, Konzerte zu spielen oder ihre Karriere in irgendeiner Weise voranzutreiben. Doch Eunique gab nicht auf – und ging aus dieser Zeit noch stärker hervor, als sie es vorher schon war. Mittlerweile veröffentlicht sie wieder Musik, die geballt ist mit Wut und Kampfansagen, aber auch Energie und Tatendrang. Eins ist klar: Eunique ist so bereit wie noch nie, die Musikszene zu erobern.
Die englische GQ bezeichnet das neue Album des britischen Ausnahmetalents als das „meist erwartete britische Rap-Nachfolgealbum aller Zeiten“. Doch viel wichtiger als das: Dave ist die Stimme einer vergessenen Community in seinem Land.
Der 23-jährige Londoner David Omoregie ist erst der zweite Künstler in der Geschichte (nach The Arctic Monkeys in 2007), dem es gelang, mit einem Werk (seinem Platindebüt „Psychodrama“, 2019) den angesehenen Mercury Music Prize und das „Best Album“ bei den Brit Awards zu gewinnen. „Das mutigste und beste britische Rap-Album seit einer Generation“, titelte The Guardian über „Psychodrama“, und auch der SPIEGEL schrieb: „Hotter als Dave geht es im UK-Pop gerade nicht“.
Und das obwohl der Musiker sich mit Premierminister:innen anlegt, wie sein mittlerweile legendärer Auftritt bei den besagten Awards zeigt. Dort sprach er aus, was viele Leute in UK denken: Boris Johnson ist ein Rassist. Seit seiner Amtseinführung wird der Graben zwischen arm und reich und auch zwischen schwarz und weiß wieder größer. Tory-Politiker:innen schüren Ressentiments und verwehren einem sehr großen Teil des Landes eine Stimme zu haben, die auch Gewicht hat.
Genau diese Stimme und die damit verbundene Bürde nicht Dave auf sich. Nun erscheint sein zweites Album „We’re All Alone In This Together“ und lässt bereits mit dem Titel verlauten, wie die Machtverhältnisse in seinem Land verteilt sind. Es kommt demnach nicht überraschend, dass die erste Singleauskopplung „Clash“ auch gleich als eine Art Kampfansage daherkommt. Der Song, der eigentlich eine klassischer Flex-Song ist, gibt durch seinen rauen Ton eine Einschätzung für Daves Laune auf dem Album vor.
Ein ernüchterndes Eingeständnis
Der Opener des Albums „We’re All Alone“ zeigt ein weiteres Gesicht des Rappers, der in Streatham im Südwesten Londons aufwuchs. Es ist ein Status Quo mit der traurigen Erkenntnis, dass sich selbst mit dem Reichtum wenig an der Zugehörigkeit ändert: „It’s like flyin‘ first class on a crashin‘ plane / Dinners with the same niggas, just higher bills / And all the models Himalayan, they got higher heels“.
Dave, seit seiner Jugend ein leidenschaftlicher Pianospieler, bringt dieses Element immer wieder mit ein und zieht die Zuhörenden, somit sehr nah an sich ran. So nah, dass man den Schmerz, den er durch das Erlebte förmlich spürt. Seine nigerianische Mutter war alleinerziehend. Sein älterer Bruder verbüßt für die Beteiligung an einem gemeinschaftlichen Mord eine lebenslange Freiheitsstrafe.
Migration als übergreifendes Thema
„We’re All Alone In This Together“ ist aber mehr als nur die Selbstreflektion eines Musikers mit einer schweren Kindheit. In Songs wie „Three Rivers“ drückt er in die offene Wunder des Rassismus in Großbritannien: „But your asylum has got you in a different war / Because the British wanna know what you’re livin‘ here for / We rely on migration more than ever before/They’re key workers, but they couldn’t even get in the door“. Gegenüber der GQ hat er über das übergreifende Thema seiner Platte gesprochen: „Erbe, Geschichte, Kultur, meine Familie, die Länder, aus denen wir kommen, der regressive Zustand der Menschheit, in dem wir uns jetzt befinden“, zählt er auf. „Migration ist ein riesiges Thema für mich – Boote, Bewegungsfreiheit.“
Der absolute Höhepunkt des Album ist sicherlich „Both Sides Of A Smile“. Zum einen hat sich Dave die Unterstützung von James Blake geholft. Zum anderen ist es ein 8-Minuten langer Epos in dem es um verpasste Lieben, verpasste Chancen, Schmerz aber auch um Hoffnung geht.
Dave schafft es trotz des Ansprechens der harten Realität immer einen funken Hoffnung zu versprühen. So auch beim Artwork zu „We´re All Alone In This Together“. Es ist eine Neuinterpretation von Claude Monets „Impression, Soleil Levant„, ein Ölgemälde des französischen Malers aus dem Jahr 1872, das sich als namensgebend für die Bewegung des Impressionismus herausstellen sollte. Eine Epoche, die zum Wohlfühlen einlädt und einen in eine bessere Zukunft blicken lässt. Dave hat demnach viele Argumente auf seiner Seite, warum man ihn mit Lobeshymnen überschüttet. Was aber hängen bleibt, geht über sein textliches und musikalisches Talent hinaus und zeigt seine soziale und gesellschaftliche Bedeutung: Dave ist die Stimme der Vergessenen in UK – und das gibt Hoffnung.
Nur wenige Monate nach seiner Debüt-EP „Gift“ veröffentlicht der ehemalige Sänger der Hamburger Band Rakede seine neue Single. „Keiner von den Quarterbacks“ erzählt von Mobbing und Außenseitertum in der Jugend.
Bereits der Titel lässt erahnen, welche Geschichte Schmyt in „Keiner von den Quarterbacks“ erzählt. Die Geschichte von Mobbing und Außenseitertum in der Schulzeit. Von Jungs, die ihn über den Schulhof gejagt und ihm die Nase blutig geschlagen haben. Dabei stellt er sich die Frage, ob die Ängste, die ihn seitdem verfolgen, mittlerweile essenzieller Teil seiner Persönlichkeit geworden sind. „Sind die Geister unterm Bett vielleicht mein Team“, fragt Schmyt und beantwortet sich die Frage im späteren Verlauf des Songs selbst. Die Geister sind sein Team, die Narben verheilt und die Demütigungen verziehen.
Schmyt macht Pop-Musik mit düsterem Einschlag, der den Rap-Background des Musikers nicht zu verheimlichen versucht. Dafür sorgen Produzenten wie Farhot und Bazzazian, die sonst eher für den brachialen Azzlack-Sound von Rappern wie Haftbefehl bekannt sind. Die Beats werden oft von atmosphärischen Samples oder Pianos getragen und mit Trap-Drums unterlegt. Über solche Instrumentals erzählt Schmyt mit brüchiger Stimme, windet sich eher durch den Song, als dass er einer klaren Struktur folgt. Zeilen wie „Trägst du da Goldkette oder ist das ein Strick?“ und „Die Nase blutet Kerosin“ verraten den Eigensinn und das Sprachgefühl des Musikers. Das nutzt er nicht nur für seine eigenen Songs, sondern stellt es in Songwriting-Sessions auch gerne Größen wie Peter Fox oder Till Lindemann (Rammstein) zur Verfügung.
