Am 13. Oktober erscheint die dazugehörige Debüt-EP.
Mannheim präsentiert sich gerne mal als Stadt der Musik. Kein Wunder an der Popakademie werden schließlich auch Musik-Acts am Fließband erstellt. Ob man dies nun gut findet oder nicht sei mal dahingestellt, unumstritten ist jedoch die Tatsache, dass die Musikszene in der Rhein-Neckar-Region lebt. Bestes Beispiel dafür sind Raintalk, die zum Teil auch aus der Band Clayd besteht, die 2015 den Opener-Slot auf dem Maifeld Derby gespielt hat.
Raintalk machen melancholisch lockeren Indie-Pop und geben mit „Two Rivers“ nun einen ersten Vorgeschmack in welche Richtung die Reise gehen soll. Am 13. Oktober folgt dann die erste EP der fünf Musiker und auch eine Reihe an kleineren Gigs ist geplant. Wir werden die jungen Musiker auf jeden Fall weiterhin auf ihrer Reise begleiten.
50 Shades of Black – Grime-Balladen eines tschechisch-norwegischen Quartetts
Wir sind es ja von Sinnbus gewöhnt, dass neben Me and My Drummer und We Are the City auch mal dunklere Acts auf dem Berliner Label auftauchen. Trotzdem schaffen es Fiordmoss, ihre Labelmates bestenfalls hellgrau aussehen zu lassen. Nach zwei EPs, die noch von 2012 datieren, arbeitet das tschechisch-norwegische Quartett nun an seinem Debütalbum. Nach einer ersten Single „Madstone“ haben Fiordmoss vor zwei Wochen „Motherland“ veröffentlicht.
Die beiden Vorabstücke aus der bisher noch unbetitelten LP sind zähflüssiger als Teer und so schaurig wie ein norwegischer Sumpf bei Nacht. Die schrillen Synthesizer und der Gesang von Petra Hermanová tragen noch mehr zum Grusel bei, den die an Grime erinnernden Instrumentals hervorrufen. Dass Fiordmoss zu ihrem Label in die deutsche Hauptstadt gezogen sind, ändert nichts an der Finsternis ihrer Musik.
Die zweite Single aus ihrem gemeinsamen Album als Soft Hair
Dass Connan Mockasin die schönsten Haare hat, wussten bereits seine Tourpartner Metronomy. Mit Sam Dust, besser bekannt als LA Priest, hat der Neuseeländer mit der Wasserstoffmatte nun das lange geplante Projekt Soft Hair realisiert. Das Album, das ebenfalls Soft Hair heißt, ist für den 28. Oktober angekündigt. Nach dem Video zur ersten Single „Lying Has to Stop“, in dem es zwischen den beiden knistert wie damals zwischen Serge Gainsbourg und Jane Birkin, gibt es jetzt den neuen Song „In Love“.
Auf dem nicht weniger gefühlvollen „In Love“ durchdringt Dust, der als Samuel Eastgate bei der britischen Dance-Punk Band Late of the Pier angefangen hat, mit seiner klaren Stimme die verrauchte Atmosphäre, die wir von Mockasins zweitem Album Caramel gewöhnt sind. „In Love“ und die anderen Songs von Soft Hair sind nur ein bisschen weniger weird als Mockasins Alben. Dass die Kombo Dust-Mockasin so gut funktioniert, liegt wohl daran, dass Dust seit sechs Jahren in Mockasins Band spielt. Nach Myths 001und Soft Hair dann endlich das Mockasin-DeMarco Album?
Soft Hair erscheint am 28. Oktober auf Weird World/GoodToGo.
Die zweite Edition des kleinen Indoor-Bruders von den Machern des Maifeld Derbys machte Lust auf mehr.
