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Über das Alleinsein, Girl-Crushes und intensive Gespräche in der Badewanne – Fenne Lily im Interview

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Fenne Lily // © Nicole Loucaides

Fenne Lily aus Bristol meldet sich nach zweijähriger Pause mit ihrem zweiten Album „Breach“ (VÖ: 18.09. via Dead Oceans) zurück. Darauf findet sie Frieden im Alleinsein und wagt einen Schritt heraus aus dem einfach gestrickten Singer-Songwriter-Universum hinein in komplexere Soundwelten. Wir haben mit Fenne Lily über ihre neue Platte und die Abschottung von der Außenwelt gesprochen.

Im Jahr 2018 schoss sich die Britin Fenne Lily mit ihrem wunderschönen Debüt „On Hold“ in die Herzen von Liebhabern des wohligen Singer-Songwriter-Sounds. Ihr Erstwerk ist bestückt mit Songs, die quasi als spät-jugendliches und höchst melancholisches Audio-Tagebuch wahrgenommen werden können. Es geht um die Liebe und erste Beziehungen. Na klar, schließlich ist sie beim Release gerade mal 20 Jahre alt. Einige der Stücke gehen sogar viel weiter zurück – in eine Zeit, in der man bei ihr wohl gerade erst vom Erwachsensein sprechen konnte. Auf „Breach“ blickt Fenne Lily nicht nur (stets nachvollziehbar) auf sich selbst, sondern entwickelt sich auch weiter. Insbesondere musikalisch.

Das wird schon bei den ersten Singles deutlich. So kommt „Solipsism“ mit überraschendem Lo-Fi-Geschrammel daher. Sie schrieb den Song, nachdem sie eine Dokumentation über The Stone Roses sah. „Alapathy“ peitscht ebenso nach vorne. Verzerrte Gitarren und ein generell flotter Rhythmus in The War On Drugs-Manier weisen den Weg für ihre zarte Stimme. „Berlin“ beschreibt das Motto des Albums: „It’s not hard to be alone anymore“. Die Idee des Songs kam ihr, nachdem sie einen Monat alleine in Berlin lebte,  erneut Patti Smiths „Just Kids“ las und eine Nacht im Berghain verbrachte. Musikalisch startet der Song in einem gemächlichen Bedroom-Pop-Stil, um sich dann immer weiter aufzubauen und schließlich in diesen neuen, tiefgängigen Songmustern zu verschwimmen.

Selbiges gilt für die fast himmlischen „I, Nietzsche“ oder „Birthday“, die in Keyboardklängen und Streicherarrangements übergehen. „Breach“ ist musikalisch also deutlich verwobener als sein Vorgänger. Und doch kommen auch die ruhigen Momente nicht zu kurz. Das beweist u.a. der Opener „To Be A Woman Pt.1“, der sehr an ihr erstes Album erinnert. Der Song setzte sich kurzfristig gegen „To Be A Woman Pt.2“ durch, den Fenne Lily bereits als Single herausgebracht hatte.

Fenne, im Vorfeld zum Album hast du die Single „To Be A Woman Pt.2“ releast. Auf dem Song geht es teils rau zu, weil er in energischen Gitarrenparts ausbricht. Ein erster Hinweis also, wohin die Reise musikalisch geht. Warum ist es insbesondere der komplexere Sound auf „Breach“, mit dem du dich im Gegensatz zu deinem Erstling „On Hold“ beschäftigt hast?

Seit „On Hold“ habe ich festgestellt, in welchem Maße, neben meiner Stimme, auch Instrumente wichtig sind, um meine Gefühle zu äußern. Ich glaube der Gitarrenpart auf „To Be A Woman Pt.2“ ist der beste, den ich je geschrieben habe. Der Song ist wütend, aber gleichzeitig schön. Ich habe zuletzt viel Cat Power, Adrianne Lenker oder Modest Mouse gehört. Ich liebe diesen Gegensatz zwischen den teils rauen Gitarrenparts und den doch eher sanften Stimmen, da es trotzdem harmoniert. Und genau darauf, ebenso wie auf komplexere Sounds generell, wollte ich mich konzentrieren.

Das klingt so, als seist du noch auf der Suche nach „deinen Sound“. Oder entwickelt er sich eh immer weiter?

Ich glaube, er wird sich immer weiterentwickeln und angelehnt sein an dem, was ich aktuell höre. Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, ob ich einen eigenen Stil habe. Wenn ich z.B. die Eltern von Jemandem treffe, die wissen, dass ich Musikerin bin, beantworte ich diese Frage eigentlich immer mit „Sad Rock“. Aber dann denken die Leute, ich klinge wie Coldplay. Ich bin diesbezüglich wohl eh etwas eingeschränkt, weil meine Stimme von Natur aus so sanft ist. Vielleicht werde ich da irgendwann mal aktiv eingreifen. Im Moment singe ich einfach nur so, wie es sich für mich gut anfühlt…und das ist eben eher leise und schüchtern. Das allerdings stimmt nicht unbedingt mit meiner Persönlichkeit überein. Aber wie gesagt: Mein Sound wird auch immer sehr ähnlich zu dem sein, was ich höre. Ich liebe Post-Punk aktuell sehr, vielleicht fange ich also irgendwann auch mal an zu schreien…(lacht).

Du hast bei dem Release von „On Hold“ vor zwei Jahren in ein paar Interviews gesagt, dass du schon genau wüsstest, wie dein kommendes Album klingen wird. Zwei Jahre später: Ist „Breach“ genauso, wie du es dir vorgestellt hast?

Nicht wirklich, ne. Ich hatte während der Tour damals super viel geschrieben, danach dann noch mehr. Und die letzten Songs, die ich schreibe, sind immer die, die am besten ausdrücken, was ich fühle und funktionieren einfach besser in ihrer Erzählweise. Ich wollte in erster Linie, dass die Platte jetzt thematisch stärker und selbstbewusster ist – aber nicht unbedingt musikalisch selbstbewusster klingt. Ich glaube damals hatte ich noch mehr das Bedürfnis lauter zu sein und zu zeigen, dass ich nicht mehr traurig bin. Aber dann habe ich gemerkt, dass Stärke nicht vom laut oder schnell sein kommt. Das Album findet also eine gute Balance irgendwo zwischen laut und leise.