Julian Schmit, wie Schmyt mit bürgerlichem Namen heißt, konnte mit seinem Solo-Projekt relativ schnell große Erfolge einfahren. Gut platzierte Features mit Artists wie Rin, Haftbefehl und Majan sorgten dafür, dass er schnell ein großes Publikum erreichte. Seine letzte EP „Gift“ erschien am 02. April dieses Jahres über Division Entertainment. „Keiner von den Quarterbacks“ erscheint möglicherweise auf seinem Debütalbum, das für diesen Herbst angekündigt ist. Wir dürfen gespannt sein.
Seht hier das Video zu „Keiner von den Quarterbacks“ von Schmyt:
Die Platte ist der Nachfolger von den EPs „Before“ und „Covers“ und dem Album „Assume Form“ aus dem Jahr 2019.
Relativ kurzfristig machte James Blake seine Fans auf das neue aufmerksam. Mit einem Instragram Post am Donnerstag auf dem Finneas im Hintergrund zu sehen ist teaste er die erste Single „Say What You Will“ an. Schnell kam das Gerücht auf, dass das Album in Zusammenarbeit mit dem Musiker Finneas entstanden sein muss.
Dies dementierte James Blake jedoch gestern auf Twitter:
I think some people think this is a collab with Finneas, it isn’t, though I hope to do one soon! I love him so much for being in this video with me. A true friend and absolute legend.
Auch wenn Finneas, Stand jetzt, keinen musikalische Unterstützung geleistet hat, ist er zumindest Teil des Videos der ersten Single. Das Video zeigt James Blake in der humoristischen Rolle des neidischen Musikers. Finneas wird als erfolgreicher Star gezeigt, der mit Auszeichnungen nur so um sich schmeißt und auch im Radio nicht wegzudenken ist. Das Video endet mit dem Schwenk auf eine Konzertlocation. Dort steht groß „Tomorrow / Finneas / Sold Out“ und klein untendrunter „Tonight / James Blake / Loads of Tix Left.
„Say What You Will“ ist die erste Single aus „Friends That Break Your Heart“, welches am 10. September erscheint. Mit seinem ganz besonderen Blake-Sound füllt der Brite seit Jahren, hingegen der Darstellung im Musikvideo, Hallen. Auch der neue Song knüpft nahtlos an die von ihm gewohnte Qualität an. Er selbst sagt über seinen neuen Song: „In dem Song geht es darum seinen Frieden mit sich selbst zu finden und damit glücklich zu sein, wo man im Leben steht. Ganz egal wie andere Menschen sich im Leben schlagen.“ Dann ergänzt er noch denn äußerst wertvollen Satz: „Vergleiche sind die Diebe der Freude“.
Nachdem Lorde mit „Solar Power“ überraschend ihr Comeback gegeben hat, folgt nun mit „Stoned at the Nail Salon“ der nächste Song.
Vor etwa einem Monat hatte Lorde ihre Fans mit der Single „Solar Power“ überrascht und ihr gleichnamiges Album angekündigt. Jetzt hat sie ihren zweiten Song „Stoned at the Nail Salon“ veröffentlicht und damit auch den nächsten Teaser aus dem gleichnamigen Album, das am 20. August erscheint.
Über ihren neuen Song sagt die Musikerin folgendes: „Der Song ist eine Art Reflexion über das Älterwerden, das Einleben in die Häuslichkeit und über das Hinterfragen, ob man die richtigen Entscheidungen getroffen hat. Ich glaube, viele Leute fangen in meinem Alter an, sich diese Fragen zu stellen, und es war sehr beruhigend für mich, sie aufzuschreiben, in der Hoffnung, dass auch andere Menschen diese Gefühle verspüren. Ich habe diesen Song als Abladeplatz für so viele Gedanken benutzt.“
Die Ballade steht somit auch im Gegensatz zu ihrer eher sommerlichen Single „Solar Power“. Es ist eine moderne Art und Weise die Unsicherheit vor dem Erwachsenwerden zu beschreiben. Im Gespräch mit Zane Lowe bei Apple Music erklärte sie den Release: „Es ist auf jeden Fall einer der ruhigsten, introspektivsten und introvertiertesten Momente auf dem Album aber ich dachte, dass es cool sei erst mit „Solar Power“ zu starten und dann eben „das“.
Produziert wurde „Stoned at the Nail Salon“, wie auch schon „Solar Power“ von Jack Antonoff. Unterstützung erhielt sie zusätzlich von den Musiker:innen Clairo, Marlon Williams, James Milne und Phoebe Bridgers.
Im Bunnykostüm für Empowerment. Das ist Next Level und kommt im Fall von „BDE“ von dem kongenialen Duo SHYGIRL und slowthai.
Mit SHYGIRL und slowthai haben sich zwei Acts gefunden, die von der Yellow Press wahrscheinlich mit dem Stempel „Enfant Terrible“ betitelt würden. Im Video zu „BDE“ beweisen sie, dass dies nicht immer ein schlechtes Label sein muss.
Ein Intro, das an die Looney Tunes erinnert, eröffnet die folgenden knapp zweieinhalb Minuten voller minimalistischen Wahnsinns. Dass sich dahinter ein durchaus kritischer Unterton versteckt, wird zwischen dem ganzen Plüsch erst nach dem zweiten Hören deutlich. Das Video ist als Kontrast zu dem disruptiven Sound des Songs „BDE“ zu sehen und kommt eher unschuldig und kuschlig daher. Dabei geht es, wie „Big Dick Energy“ vermuten lässt weniger um Hasenkostüme, sondern vielmehr um ungleiche Machtdynamiken, die in Beziehungen noch viel zu häufig vorherrschen. Dies erklärte sie erst kürzlich in einem Interview mit The Guardian.
Wenn sie „Ain’t nobody slanging it right, that’s why, oh, I’m so damn unsatisfied“, rappt, ist es als Ausdruck von Sexpositivity zu sehen. Sie möchte ihre Frustration zum Ausdruck bringen und somit Machtverhältnisse aufrütteln. Sie drängt sich selbst in die Rolle des Angreifers und Benutzers und schlüpft sozusagen aus dem unschuldig anmutenden Bunnykostüm.
SHYGIRL hat bei dem Video selbst Regie geführt und beweist nicht erst seit ihre EP „ALIAS“, in der sie verschiedene Charakterzüge personifiziert, dass sie aktuell zu einer der spannendsten Künstler:innen überhaupt gehört. Selbiges gilt auch für slowthai, der den Song, wie auch das Video, durch seinen unnachahmlichen Flow perfekt ergänzt.