Das Jahr Pause hat dem Elektrik Pony Cup deutlich gut getan und wurde dieses Jahr auf gleich zwei Tage verteilt. Auch die Location wurde neu ausgewählt und so zog man von der Feuerwache rüber ins benachbarte Jugendkulturzentrum, wo man zwei Bühnen bespielen konnte. Der Freitag begann mit Baby Galaxy im Keller, der sich verwirrenderweise im Erdgeschoss befand, was der Stimmung aber keinen Abbruch tat. Die Band aus Maastricht spielte sich wild die Gitarren kaputt und leitete damit einen lauten, noisy Abend ein. Nach dem überzeugenden Auftritt von Nuage, die an Bands wie Messer und Co. erinnern, ging es nicht wie erwartet mit Golf, sondern mit Heim weiter.
Die Kölner Band stand nämlich auf dem Weg von Wien nach Mannheim im Stau und ließ so ungewollt den lustigen Langhaarträgern von Heim den Vortritt. (Wir wollten schon immer einmal eine Schwiegertocher Gesucht-like Alliteration mit einbringen) Diese erfüllten genau wie auch Andalucia, Gewalt und Immanu El die Erwartungen komplett und spielten ihre Sets runter. Kleiner Tipp an die Veranstalter: Ohrstöpsel für die „Anfänger“ bereitstellen, ansonsten muss man den Schmerz halt mit leckerem Woinemer Bier betäuben. Für die sanfteren Ohren bot die Laura Carbone eine gelungene Vorstellung, die wenig neues, aber viel gutes vorzuweisen hatte. Den Vergleich zu PJ Harvey kann hier also durchaus als Kompliment stehen bleiben. Das Highlight des Abends boten aber zweifellos Golf, die sich mit ihrem elektronischen Dada-Indie den Staufrust von der Seele spielten und für eine lockere Stimmung im aufgeheizten Keller sorgten. Ein großes Shoutout geht hier an den Keyboarder Wolfi, der selbst lachend noch eine Kopfstimme hinbekommt von der der Sänger von Scissor Sisters in seinen guten Tagen nur geträumt hat.
Wolfang alias Wolfi von Golf erstaunte mit einer Kopfstimme wie von den Scissor Sisters gelehrt.
Der Samstag zeigte mit The Highbrow und Gringo Mayer, dass auch die regionale Szene etwas aufzuweisen hat. Das erste und vielleicht auch größte Highlight des zweiten Tages lieferten Oum Shatt aus Berlin, die sich zuerst mit ihrem langen Soundcheck und den verschlossenen Türen unbeliebt gemacht haben. Mit etwa 10-minütiger Verspätung ging es los und schnell war der Unmut vergessen. Die Band spielte sich einfach in einen derartigen, arabisch anmutenden Rausch, dass man ihnen kaum noch etwas anheften konnte. Noch komplett geflasht ging es dann weiter zu Bombay aus Amsterdam, die sich selbst von defekten Anlagen nicht verwirrenden haben lassen und ihr Indie-Set wild und sympathisch runtergespielt haben. Mit ihren kleinen Teasern zwischen den Songs haben sie dem Veranstalter Timo Kumpf auch quasi gleich zu verstehen gegeben, dass sie gerne mal auf dem Maifeld Derby auftreten würden. Eine Band, die dieses Gefühl bereits erleben durfte, waren We Were Promised Jetpacks, die wahrscheinlich auch der Hauptgrund waren, dass der Samstag deutlich mehr Publikum gezogen hat als der Freitag.
Die Schotten taten was sie konnten und lieferten ihren Fans eine solide Show ab. Für die Indie-Nerds gab es mit „Quiet Little Voices“ dann auch was für die Disco. Mit gutem White Wine wurde der Abend erfolgreich abgerundet und so konnte man sich getrost noch ein paar Beats bei den Cheesecake Mixtapes gönnen. Eine kleine Klammer sei hier noch der Band Yung gegönnt, die nach ihrem zerstörerischem Auftritt noch ein paar Fußballskills im Flur zur Schau gestellt haben. Aber Jungs, das nächste Mal bitte kein altes Baguette benutzen, das sieht komisch aus! Mit diesen mütterlichen Worten sind wir raus und freuen uns auf das nächste Jahr.