Du sagst, du wolltest thematisch etwas Selbstbewussteres schreiben. Außerdem äußerst du, dass die Platte thematisiert, Frieden im Alleinsein zu finden. Warum ist es wichtig, Zeit für sich zu haben und wieso hat es etwas mit Stärke zu tun, sich genau das einzugestehen?

Für mich ist es wichtig, weil ich mich durch die Meinung zu vieler Menschen von mir selbst entferne. Ich habe erst vor kurzem gemerkt, wie frei und wohl ich mich alleine fühlen kann, ohne dass Tinder-Dates oder bedeutungslose Beziehungen mir das Gefühl geben, gebraucht zu werden. Das klingt jetzt vielleicht hart. Aber in Zeiten von Social Media, Online Dating und Amazon Paketen, die in einem Tag da sind – quasi all diese schnell erreichbaren Dinge – war es für mich wichtig, mich mit meinem eigenen Innenleben auseinander zu setzen. Ich wollte wissen, wie es ist, für einige Zeit wirklich nur meinen eigenen Kopf einzusetzen. Das war die ersten Tage extrem schwer, bis ich festgestellt habe, dass ich ruhiger werde, wenn ich von all dem eine Auszeit nehme. Trotzdem liebe ich es natürlich mit meiner Band unterwegs zu sein, live zu spielen und Leute nach den Shows zu treffen. Aber bei mir hatte es eine Stufe erreicht, in der ich aufgehört habe, meinen eigenen Kopf zu nutzen – also, dass ich quasi Leute von außen brauchte, um mich zu erheitern. Ich habe einfach eine Möglichkeit gesucht, allein mit mir selbst zu sein.

Was hast du dabei herausgefunden? Oder anders gefragt:  Gibt es für dich einen Unterschied zwischen „alleine sein“ und sich „alleine fühlen“?

Ich glaube einsam wird man, wenn man sich von sich selbst und nicht von anderen Menschen entfernt. Ich wusste eigentlich schon immer irgendwie, dass es da diesen Unterschied gibt, den du ansprichst, war aber nie länger als ein paar Tage alleine. Deshalb bin ich auch einen Monat alleine nach Berlin gegangen. Ich wollte diesen Unterschied erleben, denke aber auch, dass es ein längerer Prozess ist, das festzustellen. Manchmal fühle ich mich z.B. auch einsam, wenn ich alleine bin. Es ist also nicht so, dass ich nie einsam bin oder nie mit Menschen abhängen will. Es ist irgendwie ein auf und ab.

Insbesondere in der Coronazeit fühlt man sich ja schon häufiger mal alleine. Wie ist es dir bislang so ergangen?

Zuerst war ich richtig sauer, weil ich nicht mit zwei meiner absoluten Lieblingskünstlerinnen, Lucy Dacus und Waxahatchee, auf Tour gehen konnte. Auch das Musik schreiben fiel mir wegen dieser gespenstischen Atmosphäre super schwer. Aber: Ich habe neue Musik, die während Corona veröffentlicht wurde, viel intensiver gehört. Das neue Album von Taylor Swift zum Beispiel mochte ich erst gar nicht. Dann habe ich von Freunden gehört, dass sie es feiern und es nochmal angeschmissen, was ich sonst nie machen würde…und gemerkt, es ist ziemlich brilliant. Es ist glaube ich eine Zeit, in der man intensiver über verschiedene Dinge nachdenken kann. Aber insgesamt hat es mich auch etwas verrückt gemacht. Ich habe zum Beispiel meine Haare in vielen verschiedenen Farben gefärbt. Also, eine wilde Zeit, aber ich glaube, dass ich sie bislang mental ganz gut überstanden habe…(lacht).

Du hast eben Lucy Dacus und Waxahatchee erwähnt. Ich nehme nochmal Phoebe Bridgers hinzu, zu der du auch einen guten Draht hast. Alles Girls, die die Indie-Welt aktuell aufmischen. Sind das Inspirationen für dich?

Auf jeden Fall! Manchmal ist es noch komisch, Phoebe und Lucy als Freundinnen bezeichnen zu können. Das erste Mal habe ich Lucy getroffen, kurz bevor wir zusammen auf Tour gegangen sind. Wir waren beide auf einem Festival und da hatte sie mir geschrieben und gefragt, ob wir abhängen wollen. Ich hatte kurz zuvor MDMA genommen und deshalb super Angst, dass ich nicht ich selbst sein würde und sie versuche zu küssen oder so…aber es lief alles gut. Ich finde es aber generell spannend, sich Inspirationen von Leuten zu holen, die sich selbst noch entwickeln. Für mich sind Phoebes „Stranger In The Alps“ und Lucys „Historian“ so große musikalische Punkte in meinem Leben, für mich persönlich Meisterwerke. Aber ich weiß eben auch, dass die beiden sich als Künstlerinnen noch weiterentwickeln. Ich bewundere sie für ihre Unabhängigkeit und ihre Souveränität in ihren Werken.

Sowohl Lucy, als auch Phoebe, hast du ja auch in deinem Insta-TV Format „The Bathtime Show“ interviewt. Dabei sitzt ihr in der Badewanne. Was für eine ehrliche Art des Interviews. Liebe ich!

Ohja! Es ist wirklich eine coole Art und Weise mit Leuten zu connecten, deren Musik wichtig für mich ist. Ich habe ja auch unter anderem eine Folge mit Christian Lee Hutson gemacht. Sein Album „Beginners“ hat Phoebe produziert und es ist eines meiner Lieblingswerke der letzten Monate, vielleicht sogar des Jahres? Ich muss nur immer aufpassen, dass ich nicht zu sehr mit einer „Ich liebe euch“-Attitüde an die Sache herangehe (lacht). Das Ganze startete erst als ein Witz in Quarantäne und hat sich dann so entwickelt. Bin richtig besessen geworden von dem Interview-Ding. Ich höre auch so viele Podcasts, ich glaube man könnte mit Podhead bezeichnen (lacht). Vielleicht mache ich irgendwann auch mal einen auf Radiomoderator und kündige mich und die Sendung richtig überschwänglich an. Also ja, ich mache einfach so lange weiter, bis die Leute das Interesse verlieren. Seid also gespannt!