Das letzte Release von Razz liegt vier Jahre und eine ganze Pandemie zurück. Seitdem hat sich nicht nur das gesellschaftliche Leben verändert, sondern auch der Sound der Band aus dem Emsland. Sänger Niklas Keiser verrät uns, was er zwischen höchsten Höhen und tiefsten Tiefen in der Pandemie gelernt hat, was das für die neue EP “Might Delete Later” bedeutet und ob die Suche nach Razz 3.0 fast in einem Technoprojekt abgedriftet wäre.
Nach langem Warten erscheint eure neue EP inmitten einer Pandemie, wie geht es euch damit?
Wir machen gerade eine ganz neue Erfahrung, weil die meisten Songs dieser EP noch nie live ausprobiert wurden. Das ist mir sonst immer sehr wichtig gewesen, weil man dabei die direkten Reaktionen der Leute mitbekommt. Kommt der Song gut an? Funktioniert er im Live-Kontext? Wenn Konzerte wieder möglich sind, müssen wir auch erstmal schauen, dass wir diese Songs live als Band wieder hinbekommen (lacht).
Ihr habt in den letzten Monaten einige Streaming Konzerte gespielt, war das für euch eine zufriedenstellende Alternative?
Klar ist es schön, wenn man die Möglichkeit bekommt, noch mal auftreten zu können. Wir hatten dabei auch neue Songs am Start und waren super gespannt, was die Leute denken. Aber klar, Konzerte fehlen schon und das ist natürlich nicht das gleiche. Am Anfang habe ich mich auch etwas gegen Streaming-Shows gewehrt, weil ich dachte, dass das alles nicht so lange dauert und wir lieber warten sollten, bis richtige Konzerte wieder funktionieren. Aber mittlerweile habe ich eingesehen, dass es so ziemlich der einzige Weg war, den wir hatten, um noch mal live spielen zu können. Das war uns dann doch wichtiger, als zu warten. Trotzdem ist es ungewohnt, wenn keine Leute im Publikum stehen und man einfach nur in irgendwelche Kameras starrt. Man weiß zwar, da sitzen jetzt einige Leute und gucken zu, aber man hat kein Gesicht vor Augen, man sieht gar keine Interaktion. Da schmerzt mein Live Musiker Herz.
Viele Künstler:innen haben im Lockdown ihre Social Media Präsenz ausgeweitet. Kam das für euch auch in Frage?
Ich bin ein bisschen zwiegespalten, was Social Media angeht. Einerseits ist es ein Mittel zum Zweck und man kann dadurch natürlich seine Reichweite steigern und noch mehr Leute erreichen. Darum geht es ja auch irgendwo als Musiker:in, dass du die Leute erreichst, auch wenn letzten Endes natürlich die Musik stimmen muss. Mit der sollte man sich immer wohlfühlen und sie soll auch bei den Leuten etwas auslösen. Deswegen tue ich mich immer ein bisschen schwer den Fokus auf Instagram zu legen, weil letzten Endes ist es eher mein Job Musik zu machen. Natürlich wird man immer etwas dazu gedrängt, Social Media bedienen zu müssen. Das fällt uns schon schwer, weil wir nicht diesen Drang zu Erzählen haben. Wir haben aber immer gesagt, dass wir nur Sachen posten, wenn wir etwas zu erzählen haben. Das funktioniert natürlich in letzter Zeit, mit einem neuen Release, sehr gut. Aber eigentlich müsste man Social Media noch mehr nutzen, um banales Zeug zu posten, um die Leute einfach zu entertainen.
Euren Sound habt ihr in den letzten Jahren merklich weiterentwickelt. Was habt ihr aus diesem Prozess für euch persönlich mitgenommen?
Uns war es bei der neuen EP super wichtig, dass bei der Entstehung der Songs erstmal die Grundidee, das Herz des Songs, stehen muss. Danach kann man im Studio alles mögliche noch daran verändern. Uns war besonders wichtig, dass die Songs erstmal als pure Akustik Version funktionieren. Und das hat, glaube ich, den Songs auch geholfen, weil wir uns viel mehr auf Melodien und Harmonien fokussiert haben. Wir haben mehr darüber diskutiert, wie der Text funktioniert, wie sich dieser Text mit dieser Melodie anhört, oder ob man die Melodie noch etwas verändern kann. Auf Melodien haben wir großen Wert gelegt, denn ich finde, dass Melodien schon auf gewisse Weise etwas erzählen. Es ist doch schade, wenn Songs einen mega guten Text haben, aber dann eine Melodie, die man nach zwei weiteren Songs schon wieder vergessen hat. Uns war es wichtig, dass die Melodie der Songs schon alleine ein Gefühl vermitteln kann und dann gemeinsam mit dem Gesang eine Geschichte erzählt.
Über eure dritte Single “Game” habt ihr zuvor selbst gesagt, dass es euch ganz lange schwer fiel herauszufinden, in welche Richtung der Song gehen soll. Wie kann ich mir den Prozess, bis der Song es tatsächlich auf die EP geschafft hat, vorstellen?
Wir haben extrem lange überlegt, ob “Game” auf die EP passt und wo wir den Song platzieren sollten. Ich weiß noch genau, als ich ihn geschrieben habe und mit der Demo in den Proberaum gekommen bin, wusste ich gar nicht genau, wo ich den einordnen sollte. Das fiel mir bei dem Song schon schwer, aber die anderen drei Jungs meinten dann zu mir ey, der Song ist Killer, lass uns den mit ins Studio nehmen, lass uns den aufnehmen. Ich war bis wenige Tagen vor der Session immer noch nicht ganz überzeugt und dachte mir, okay, ich verstehe den Song einfach noch nicht. Erst am Ende der Session konnte ich den Song dann auch ins Herz schließen. Und bislang haben wir nur gutes Feedback zu “Game” bekommen. Das freut mich natürlich mega, vor allem, weil ich vorher so skeptisch war.
Wie habt ihr ansonsten die Reaktionen auf eure musikalische Weiterentwicklung wahrgenommen?
Ein paar Leute sind natürlich immer dabei, die sagen, dass das alte Zeug ihnen besser gefällt. Oder sie fragen, warum jetzt alles so anders klingt. Ich denke mir dann, na gut, ich habe nicht so Lust, die ersten beiden Alben noch mal zu schreiben. Das war nie der Anspruch bei Razz, sich nur auf eine Richtung zu fokussieren. Deswegen hat es bis zum nächsten Release auch etwas länger gedauert, weil wir vorher ganz viele Richtungen ausprobiert haben. Da war auch ganz weirdes Zeug dabei, was wahrscheinlich irgendwann mal ein Technoprojekt wird, aber nicht im Razz Kontext funktioniert hat (lacht).