Damit ehemalige Fan-Lieblinge nicht komplett in Vergessenheit geraten, fassen wir die Releases der aktuellen Woche noch einmal für euch zusammen.
The Pigeon Detectives – Lose Control
Was waren das doch für Zeiten, als von Streamingdiensten noch keine Rede war und man sich die Playlists nach Lust und Laune auf Youtube zusammengestallt hat. The Pigeon Detectives durften in solchen Listen natürlich genau so wenig fehlen wie die „plz come to Mexico!! <3 <3 <3“-Kommentare unter den jeweiligen Videos. Mittlerweile schreiben wir das Jahr 2016, Youtube-Playlisten out, die Kommentare sind auf Facebook übergeschwappt und The Pigeon Detectives schaffen es noch nicht einmal in die Online-News des NME. Dabei ist die neue Single „Lose Control“ eigentlich ganz nett geworden und lässt erahnen, dass das Nostalgiegefühl bei der vierten Platte groß sein wird.
Kasabian – Comeback Kid
Kennt ihr schon Alex Hunter? Nein? Bei Jeff Hunter handelt es sich um das Gesicht des neuen Fifa17 Modus‘ The Journey. Da wir aber kein Gaming-Portal sind, hauen wir eine damit verknüpfte News raus und bestätigen, dass es neue Musik von den Prollos von Kasabian gibt, die ja eigentlich auf keine Ausgabe der Fußballsimulation fehlen dürfen. Der Song trägt den passenden Titel „Comeback Kid“ und deutet dezent auf ein baldig erscheinendes Album hin, über das es jedoch noch keine weiteren Informationen gibt.
Pete Doherty – I Don’t Love Anyone (But You’re Not Just Anyone)
Liebe Doherty-Fans, streicht euch doch schon einmal den 2. Dezember ganz fett im Kalender an. An dem Tag erscheint nämlich das zweite Solo-Album des Briten, das den Namen Hamburg Demonstrations trägt. Der Name kommt nicht von ungefähr, so hat Doherty nämlich die letzten Monate in Hamburg gelebt und dort auch zusammen mit dem Produzenten Johan Scheerer ein typisch Pete-esques Album aufgenommen. Die erste Single nennt sich „I Don’t Love Anyone (But You’re Not Just Anyone) und wird diesen wohl auch im November bei der Wiederöffnung des Bataclans in Paris vortragen.
Courteeners – Kitchen
Die Courteeners sind so ein typisch britisches Phänomen. In Deutschland und auch im Rest von Europa blieb der Erfolg weitesgehend aus und doch sind die in Großbritannien und vor allem in der Gegend von Manchester quasi lebende Legenden. Ausverkaufte Hallen und Stadien sind kein Neuland für die Band um Liam Fray, der irgendwann in den dunklen 00er Jahren mal als neuer Gallagher auserkoren wurde. Vielleicht kann er sich den neuen Adeltitel mit der neuen Single „Kitchen“ zum Album The Mapping Rendez Vous ja erkaufen. Falls nicht empfehlen wir ein Bewerbungsschreiben bei Duran Duran. Die Platte erscheint Ende Oktober.
Die Indie-Pop Band wird im November ihren mittlerweile schon vierten Longplayer veröffentlichen.
Als Indie Band hat man es heutzutage nicht mehr leicht. Dies haben auch die vier Musiker von I Heart Sharks am eigenen Leib erfahren müssen. Nach den großen Plattendeals wurde der Druck immer größer, der Sound musste immer mehr in Richtung Radio tendieren und irgendwann platzte die große Indie-Blase und man fängt quasi wieder bei null an. Die Band selber beschreibt diesen Prozess mit folgenden Worten: “The world’s not what it used to be, but neither are we.” Und so kommt es, dass die erste Singleauskopplung „Walls“ aus ihrer bevorstehenden Platte Hideaway zwar wieder eine Weiterentwicklung darstellt, man diesmal aber nicht auf die Besinnung auf die ersten Wurzeln verzichten wollte.
Hideaway erscheint am 11. November und ist das vierte Studioalbum der Band, die aus zwei Engländern, einem New Yorker und einem Deutschen besteht. Um die fast schon typischen Synthesizer + E-Gitarren + verspielte Texte auch an den Mann (Frau) zu bringen, geht die Band auch gleich auf Tour.
„I feel like a helium balloon“: Drei Bands made in Paris, die fröhlich stimmen
Wenn es um Kultur geht, wird Paris seinem Status als Hauptstadt Frankreichs mehr als gerecht. Wie in so vielen Bereichen führen alle Wege früher oder später nach Paris. Mit unzähligen Clubs und Konzertsälen, kleinen wie großen, kann man hier jeden Abend vor die Tür gehen und irgendwo gute Musik erleben. Zwar gibt es eine große Zahl an zugezogenen Musikern – allein von denen, die wir euch bisher vorgestellt haben, stammen Requin Chagrin, Aquaserge, Ariel Ariel, Sahara und Beastie Vee, Disco Anti Napoléon und Forever Pavot aus der französischen Provinz. Aber auch die Bands, die in Paris gegründet wurden und werden, verdienen unsere Aufmerksamkeit. Aus diesem Grund im Folgenden ein Paris Special mit Caandides, dem Newcomer Oko Ebombo und den alteingesessenen Frustration.
Caandides
Es rauscht und pulsiert, Blipps und Andeutungen von Stimmen schaffen den Eindruck, man bewege sich durch Datenströme auf ein unbestimmtes Ziel zu. Eine Gitarre schwirrt durch den musikalischen Cyberspace und plötzlich ist man drin.
Wo drin? Im Klanguniversum von Caandides, einer jungen Pariser Band, die im Februar mit 20° 30′ S 29° 20′ W ihr Debütalbum veröffentlicht hat. „Crossfade“, das geräuschvolle Instrumentalstück, das das Album einleitet, geht nämlich nahtlos in „Winter VI“ über. Entgegen seinem Namen verbreitet jener Song durch den klaren Gesang und einen Beat, den man nur als Chillwave bezeichnen kann, sofort tropische Stimmung. Washed Outs Paracosm und die Madchester Hommage von Jagwar Ma springen als Referenzpunkte hervor.
„Winter VI“ ist einer von mehreren Songs auf 20° 30′ S 29° 20′ W, die Väterchen Frost im Titel tragen. Auf einer vorher veröffentlichten Single finden sich zwei weitere, „Winter IX“ und „Winter VII“. Als Kontrast versteckt sich im Albumtitel die Insel Trindade im Atlantik, 1200 Kilometer östlich vom brasilianischen Vitória. Das passt, was das (Gefühls-)Klima angeht, deutlich besser zur Musik von Caandides.
Den größten Einfluss auf die fünf Franzosen, das kann man anhand von Songs wie „WinterXIII„, „Zero“und „Before the Art“ mit ziemlicher Sicherheit sagen, hatte Merriweather Post Pavilion. Wie Animal Collective 2009 stehen Caandides im Jahr 2016 mit beiden Beinen fest im Kabelgewirr. „Untitled“ zum Beispiel ging von einer MIDI-Skizze aus und wurde nach und nach durch echte Instrumenten ersetzt. Das digitale Verstellen der Stimmen und die Soundeffekte, die wie Insekten durch die Songs fliegen und Chaos erzeugen, kontrastieren mit dem hellen, nicht selten an Airick Woodhead aka Doldrums erinnernden Gesang von Théo Schittuli.
Nicht alle Elemente der flippigen Kompositionen sind indes Computererzeugnisse. Die Akzente, die Schittuli und Dylan Collins mit ihren Gitarren setzen und auf den frühen Songs noch verstärkt den Folk Einfluss bezeugen, sind wichtig für das Gleichgewicht organisch–digital. Live überwiegen ebenfalls die Instrumente, wie ihr im Video unten sehen könnt.
Auch wenn man Caandides ihre Vorbilder anhört, steht die Band, die 2011 von Collins, Schittuli und Jules Négrier gegründet wurde, keinesfalls in deren Schatten. Neben dem auf dem französischen Label Cracki Records erschienenen 20° 30′ S 29° 20′ W und seiner Remix EP 70° 30′ N 151° 40′ E haben die fünf digital natives 2012 eine EP Before theArt veröffentlicht. Ein weiteres Album hätte 2013 folgen sollen, doch die im Taxi verlorene Festplatte mit den fast fertigen Songs ist nie wieder aufgetaucht. Stattdessen gab es im August desselben Jahres unter demselben Titel, Half-A-Beat Vol. 2, „die Spur eines Albums das hätte sein können und nie sein wird“.
Half-A-Beat Vol. 2 und Before the Art könnt ihr euch auf Bandcamp anhören, 20° 30′ S und 70° 30′ N findet ihr auf Spotify. Facebook und Soundcloud haben sie auch, im Oktober geben sie außerdem vier Konzerte in Paris und Troyes.
Oko Ebombo
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Im 10. Arrondissement von Paris gibt es außer den Bahnhöfen Gare du Nord und Gare de l’Est nicht viel Interessantes, vor allem nicht, was Kultur angeht. Ein paar Theater und die Médiathèque Françoise Sagan und da hört es schon auf. Und Oko Ebombo, einen Performer, Tänzer, Poeten, Model und neuerdings Musiker. Im 10. aufgewachsen und inzwischen in Portland und Paris zuhause, hat der Tausendsassa gerade seine erste EP Naked Life vorgestellt.
Auf Naked Life sind neben Ebombo die Musiker des Kollektiv 19 zu hören, die schon seit 2009 ihren von R&B, Soul und Funk inspirierten Electrojazz zur Basis von Ebombos Gesang machen. Die fünf Songs der EP bewegen sich ebenfalls in diesem Milieu, gespickt mit viel Pathos und einer gewissen Dringlichkeit in „Niggality“. Der Titeltrack nutzt etwas mehr als der Rest die schillernden Synthesizer und erzeugt die inzwischen allgegenwärtige vernebelte Stimmung von sinnlichem Slow Funk.
Mit „Black Bowie“ erweist der Künstler dem ebenfalls sehr facettenreichen Starman seine Ehre. „You want to see the stars / no matter who they are,“ singt er, während der dunkle Bassbeat einer Akustikgitarre weicht, die direkt aus „Space Oddity“ zu kommen scheint. Den Titel und das Saxofonsolo, mit dem „Black Bowie“ ausklingt, kann man ebenfalls als Referenz an dessen letztes Album verstehen.
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Die Naked Life EP kann bei LesInrocks gestreamt und auf Bandcamp käuflich erworben werden. Die Facebook-Seite von Oko Ebombo und 19 findet ihr hier.
Frustration
Wie Caandides und Oko Ebombo stammen Frustration aus Paris, doch wie ihr Name schon andeutet ist ihre Musik deutlich rauer. Schepperndes Schlagzeug, dröhnende Synths, die vorrangig als Rhythmusinstrumente dienen, wütende Gitarren. Fabrice Gilbert singt wie einst Ian Curtis voller Drangsal und industriellem Schwermut, nur heißblütiger. Logisch, dass sie zuletzt mit den Sleaford Mods auf Tour waren und mit Cheveu ein Konzert in einem Gefängnis gegeben haben.