Fenne, abschließend noch einmal zurück zu deinem neuen Album „Breach“. Welcher Song davon ist dir am Wichtigsten?

Auf dem Album ist ein Song der heißt „I used to hate my body, but now I just hate you“. Es ist wahrscheinlich das wütendste Stück, das ich bisher gemacht habe. Und das, obwohl es nicht wütend klingt. Ich glaube das fasst mich und das Album ganz gut zusammen. Ich bin nicht passiv aggressiv, aber ich finde es auf jeden Fall schwer, Wut in einer einfühlsamen Weise aufzuarbeiten. Aber genau dieser Song kommt dem recht nahe: Einer Person genauestens zu sagen, was ich von ihr halte. Und dann endet der Song doch mit einer positiven Nachricht. Ein Satz darin lautet: „I still see you as some kind of reassurance, that some day I’ll be understood“. Ich fange also recht wild an und ende mit einer versöhnlichen Art. Und ich glaube, das spiegelt mich aktuell sehr gut wider.

Seht hier das Video zu „Alapathy“:

James Blake veröffentlicht Cover-Version von Frank Oceans „Godspeed“

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Während des Lockdowns entdeckte James Blake das Covern für sich. Unter anderem versuchte er sich an einer Neuinterpretation von Frank Oceans „Godspeed“. Jetzt ist das offizielle Musikvideo dazu erschienen.

Von Billie Eilish über Nirvana bis hin zu Joy Division. Während der Quarantäne-Zeit veröffentlichte James Blake auf seinen Social-Media-Kanälen eine bunte Mischung verschiedenster Cover-Songs. Neben Radiohead und Stevie Wonder schaffte es unter anderem auch die Eurodance-Hyme „Barbie Girl“ von Aqua auf seinen Instagram Channel.

James Blake zollt Frank Ocean Tribut

Die wöchentliche Extra-Dosis-Blake sorgte für Begeisterung bei den Fans. Den wohl größten Hype generierte allerdings eine Akustik-Version des Frank Ocean Tracks „Godspeed“. Als das Snippet via TikTok viral ging, entschied sich Blake an einer Studioversion des Songs zu arbeiten. Diese wurde jetzt veröffentlicht.

 

Going blonde

Im zugehörigen Musikvideo begleitet Blake sich selbst am Klavier und überrascht mit einem optischen Makeover. Seine frisch blondierten Haare können definitiv als Hommage an Frank Oceans Erfolgsalbum „Blonde“ gelesen werden. Die Original-Version von „Godspeed“ auf dem Album wurde damals von James Blake produziert und abgemischt. In einem Statement erläutert der Londoner seine besondere Bindung zu dem Track: „This song has always been special to me, but I wasn’t expecting the response it’s gotten. Love to everyone who willed the full recording into existence.“

Die Neuinterpretation von „Godspeed“ ist jetzt auf sämtlichen Streaming-Plattformen abrufbar.

Seht hier das Musikvideo zu James Blakes Cover-Version des Frank Ocean Tracks „Godspeed“:

10/10 Holly Humberstone: „Songwriting ist Therapie für mich.“

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Holly Humberstone // © Phoebe Fox

Holly Humberstone ist eine der aufstrebendsten und spannendsten Newcomerinnen aus dem Vereinigten Königreich. Ihre kürzlich veröffentliche EP „Falling Asleep At The Wheel“ zeigt, wie brutal professionell ihr dunkler Pop-Sound mit ihren 20 Jahren bereits klingt. Grund genug für uns, Holly Humberstone zehn Fragen zu stellen.

Insbesondere die gleichnamige Single zur EP geht durch die Decke. „Falling Asleep At The Wheel“ ist ein sehr eingängiger Popsong, der auf Spotify bereits über acht Millionen Plays vorweisen kann. Und obwohl der Song durchaus radiotauglich ist, ist er gleichzeitig keineswegs belanglos. Das gilt für die gesamte EP. Völlig zurecht wird ihr moderner Pop-Sound mit Künstlerinnen und Bands wie Phoebe Bridgers, Lorde, Haim oder Billie Eilish verglichen. Sie verbindet dunkle Synths mit kleinen, charmanten Songfrickeleien und ihrer sanften und warmen Stimme. Holly Humberstone trägt dick auf, ohne zu sehr über die Stränge zu schlagen. Was sie mit ihrer Stimme anstellen kann, wird besonders in den Songs „Deep End“ (auf der EP) und ihrem Radiohead-Cover zu „Fake Plastic Trees“ deutlich.

Dieses Potenzial hat auch der schottische Musiker Lewis Capaldi gesehen, als er die Britin Anfang des Jahres als Voract mit auf seine Tour nahm. Dass sie es live drauf hat, beweist zudem eine Performance für die US-amerikanische Show „Jimmy Kimmel Live!“. Für unser Format 10/10 hat sie uns Fragen u.a. zu ihrer Rolle in der Musikwelt und zu ihrem Songwriting beantwortet.

1/10 Welche Themen beschäftigen dich und haben dabei direkten Einfluss auf die Musik?

Ich mag es über verschiedene Arten von Beziehungen zu schreiben oder generell über Zeug, das in meinem Leben passiert. Schreiben ist für mich eine gute Therapie, um Emotionen zu verarbeiten und festzustellen, wie genau ich über verschiedene Dinge denke.

2/10 Welches Release würdest du einer Person vorstellen, die dich noch nicht kennt?

Ich würde wahrscheinlich meinen Debütsong „Deep End“ vorspielen. Es ist tatsächlich auch der persönlichste Song auf meiner EP, weil er über meine Schwestern und psychische Gesundheit handelt. Das aufzuarbeiten und mich damit auseinanderzusetzen war ehrlich gesagt sehr schmerzhaft für mich. Ich bin generell sehr ehrlich beim Schreiben, aber denke, dass ich mich in Deep End am verletzlichsten zeige.