War diese Experimentierfreudigkeit auch ein Grund für euch, sich vorerst nicht auf Albumlänge auf eine Richtung festzunageln?
Ja, auch. In erster Linie hatten wir nach so langer Zeit so krass den Drang wieder etwas zu veröffentlichen. Da dachten wir uns ey, bis wir jetzt erstmal diese ganzen 40 Songs, die bei uns rumliegen, verwertet haben und im Studio für ein Album zurechtgebogen haben, machen wir erstmal eine EP. Dass erstmal etwas neues kommt war für uns irgendwie cooler, und auch für die Hörerinnen und Hörer, denke ich. Es hat sich, nach so einem langen Prozess, den wir intern durchgemacht haben, diese Suche nach Razz 3.0, wie der nächste logische Schritt angefühlt. Es ist natürlich ganz nett nebenbei, dass es bei Streaming Anbietern natürlich auch besser ankommt, wenn man einfach sukzessiv peu à peu veröffentlicht. Das spielt natürlich auch mit in die Karten, wenn man ehrlich ist.
Hast du dich persönlich von der Pandemie Situation kreativ eingeschränkt gefühlt oder war das bei dir gar kein Thema?
Das läuft so in Wellen ab, oder? Manchmal hat man im Lockdown ein Hoch und denkt sich, geil, ich bin so produktiv. Aber dann kommt wieder eine Down Phase und du fragst dich, wann das alles wieder vorbei ist. Ich selbst habe zwischendurch mein ganzes Musiker Dasein hinterfragt, weil mir das letzte Jahr ein bisschen den Boden unter den Füßen weggerissen hat. Ich habe teilweise richtig meine Existenz hinterfragt und dachte mir wow, diese ganze Branche ist so schnelllebig und auch instabil, wenn ein kleines Zahnrädchen nicht eingreift, dann fällt auf einmal alles zusammen. Hinzu kommt, dass man durch Streaming sowieso kaum Geld verdient und unsere Haupteinnahmequelle immer Konzerte waren. Wenn das alles wegbricht, haben auch wir total gemerkt, dass man dann nicht nur finanziell in einem Loch ist, sondern auch psychisch, weil alles so zusammenhängt. Aber es gab auch positive Phasen.
Was haben für dich diese positiven Phasen im Lockdown ausgemacht?
Es gab Phasen, in denen ich mich viel mehr mit mir selbst auseinandergesetzt habe und viel mehr über grundlegende Sachen nachgedacht habe. Ich habe geschaut, was mir im Leben eigentlich wichtig ist. Auch schön war, dass ich meine engsten Freundinnen und Freunde auf einer ganz anderen Art und Weise kennengelernt habe, weil man sich nicht mehr in Gruppen treffen konnte. Da hatte man plötzlich ganz andere Gespräche, wenn man nur noch zu Zweit mit einem Vino rumhängt. Generell wurde die Alkoholdosis wahrscheinlich bei gefühlt jedem erhöht. Ich weiß nur nicht, ob das positiv oder negativ ist, aber da gehöre ich tatsächlich auch zu, dass es dann doch das ein oder andere Mal häufiger ein Bierchen gab.
Wenn ich mir den Titel euer EP “Might Delete Later” anschaue, dann drückt das für mich irgendwo auch ein Gefühl in dieser Zeit aus. Alles ist unsicher, fragil, temporär – und bei Bedarf kann man alles wieder zurückziehen. Wie siehst du das?
Ja genau, da hast du auf jeden Fall Recht. Alles spielt ein wenig in dieses Ganze “vorher war alles strukturiert und jetzt muss man sich in seinem neuen Alltag zurechtfinden”, aber dieses Loslassen vom Perfektionismus, das es immer das sein muss, was für immer geil ist und für immer bestehen bleibt, das ist einfach ein wahnsinniger Druck, der von außen ausgeübt wird. Den man sich aber auch selbst macht. Wir haben versucht die Songs, die wir in dem Moment gut fanden, zu denen wir eine Bindung aufgebaut haben, einfach Songs sein zu lassen. Dadurch haben wir versucht, uns von diesem Anspruch zu lösen, dass alles perfekt sein muss. Es ist viel eher eine Momentaufnahme, die sich für uns gut angefühlt hat. In der Pandemie ist es ja auch so, dass einem der Boden unter den Füßen weggerissen wurde und man sich von Planungssicherheit verabschieden musste. “Might delete later” ist der Versuch, sich vom Perfektionismus und der perfekten Struktur zu verabschieden. Loszulassen, um auch selbst freier zu sein.
Vier Jahre ist die letzte Veröffentlichung von The War On Drugs schon wieder her. Gut, dass die Band nun mit „Living Proof“ neues Material und im Oktober ein Album nachliefert.
Die Fans von The War On Drugs sollten sich den 29. Oktober schon einmal fett im Kalender markieren. Dann erscheint das neue Album „I Don’t Live Here Anymore“. Bereits jetzt gibt es mit „Living Proof“ einen ersten Song, der zeigt in welche Richtung die Band sich musikalisch bewegen könnte.
Hymnische Sounds zwischen Melancholie und der Verzweiflung unserer Zeit treffen immer wieder auf gute, wohlige Momente. Mit „Living Proof“ fassen sie dies in einem Song zusammen – und sind dabei so ausdrucksstark wie vielleicht nie zuvor. Dies mag an der Chemie liegen, die zwischen der Band im Proberaum beim Aufnehmen des Songs geherrscht hat. Im Normalfall nimmt Bandleader Adam Granduciel die Songs mit etlichen Overdubs auf und bastelt sie dann zusammen. „Living Proof“ wurde live aufgenommen und fängt somit die Energie des Momentes ein.
Das dazugehörige Video ergänzt dieses Gefühl der Momentaufnahme und lässt die Betrachter:innen hatnah daran teilhaben. Das Video zum Track, bei dem der Filmemacher Emmett Malloy Regie führte und das auf 16mm-Film gedreht wurde, zeigt Granduciel im historischen Panoramic Studio in Stinson Beach in Kalifornien. Die Betrachter:innen rutschen hier in die Rolle des Mitreisenden.