Vor zehn Jahren waren sie die erste Band, die auf dem Label Born Bad ein Album veröffentlichen durfte. Seitdem ist Born Bad zu einer Institution geworden, besonders wenn es um Punk Rock, Post-Punk, Coldwave und sonstige kratzige Musik aus dem Hexagon angeht. Aber auch psychedelische Musik findet man dort, Forever Pavot zum Beispiel oder La Femme, die gerade ihr zweites Album Mystère auf dem Label veröffentlicht haben.
Das Quintett um Gilbert ist mitgewachsen und inzwischen beim dritten Langspieler angekommen. Von unzähligen EPs und Singles mal abgesehen, die sie seit ihrer Gründung 2002 veröffentlicht haben. Den ersten Ausschnitt aus Empire of Shame könnt ihr euch oben anhören, unter dem Titel „Cause You Ran Away“ drehen Frustration ab in Richtung, naja, nennen wir es Disco. Wobei vom Glanz der 70er kaum was zu hören ist, sondern eher die geballte Desillusion ein Jahrzehnt später.
Frustration findet ihr auf Spotify, Facebook und Bandcamp. Am 30. September spielt die Band im Triptychon in Münster. Die doppelte Releaseparty für Empire of Shame findet am 12. und 13. Oktober in der Pariser Maroquinerie statt. Empire of Shame erscheint am 14. Oktober auf Born Bad Records.
Spanien hat Hinds, Deutschland hat Gurr und Gurr haben ein neues Video.
Dass LoFi-Pop eine treibende Kraft sein kann, wissen wir nicht erst seit dem Debüt von Hinds. Nun gibt es aber halt auch diese neue Berliner Band namens Gurr, die das Game mit einem erfrischenden Dilettantismus noch einmal neu aufmischt. Schwebenden Reverb-Gitarren und Vocals, die an frühere, wilden Zeiten erinnern, zeichnen die Songs der beiden Freundinnen aus. Durch die enge Bindung der Musikerinnen hört man immer wieder den Witz von Insidern heraus, die den jeweiligen Nummern diese gewisse Portion Witz verleihen.
Kein Wunder also, dass Gurr mittlerweile auf jedem Newcomer-Festival gefeiert werden und auch das baldige Erscheinen ihres Debütalbums schon mit Spannung erwartet wird. Wir dürfen also gespannt sein wie sehr die Platte namens In My Head nach Berliner Wahl-Schnauze klingen wird oder ob der West-Coast-Vibe doch weiterhin stringent aber nicht sturr durchgezogen wird. Bis es so weit ist, gibt es aber erst einmal das Video zu ihrer Single „Walnuts“ auf die Augen.
In der Maroquinerie stand der Freitag Abend ganz unter dem Sternzeichen der Monotonie. Um etwas genauer zu sein: Der Konzertsaal in Ménilmontant, dem hippen 20. Arrondissement von Paris, lud in Kooperation mit dem Magazin Gonzaï zu einer Gonzaï Night ein. Die drei Bands, die für die Musik sorgten – Camera, Vox Low und Fujiya & Miyagi – bewegen sich, grob gesagt, im Bereich Kraut- und Synthrock. Repetitive, gleichmäßige Musik, im Fall von Camera tatsächlich immer auf einem Grundton aufbauende Rhythmusekstasen. Gewollte Monotonie also, auch wenn man am Ende des Abends den Eindruck hatte, man hätte der Reunion von LCD Soundsystem beigewohnt. Aber dazu kommen wir noch.
Erstmal darf das Trio Camera aus Berlin das Publikum über die Freuden des Krautrock aufklären. Angesichts der Tatsache, dass ein nicht unbeachtlicher Teil der Zuschauer Jahrgang 1970 und älter ist, bedarf es allerdings keiner Lehrstunde in Sachen Can und Neu!. Leider haben Camera Verspätung und daher nur eine halbe Stunde Spielzeit zur Verfügung. Die nutzen sie umso mehr, die Hektik und der Frust finden ihr Ventil in der bis zum Anschlag motorisierten Musik. Kurz bevor die Trance einsetzt, stürzt Drummer Michael Drummer (sic!) sichtlich genervt von der Bühne und lässt seine beiden Mitmusiker ratlos zurück. Der Gitarrist rammt noch ein paar mal sein Instrument in den Boden. Ende des Konzerts.
Während das Set von Camera in heftigen Emotionen geendet hat, ist das von Vox Low geradezu emotionslos. Ihr Coldwave hat weder Farbe noch Veränderung, der simple 4/4 Beat geht einem schon nach dem dritten Song auf die Nerven. Das Quartett wirkt mit seiner doch recht platten Musik etwas fehl am Platz, wurde es von Gonzaï im Vorfeld fälschlicherweise auch als Krautrock bezeichnet – Basstriolen und alte Synths machen noch keinen Krautrock aus, sorry. Trotzdem schaffen es die Pariser, mit ihrer explosiven und ekstatischen Show das Publikum zu begeistern. Am Ende finden sich sogar zwei ausgefeiltere, rhythmisch und harmonisch anspruchsvollere Songs. Auch wenn sie nicht die „Zukunft des französischen Electro“ (Gonzaï) sind, emulieren sie im Endeffekt doch ganz gut die dunklen Seiten seiner Vergangenheit.
Schon von den ersten Tönen an wippen die Füße, Köpfe und Hüften. Je weiter der Abend fortschreitet, desto mehr wähnt man sich bei einem illegalen Tanzwettbewerb.
A propos Vergangenheit: Erinnert ihr euch an den Dance-Punk der Nuller Jahre? Out Hud, LCD Soundsystem, the Rapture, all diese Bands, die den Glamour und die Sexyness von Disco mit der Energie und der Räudigkeit von Punk durchsetzt haben? David Best und Steve Lewis waren und sind noch Teil jener Szene mit ihrer Band Fujiya & Miyagi. Im Jahr 2000 gegründet, wurden sie mit ihrem dritten Album Lightbulbs und dem Song „UH“einer breiteren Öffentlichkeit bekannt.
Acht Jahre später haben sie zwei weitere Album veröffentlicht, eine EP-Trilogie ist auch unterwegs. Genug Material also, um den vollen Saal der Maroquinerie zum Tanzen zu bringen. Schon von den ersten Tönen an wippen die Füße, Köpfe und Hüften. Je weiter der Abend fortschreitet, desto mehr wähnt man sich bei einem illegalen Tanzwettbewerb. Best, Sänger und Kopf der Band, flüstert mehr als dass er singt und fixiert währenddessen die Tanzfläche mit seinem stoischen Blick. Während der ersten beiden Songs versteht man erneut nicht ganz, warum im Vorfeld von Krautrock die Rede war, Fujiya & Miyagi sind doch offensichtlich Disco Freaks, oder?
In Wirklichkeit steht die Band, die sich nach einem Charakter aus Karate Kid und einer Plattenspielermarke benannt hat, ein Stück abseits von den üblichen Dance-Punk Formationen. Parallel zu den minimalistisch-psychedelischen Exzessen der genialen Clinic haben Fujiya & Miyagi einen Weg gefunden, den hypnotischen Effekt und die ewige Hipness von Krautrock in das ansonsten recht ausgelutschte Genre des Dance-Punk zu importieren.
Anderthalb Stunden lang hat man den seltsamen Eindruck, zwei Konzerten beizuwohnen, so oft wechseln Best und Co vom Tanz- in den Trancemodus. Nach einer Zugabe, während der sie auch den neuen Song „Outstripping (The Speed of Light)“ von der im Oktober erscheinenden EP 2 spielen, holen sich die Briten ihren verdienten Applaus ab. Mittvierziger dazu zu bringen, so ohne Scham mit sämtlichen Körperteilen zu tanzen wie es sonst nur Teenager tun, die noch nicht wissen, wie man „cool“ tanzt – das schaffen nur wenige Bands.