3/10 Wie entsteht deine Musik?

Songs entstehen bei mir oft auf unterschiedlichen Wegen. Manchmal mache ich nur Notizen auf meinem Handy mit kleinen Sätzen oder Wörtern, die ich für sehr interessant oder cool halte. Anschließend beziehe ich sie dann z.B. auf eine Situation, die ich durchlebe und dann kann das Schreiben beginnen. In anderen Fällen fällt das Songschreiben aber noch leichter und zwar wenn es wirklich etwas ist, das mich sehr belastet. Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, sich beim Songwriting sicher und wohl zu fühlen, alleine oder von Freunden umgeben zu sein, denen ich vertrauen kann.

4/10 Wie würdest du deine Rolle in der Musik beschreiben?

Ich versuche ehrlich gesagt aktuell noch, das herauszufinden. Ich versuche einfach Zeug zu schreiben, das ich liebe und im Moment sehr gerne selbst höre. Aber wer weiß schon, wie mein Sound in ein paar Monaten oder Jahren klingt? Im Moment würde ich jedoch sagen, dass ich authentischen Pop mit dunklen, weirden und teils unkonventionellen Wendungen mache.

5/10 Stehen Musik und Ästhetik für dich in einem Zusammenhang?

Ja, definitiv, ich glaube Ästhetik ist sogar ein großer Teil der Musik. Einige Künstler*innen, die ich mag, zum Beispiel Bon Iver, Phoebe Bridgers oder Lana Del Rey, haben alle eine sehr starke und individuelle Identität. Ich habe das Gefühl, dass sie ihre eigene kleine Welt kreiert haben. Es fühlt sich so an, als kenne man diese Menschen persönlich, obwohl ich sie noch nie getroffen habe. Und genau das ist sehr wichtig.

6/10 Welchen Stellenwert hat das Thema Digitalisierung für deine Musik?

Ich glaube die Digitalisierung ist sehr wichtig. Das Visuelle in Videos beispielsweise sagt eine Menge aus. Ich möchte, dass meine Videos auch ohne Musik genauso viel Wirkung haben wie mit Musik. Ich möchte insgesamt, dass sie den Vibe des Songs reflektieren und mit dem, was ich sage, quasi übereinstimmen.

7/10 Welche Jahre in der Musikgeschichte waren für dich am prägendsten?

Die Musik aus den 80ern hat mich wahrscheinlich am meisten beeinflusst. Als die Musik begann elektronischer zu klingen, Synths benutzt wurden und generell mehr digitale Elemente einflossen – das ist so der Zeitpunkt, ab dem Songs für mich sehr interessant klingen. Da gibt es natürlich eine Menge außergewöhnlicher KünstlerInnen da draußen, aber wenn ich meinen absoluten Lieblingsmusiker nennen müsste, wäre das Prince. Ich kann mich noch ganz genau daran erinnern, „Kiss“ zum allerersten Mal auf einer „Now that’s what I call music“-CD gehört zu haben. Das war im Etagenbett mit meiner Schwester Eleri und ich weiß noch, dass ich es für das komischste, aber gleichzeitig auch das beste gehalten haben, das ich jemals gehört habe.

8/10 Was ist deine größte Eigenart?

Vielleicht, dass ich sehr schnell gestresst bin? Ich bin wirklich immer besorgt oder gestresst auch durch kleine und unwichtige Dinge. Dadurch ist es für mich wirklich schwer, mich zu beruhigen und zu entspannen.

9/10 Was ist der beste Self-Care Rat, den du geben kannst?

Wahrscheinlich gutes Essen. Ich bin wesentlich besser drauf, wenn ich leckeres Zeug esse. Natürlich muss man auch etwas auf seine Gesundheit und ein Gleichgewicht achten, aber man sollte sich auch nicht schuldig fühlen, wenn man sich mal etwas gönnt. Sorgt also dafür, dass ihr euren Kühlschrank mit Dingen füllt, auf die ihr euch freut. Für mich persönlich funktioniert alles mit Kartoffeln, das ist für mich einfach ultimativer Komfort haha.

10/10 Willst du noch etwas loswerden?

Eigentlich nicht viel. Ich hoffe aber, dass ihr gut und entspannt durch diese komische und angsteinflößende Zeit kommt. Liebe geht raus an all diejenigen, die sie gerade besonders gebrauchen können!

Hört hier den Song „Falling Asleep At The Wheel“:

Friedvoll und bewegend: Big Thief-Sängerin Adrianne Lenker meldet sich solo mit „anything“ zurück

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Adrianne Lenker // © Genesis Baez

Adrianne Lenker at her best: Mit „anything“ beweist die Big Thief-Frontfrau ihr exzellentes Songwriting. Die neue Single ist eindringlich und tief bewegend, jedes Wort scheint sie auf die Goldwaage zu legen. Es ist der erste Song aus ihrem neuen Doppelalbum „songs“ und „instrumentals, das Ende Oktober (23.10. via 4AD) erscheint.

Für viele Musikbegeisterte in und um Berlin dürfte das Big Thief Konzert im Astra Mitte März das letzte Konzert vor dem Corona-Lockdown gewesen sein. Die Indie-Rock Band aus New York City startete im vergangenen Jahr mit ihrem grandiosen Doppelalbum U.F.O.F. (2019) und Two Hands (2019) richtig durch und überzeugt insbesondere live, wie diese Performance der Single „Not“ in den „Bunker Studios“ in Brooklyn beweist.

Von ausverkauften Hallen in eine abgelegene Berghütte

Doch auch solo ist Adrianne Lenker bereits länger unterwegs. Ihre letzte Platte „Abysskiss“ stammt aus dem Jahr 2018. Nun kehrt sie mit „anything“ zurück, auf dem sie durch tolles Songwriting auffällt und mit einer Intensität besticht, die ihres gleichen sucht. Fast leise wimmernd gibt sie tiefe Einblicke in ihre introvertierte Seele. Während die Stücke auf „songs“ eben in diese Richtung gehen, sind die Lieder auf „instrumentals“ eine Collage aus Jam-Sessions. Beide Alben, ähnlich wie bei den letzten Big Thief Platten, sind miteinander verbunden, funktionieren aber auch alleine.