Im Laufe der letzten 15 Jahre haben sich The War On Drugs zu einer der größten Synth-Rock-Bands entwickelt und schließen mit ihrer Musik gekonnt die Lücken zwischen Underground und Mainstream, Alternative und hymnischen Sounds. „I Don’t Live Here Anymore“ ist das dritte Studioalbum der Band und damit der Nachfolger von „A Deeper Understanding“
Das Video zu „Living Proof“ von The War On Drugs gibt’s hier:
Vier Jahre sind seit Ahzumjots letztem klassischen Album vergangen. Seitdem hat sich vieles verändert. „Luft & Liebe“ war das Album eines Suchenden. Ahzumjot war wütend auf die Szene und das Business, auf der Suche nach seinem Weg, seinem Platz, nach Anerkennung. Immer auf der Flucht vor den eigenen Abgründen. Sein neues Album veröffentlicht Ahzumjot als Künstler, der seinen Platz nicht nur gefunden, sondern selbst erfunden hat. Der die Anerkennung nicht mehr von außen sucht, sondern in seinem eigenen Wert erkannt hat. Der sich seinem Egoismus, Neid und seiner Wut gestellt hat und darüber hinaus gewachsen ist. „3:00“ ist die Momentaufnahme seiner stetigen Selbstoptimierung, eine Manifestierung seiner Werte und Ziele. Es ist ein Balanceakt – zwischen Höhenflug und Fall, Illusion und Realität, zwischen Familie und Karriere, Egoismus und der Angst vor der Einsamkeit, zwischen Sehnsucht und Zufriedenheit. Im Juni treffen wir Ahzumjot vor seinem ersten Konzert nach zwei Jahren in Dresden. Im Interview gibt er uns einen Einblick in die vergangenen Jahre, in alte Kämpfe und neue Perspektiven, in Erfahrungen und Erkenntnisse, die auf „3:00“ Platz finden.
Du hast lange keine Bühne mehr betreten und wirst deine neuen Songs gleich zum ersten Mal vor Publikum performen. Was ist gerade dein Gefühlszustand?
Ich bin erstaunlich nüchtern über die ganze Situation. Ich glaube, weil ich es einfach noch nicht so richtig realisiere, um ehrlich zu sein. Eigentlich ist es so ein krass besonderes Happening, dass man nach zwei Jahren wieder ein Mikrophon in der Hand hat und auf der Bühne vor Publikum steht, nicht vor Kameras in einem Stream. Es ist ganz komisch, ich check’s einfach noch nicht.
Aber bist du noch gar nicht aufgeregt?
Doch, die Nervosität kommt schon so langsam, ich bin auch immer aufgeregt vor Shows, das ist nichts Neues. Ich glaube, wenn ich dann sehe, dass da Leute sind, dann wird’s nochmal eine andere Sache. Wir haben gerade Soundcheck gemacht vor einem leeren Feld. Die letzte Show, die ich gespielt habe, war ein Streaming Konzert und da bist du ja auch vor niemandem. So hat sich das gerade angefühlt. Ich dachte schon, so das war’s, nur der Soundcheck war schon die Show (lacht).
Du spielst normalerweise sehr viele Konzerte, bist viel unterwegs. Die Live-Eskalation gehört zu der Ahzumjot-Experience dazu. Das fließt wahrscheinlich auch in deine Songs mit ein, weil du weißt, du wirst sie auf die Bühne bringen. Als du jetzt das Album gemacht hast, war ja klar, das dauert noch ein bisschen. Hat das den Prozess verändert? Bist du anders daran gegangen?
Tatsächlich war es so, dass ich 2018 schon angefangen habe, das Album zu machen und 2019 auch schon zu einem sehr großen Teil fertig hatte. Der allerletzte Song war „3:00“ und den habe ich noch vor der Pandemie gemacht. Das allerletzte, was aufgenommen wurde, war der Part von Keemo innerhalb der Pandemie, aber das Album war eigentlich davor fertig. Als ich’s gemacht habe dachte ich, ich werde es rausbringen und dann auf Tour gehen. Das war merkwürdig, als das Album in der Pipeline war und dann die Pandemie kam. Wir haben uns gefragt, wann wird live wieder gehen? Halten wir das Album jetzt zurück? Dass es dann so lange gedauert hat, lag einfach daran, dass wir Strukturen aufbauen mussten. Da hat uns die Pandemie eigentlich auch in die Karten gespielt.
Dein letztes Album hast du 2017 veröffentlicht, wenn man die „Raum“ Playlist nicht mitzählt. Das ist sehr lange her und ich finde, man hört auf dem Album sehr, wie viel bei dir passiert ist, wie du dich musikalisch und persönlich verändert hast. Du hast viel aktiv an dir gearbeitet, oder?
Ja. Das kam viel durch persönliche Dinge, die passiert sind. Allem voran, dass ich Vater geworden bin. Das ist eine große Sache, die viel an meinem Mindset geändert hat. Das hatte nichts mit der Musik zu tun, aber klar reflektiert die Musik das dann auch. Das merkt man, wenn man sich „Luft & Liebe“ anhört und dann „3:00″. Ich finde der Vibe ist ähnlich, es hat eine ähnliche Stimmung, aber vor allem inhaltlich merkst du, dass es zwar um ähnliche Dinge geht, aber aus einer anderen und neuen Perspektive heraus.
„Mein normales Arbeitspensum war davor echt krankhaft, muss man sagen.“
Du hast gerade schon erwähnt, du bist Vater geworden. Wie hat das dein Künstler-Ich verändert?
Die Arbeitsweise hat sich richtig krass verändert. Mein normales Arbeitspensum war davor echt krankhaft, muss man sagen. Ich konnte auch nur arbeiten, mich in diesen Tunnel begeben und sagen, ich bin jetzt einen Monat weg und nicht erreichbar. Es war schon normal für mich, 12/ 13/ 14 Stunden im Studio zu verbringen, dann fünf Stunden zu schlafen und den Rest kann man sich ausrechnen. Das hat sich extrem verschoben, weil das einfach nicht mehr geht. Ich kann nicht mehr den ganzen Tag wegbleiben. Das versuche ich gerade in den Griff zu kriegen, dass das noch weniger wird, eher effizienter.
Das kreative hat sich nicht so verändert. Also es ist jetzt nicht so, dass die nächste Platte dann die Papa-Platte wird.
Du wirst so ein Kinderrapper.
Ne ne ne ne ne das wird nicht passieren (lacht).
Mir ist aufgefallen, dass du seit 2019, als du Vater geworden bist, viel im Hintergrund gearbeitet hast. Du bringst jetzt zum ersten Mal wieder etwas raus, wo du als Ahzumjot rappst. Vorher hast du viel als Produzent gearbeitet und auch Alben von anderen Künstler:innen produziert, z.B. Zugezogen Maskulin. Hast du das bewusst gemacht, um dich zurückzuziehen?
Das war nichts Bewusstes. Die Instrumentalplatte, die ich gemacht habe, war schon immer ein Plan, den ich hatte. „Raum“ sollte eigentlich sogar mal rein instrumental werden. Ich muss sagen, dass es aber auch insgesamt eine Richtung ist, in die ich mich bewegen will, viel mehr als Executive Producer zu arbeiten. Weil ich darin definitiv auch eine Stärke bei mir sehe und auch etwas, was in Deutschland noch nicht wirklich da ist, so ein handfester Executive Producer. Man hat Produzenten, die Beats machen und sich um das Musikalische kümmern. Was ich aber viel mehr mache, ist dann mit den Künstler:innen sehr eng zu arbeiten, das hat oft schon fast therapeutische Ausmaße angenommen.
