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MGMT – Little Dark Age

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Andrew VanWyngarden und Ben Goldwasser arbeiten sich nach der Jamsession des Vorgängers auf ihrem vierten Studioalbum Little Dark Age wieder methodisch am Ideal des minimalistischen Popsongs ab, was für MGMT dieses Mal mal mehr, mal weniger aufgeht.

„We should steal this song“ hört man Andrew VanWyngarden Ben Goldwasser über den Online-Chat zuflüstern, beiden läuft eine Träne über die Wange, VanWyngarden sitzt gebannt im Bett, Mund und Hände schokoladig verschmiert. Die Smartphones, über die kommuniziert wird, sind eingehüllt in eine rosa-fleischige Hülle, die an leblose Organe erinnert. Nach Betrachtung des Videos zur dritten Single „Me and Michael“, die hier genauer beschrieben wird, stellt man schnell fest: Aha, MGMT also immer noch gut im surrealistischen Video Game drin, soweit so gut, hat man auch schon mal alles so gesehen, macht trotzdem Spaß. Surrealistisches Herumgealbere trifft auf dadaistische Wirkung, trifft auf einen wirklich guten Popsong. Letzteren haben MGMT auf ihrem 2013 erschienen Album MGMT vermieden, das Experiment zielloser Songs, unstrukturierter Kompositionen und absichtlich entfremdeter Strukturen führte nicht nur zum Augenrollen der eigenen Fans, sondern auch zur temporären Vergessenheit der einstigen Indie Lieblinge aus New York. Auf Little Dark Age kehrt nun die Melodie und zurück, VanWyngarden lässt in Interviews wissen, man habe bewusst wieder methodischer gearbeitet. Seit letzter Woche ist es nun erschienen, dieses vierte Studioalbum des Duos, das hiermit seine Rückkehr in die ewig ungenügsamen Herzen der Fans des ersten Albums Oracular Spectacular antritt, im Gepäck schnelle Muntermacher, sich nach und nach in’s System schleichende Langzeitwirkungen und, nicht wirklich versteckt, auch ein paar geschmacksneutrale Placebos.

Im Video sieht’s aus wie Robert Smith, im Song klingt’s wie eine beschleunigte, elektronische Verbeugung vor der Spontanität eines Talking Heads Songs.

„Get ready to have some fun“ ruft die programmiert klingende Stimme eines Fitness Trainings und der Beat stolpert klirrend durch das Intro des kleinen dunklen Zeitalters von MGMT. „She works out too much“ lässt früh erkennen, was konzeptuell auf Albumlänge durchgehalten werden soll: 80s Drums, Synthiedecken, krude Lyrics, welcome to the shitshow. Da sind natürlich die spontanen Saxophon Samples, roboterhaft verzerrte Vocals oder die schräg klingenden Pianos, die mal lustig, schnell nervig, aber eigentlich nie unangepasst wirken. Weg von der freien Performance, hin und ein wenig zurück zur Struktur eines Popsongs mit Schräglage. Der Titeltrack interpretiert jene Orientierung retroperspektivisch und macht damit einen weiteren Aspekt der Umorientierung MGMTs gegenüber der letzten Projekte offensichtlich: Im Video sieht’s aus wie Robert Smith, im Song klingt’s wie eine beschleunigte, elektronische Verbeugung vor der Spontanität eines Talking Heads Songs.

Was den Abstecher in die einsamen Gefilde der ungehörten Experimentmusik hätte darstellen können, wird auf Little Dark Age vor allem mit Songs wie „When You Die“, das beschwingt vor sich hin plätschert und dem auch ein wiederholtes „Go fuck yourself“ VanWyngardens nichts an spielerischem Charme nimmt oder der 80s Syntie Pop Schwärmerei „Me and Michael“ zur todsicheren, wenn auch originellen Wiederaufnahme in den Kreis der zeitgenössischen Indie Größen. Fast zu sauber ausproduziert, zu schlank auf die elegante Form der hymnenartigen Melodie ragt gerade die letzte Woche erschienene Single ein ganzes Stück in die Langeweile der Retro-Revivals, des Authentizitätsverlusts und in die Frage „Wohin soll’s denn nun gehen?“

Im Song „TSLAMP“ werden für einen Moment die Lyrics deutlich eindimensionaler, die Sucht auf das eigene Smartphone zu schauen im Gewand eines nicht mehr als lückenfüllenden Nebensongs wird in klaren Bildern versucht kritisch zu hinterfragen. Wenn dieses Experiment der eigentlich durchgängig ironisch-sinnlos gehaltenen Texte hier durch den etwas plumpen Versuch sozio-kritischer Aussagen gebrochen wird, könnte man meinen, MGMT sind sich selbst noch nicht so wirklich sicher, was denn das dunkle am Little Dark Age sein soll. Nach dem ähnlich inkonsequenten „One Thing Left To Try“, findet sich in den abschließenden Titeln „When You’re Small“ und „Hand It Over“ eine stille Qualität der Band wieder, die viel zu selten neben den journalistischen Lobeshymnen auf Euphorie und Ekstase Platz zu finden scheint, nämlich die der leicht psychedelischen, aber immer stark melancholischen Ballade. Ausgeglichen produziert, nehmen die ruhigen Vocals, die elektronisch bluesartigen Gitarren, vereinzelte Streicherpassagen und weich gestrichene Drums dem Album seine mitunter überzeichnete Exaltiertheit und eröffnen der Band eine Hintertür, durch die sich die Protagonisten der Frage nach Ausrichtung oder Absicht mit kurzem Knicks zum Publikum entziehen können. Letzteres klatscht Beifall, beruhigt, erstaunt und ein wenig belustigt.

Die Sinnlosigkeit war schon immer existentieller Antrieb.

Auch wenn MGMT vor Veröffentlichung ihres wie immer zehn Songs umfassenden Albums in Interviews wiederholt darauf zu sprechen kamen, was es denn nun heißt, Amerikaner*in mit einem Präsidenten Donald Trump zu sein, finden sich hierzu auf dem Album nahezu keine Anspielungen. Die Sinnlosigkeit war schon immer existentieller Antrieb hinter eigentlich unsinnigen Lyrics und Aussagen des Duos und eben nicht die klare, politische Stellungnahme, pointiert und realitätsnah, konkret und scharfsinnig. Das verschwimmende ironische Element, das die Forderung nach gerechter Tantiemen Auszahlung in „Hand It Over“ ausmacht, findet sich auch in Metaphern wie den schier überdramatischen Bomben, die in „Me And Michael“ vom Himmel fallen oder dem Trauern auf Stereo Kanälen im Titelsong. Zum wiederholten Male vermeiden Goldwasser und VanWyngarden die wirklich tiefere Bedeutung zugunsten tanzbarer Popsongs, deren schwelgende Melodien über die konstruierte Einfachheit von Zeilen wie „When you’re small, you’re not very big at all“ hinwegstreichen. Ein Album ohne Fragen benötigt keine Antworten, könnte man meinen. Wenn dann VanWyngarden und Goldwasser zwischendurch mit halbgarer Gesellschaftskritik aus dem Konzept ihrer Kommunikationsentfremdung herausschleichen und sich für einen kurzen Moment nicht nicht ernst nehmen, stockt die eigentlich so angenehm einlullende Verwirrungstaktik und es kommt die Frage auf: Wie ernsthaft meinen sie’s denn mit dem omnipräsenten Klamauk, der Little Dark Age hätte sein können? Oder soll das dann das Dunkle im Dark Age sein? Wenn ja, ist die Ernsthaftigkeit hemmungslos verloren gegenüber der bunten Masse an Unsinn, der seinen Hörer*inenn die zehn Songs über die Augen zuhält.

Funktionierende Popsongs und davon nicht zu wenige, ab und an sogar euphorisch aufgeladen und gleich einem Dackel, der seit Wochen kein Schweineohr mehr zwischen den schlecht gepflegten Beißern gespürt hat, werfen sich Hörerschaft und Kritik sehnsüchtig auf Little Dark Age. Ein zweites Oracular Spectacular muss es sein, die Zusammenhänge sind offensichtlich und das eigene Bedürfnis, diese zu erkennen übermächtig. Seit dem ersten Album war das ja auch alles nichts, was von den einstigen Helden der Teenage Depression oder der Früh-Adoleszenz drei Alben lang veröffentlicht wurde. Dass MGMT damit noch mehr zum One-Hit-Wonder verkommen, Little Dark Age zum schlichten Katalysator für das Revival von „Time To Pretend“ auf der Indie Tanzfläche und der romantischen Nostalgie Vorstellung seiner Fans wird, geschenkt. Erkannt wird, was erkannt werden soll, vergessen wird, dass Songs wie „Kids“ als genau das gedacht waren, zu dessen Gegenteil sie geworden sind: Ironische Persiflagen kommerzieller Pop Hits. MGMT schwimmen mit ihrem vierten Album sicher wieder näher am Mainstream als vor vier Jahren, zeigen sich 2018 aber immer noch desinteressierter denn je was Genre, Zugänglichkeit oder Inhalt angeht und behalten sich damit die originellen Stilmittel der vorangegangenen Titel bei. Es läuft nicht alles so geplant ziellos, wie es laufen soll auf Little Dark Age und dennoch finden MGMT in den Hauptabschnitten stetig zur größten Qualität ihres musikalischen Schaffens zurück: Hinter dem Konstrukt der komplizierter wirkenden als eigentlich gemeinten Begriffslosigkeit, findet sich ein lustvoller Spaß mit Hang zur betrunkenen, fröhlich-ausgeladenen Melancholie. Die Kids sind alright.

Beste Songs: Little Dark Age, When You Die, Hand It Over

Veröffentlicht: 09.02.2018 // Columbia Records

Das Maifeld Derby bestätigt The Kills in großer Bandwelle

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Das Maifeld Derby in Mannheim hat gleich 28 neue Acts in einer großen Bandwelle bestätigt. Mit dabei sind Acts wie The Kills, Black Rebel Motorcycle Club, Rhye oder Gus Daperton.

Eines der cutesten Festivals in ganz Deutschland hat passend zum Tag der Liebe gleich 28. neue Acts bekanntgegeben. Als große Big Names fallen einem gleich Acts wie The Kills, Jon Hopkins oder Rhye auf. Aber auch die Lederjacken + Skinny Jeans Kombo von Black Rebel Motorcycle Club treten auf dem Maifeld Derby auf. Das Festival findet vom 15. bis zum 17. Juni auf dem Maimarktgelände in Mannheim statt und ist bekannt für sein ausgefallenes Line-Up fernab von den üblichen Bandwellen, die man mit bisschen Feingefühl und ein wenig Übung doch relativ schnell erahnen kann.

Zudem beweist das Maifeld Derby auch immer einen sehr feinen Riecher, wenn es darum geht Neuentdeckungen bereits früh für sein Publikum zu entdecken. So treten dieses Jahr beispielsweise Acts wie Gus Daperton, Leyya oder This Is The Kit auf. Ein Herz für nationale und vor allem Regionale Bands hat das Maifeld mit dem Booking von Gringo Mayer oder Euternase außerdem bewiesen. Die komplette Bandwelle ist hier aufgelistet: The Kills, Black Rebel Motorcycle Club, Rhye, Jon Hopkins, Neurosis, Kat Frankie, Wolves In The Throne Room, Gus Daperton, This Is The Kit, Goldroger, Leyya, Ilgen-Nur, Chocolat, 5k HD, V.O., Phantom Winter, Criminal Body, Heads., MALM, Euternase, Hysterese Mannheim, Die Rauchende Spiegel, Bawrence Of Aralia, Franka, BAL, Luke Noa, Finn Lynden und Gringo Mayer.

Mehr Infos zum Festival findet ihr auf unserer Festival-Seite.

 

Rina Sawayama veröffentlicht den Anti-Valentinssong „Valentine (What’s It Gonna Be)“

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Viel Millenium RnB und eine Anti-Haltung. Mit Rina Sawayamas „Valentine (What’s It Gonna Be)“ kommt ihr durch den Tag.

Der Feuilleton spricht bereits von der nächsten Future-Pop Ikone. Rina Sawayama macht mit ihrem Mix aus Millenium RnB und Candyshop-Pop momentan alle cray cray und so möchte sie mit ihrer Single „Valentine (What’s It Gonna Be) wieder alle auf den Boden der Tatsachen zurückholen. Die Single erinnert an die späten 90er oder an die Anfänge der 00er Jahre in denen Nelly noch mit Pflaster durch die Musikvideos von MTV TRL gehüpft ist und Usher mit Alicia Keys „My Boo“ performt hat.

Der energiegeladene Song wurde von Clarence Clarity produziert und ist ihrer Aussage nach ein Anti-Valentinssong. „Es ist ein Anti-Valentine Song für diejenigen, die ein wenig Action ohne Hintergedanken haben wollen. Es muss nicht immer alles den veralteten Konventionen der heterosexuellen Monogamy entsprechen.“ Es ist der erste Song, der seit ihrem Mini-Album „RINA“ erschienen ist. Die Musik von Rina Sawayama greift Themenbereiche wie die anglo-japanische Kultur oder die Angst vor dem Offline Leben auf.

Sei ein Faber im Wind – Gewinne 1×2 Karten für das Konzert von Faber in Heidelberg

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Am 22. Februar spielt Faber in der Heidelberger halle02 und The Postie verlost 1×2 Karten für das Konzert

Wer bei Faber an Sekt oder Max Frisch denkt, dem ist weit gefehlt. Vielmehr singt der Schweizer über das was er denkt, und das mit voller Hingabe. Auf seinen Live-Shows beeindruckt Faber sein Publikum mit seiner Attitude und vergisst dabei stets das Flirten nicht. Seine Musik ist eine Mischung aus Indie, Folk, Klezmer und Balkanfolklore oder auch schlichtweg Akustik-Punk für Mädchen, wie der Singer-Songwriter seinen Sound gegenüber Laut.de in einem Interview einst beschrieben hat.

Mit seinen herrlich satirischen und direkten Texten trifft Faber den Zahn der Zeit und nimmt nie ein Blatt vor den Mund. Daneben versteht es der Schweizer live die Menge zu unterhalten. Faber ist authentisch und zwar so authentisch, das es schon wieder inszeniert wirkt – oder ist das alles nur Teil der Faber-Show? Sein Sound klingt mal schräg, mal wild, mal schwermütig, mal launisch, doch stets vielseitig und nie staubtrocken.

Musikalische Vielfalt und satirische Texte

Auf seiner Deutschlandtour präsentiert Faber sein aktuelles Debütalbum „Sei ein Faber im Wind“ und überzeugt vor allem durch seine musikalische Vielfalt aus Gitarren, Geigen, Posaunen und Klavier sowie seinen Texten, die stets zum Schmunzeln anregen.

The Postie verlost 1×2 Gästelistenplätze für das Konzert von Faber am 22. Februar in der halle02 in Heidelberg. Die Bedingungen für den Lostopf sind das Liken des FB-Posts, unserer Facebook Page und das Verlinken eurer Begleitung. Der Einsendeschluss ist der 20.02 um 20:00. Die Allgemeinen Teilnahmebedingungen könnt ihr hier nachlesen.

Tickets gibt’s hier.

Iceage veröffentlichen neue Single „Catch It“

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Iceage aus Kopenhagen veröffentlichen mit „Catch It“ den ersten Song seit ihrem Debütalbum „Plowing Into The Field of Love.“

„Catch It“ ist der erste neue Song seit vier Jahren, den die Dänen von Iceage veröffentlichen und ihr Comeback könnte kaum stärker sein. Soundtechnisch ganz nach Nick Cave and The Bad Seeds bewegen sich die vier Dänen irgendwo im Post-Punk, der durch seine Auslegung immer irgendwie an Peaky Blindern oder alter Westernfilme erinnert. Die neueste Single „Catch It“ bewegt sich wiederum noch tiefer in die dunkelsten, düstersten Ecken des Genres.

Eine schleppende, recht schlicht gehaltene Melodie zieht sich durch den Song, wie ein hinkender Kämpfer nach einer Schlägerei. Dominiert wird der Track durch die Vocals des Frontmannes Elias Bender Rønnenfelt. Er versteht es wie kaum ein anderer mit seinem Mikrofon zu verschmelzen und so rotzt er die poetischen Lyrics vor sich hin und moniert beispielsweise: „Time moves forward quickly / Moves in twenty-four-hour segments / Racing for the soul to grab chokehold.“ Das Video zu „Catch It“ kommt von Adam Hashemi und wurde in Lost Angeles gedreht. Gegen Ende des Clips taucht David Dastmalchian auf, den man von Twin Peaks kennt. Er ist kurz mit seiner Tochter zu sehen.

Pizzagirl mit neuer Veröffentlichung „Carseat“

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Pizzagirl // Pizzamum

Spoiler: Hier handelt es sich nicht um eine Lady und auch nicht um eine, die bei Lieferheld tätig ist. Anstelle einer Pizza, wird ein gediegenes Stück Automusik serviert. Mit „Carseat“ werden sanfte Elektrotöne geliefert.

Wie bereits zu Anfang erwähnt, handelt es sich bei Pizzagirl nicht um eine weibliche Künstlerin. Hinter dem Namen steckt der Liverpooler Liam Brown mit seinem Soloprojekt. Vom Schreiben der Songs über das Aufnehmen und schließlich das Produzieren seiner Musik, macht er alles in Eigenarbeit.

„Nightcall“ von Kavinsky, den meisten wohl bekannt aus dem Film „Drive“, gehört wohl zu den prominentesten Songs, die man während einer Autofahrt sehr gerne begleitend hört. Insgesamt scheint Automusik etwas zu sein, das sich einige Künstler für 2018 auf die Fahne geschrieben haben. Zuletzt James Blake mit „If The Car Beside You Moves Ahead“. So düster, wie Blake, kommt Pizzagirl nicht daher. Zwar dominiert auch hier der elektronische Beat, doch deutlich sanfter und gediegener. Der Beat lädt zum Kopfwippen ein, was durch die ruhige Stimme Browns unterstützt wird, die hier und da mit etwas Hall versehen ist. Er selbst kündigte vergangenen Freitag seinen neuen Song mit diesen Worten an: „Strap in, get cosy and treat your ears to my steamin‘ hot new tune ‚Carseat’“. Damit hat er selbst wohl alles gesagt und dem kann nur zugestimmt werden. Denn der Song nimmt im wahrsten Sinne des Wortes gut Fahrt auf.

Bereits vor einem Monat veröffentlichte Pizzagirl den Track „Favourite Song“, der sich wiederum eher mit Kavinskys Song vergleichen lässt. Denn dieser Track weist intensive Züge an Synie-Pop auf, ein 80er-Sound lässt sich ebenfalls feststellen. Auch hier erwähnt Pizzagirl eine Autofahrt und wie er von einer Party zurückfährt – mit seinem Lieblingssong. Man darf gespannt sein, was man von Liam Brown noch hören wird. „Carseat“ ist definitiv gediegene Automusik. Vielleicht ein neuer Favourite Song für die nächste längere, aber auch kürzere Autofahrt.

Die besten Newcomer aus Belgien, den Niederlanden und Deutschland kuratiert zusammen mit The Daily Indie und Dansende Beren

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© Yannick Philippe

Über den Tellerrand ist oftmals leichter gesagt, als getan. Aus diesem Grund haben wir für euch jeweils fünf Newcomer aus den Niederlanden und Belgien von Musikblogs des jeweiligen Landes kuratieren lassen. Europa lebt!

Selbst in Zeiten der Digitalisierung und einem ständigen Wechselfluss von Informationen gehen doch oftmals viele, spannenden Acts unter. Aus dieser Tatsache heraus ist die Idee entstanden sich die heißesten Newcomer gegenseitig über die Landesgrenzen hinweg zuzuspielen. In Zusammenarbeit mit dem niederländischen Print und Online-Magazin The Daily Indie und dem belgischen Musikmag Dansende Beren ist eine Hotlist für das Jahr 2018 entstanden, die den europäischen Gedanken auf die Musik überträgt.

Den Beginn macht Dirk Baart für The Daily Indie und stellt uns fünf sehr unterschiedliche Acts vor, die momentan in den Niederlanden allesamt einen gewissen Hype haben. Weitergeführt wird die Liste von Niels Bruwier, dem Gründer von Dansende Beren, der sogar einen deutschsprachigen Act aus dem Hut zaubert. Abgeschlossen wird die Liste von unseren Tipps, den wir den beiden Magazinen zukommen haben lassen.

Eine Zusammenarbeit von The Daily Indie, Dansende Beren & The Postie.

 

 

Korfbal (NL)

Aus irgendeinem unerklärlichen Grund gibt es momentan in den Niederlanden einen Haufen Bands, die weniger hippe Instrumente wieder aufleben lassen. Wer jetzt jedoch denkt, dass es dabei nur um Fun geht, liegt falsch: die neue Welle nimmt ihre Gitarrenmusik sehr ernst. Ein gutes Beispiel dafür ist Pip Blom, die mit ihrem Laid Back Slacker-Song aus Amsterdam bekannt geworden ist, dabei gibt es außerhalb der Hauptstadt noch viel spannendere Musik. Irgendwo in der Umgebung von der nördlichen Stadt Dokkum zum Beispiel. Korfbal sind Jaap van de Velde (Yuko Yuko, The Homesick), Leon Harms (Vox von Braun), Marnix Visscher und Jesper Vos (Creey Karpis). Letztes Jahr haben sie ihre Debüt-EP „Hitkrant“ veröffentlicht, die vier ziemlich rough klingende aber clever geschriebene Songs beinhaltet, die sehr schnell süchtig machen. Man kann sich also getrost schon mal auf Material vorbereiten, das irgendwo zwischen den besten Arctic Monkeys B-Sides und dem energiegeladenen Post-Punk von The Oh Sees liegt.

Pitou (NL)

Auf die Frage, wer momentan die niederländische Musikszene beherrscht, darf es keine zwei Meinungen geben: Frauen. Und das immer stärker. Letztes Jahr haben mit der Minimalistin Luwten und dem zukünftigen Pop Star Naaz gleich zwei Künstlerinnen den Durchbruch geschafft. Ähnliches könnte dieses Jahr Pitou Nicolaes gelingen. Pitou ist eine 23-jährige Folk-Sängerin, die einen Abschluss in klassischer Musik hat. Dies schimmert auch immer wieder in ihren himmlischen Songs durch, die aber genau so Spuren von Laura Marlings mysteriösesten Momenten aufblicken lassen. Der Song „Problems“ besticht durch aufwendig arrangierte Elemente, die das Thema der (verlorenen) Liebe aufgreifen. Der heimliche Star ihrer Musik ist womöglich aber ihre Stimme. Verwunderlich ist das nicht, wenn man bedenkt, dass sie in ihrer Kindheit im nationalen Chor gesungen hat und mal eben so die Matthäus-Passion von Bach vorgetragen hat. Der Versuch sich den extrem persönlichen Komposition Pitous nicht zu verfallen, wird mit großer Wahrscheinlichkeit scheitern. Dieses Jahr soll auch noch mehr Band-lastige Musik von der Musikerin erscheinen.

EUT (NL)

Nineties-Nostalgia ist zugegeben kein neues Phänomen und doch klingt die fünfköpfige Band EUT so fresh wie Damon Albarn’s Face noch ausgesehen hat, als Blur gerade so ein neues Ding in der britischen Musikszene geworden sind. Das war vor zwanzig Jahren. Mit dem Erfolg ihrer Debüt-Single „Supplies“, in der es um das Verstecken von deinen Drogen an den dunkelsten Ecken geht, wurden Eut sehr schnell die neuen Darlings auf dem Popronde Festival, das eine Art reisendes Festival für Newcomer ist. Angeführt wird die Band von der charismatischen Frontfrau Megan de Klerk. Derart catchy Musik wie die von den Schulfreunden EUT, haben die Bühnen der Niederlanden lange nicht mehr auf die Ohren bekommen. Ihr verschrobener Genre-Mix spuckt einen Post-Alles-Mix aus, der perfekt in die weirde Pop-Zeit der St. Vincents, Lordes und so weiter passt. Es scheint, als würde der Hype um EUT mit jeder Single größer und größer werden und Superstardom steht bereits vor der Tür.

Arp Frique (NL)

Es mag weird klingen, vielleicht ist es auch weird, aber es scheint so, als wären die feuchten, niederländischen Polders die perfekte Geburtsstätte für exotische Banger, die einem so richtig einheizen. Das niederländisch-türkische Psych-Rock-Kollektiv Altın Gün und die Mauskovic Dance Band (sehr passender Name) zählen sicherlich zu den der prominenteren Vertretern des Genres aber der vielversprechendste Acts sind zweifellos Arp Frique. Das Projekt des in Rotterdam lebenden Niels Nieubord bringt eine bunte Mischung an Musikern zusammen, die die Musik aus Surinam und Kap Verde huldigen. In einem Boogie Wonderland aus Synthesizern und treibenden Afro Beats hat Arp Frique eine kreative Niche gefunden, die sämtliche musikalische Grenzen auslöschen lässt. Letztes Jahr hat das Projekt eine erste EP namens „Nos Magia“ veröffentlicht, die beim Label Rush Hour erschienen ist. Nieuborg geht regelmäßig mit Musikern aus dem Rush Hour Roster auf Tour und hat sich eine 100% Party-Garantie bei seinen Live-Shows hat erarbeitet. 

Charlie & The Lesbians (NL)

Dafür, dass die Niederlanden doch ein recht kleines Land sind, ist die Musik überraschend vielfältig und kommt in vielen Arten und Styles daher. Spiel und Spaß? Nein, viele Bands hierzulande sprechen lieber die schwierigen Themen des Lebens an. Die roughste und aggressivste Band, die momentan ihr Unwesen treibt sind Eindhovens Antwort auf The Stooges und die Sex Pistols – Charlie & The Lesbians. Charlie Hoeben, der Kopf dieser brachialen Punk-Band ist tagsüber der nette Schuhverkäufer und wird bei Dämmerung zum wahnsinnigem Mad Man. Der auf eine weirde Art und Weise charismatische Caveman führt ein nihilistisches Kabinett der Kuriositäten an und ist bewaffnet mit mephistophelischen Songs, die über den Tod und das Verderben handeln. So ist es schon fast der natürliche Lauf der Dinge, dass das bizarre Quartett so ziemlich jede Venue ein bisschen weniger hübsch verlassen als vor dem Konzert.

Gestapo Knallmuzik (B)

Wie der Name verrät, handelt es sich bei Gestapo Knallmusik tatsächlich um drei deutsche Freunde, die aus unbekannten Gründen in Belgien gelandet sind. Dort machen sie die Bewohner mit ihrer Musik, die es schafft jedem ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, happy. Die Band schreibt lustige pop songs in einer Mischung aus Deutsch und Niederländisch und bei ihren Live-Auftritten schaffen sie es immer eine riesige Party loszutreten. Gestapo Knallmusik spielt so gekonnt mit Clichés, dass sie jeden Zuhörer mit Leichtigkeit in den Bann ihrer umfassenden Bandgeschichte ziehen. Ihre Musik ist dabei so einprägsam, wie einfach. Hits wie “Angela Merkel”, “Schüren mit ein Schürpapier” und “Wir Gehen von Grond” haben sich bereits tief ins kollektive Gedächtnis der Fans eingeprägt. Es ist auf jeden Fall Zeit, dass Gestapo Knallmusik auch außerhalb der Belgischen Grenzen gehört wird, wie zum Beispiel in ihrem Heimatland.

Shht (B)

Es gibt eine ganze belgische Szene, die sich mit absurder Musik befasst. Der neuste Spitzenreiter der lauteren Seite des Spektrums ist Shht. Die Gruppe ist zu gleichen Teilen von Kanye West, den Beatles und Jesus Christus persönlich beeinflusst. Dank ihres quirligen Frontmanns gleichen ihre Liveshows in Sachen Wahnsinn ihrem Studiomaterial. Er scheint immer eine Decke zu finden, von der er hängen kann, ganz zur freunde seines ravenden Publikums. Einige würden vielleicht sagen, dass die verzerrten Vocals anstrengend zu hören sind, aber sie sind genau das, was Shht besonders macht: sie haben das Comeback der Autotune sicher gemacht. Besonders ist allerdings ein Understatement wenn es um Shht geht: Diese Band ist das Neue Absurde.

Danny Blue & The Old Socks (B)

“Nur, weil es keine Wellen gibt, heißt das nicht, dass in Antwerpen nicht gesurft wird.“ Das müssen sich Danny Blue & The Old Socks gedacht haben. Dank ihrer sonnigen Songs, surfen die Einwohner der Stadt, die der Schelde kreuzt jetzt immer Richtung Sommer. Der lebhafte Garage Rock der Gruppe ist positiv und aufregend, weil er nicht übermäßig kompliziert ist. Genau das ist die Stärke der Gruppe, in der Mac DeMarco The Drums und eine Prise Kurt Vile aufeinandertreffen. Einerseits ist das Musik für den Sommer mit einem kalten Bier in der Hand. Andererseits soll dich diese Musik immer in eine sommerliche Stimmung bringen, egal welche Jahreszeit.

Whispering Sons (B)

Whispering Sons ist eine der besten belgischen Post-Punk-Bands die es gibt. Das Quintett besteht aus vier Männern und einer Frau, die sich sehr gut um die Vocals kümmert. Whispering SOns gründeten sich 2013 und veröffentlichten ihre erste EP “Endless Party” 2015. EIn Jahr später gewann die Band die prestigeträchtige Humo’s Rock Rally, was sie in die Ränge von belgischen Legenden wie dEus, Goose und Milow stellte. Im Sommer 2016 spielten Whispering Sons eine herausragende Performanve auf dem Pukkelpop-Festival und seither verbessert sich die Band. Heute spielt die Gruppe mehr im Ausland als in Belgien und so gewinnen sie jeden Tag neue Fans. Whispering Sons ist eine Band für Leute die dem Mondänen entkommen wollen und auch gerne mal das Dunkle in ihnen selbst erkunden. Nie zuvor gab es eine Band die gleichzeitig so düster und so groovy war. Wir flüstern: behaltet sie im Auge.

dirk. (B)

Nachdem er zwei Platten mit der Vampire Weekend beeinflussten Band Protection Patrol Pinkerton herausgebracht hatte, wollte Jelle Denturck (aus dem westflämischen Teil von Tielt) etwas neues starten. Der Frontmann begab sich also in rauere Wasser. In Zusammenarbeit mit schnell versammelten Freunden gründete er dirk, was ursprünglich eher als Spaß gemeint war, als als ernsthafter Karrierewechsel. Drei Jahre und ein dritter Platz bei der Humo’s Rock Rally später ist dirk eine der aufregendsten Rockbands in Belgien. Ihr passendes betiteltes Debüt-Album wurde kürzlich veröffentlicht und wird auf jeden Fall Löcher in deine Fenster, Türen und Wände pusten. So hart kann es werden, wenn diese Jungspunde sich gehen lassen. Ihnen ist es herzlich egal, was man über ihren heavy non-sense Rock und ihre kurzen, klugen Songs mit einem gerissenen Humor denkt. Kurz gesagt: Sies in dirk.

LIA LIA (D)

Die in Berlin lebende Künstlerin LIA LIA ist cool, entspannt und bringt alles mit, was man für Urban Pop Music braucht. Die Tatsache, dass sie bereits rund um den Globus in Metropolen wie Shanghai, Buenos Aires, Santiago und Köln verweilt hat, hört man ihrem Sound deutlich an. Die Vocals sind ziemlich laid back und erinnern in Singles wie „Olymp“ oder „Kids“ manchmal schon auch an K-Pop, dabei sind ihre Themen durchaus ernster. Es geht um Probleme, die eine ganze Generation betreffen und handeln beispielsweise über Videospielsucht oder soziale Phobien. LIA LIA macht genau dies zu ihrer Musik und versucht dabei aber auch immer eine persönliche Ebene mit einzubringen. Man fühlt sich sehr direkt angesprochen und trotzdem kann man sich auch einfach zurücklehnen und den Vibe des Songs genießen.

Search Yiu (D)

Man findet sie in jedem Musikmagazin und jedem Blog – 80’s und 90’s angehauchte Musik. Aber, dass sich ein Musiker ein Vorbild an den 00er Jahren nimmt ist doch verdammt neu. Der in Berlin lebende Search Yiu aka Sören Hochberg macht düsteren RnB, die auf eine Singer/-Songwriter Attitüde trifft. Dieser einzigartige Sound ist irgendwann in der WG zusammen mit Drangsal entstanden, war aber gleich zu höherem berufen. Ein introvertiertes Ding sollte es nie werden. Deswegen arbeitet er mit Dudes wie BLVTH oder Silkersoft zusammen, die mal so Probs von keinem geringeren als Ryan Hemsworth bekommen. Obwohl der Sound von Search Yiu relativ groß klingt, ist die neue Single des Pfälzers recht tricky. In „God Complex“ geht es um Selbstzweifel und den Versuch Antworten zu finden. Trotz allem verliert der düstere Sound von Search Yiu nie seine Catchiness. Gott sei Dank.

https://www.youtube.com/watch?v=EpuWIuPDgSw

FIBEL (D)

Die Band mag zwar FIBEL heißt, klingen tut sie jedoch völlig anders. Sie klingen, als wären sie bereits Jahrzehnte im Business und den Sound der Band aus Mannheim könnte man als von den 80’s inspirierten Post-Wave nennen. Man wird mitgenommen auf eine Reise in das Land Melancholia. Ein Ort an dem es für Oberflächlichkeit, Selbstbetrug und Missmut keinen Platz mehr geben soll. Die Lyrics sind schnörkellos und werden von einem roughen Gitarrensound geleitet. Die Tatsache, dass sämtliche ihrer Texte in Deutsch sind, macht das Gesamtkonstrukt noch direkter. Letztes Jahr haben sie eine explosive Show vor ausverkaufter Venue beim Reeperbahn Festival gespielt, das als hervorragendes Newcomer-Festival über die Grenzen weg bekannt ist. Für den kommenden Sommer konnten sie sich außerdem einen Slot beim Maifeld Derby in der Homebase Mannheim sichern. Wir dürfen gespannt auf neue Musik von FIBEL warten.

Der Ringer (D)

Der Ringer sind Future. Warum? Naja, habt ihr irgendwo mal davor Indie Pop mit einer Autotune Infusion gehört? Denn genau so klingt die DNA der jungen Band aus Hamburg. Die fünfköpfige Band bestehend aus Jonas Schachtschneider, Jakob Hersch and Jannik Schneider, David Schachtschneider und Benito Pflüger haben es zwar auf viele Hotlists des vergangenen Jahres geschafft. Ihr Sound ist aber so einzigartig und spannend, dass man ihn nicht genug würdigen kann und deswegen gehören sie auch 2018 auf die Liste. Das Songwriting ist so sehr introvertiert und selbstzerstörerisch, dass selbst ein Ian Curtis Gefallen daran finden würde. Selbst, wenn man die deutschen Lyrics nicht verstehen sollte, kann man einfach den experimentellen Mix aus Cloud Rap, Trap, New Wave und Indie auf sich wirken lassen. Der Autotune hebt dieses Konstrukt dann noch in andere Sphären. Sie benutzen es als Tool und schaffen dadurch quasi ein neues Instrument für ihre Art der Musik. Der Ringer werden höchstwahrscheinlich sämtliche Genre-Klischees, die du bis dato hattest, zerstören.

RIKAS (D)

RIKAS sind junge Dudes aus Stuttgart. Für tropische Stimmung ist die Schwabenstadt jetzt nicht besonders bekannt. Dies hindert RIKAS aber nicht daran sonnigen Indie Pop Hymnen zu schreiben, die allesamt das Potenzial für den nächsten Sommerhit haben. Die Band ist mit ihrem Jangle Pop bereits durch eine Vielzahl europäischer Städte getourt. Doch es gibt nicht nur Sonnenschein bei RIKAS. Ihr Songwriting hat überraschend deepe Momente. Es gibt um das Alleinsein, das Vergessenwerden und trotzdem bekommt man immer den Eindruck vermittelt einfach das Beste daraus zu machen. Schnapp dir also das funkyste Hemd, das der Kleiderschrank so hergibt und kauf dir gefälligst den sommerlichsten Cocktail an der Bar. Dann bist du bestens auf die nächste RIKAS-Reise vorbereitet. Sie sind erst kürzlich in Amsterdam aufgetreten und wurden von einer der größten Booking-Agenturen Deutschlands gesignt. Die Zukunft ist fast so strahlend, wie die Musik der Band.

Die Links zu den jeweiligen Websites findet ihr hier:

The Daily Indie (Texte von: Dirk Baart)

Dansende Beren (Texte von: Niels Bruwier)

 

So war es beim Winterpopfest in Leipzig

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Passend zur kalten Jahreszeit hat ein Miniatur-Festival für Indie-Popmusik in der Leipziger Schaubühne Lindenfels seine Erstauflage gefeiert. Mit Arpen, Orph und Sea + Air ging das Winterpopfest am 7. Februar in die erste Runde.

Wenn draußen die Winterkälte Einzug hält, muss man sich warmhalten – bestenfalls mit guter Musik. Diesen Gedanken hatten wohl auch die Veranstalter des Winterpopfests, dass am 7. Februar erstmals in Leipzig stattfand. Im historischen Ballsaal der Schaubühne Lindenfels erwarteten die Zuschauer musikalische Stunden vor einer beeindruckenden Kulisse. Trotz eines vielversprechenden Line-Ups blieb der große Ansturm jedoch aus, als sich um 20 Uhr die Türen öffneten – ein Abend in familiärer Atmosphäre kündigte sich an.

Eröffnet wurde der Festivalabend durch Robert Seidel alias Arpen. Nach gut eineinhalb Jahren stand der Leipziger zum Winterpopfest erstmals wieder mit einem Live-Programm auf der Bühne. Nachdem es nach der Veröffentlichung seines Solo-Debüts im Jahr 2016 still um ihn geworden war, überraschte er als Opener des Abends durch ein besonderes Set-Up: Mit ihm sorgten Philipp Rumsch und Jacob Müller, ebenfalls bekannte Gesichter in der Leipziger Musikszene, für eine elektrisierende Klangkulisse. Nach kurzen technischen Startschwierigkeiten konnte sich das Publikum dem atmosphärischen, fast schon hypnotischen Sound des Trios hingeben. Niemand zeigte an diesem Abend eine solche Experimentierfreunde für das Spiel mit Synth-Beats, Basslines und Stimme wie Arpen.

Arpen mit Philipp Rumsch und Jacob Müller // © Maria Posselt

Das Quintett Orph erfüllte den großen Ballsaal der Schaubühne im Anschluss mit sphärischem Dream-Pop. Die Band um Marco De Haunt wirkte mit ihrem Auftreten fast wie aus einem anderen Zeitalter, ganz im Gegensatz zu ihrer Musik, die den Zahn der Zeit zu treffen scheint. Kurz vor dem Release ihres zweiten Albums „Pyramid Tears Of Simba“ spielte das Fünfergespann bereits einige neue Songs live, unter anderem die gleichnamige Single und „Buildings Are On Fire“. Mit einem Teppich aus Synthesizer und psychedelischen Melodien erinnert Orph dabei zeitweise an Bands wie MGMT oder Empire Of The Sun. Die Klanglandschaften, die von De Haunts sanfter Stimme begleitet werden, sind eingängig und wirken wie geschaffen für die historische Location. Mit einem Wechsel zwischen neuen Titeln und Stücken des bereits sechs Jahre alten Debüts, wie „Laura“ und „Lovesong For Kui“, entführte die Band das Publikum nicht nur auf eine musikalische Reise, sondern stellt auch ihre klangliche Entwicklung heraus.

Orph // © Maria Posselt

„Wir sind Sea + Air und wir kommen aus Europa“ – so begrüßte das deutsch-griechische Duo die Besucher zum Abschluss des Winterpopfests. Viele der Zuschauer haben sich besonders auf den Headliner des Abends gefreut – für das bisher einzige angekündigte Deutschlandkonzert sind Daniel Benjamin und Eleni Zafiriadou über 2.500 Kilometer angereist. Dass Europa von großer Bedeutung für das musikalische Ehepaar ist, wurde bereits auf ihrer vergangenen Platte „Evropi“ nur zu deutlich, für die sie die Eindrücke ihrer Konzertreisen quer durch den Kontinent als Inspiration nutzten. Auch jetzt, knapp drei Jahre nach der Veröffentlichung, sind die Themen der Songs aktueller denn je. „Take Me For A Ride“ läutete den Auftritt von Sea + Air ein – mit Titeln wie „Lady Evropi“ und älteren Hits wie „Do Animals Cry“ folgte eine bunte Mischung vergangener Releases. Die außergewöhnliche Instrumentierung, zu der auch ein Cembalo gehört, sorgte live für einen nahezu gespenstisch anmutenden Klang.

Der Abend beim Winterpopfestival führte die Zuhörer durch ganz unterschiedliche Sphären der Popmusik. Programmpausen luden den Besucher dazu ein, die Räumlichkeiten der Schaubühne Lindenfels zu erkunden und sich auf ein Bier an der Bar zu treffen. Somit stand das Miniaturfestival größeren Veranstaltungen dieser Art in nichts nach. Auch, wenn das eher kleine Publikum sich anfangs nicht recht vor die Bühne traute, so schien am Ende des Abends das Eis gebrochen zu sein. Wer weiß – vielleicht wird das Publikum mit einer zweiten Ausgabe des Winterpopfests mutiger? Aller Anfang ist ja bekanntlich schwer.

Das beste Release der Woche – Drangsal

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Angekündigt von Eckpfeilern der deutschen Popmusik wie Max Raabe, Dirk von Lowtzow und den Lochis, erscheint heute die erste Single des zweiten Albums Zores der Drangsal. „Turmbau zu Babel“ sagt Tschüss zum 8os New Wave und wirft sich überschwänglich in den Baggersee der deutschen Popmusik.

„Ich bin immer wütend“ sagt Max Gruber und grinst vor sich hin. Der Universalkritiker zeitgenössischer Popmusik ist mit frischer Musik zurück und was man seit Harieschaim mal mehr oder weniger pointiert in Interviews mit dem Mittzwanziger feststellen konnte, hat nun einen Namen: Zores heißt das zweite Album. Der ursprünglich jiddische Begriff, den Gruber seinem Heimatdialekt entnommen hat, beschreibt sowohl die Emotionen von Ärger oder Kummer, kann aber auch eine Gruppe negativ charakterisieren, querulantes, störendes Gesindel eben. Den ersten Vorboten des Albums beginnt die Drangsal dann aber mit den beschwichtigenden Worten „Es geht mir gut“.

Kaum hat man sich zurückgemeldet, wird hin und her überlegt, wie’s denn gerade um das eigene Wohlbefinden steht und dass es ja wirklich doch der Gipfel aller Selbsterfahrungen ist, sich von der anonymen, heterogenen Masse emanzipiert zu haben. Irgendwo zwischen exzessiver Selbstsezierung und Verdammungspoetik schwebt etwas Unerklärtes, die oder der namenlose Geküsste, dem oder der im Refrain herrlich frenetisch zugerufen wird „Alles in Ordung, denn ich lieb‘ dich so!“. Zwischen unendlichen Metapherbergen ist da dieser klare Moment der simpelsten Liebesbekundung, der „Turmbau zu Babel“ mit einem Satz für viel mehr öffnet, als es dem isolierenden Ich-Gegen-Euch-Denken über die knappen drei Minuten gelingen könnte.

Von zwölf Songs auf Zores sind lediglich drei im englisch des Vorgängers geschrieben worden, Gruber und seine Drangsal könnten im April eines der vielfältigsten und interessantesten deutschsprachigen Pop Alben der letzten Jahre veröffentlichen, wenn die Ambivalenz der ersten Single als Wegweiser für die restlichen Lieder gedeutet werden kann. Der Zorn, die Nörglerei und die grundsätzliche Ablehnungshaltung machen es dem Pfälzer schwer und leicht zugleich, sich inhaltlich festzulegen und dabei ist es ganz wunderbar zu sehen, wie Gruber sich textlich durch diesen Zwiespalt zu schlängeln versucht. Reminiszenzen an deutsche Popmusik zwischen der emotionalen Überwältigung und selbstironischem Witz ergeben sich unterschwellig fast von selbst, als würde ein junger Farin Urlaub um die Ecke spickeln: „Hallo, deutsche Popmusik, wie geht’s dir im Jahr 2018?“ Zores erscheint am 27.04.2018 bei Caroline International.