Diese entstanden in einer abgeschiedenen Gegend in Massachusetts. Nach dem Konzert in Berlin zog sich Lenker dort in eine winzige und abgeschiedene Hütte in den Bergen zurück. Selbst sagt sie über die Zeit: „I grew really connected to the space itself. The one room cabin felt like the inside of an acoustic guitar…it was such a joy to hear the notes reverberate in the space“.

Aus der Einsamkeit heraus

Nach etwa drei Wochen hatte sie zusammen mit ihrem Soundengineer Philip Weinrobe ein halbwegs funktionstüchtiges Studio erstellt. Zunächst griffen sie auf einen analogen Sony Walkman zurück, später dann auf eine alte Otari 8-Spur Maschine. Sämtliche Aufnahmen auf den beiden Alben sind also zu 100% analog.

Hört hier die neue Single „anything“:

10/10 KOKO: „Unser Style, unsere Einstellung, unser Sound – niemand ist so wie wir.“

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KOKO // © Press

KOKO aus Bristol sind vielseitig. Auf ihrer neuen Single „All Together Now“ beweist das Trio erneut, dass sie sich in keine Genre-Schublade stecken lassen: Sie liefern beatüberflutete Tracks, auf denen sich Party und Afterhour die Hand geben. Bald spielt die Band auf dem Reeperbahnfestival in Hamburg. Um KOKO schon jetzt vorzustellen, haben wir der Band zehn Fragen gestellt.

Auf „All Together Now“ geht es um das Positive. Darum, trotz der Coronakrise zusammenzuhalten. Man brauche das Kollektiv nun mehr als je zuvor, so die Band. Musikalisch setzen sie da an, wo sie bei ihrer ersten EP „Follow“ aus dem März aufgehört haben. Oliver Garland, Harry Dobson und Ashley C kreieren unkonventionelle Popsongs irgendwo zwischen düsterem Indie/Alternative-Rock, Electro-Pop und Rap, irgendwo zwischen süßer Boyband und ausufernder Clubnacht. Dazu gibt es eine gute Portion Punk-Attitüde. Im Rahmen unseres Formates 10/10 haben wir den Boys aus Bristol zehn Fragen zur Ästhetik und zu ihrer Musik im Allgemeinen gestellt.

1/10 Welche Themen beschäftigen euch und haben dabei direkten Einfluss auf die Musik?

Wir sind sehr offen was das angeht und schreiben über viele Dinge. Das Wichtigste für uns ist einfach, dass sich jeder irgendwie in unseren Songs wiederfinden oder zumindest die Erfahrungen bzw. den Inhalt unserer Songs nachvollziehen kann. Denn es ist völlig okay ein Freak zu sein, jemanden zu vermissen oder sich seiner Verletzlichkeit bewusst zu sein.

2/10 Welches Release würdet ihr einer Person vorstellen, die euch noch nicht kennt?

Eyes So Wide! Der Song spiegelt den „Koko Sound“ am besten wider. Schaut euch einfach das Video an. Es ist sehr trippy und zeigt visuell, wie ihr euch beim Hören des Songs fühlen sollt.

3/10 Wie entsteht eure Musik?

Wir lieben es zusammen in einem Raum zu sein, wenn wir Songs schreiben. Der dortige Vibe ist auch für die Songs sehr wichtig. Alles startet normalerweise mit Notizen auf dem Handy, einem Beat und ein paar Bieren. Wir alle beteiligen uns an der Melodie und den Lyrics. Sobald wir die Hook und das Besondere an einem Song herausgearbeitet haben, kümmern wir uns um das generelle Konzept. Es gibt immer eine Möglichkeit, dass wir den Beat nehmen und den Track live spielen.

4/10 Wie würdet ihr eure Rolle in der Musik beschreiben?

Wir mögen den Gedanken, dass wir uns aus unserer Sicht heutzutage von anderen typischen Bands unterscheiden. Wir sind einfach drei junge Typen, die eine Art Alternative-Dance oder Electro-Pop machen, doch das Wichtigste ist wirklich, dass wir zusammen so viel Spaß wie möglich haben. Deshalb glauben wir auch, dass da draußen nicht wirklich jemand ist mit unserem Style, unserer Einstellung und unserem Sound hat. Wir setzen einfach alles daran, dass unsere Musik etwas in den Menschen bewegt und sich Leute damit identifizieren können.

5/10 Stehen Musik und Ästhetik für euch in einem Zusammenhang?

110%! Für uns ist unsere Außenwirkung genauso wichtig wie die Musik. Wir möchten, dass unsere Vibes und unser Auftreten generell eine visuelle Darstellung und Fortführung unserer Songs sind. Es geht da um zum Beispiel um Farben – jede Ära von KOKO enthüllt eine neue Farbe.

6/10 Welchen Stellenwert hat das Thema Digitalisierung für eure Musik?

Heutzutage ist das ja ein wesentlicher Bestandteil. Wir sind okay damit, weil es bedeutet, dass viele Leute KOKO sehr früh entdecken können. Irgendwann werden wir auch mal eine „richtige“ Platte releasen, weil Leute die eben gerne sammeln. 

Harry: Ja, ich liebe es auch sehr, Platten zu sammeln und kann es kaum erwarten, eine eigene Vinyl herauszubringen. Ich liebe es einfach etwas in der Hand zu halten und es anzusehen.

7/10 Welche Jahre in der Musikgeschichte waren für euch am prägendsten?

Ashley: Also ich bin in den 80ern aufgewachsen. Ich war und bin immer noch ein riesiger Michael Jackson Fan. Als sie mit mir schwanger war, hat meine Mutter immer „Thriller“ auf ihren Bauch gelegt, weil es ihr absolutes Lieblingsalbum ist. Die Lieblingsplatte meines Vaters ist „Bad“. Deshalb haben sie immer gewettet, was denn wohl mein Favorit wird. Es ist „Bad“ geworden. Außerdem liebe ich Hip Hop, da ich dazu lange geskatet habe. B.I.G, Tupac, die frühen Eminem Sachen haben meine Kindheit musikalisch geprägt.