Ich hatte mal mit MAJAN eine Session. Wir haben den Song in drei oder vier Tagen gemacht, aber tatsächlich an dem Song gearbeitet haben wir nur ein paar Stunden. Die meiste Zeit hingen wir im Studio rum und haben uns nur unterhalten. Er hat dann irgendwann gefragt, wie er erklären soll, dass wir hier gerade drei Tage nur chillen. Und da war ich so, ey wir sind Künstler. Selbst diese Gespräche tragen so krass dazu bei, was wir dann machen und worüber wir nachdenken und dann auch schreiben. Auch dieser Prozess ist Arbeit.
Du hast MAJAN gerade schon erwähnt. Du scheinst offener geworden zu sein, was den Umgang mit der Deutschrapszene angeht. Du hast viel Kontakt zu anderen Rapper:innen gesucht, Lugatti&9ine, OG Keemo, MAJAN, alles auch sehr junge Rapper. Früher warst du eher defensiv.
Ich bin insgesamt offener geworden, was das angeht. Neid spielt auch weniger eine Rolle. Früher war ich sehr neidisch. Nicht mal bewusst, aber immer, wenn ich gesehen habe, dass bei jemandem etwas gut funktioniert, vielleicht sogar besser als bei mir, höhere Streaming Zahlen, krassere Festivals, größere Shows, war da immer dieses: „Ja, aber ist ja eigentlich kacke“ oder wenn ich was gut fand, dann so „Aber der bräuchte schon mal geilere Beats“. Immer irgendwas finden, was man scheiße findet, anstatt einfach mal zu sagen, dass das eigentlich geil ist. Das hat sich bei mir geändert. Ich finde nicht mehr alles kacke, sondern sehe, dass für jeden ein Platz da ist und auch genug Kuchen. Ich muss mein Stück nicht mehr so sehr verteidigen und habe verstanden, dass man am Ende auch viel mehr davon hat, wenn man eben teilt.
Das ist auch eine Grundaussage des Albums. Ich find’s vor allem bei jungen Künstler:innen so spannend, mit denen zu arbeiten, weil ich viel mehr Input kriege. Ich lerne viel mehr, weil sie so viel frischer und ungezwungener an die ganze Sache herangehen. Lugatti&9ine und MAJAN habe ich für meinen Twitch Stream angeschrieben. Ich kannte alle drei gar nicht, wir haben uns nie gesehen. Die haben direkt gesagt „Ja wir sind dabei!“. MAJAN hatte zu dem Zeitpunkt drei Millionen Hörer:innen täglich, der hatte das gar nicht nötig, aber er hatte einfach Bock. Etabliertere Rapper fragen erstmal, was sie davon haben.
Du hast die Rapszene und das Musikbusiness in deinen Songs schon immer viel adressiert. Die Position, aus der du jetzt sprichst, hat sich aber verändert. „Haifisch“ ist da ein gutes Bild. Früher warst du der kleine Fisch im Haifischbecken. Wider aller Naturgesetze bist du jetzt selbst zum Hai geworden. Du schwimmst jetzt mit, gegen den Strom natürlich, aber im selben Becken. Du bist nicht mehr bedroht. Ist das bei dir angekommen?
Ja. Das muss ich, und ich finde auch, darf ich sagen, dass ich mittlerweile ein Künstler bin, der etabliert ist in der Szene. Das sieht man vielleicht nicht unbedingt an den riesigen Zahlen, aber ich glaube, man weiß das. Ich habe mich jahrelang kleingeredet, hab gesagt, ich bin ja auch kein großer Rapper, jetzt bin ich so, ey erstens bin ich das wirklich nicht und zweitens ist das eigentlich auch niemand. Dieses Kleinreden aufgrund von Zahlen, aufgrund von Erfahrung, damit willst du dich immer nur über Leute stellen. Das ist etwas, was ich abgelegt habe, zu sagen, ich stehe über irgendeinem:r Künstler:in. Vor allem in der Kunst haben Hierarchien nichts zu suchen.
Als du angefangen hast, ohne Label zu arbeiten, da war das noch nicht üblich. Heute haben Musiker:innen die Wahl. Wenn wir über Neid sprechen, hegst du da einen Groll, dass du es schwerer hattest?
Ich finde es eher nice, dass es heute die Wahl gibt. Genauso wie ich es nice finde, dass Künstler:innen sich Sachen mittlerweile auch super schnell durch das Internet beibringen können. Du kannst dir mit ein bisschen Talent innerhalb von zwei Monaten beibringen, gute Beats zu bauen. Vor 15 Jahren, als ich angefangen habe, musste man noch viel probieren und viel Scheiße bauen. Ich hatte es aber auch schon leichter als nochmal 10 Jahre vorher, als Leute Connections brauchten, um überhaupt zu wissen, was für Equipment sie brauchen. Das ist immer eine Frage der Perspektive.
Wir neigen dazu, zu denken, dass wir es am Schwersten haben und unsere Probleme die größten sind. Ich hege da überhaupt keinen Groll, sondern bin eher froh darüber, dass das möglich ist und dass eben auch Künstler:innen durch das Internet die Chance haben, mit etablierten Artists connecten können. Das ist viel einfacher geworden Das finde ich total nice, weil es die ganze Kultur viel mehr nach vorne bringt.
Ein großes Thema auf dem Album ist auch, dass du Hass aus deinem Leben verbannt hast. Du sagst „Versuch’s nicht mit Hass ja gib auf“. Du hast es damit in deinen Songs aber schon sehr weit gebracht.
Ich habe einen Song der heißt „Ich hass euch original alle“ (lacht).
Genau, und für dich hat das funktioniert, mit Hass auf die Szene, auf das Business, auf andere Rapper. Die Leute haben dich dafür gefeiert. Denkst du, dass der Weg der falsche war? Bereust du das?
Das war der Weg. Der ist eigentlich gar nicht zu bewerten. Mir geht’s gut und das ist das Wichtigste. Ich versuche, nicht in der Vergangenheit zu leben, aber auch die Angst vor der Zukunft abzulegen. Jetzt gerade geht es mir doch gut. Deswegen bereue ich absolut gar nichts. Dass ich auch durch sehr viel Scheiße gegangen bin, hat mich ja nur zu dem gemacht, der ich bin. Ich bin relativ zufrieden damit (lacht).
Da hast jetzt mehr Verantwortung, dadurch, dass du ein Kind hast und bist auch abhängiger davon, dass deine Musik funktioniert. Ist der Druck auf dich gewachsen?
Nö. Aber auch hier wieder: Geld ist so relativ. Das merke ich jetzt vor allem bei meinem Kind. Na klar will ich, dass mein Kind alles hat, was es braucht, aber am Ende des Tages brauchen Kinder und Menschen eigentlich weniger, als man denkt. Ich habe immer gesagt, wenn ich irgendwann mal Kinder habe, will ich nicht, dass sie so arm groß werden, wie ich. Einen relativ großen Teil meiner Kindheit hat das Nichts haben eine relativ große Rolle gespielt. Ich bin heute in der privilegierten Position, zu sagen, dass Geld keine große Rolle mehr in meinem Leben spielt. Und irgendwie kommt immer was. Ich bin auch nicht mehr einfach nur Rapper. Ich sehe mich da auch gar nicht in 10/ 20 Jahren, so im Vordergrund. Ich finde es eigentlich viel geiler, immer mehr in den Hintergrund zu rücken.
Das ist ja auch ein guter Weg als Rapper. Man altert ja auch.
Ja, aber das ist nicht nur das Alter. Wenn ich mir Künstler:innen angucke, die 10 Jahre älter sind als ich und nur davon leben, dass sie eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens sind, davon hat ein so großer Teil einfach einen miesen Knacks. Das ist ja aber auch logisch, wenn du dein halbes Leben in der Öffentlichkeit stehst, wie sollst du da normal bleiben? Irgendwann wirst du mehr zu der Person, die du verkörperst in deiner Musik, als dass du noch die reale Person dahinter bist. In den Hintergrund zu rücken sorgt auch dafür, dass du sane bleibst und nicht mehr die Person bist, die für jeden Move gefeiert werden muss.
„Ich will irgendwann sagen, ich bin der deutsche Rick Rubin. Nur noch barfuß im Studio auf der Couch liegen, Augen zu und sagen „Ja, der Song ist wunderschön“.“
Du sagst das im Outro von Distanz II: „Hatte ’nen Plan, doch ich glaube, der galt nur für mich, jetzt hab ich ’nen anderen“. Ist das der Plan?
Ja. Hundert Prozent. Nimm mal einen Rick Rubin. Was der für eine Ruhe ausstrahlt. Viele wissen, wer er ist, aber kennen eigentlich nur die Projekte, an denen er arbeitet. Niemand weiß, welchen relevanten Part er da hat, aber er ist super chill damit, der braucht das gar nicht. Für mich ist Rick Rubin auf jeden Fall eine Traumrolle. Ich will irgendwann sagen, ich bin der deutsche Rick Rubin. Nur noch barfuß im Studio auf der Couch liegen, Augen zu und sagen „Ja, der Song ist wunderschön“.
Das finde ich spannend, dass du das so klar definieren kannst.
Das ist jetzt mein Hauptziel, auf das ich hinarbeite. Früher ging es wirklich nur darum, krass zu werden und Anerkennung zu bekommen. Wenn Leute heute sagen, ich bin underrated, ich bin overrated, denke ich, ratet mich wie ihr wollt, juckt mich eigentlich relativ wenig.
Was bei dir schon immer ein großes Thema war, ist Selbstkritik. Du bist sehr gut darin, dir brutal ehrlich den Spiegel vorzuhalten. Oft geht es da um deinen Egoismus und deine Neigung, dein Umfeld zu vergessen. Auf „3:00“ scheint es fast so, als hättest du diese Seite von dir hinter dir gelassen. Auf „Toast 2012“ lässt du dich dann aber wieder fallen in alte Gewohnheiten und Verhaltensmuster. Wo stehst du da gerade?
Ich merke immer noch oft, dass ich in alte Muster verfalle. Die sind noch da, diese Charakterzüge. Ich bin mir auch relativ sicher, dass die niemals verschwinden werden. Am Ende des Tages bin ich Künstler und die meisten Künstler:innen haben ein dickes Ego. Die Arbeit liegt eher darin, damit umzugehen und das dann auch kanalisieren zu können. Zu erkennen, wann es von Vorteil ist und wann es fehl am Platz ist. Zuhause hat das nichts suchen, auf der Bühne muss das Ego da sein, weil da geht es defacto nur um mich. Das ist extrem gesagt, aber ich bin da, damit die Leute sagen, „Wow, war das eine krasse Show“. Ich gehe aber nicht nach Hause, damit meine Frau und mein Kind mir sagen, was für ein krasser Typ ich bin.
Kommunikation ist da auch ein Punkt, der dir Schwierigkeiten bereitet. Du sagst immer wieder, dass dir Entschuldigungen schwerfallen, die keine Zeilen in einem Song sind. Auch in „Vertigo“ ist das ein Thema: „Wieso kann ich dir sowas nicht auch einmal sagen, wenn für ’ne Minute kein Beat läuft“. Das finde ich interessant, dass es dir leichter fällt, deine Schwächen mit der ganzen Welt zu teilen, obwohl es reichen würde, sie mit einer zu teilen. Kannst du dir das erklären?
Super schwierige Frage. Woher das kommt, ich weiß nicht. Ist natürlich auch ein bisschen der Drang zur Selbstdarstellung. Ich gefalle mir selbst in der Position, zu sagen, dass ich so ehrlich mit mir umgehe. Diese Selbstdarstellung fällt mir leicht. Jemandem etwas in die Augen zu sagen ist sehr viel anstrengender als es nur niederzuschreiben. Selbst wenn es 100000 Menschen hören, ich bin ja nicht dabei, wenn sie es hören. Ich mache einen Song, der ist irgendwie ehrlich, whatever, aber ich muss mit keinem Echo rechnen. Wenn ich einer Person etwas ins Gesicht sage, kann auch zurückkommen „Ja du bist ein Arschloch“. Auf einen Song gibt es keine Antwort, das ist eine sehr einfache Lösung.
Deine Selbstkritik in früheren Songs ist sehr düster, da spielt viel Selbsthass mit. Das geht jetzt in eine andere Richtung und wandelt sich zu Selbstreflexion. Du sprichst jetzt eher davon, wie du sein willst und weniger davon, wie du nicht sein willst.
Voll. Nicht bewusst, aber jetzt, wo du es sagst, fällt es mir auch auf. Wenn man wirklich an sich arbeiten will, ist es ja auch viel sinnvoller, wirklich zu gucken, wer ich sein will.
Es ist auch viel einfacher zu wissen, was man nicht will, als wirklich herauszufinden, wie man sein will.
Das ist viel einfacher, natürlich. Wie, wenn du essen gehst und nur sagen kannst, worauf du keine Lust hast und aber nicht weißt, worauf du Lust hast.
Weißt du, wie du gelernt hast, wer du sein willst?
In den 10 Jahren meiner Karriere hatte ich schon sehr viele abgesteckte Ziele, von denen ich dachte, sie würden mich glücklich machen. Ich habe fast alle diese Punkte erreicht. Das erste, was ich immer wollte, war gehört zu werden. Dann haben mich Leute gehört. Dann haben mich irgendwann sogar viele gehört. Dann habe ich gesagt, ich will in einem Magazin sein, ich will Interviews geben, ich will vor einer Kamera stehen, auf der Bühne, ich will eine Tour spielen, ich will Festivals spielen, ich will ausverkaufte Touren spielen, ich will krasse Festivalslots haben, ich will das 10000 Leute vor meiner Bühne… hab ich alles erreicht.