Oliver: Ich bin ein großer Elvis und Johnny Cash Fan!

Harry: Ich liebe die Indieszene der 2000er und bin musikalisch mit Razorlight oder The Kooks groß geworden.

Also, wirf all das in eine Schüssel und du bekommst die Anfänge des KOKO-Sounds.

8/10 Was ist eure größte Eigenart?

Ashley: Also ich wiederhole mich die ganze Zeit. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich so viel Zeit mit den Jungs verbringe und dadurch schon alles erzählt habe…oder ob es wirklich daran liegt, dass ich mich immer wiederhole.

Harry: Als ich jünger war, war ich sehr übergewichtig. Ich achte heute also sehr auf mich selbst. Versuche irgendwie gesund zu leben (außer Bier) und selbst bei McDonald`s Kohlenhydrate zu vermeiden.

Oliver: Ich zähle die Stunden, die ich schlafen. Klingt komisch, aber wenn ich abends länger auf bin und schreibe oder feiere und dann am nächsten Tag früh raus muss, mag ich es einfach zu wissen, wie viele Stunden es genau waren. Das beruhigt mich irgendwie.

9/10 Was ist der beste Self-Care Rat, den ihr geben könnt?

Hautpflege und Bewegung! Aber wir trinken und feiern ja auch gerne, deshalb wäre es scheinheilig, noch mehr darüber zu erzählen. Das Wichtigste ist einfach, sich jung und fit zu fühlen.

10/10 Wollt ihr noch etwas loswerden?

Wir wollen nur, dass die Leute wissen: Auch in diesen schwierigen Zeiten haben wir als Band Bock und wollen raus. Es wird in Zukunft noch viele Shows geben, mehr Musik und insgesamt viel mehr KOKO! Können es echt kaum erwarten, wieder draußen zu sein und euch alle zu treffen! LETSGO!

Hier geht es zum Video zu „All Together Now“:

Videopremiere: Wandl veröffentlicht mit „Altbautraum“ seine ganz persönliche Afterhour Anthem

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Wandl // © Maria Oikonomou

Im Video zu seiner neuen Single „Altbautraum“ fröhnt Nachtschwärmer Wandl den späten Stunden und entführt uns dabei in sphärische Traumwelten.

Vom Wiener Wunderkind zum österreichischen James Blake. Nach der Veröffentlichung seines Debütalbums „It´s All Good Tho“ im Jahr 2017 wurde Wandl von der Presse nur so mit Lob und schmeichelnden Vergleichen überschüttet. Mit seinen charakteristisch langsamen Produktionen machte sich der „Meister der verschleppten Loops“ damals einen Namen in der österreichischen Musikszene. Vom Musikexpress wurde das Album anschließend sogar auf Platz 4 der 50 besten Platten des Jahres gewählt.

Albumankündigung für Oktober

Folgerichtig sind drei Jahre später die Erwartungen an ein neues Album extrem hoch. Zusammen mit der Veröffentlichung des Musikvideos zu „Altbautraum“ kündigte Wandl jetzt endlich auch offiziell einen Nachfolger für „It´s All Good Tho“ an. Die neue Platte „Womb“ soll am 2. Oktober via Affine Records erscheinen.

https://www.instagram.com/p/CEW2mBLl6FM/

 

In „Altbautraum“ macht Wandl die Nacht zum Tag

Die erste Singleauskopplung macht Hoffnung auf ein interessantes zweites Album. „Altbautraum“ ist eine bittersüße Ode an die Afterhour geworden. Das Musikvideo dazu ist ein Zusammenschnitt von kurzen Videoschnipsel, die das Thema Nachtleben und Traumwelten aufgreifen. Weichzeichner-Effekt und dreamy Vocals runden das Gesamtergebnis ab und schaffen eine Stimmung der Entschleunigung. Wie bereits bei vorherigen Produktionen gelingt es dem österreichischen Produzenten auch dieses Mal atmosphärische Downtempo-Beats mit eingängigen Vocals zu einem organischen Gesamtwerk zu integrieren.

Seht hier das Musikvideo zur neuen Wandl Single „Altbautraum“:

 

 

„Unser Dach ist der Himmel“ – Beim Picknick Konzert mit Faber

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Foto © Chiara Baluch

Dieses Jahr steht ganz im Zeichen alternativer Konzerte. Landstreicher Booking hat mit der Reihe Picknick Konzerte die Wiese zum „Place to Be“ erklärt. Wir waren bei einem dieser außergewöhnlichen Konzerte dabei und haben von der Decke aus der Stimme von Faber gelauscht.

Wo sonst Pferde galoppieren und gut betuchte Leute ihre Wetten abgeben, findet heute ein Konzert der etwas anderen Art statt. Die Wiese neben der Galopprennbahn in Köln Weidenpesch wird nun zur Decken-Landschaft. Ein Corona gerechtes Konzept, das nicht nur die Abstände beachtet, sondern auch ein bisschen Festival-Feeling versprüht. Immerhin sitzt man hier auf dem Boden und stellt das Bier in die Schuhe, damit es nicht umfällt.

Faber betritt in Gucci-Schuhen und Seidenhemd die Bühne, die er heute schon zum zweiten Mal bespielt. Denn wegen großer Nachfrage wurde kurzfristig noch ein Zusatzkonzert auf den Mittag gelegt. Die Leute wollen Konzerte, auch wenn das bedeutet, sich nicht eng zu tummeln und so weit nach vorne an die Bühne zu gelangen wie möglich. Nach ein paar ruhigen Songs tanzen schon alle auf ihren Decken und Faber beendet den Abend mit einer Akustik-Version von „Bella Ciao“. Ohne Mikro, ruft er die Zeilen über die Wiese hinweg, während die Bühne in den Farben der italienischen Flagge erleuchtet.