Ich bin mittlerweile Vater und muss mir keine Sorgen machen, dass mein Sohn verhungert. Ganz im Gegenteil, der wächst privilegiert des Grauens auf, dass es mich manchmal nervt. Finanziell habe ich mehr erreicht, als ich jemals gedacht hätte. Hat mich all das irgendwie glücklicher gemacht oder zu dem Punkt gebracht, an dem ich sage, ich fühle mich angekommen? Nein. Dann habe ich irgendwann verstanden, was mich wirklich glücklich macht. Viel kam durch das Vater-Werden, muss ich sagen. Weil ich gemerkt habe, wie viele Dinge du bekommen kannst, die nicht zu berechnen sind, die auch out of nowhere kommen können.
„Auf der Bühne werden mich die Leute nur feiern, wenn ich ihnen eine geile Show biete. Aber meinem Sohn muss ich keine geile Show bieten – nur da sein.“
Hast du da ein Beispiel?
Ich kann mich ganz genau daran erinnern, als mein Sohn mir zum ersten Mal gesagt hat: „Ich liebe dich.“. Als er das gesagt hat und mich umarmt hat eines Abends, da sind mir direkt Tränen in die Augen gestiegen, weil ich so war, wow, das ist einfach ein Mensch, der das nicht gesagt hat, weil er auch was davon hat. Das kommt komplett von Herzen, dieser Satz ist so rein und unschuldig, dafür musste ich nichts tun außer da sein. Mit vollstem Herzen und aus tiefster Seele da sein. Wenn ich gefeiert werde, ist das immer mit Bedingungen verbunden, du musst was liefern dafür. Auf der Bühne werden mich die Leute nur feiern, wenn ich ihnen eine geile Show biete. Aber meinem Sohn muss ich keine geile Show bieten – nur da sein.
Du beschäftigst dich auf deinem Album viel mit der Frage, wie du deine Zeit nutzen möchtest. Du wurdest 2018 mit ihrer Vergänglichkeit konfrontiert, als du deinen Freund Sam verloren hast. Du widmest ihm einige Zeilen, aber sein Einfluss zieht sich durch das ganze Album in Form von Positivität. Du trägst Sams Lachen weiter, meidest Hass. Du hast erkannt, dass das für dich Zeitverschwendung ist.
Wenn ich an Sam denke, denke ich genau daran. Ich war immer so erstaunt darüber, wie er in jeder Lebenslage trotzdem noch dieses Lächeln hatte und nie verbittert war. Selbst wenn er genervt von etwas war, hat er das mit so einem Charme gesagt, dass man dem nie böse sein konnte. Er hat auch nie etwas gemacht, was böse war, der hat nur Positivität ausgestrahlt. Und nicht, dass ich jemand bin, der in den Raum kommt und Negativität ausstrahlt, aber dann habe ich schon darüber nachgedacht, dass ich so Songs habe, die heißen „Ich hasse euch original alle“. Willst du damit auf die Bühne gehen? Willst du das zu tausenden Leuten schreien? Willst du das in die Welt raustragen?
Und klar, manchmal ist es auch geil auf die Kacke zu hauen und Wut rauszulassen ist wichtig, aber wenn das deine einzige Message ist- „Die Welle“, „IHEOA“, „Ihr seid kacke, ich bin der Geilste“, dann denkst du irgendwann, Bro, chill, du hast doch so vieles, über das du glücklich sein kannst.
Aber ist diese Positivität wirklich eine Einstellungssache für dich? Das kann schnell toxisch werden. Ich finde das auf „Energie“ schwierig, weil niemand immer nur gute Energie aufbringen kann. Wenn das dein Anspruch ist, Hass und Negativität auszublenden, wie lässt sich das dann damit vereinbaren, dass das manchmal nicht geht?
Das ist völlig okay, wenn das manchmal nicht geht. Es ist auch völlig okay wenn es voll oft nicht geht. Das muss auch klar sein. Auf „Energie“ versuche ich mir über drei Minuten einzureden, „Ich hab zu viel gute Energie“. Deshalb ist da im Refrain auch kein anderer Satz. Ich rede mir das ein. Das ist der Song. Das ist jemand, der versucht sich einzureden, nicht traurig zu sein. Und dann flacht die Stimmung auf dem Album immer mehr ab und verliert sich viel mehr in der Melancholie, bis dann der Punkt kommt „Bruder wenn du kannst, halt die schlechte Energie nur auf Distanz“. Aber manchmal kannst du nicht und das ist völlig, völlig okay und keine Niederlage. Das muss auch viel mehr geteacht werden, dass man nicht die ganze Zeit funktionieren muss. Und vielleicht wirst du niemals funktionieren. Das macht dich nicht zu einem schlechteren Menschen.
Ich finde die beiden Distanz Songs sind da auch nochmal ein gutes Beispiel. Im ersten manifestierst du, wo du hin willst, was für dich der beste Weg zu leben wäre. Distanz II ist dann eher der Reality Check, du zeigst, wo du gerade stehst und dass du noch nicht da bist, wo du gerne wärst. Weißt du, wie du dahin kommst?
(Schüttelt den Kopf) Ich hab den Schlüssel noch nicht gefunden. Ich bin dabei, ihn zu suchen. Ich verliere meine Schlüssel aber sehr oft. (lacht) Ich glaube, es gibt aber nicht den einen, es ist auch gar nicht so wichtig den zu finden, sondern ganz viele verschiedene Schlüssel am Bund zu haben.
Der letzte Song „Lass Uns Scheinen“ beginnt mit der Zeile „Tun wir so als wenn wir heute Nacht zufrieden wären“. Ich finde der Satz ist so simpel und sagt so viel aus. Ist Zufriedenheit für dich ein Sehnsuchtsort? Willst du das überhaupt erreichen?
Absolute Zufriedenheit? Fast unmöglich. Aber genau das ist es, es ist gar nicht wichtig, diese absolute Zufriedenheit zu erreichen, sondern in Momenten zufrieden zu sein. Es ist aber genauso wichtig in Momenten unzufrieden zu sein. Wir versuchen immer rundum sorglos und glücklich zu sein, das ist aber unmöglich. Da kommst du nur hin, wenn du aufgehört hast, Sachen zu bewerten. Wenn es kein Positiv und kein Negativ mehr in deinem Leben gibt. Dann dürfen aber Sachen nicht mal mehr positiv sein, die es eigentlich sind. Sobald es Gut gibt, wird es immer Schlecht geben. So funktioniert das Leben. Wenn du diese Neutralität aber erreichst, dann hast du absolute Zufriedenheit. Deswegen sage ich nein, ich will das nicht erreichen. Ich will mich über Sachen freuen können, ich will aber auch trauern können.