Wir haben dieses Fest im Grünen für euch festgehalten:

The Postie stellt vor: Boddy & Raquet machen nostalgischen Elektro-Pop

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Boddy

Coming-Of-Age-Unsicherheiten treffen auf erwachsene Melancholie: Boddy & Raquet füttern ihren Elektro-Pop mit der Nostalgie der 90er Jahre.

Diesen Sound untermalt das Duo aber auch immer wieder mit einer verspielten Naivität, die auch Einflüsse von anderen Genres zulässt. Mit ihrer gemeinsamen EP „Good Fences“ wollen die beiden Produzenten Boddy & Raquet nun zum bittersüßen Tanz auffordern.
Zwischen sehnsüchtigen und gleichzeitig zwanglosen Beats mit malerischer Synthie-Romantik („Triumvirat“) drehen die Songs sich nicht nur um nostalgische Sounds, sondern auch um Coming-Of-Age-Ängste oder einen retrospektiven Blick auf die Gesellschaft.

Hier könnt ihr den Song „Triumvirat“ hören:

Bei Boddy & Raquet treffen zwei Künstler-Welten aufeinander

Das zusätzliche Spannende: Die beiden Künstler weisen unterschiedliche, musikalische Wurzeln auf. Während George Raquet sich bereits als Teil des Elektro-Duo COMA und als Produzent von Theatermusik und Hörspielen etabliert hat, verarbeitet Jakob Lebsanft aka Boddy in seiner Musik aus Rave, Pop und Jazz.
Auf ihrer gemeinsamen EP verbinden die beiden Produzenten ihre Einflüsse zu einem großen Ganzen. Der Opener „Stellar“ lässt die ZuhörerInnen in Traumwelten verweilen. Der Sound ist mystisch und klingt als hätte es Kevin Parker sein Happy Place gefunden. Der Song zeigt zudem ein Merkmal des Sounds der EP auf. Immer wieder dominieren lange, instrumentell dominierte Phasen den Vibe der verschiedenen Stücke. „Secret“ drängt sich im Gegensatz zu „Stellar“ eher in die Richtung des Electro-Pop ohne dabei protzig oder aufdringlich klingen zu wollen.
Diese Bescheidenheit und zugleich aufregende Zurückhaltung macht den Sound der EP so angenehm. „Cabrera“ muss die Vorstellung von Boddy und George Raquet eines Raves auf Ibiza sein – nur ohne Wanderlust. Dass die beiden Musiker immer wieder versuchen aus ihrer Komfortzone, falls sie denn überhaupt eine haben sollten, auszubrechen zeigt „Triumvirat“. Hier haben sie Ozan Tekinzu als Gast eingeladen. Das Resultat ist ein Song, der Spuren von Altin Gün aufweist, sich aber nicht versucht kulturell anzueignen. Den Schlusspunkt setzen Boddy und George Raquez mit dem Titelgeber „The Good Fences“ und zeigen noch einmal sämtliche Facetten auf, die man in der sehr bunten und vielfältigen Palette der beiden wiederfinden kann. Doch bei allen Varianten und Ausprägungen des Sound steht eines immer im Mittelpunkt: die Emotionen.

 

Hier könnt ihr den Song „Stellar“ von Boddy & Raquet anhören:

Zwischen American Dream und Bierzeltfesten – Provinz im Interview

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Als junge Band vorm Dorf im ganzen Land durchstarten. Dies ist ein Traum, den wohl sehr viele, junge KünstlerInnen und Bands haben. Die meisten ziehen irgendwann nach Berlin um den Traum zu realisieren. Provinz haben sich jedoch mit ihrem Debütalbum „Wir bauten uns Amerika“ ihre ganz eigene Traumwelt geschaffen. Wir haben mit ihnen über die Verschiebung ihres Album, die politische Lage in den USA und Diego Maradonna gesprochen.

Provinz gehen andere Wege und bewegen sich doch auf bekannten Pfaden. Die jungen Musiker aus der Nähe von Ravensburg bewegen sich nicht täglich in irgendwelchen angesagten Bars in Berlin, Hamburg oder Köln. Und doch haben sie für ihr Debütalbum Unterstützung des renommierten, deutschen Produzenten Tim Tautorat (Annenmaykantereit, Faber) bekommen. Damit ist die Sound-Richtung vorgegeben und die noch frische Band muss den schwierigen Spagat zwischen Wiedererkennbarkeit und Zugänglichkeit schaffen.

Mit „Wir bauten uns Amerika“ zeigen sie, dass sie eben genau auf diesem Weg sind. Der Titel, der sinnbildlich für einen Ort grenzenloser Möglichkeiten steht, greift auf, dass wir es hier mit einer Band zu tun haben, die noch lange nicht an ihrem Zielort angekommen ist. Der folkige Sound mit den markanten Vocals mag zwar aktuell der Signiture-Sound von Provinz sein, doch was heißt das schon für eine Band, die es auch vom Dorf in die Charts geschafft hat?

Am 17. Juli erschien euer Debütalbum „Wir bauten uns Amerika“. Das Releasedatum musste wegen Corona verschoben werden und das Album wartet jetzt schon seit einiger Zeit auf die Veröffentlichung. Inwiefern hat dies euer Gefühl zum „Release“ beeinflusst?

Es war einfach eine riesige Erleichterung. Wir haben im Endeffekt bald 1 ½ Jahre an dem Album gearbeitet. Die Verzögerungen haben das ganze nochmal unerträglicher gemacht, jetzt ist es endlich raus und wir sind glücklich und erleichtert.

Eigentlich stünde in den kommenden Monaten die ausverkaufte Support-Tour zum Album an. Das Ganze verschiebt sich nun um ein Jahr. Ist euch unwohl bei dem Gedanken, das Album mit den Hörer*innen erst im nächsten Jahr feiern zu können? Wie plant ihr, diese Zeit zu überbrücken?

Absolut, das ist schon ärgerlich. Wir hatten ja auch ursprünglich den Release ganz bewusst direkt vor die Tour gelegt, um das Album live präsentieren zu können. Wir haben jetzt zum Glück die Möglichkeit, ein paar Picknickkonzerte zu spielen, das bietet einen kleinen Trost. Aber wir können es kaum noch erwarten, bis die erste Tour endlich beginnt und wir wieder unterwegs sind.

Bis dahin nutzen wir die viele Zeit, um neue Songs zu schreiben, zu proben, uns weiter zu entwickeln. Also ist die Zeit sicher nicht verschwendet. ;)

Weg von Corona und hin zur Musik: Was bedeutet Amerika im Zusammenhang mit dem Album für euch?

Für uns ist das ein Sinnbild. Amerika bezieht sich auf den vergangenen American Dream, die Illusion des ‚glorreichen Land der grenzenlosen Möglichkeiten‘. Jeder hat ja einen Traum, ein Ziel, an dem er kontinuierlich arbeitet, um ihn irgendwann erfüllen zu können. Für uns war das unser Album, das wir nun endlich rausbringen konnten.

Der Titel „Wir bauten uns Amerika“ vermittelt ein positives Gefühl. Gleichzeitig schaut die Welt aktuell teils sehr kritisch auf die Vereinigten Staaten. Gibt es auch bei euch eine Ambivalenz diesbezüglich?

Eigentlich nicht. Den Albumtitel haben wir schon vor einem guten dreiviertel Jahr festgelegt, also lange vor den aktuellen politischen Geschehnissen in den USA. Und er bezieht sich ja auch gar nicht auf das aktuelle Amerika. Insofern haben der Titel und die Situation in Amerika nur wenig oder sehr indirekt etwas miteinander zu tun. Aber der Titel steht ja auch dafür, seinen Traum zu verwirklichen. Und irgendwie gefällt es uns, dass der Titel dadurch noch eine neue Bedeutungsebene bekommt.

Die Grundidee von „Amerika“ steht in Bezug auf das Album für die Sehnsucht nach einem großen Traum. Was hofft ihr anderweitig noch bei den HörerInnen für Empfindungen auszulösen?

Ich glaube, man kann nicht sagen, dass wir eventuell ausgelöste Empfindungen beim Songwriting planen würden. Aber wir bekommen oft mit, dass Leute die Themen, über die wir singen, selbst kennen und nachvollziehen und dadurch verarbeiten können. Und alleine das ist schon sehr schön zu hören.

Eure Verbindung zum Leben auf dem Land wird natürlich in erster Linie durch euren Bandnamen deutlich. Wie würdet ihr das Spannungsfeld zwischen dem Heranwachsen auf der Stadt bzw. dem Land beschreiben? Was sind Unterschiede in Bezug auf das Musiker-Dasein?

Bei uns aufzuwachsen ist schon sehr schön. Hier ist alles sehr behütet und entspannt, man ist viel draußen und kann das sehr genießen. Aber wenn man dann irgendwann ein Teenie ist, bekommt man (oder zumindest wir und unser Umfeld) das Gefühl von Langeweile und Eintönigkeit. Das stellt man sich natürlich in einer Stadt ganz anders vor. Ist es zum Teil ja auch. Aber gerade jetzt, wo wir ständig zwischen Großstadttrubel und Provinz hin und her pendeln, lernt man die Vorzüge von beidem sehr zu schätzen. In der Stadt ist immer was los, man hat viele Möglichkeiten, hier zuhause ist alles viel ruhiger und entschleunigter, perfekt zum Abschalten. Somit gehen wir immer wieder gerne und kommen aber auch immer wieder gerne nach Hause. 

Gibt es trotz des Internets Unterschiede in der musikalischen Sozialisation zwischen Stadt- und Dorfleben?

Das könnte schon sein, wenn auch nicht mehr so ausgeprägt. Immerhin hat durch das Internet Jeder Zugriff auf jede Musik, wer sich lange genug damit beschäftigt findet auf jeden Fall etwas individuelles für sich. Aber es gibt ja auf dem Land noch viel mehr Bühne für zum Beispieltraditionelle Musikvereine, Fanfarenzüge, Blasmusik etc., zumindest auf Bierzeltfesten und solchen Events. Dadurch gibt es wahrscheinlich hier auch mehr Leute, die solcher Musik zugewandt sind. Ebenso gibt es in Städten mehr Raum für andere Musikszenen, wodurch man vielleicht dort leichter Zugang zu anderer Musik findet. Aber ich denke am Ende wird man musikalisch am meisten durch sein soziales Umfeld (Freunde, Familie, Kollegen, etc.) geprägt. Und da hat die Herkunft sicher auch einen Einfluss drauf.

Das Album entstand in Kooperation mit dem Produzenten Tim Tautorat, der unter anderem auch mit Künstler*innen wie AnnenMayKantereit, Faber oder Klan zusammenarbeitet. Inwiefern war diese Zusammenarbeit prägend für den Sound?

Wir hatten vor jeder Studiosession eine Vorproduktion, wo wir mit Tim zusammen die finalen Arrangements, zusätzliche Instrumente und Sounds, eventuelle noch kleine Korrekturen im Text etc. ausgearbeitet haben. Außerdem ist Tim derjenige, der die ganzen Songs so zum Klingen gebracht hat und unseren Sound mitdefiniert. Ohne Tim wäre das Album sicher nicht dasselbe.

Gibt es Befürchtungen, als aufstrebende Band zu schnell in eine Schublade gesteckt zu werden?

Natürlich will man immer für sich selbst stehen und nicht verglichen werden. Aber uns ist klar, dass das den meisten Leuten hilft, uns einzuordnen. Und solange wir mit den Vergleichen was anfangen können, ist das für uns okay.

Wer von euch ist am ehesten der „Typ“ Diego Maradona und warum?

So richtig ist das zum Glück niemand von uns. :D Aber am ehesten wäre das wahrscheinlich Mosse, weil er ähnlich lange Haare hat und den Exzess und das Feiern wahrscheinlich am Meisten von uns zelebriert.

Was wünscht ihr euch vom restlichen Jahr 2020?

Das die Krise einfach sobald wie möglich in den Griff bekommen wird und wir endlich wieder auf Tour gehen können und Normalität einkehrt.

Provinz und das Video „Tanz für mich“: