In den Gassen duftet es nach Glühwein, Weihnachtsmärkte öffnen ihre Pforten, die Weihnachtsmänner lächeln einen in den Kaufhäusern an und überall liegen ideenlose Adventskalender. Aus diesem Grund haben wir uns dieses Jahr erstmalig mit unseren Kolleginnen von den Marsmädchen zusammengesetzt und an einem neuen Konzept gearbeitet.
Herausgekommen ist ein interaktiver Adventskalender, der euch täglich neue Gewinnspiele ermöglicht und euch fleißig zum Mitmachen verleiten soll. Hinter den Türen verstecken sich kleine und große Preise, die natürlich immer zu The Postie und den Marsmädchen passen.
Wer kann alles mitmachen?
Mitmachen kann jeder, der Fan von unseren Facebookseiten ist (Marsmaedchen, The Postie), denn so werdet ihr keine Verlosung verpassen.
Wie kann ich mitmachen?
Beste Gewinnchancen habt ihr natürlich, wenn ihr jeden Tag unsere jeweiligen Facebookseiten checkt. Alles weitere wird in den jeweiligen Posts erklärt, haltet einfach die Augen offen.
Wir wünschen euch eine schöne Adventszeit und hoffen, dass ihr genau so viel Freude an der Aktion habt, wie wir bei der Planung hatten.
Exzentrisch und berauschend, mit der Wucht eines Opernsängers
Benjamin Clementine betritt die Bühne, setzt sich an den Flügel – und dann passiert erst mal gar nichts. Probleme mit dem Ton, das Mikro funktioniert nicht. Der Sänger blickt genervt in Richtung Mischpult, geht nach ein paar Minuten von der Bühne und setzt sich zum Publikum in die erste Reihe, während die Tontechniker versuchen, das Mikro zum Laufen zu bringen. Nach einer halben Stunde ist das Problem gelöst und Clementine kann endlich spielen. Die anfänglichen Komplikationen sind aber schnell vergessen, denn sobald der charismatische Londoner seinen Mund öffnet, hört alles um ihn herum auf zu existieren.
Den Anfang macht „I Won’t Complain“, das mit seiner dringlichen, herzergreifenden Melodie sofort Gänsehaut erzeugt. Noch außergewöhnlicher als die musikalischen Strukturen, die Benjamin Clementine aus seinem Piano lockt, ist seine Stimme, mehr ein Arsenal an Instrumenten als ein Sprechorgan. Zwischen den Songs so ruhig, dass man Schwierigkeiten hat, die Ansagen zu verstehen, verwandelt sie sich während der Songs in ein Schweizer Taschenmesser: rau und emotional bei „I Won’t Complain“, theatralisch, jazzy, sogar flüsternd, wenn das Besungene es verlangt; dann wieder mit der Wucht eines Opernsängers bei „Quiver a Little“. Nina Simone, Antony Hegarty und Luciano Pavarotti sind Namen, die zwangsweise fallen, wenn über den Autodidakten aus Edmonton geschrieben wird.
Clementine hat zwar erst zwei EPs veröffentlicht – Cornerstone und vor ein paar Monaten Glorious You – dafür aber mehrere Jahre in Pariser Bars seine Performance verfeinert. Man muss auch nicht zwangsläufig den Begriff Konzert benutzen, seine Auftritte sind dafür eh viel zu umfassend. Sein Klavierspiel und sein Storytelling sind zwei unabhängige Instanzen, beide gleich beeindruckend. Mitten in „Adios“ bricht er ab und erzählt eine Geschichte über Engel, die ihm ein Lied singen. Live verzichtet er auf Verzierungen wie Percussion und Streicher, da er sie gar nicht nötig hat. Sein Tenor allein schafft es, den Saal zu füllen, der darüber hinaus so voll ist wie nur beim Konzert der Irrepressibles.
Benjamin Clementineist ein Exzentriker und Expressionist, er lebt seine Musik und macht das unmissverständlich klar. An einem Punkt fordert er die Gäste auf, von ihrem Tag zu erzählen. Als ein Zuschauer sagt, dass er die Konzertkarten seiner Frau zum zehnten Hochzeitstag geschenkt hat, improvisiert Clementine kurzerhand ein Liebeslied. Dann sagt er irgendwann, dass er jetzt fertig sei und verschwindet, bevor die Jubelrufe ihn wieder zurück auf die Bühne holen und er noch eine Handvoll Lieder spielt, darunter „Adios“ und „London“. Die Art und Weise, wie er auftritt, gibt einem das Gefühl, man würde jemandem zuhören, der für seinen Freundeskreis ein intimes Privatkonzert gibt. Gleichzeitig ist er sehr eigen und enigmatisch, was die Faszination noch steigert. Der beste Vergleich, den man für diese Art Performance anstellen kann, ist der mit Chansonniers wie Jacques Brel und Edith Piaf. Oder, etwas zeitgenössischer, mit Paul van Haver alias Stromae, der für seine theatralischen Auftritte inzwischen „Meister der Performance“ genannt wird. Am Ende, während man berauscht versucht, das Gesehene zu verarbeiten, gibt es für den Künstler – denn Benjamin Clementineist mehr als nur einer, der Musik macht – verdiente standing ovations.
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Meinungen aus dem Publikum:
Christian: Ich fand den Typ total cool und die Musik irgendwie auch gut. Sehr ruhig, aber schön, entspannt.
Antje: Es war schön, aber es war kurz. / Anna: Aber manchmal ist es ja auch gut, wenn es kurz ist. Dadurch ist es manchmal noch schöner. Weil man soll ja gehen, wenn’s am Schönsten ist.
Andreas: Ich fand es gut. Es war sensationell und ich rechne eigentlich damit, dass er bald in wesentlich größeren Hallen spielt. Ich hatte ihn in Rotterdam eigentlich sehen wollen, und da ist er nicht aufgetaucht, weil er sich in Holland verirrt hatte. Insofern war das jetzt „special“, dass er hier war, wo ich auch bin.
Vor einer Woche haben wir eine nette Mail von Sarah von Wavebuzz bekommen, in der von einem Award namens Liebster die Rede war. Ganz enthusiastisch haben wir schon Familie und Freunde angerufen, um sie zur Preisverleihung einzuladen. Dann haben wir uns das Ganze mal näher angeschaut und entdeckt, dass der Liebster-Award eine Art musiknerdiger Kettenbrief ist. Zu gewinnen gibt es statt schnödem Geld oder leeren Titeln Kontakte zu Blogs und Bloggern, deren Reichweite noch unter 1.000 Lesern ist. Nachdem man die elf Fragen des Nominierers (denn zehn wäre ja eine runde Zahl und damit uncool) beantwortet hat, darf man wiederum anderen Blogs andere Fragen stellen. Klingt spaßig, deshalb hier unsere Antworten auf Sarahs Fragen. Und wie bei der Ice Bucket Challenge stellen wir unsere Nominierungen auch vornan:
Sufjan Stevens 2011 in Essen. Stevens ist einer meiner Lieblingskünstler, seitdem ich zum ersten Mal die warmen Trompetenklänge von „Flint“ gehört habe. Als er dann nach dem Elektroschock, den er mit The Age of Adz vollbracht hat, auf Tour ging, habe ich inständig gehofft, dass er nicht nur seine Indie-Folk Hits zum Besten gibt, sondern sich auch mal an das neue Material wagt. Im Endeffekt hat er fast nur das neue Material gespielt, dazu ausgiebig das Konzept hinter dem Album und seine neue Herangehensweise an Musik diskutiert und ist am Ende als goldene Discokugel über die Bühne getanzt. Und bei der ausgedehnten Zugabe fielen bei „Chicago“ Ballons von der Decke und auch die Zuschauer haben getanzt. Unschlagbar. Außerdem hab ich im Vorprogramm DM Stith entdeckt, der leider auch sträflich unbekannt ist.
Dein bester Festivalbesuch?
Eigentlich jeder Besuch des Appletree Garden Festival in Diepholz, aber wenn ich genau sein müsste, wäre das 2012 mit Balthazar, Clock Opera, Dillon, Touchy Mob, Crystal Fighters als Rave-Headliner und einem Gratisbier vom Reptile Youth-Sänger.
Welches Album-Cover gefällt dir besonders gut und warum?
Ulver – Shadows of the Sun. Kein Cover trifft die musikalische Stimmung seines Albums besser als die von Hörnern umrahmte untergehende Sonne, die die dunkle Wärme dieses Albums ausdrückt.
Ulver – Shadows of the Sun
Wie entdeckst du neue Bands?
Hauptsächlich über Pitchfork, aber auch über alle anderen Musikmedien, Blogs, Pressemitteilungen, interessante Bandnamen und Albencover in Plattenläden und natürlich Empfehlungen von Freunden.
Hast du eine Lieblings Songtext-Zeile?
„All I give are little clues / maybe one day I get through.“ Da musste ich lange abwägen, aber am Ende hat Kevin Parker über Jacques Brel gesiegt: Dieser Satz aus Tame Impalas „Keep On Lying“ fasst perfekt die Tausend Dramen zusammen, die sich jeden Tag in meinem (und, da bin ich mir fast sicher, in eines jeden Menschen) Kopf abspielen, und deren Ausdruck Lonerism, mein Lieblingsalbum, ist. Soviel von dem, was wir sagen und tun und worüber wir uns ewig Gedanken machen, geht unter, weil niemand auf diese Details achtet und sie, wenn wir ehrlich sind, auch gar nicht so wichtig sind. In etwa wie die obskuren Referenzen, die man als Musikkritiker ab und an einstreut. Aber ich bin eigentlich nicht so der Lyrics-Mensch, bei mir steht die Musik definitiv im Vordergrund.
Welche Bands würdest du gerne einmal live sehen?
The Mars Volta, Oceansize oder the Fall of Troy. Die ersten beiden Bands gibt es (zumindest in der Form) leider nicht mehr, obwohl man immer hoffen kann, Omar Rodríguez-López mal zu sehen. Letztere hätte ich um ein Haar live gesehen, aber dann haben sie das Konzert abgesagt und sich kurz darauf getrennt. Sind jetzt aber wieder zusammen und sehr Fan-orientiert, die Hoffnung wurde also wiederbelebt.
The Mars Volta
Hast du ein Lieblings-Genre? Wenn ja, welches?
Ich mag alles, was ein bisschen „odd“ ist, Math Rock, Experimentelles, Freak Folk, „intelligenten“ Electro, Noise Rock und Post-Punk. Ein einzelnes Genre kann ich da jedoch nicht über die anderen heben.
Bob Dylan oder Muse? (Seltsamer Vergleich, aber dennoch!)
Bob Dylan hat mehr als ein gutes Album, da fällt die Wahl nicht schwer…
Was sind deine Lieblings Print-/ Online-Magazine im Bereich Musik?
Pitchfork, auch wenn das Ratingsystem etwas belämmert ist, haben sie doch die größte Übereinstimmungsquote mit meinem Musikgeschmack und ab und an super Features (z. B. die leider beendete Poptimist-Kolumne, „Maximal Nation“ und andere Artikel von Simon Reynolds). Fange jetzt auch an, mich mit den Popkultur-Analysten von der Spex auseinanderzusetzen. Und ab und zu Intro und Musikexpress.
Hörst du Radio? Falls ja, welche Sender?
Nein, es sei denn, Freunde sagen mir, dass sie zu einem bestimmten Zeitpunkt ein Interview oder Konzert für ihre jeweiligen Campusradios geben.
Wenn du mit einem Musiker / einer Musikerin / einer Band eine Nacht lang feiern könntest, wer wäre das?
Mit den Arctic Monkeys nach dem zweiten Album, am besten eine Pub-Tour durch Sheffield. If I were there, beware!
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Und nun unsere 11 Fragen:
Was hat dich zum Schreiben über Musik gebracht?
Was war das erste Album, das du dir bewusst gekauft hast?
Welches sind deine Lieblingsbands?
All Time Favourite Song? Und warum gerade der?
Der ewige Krieg der Sterne: Beatles oder Stones?
Welches Album würdest du jemandem, unabhängig von seinem Musikgeschmack, unbedingt ans Herz legen?
Hast du ein Guilty Pleasure Album? Welches?
CD, Vinyl, MP3 oder Kassette?
Wo steht dein liebster Plattenladen?
Da wir bald schon Dezember haben: Was sind deine Top 3 Alben und Songs 2014?
Was ist für dich der perfekte Freitag Abend?
AWARD-REGELN: I. Danke der Person, die dich für den Liebster Award nominiert hat und verlinke ihren Blog in deinem Artikel. II. Beantworte die 11 Fragen, die dir der Blogger, der dich nominiert hat, stellt. III. Nominiere 5 bis 11 weitere Blogger für den Liebster Award, die bisher weniger als 1.000 Follower haben. IV. Stelle eine neue Liste mit 11 Fragen für deine nominierten Blogger zusammen. V. Schreibe diese Regeln in deinen Liebster Award-Blog-Artikel. VI. Informiere deine nominierten Blogger über den Blog-Artikel.
Ein Dankeschön schonmal an diejenigen, die beim Spaß mitmachen. Wir sind gespannt, eure Antworten zu lesen! Ihr könnt natürlich auch ohne offiziellen Aufruf mitmachen, schickt uns einfach eine Mail an the-postie@live.de.
Die Britin war der Mittelpunkt ihrer mitreißenden Privatparty.
Unvoreingenommen stellen wir uns in die vorderen Reihen des Saals, um an diesem Abend die Londonerin Kate Tempest zu erleben. Der Abend wird eingeleitet von einem Vorspann der besonderen Art: A Winged Victory for the Sullen aus Brüssel spielen ein langatmiges Ambient-Set, welches mit Anklängen klassischer Musik das Publikum in seinen Bann zieht.
Danach flacht die Stimmung ein bisschen ab, da sich die Umbaupause etwas hinzieht. Als jedoch gegen 22 Uhr Kate und ihre Band auf die Bühne kommen, wird beim ersten Ton aus ihrer Kehle klar, dass sich das Warten gelohnt hat. Voller Charisma und mit einer Ehrlichkeit, die man mittlerweile nur noch selten auf Bühnen antrifft, begrüßt sie das Publikum und stellt erstmal klar, wie super nervös sie ist, dass es ihre erste Headliner Tour ist, und sie hofft, nicht zu „awkward“ zu sein. Aber mal ehrlich – wer kann bei solch einem britischem Bilderbuchakzent noch peinlich sein? Auch als die Technik kurz ausfiel, wirkte sie nicht „awkward“, sondern fing einfach an, aus dem Stehgreif zu rappen, um die kurze Pause zu überbrücken.
Dass die 28-Jährige nebst eigenen Büchern auch Theaterstücke für die Royal Shakespeare Company schreibt, wird am Konzept des Albums klar, welches sie in ganzer Länger präsentiert. Sie erzählt auf Everybody Down die Geschichte von Becky, Harry und Pete, dreier Mittzwanziger, die sich in London über Wasser zu halten versuchen.
Ihre Band besteht aus zwei Drummern, einer Lady an den Synthies und einer Backgroundsängerin. Die schnellen Synthie-Beats sind sowohl von Hip-Hop als auch von Drum’n’Bass beeinflusst, und Kate rappt sich die Kehle aus dem Leib. Das Publikum lässt sich nicht lumpen und tanzt mit; so wird aus dem Konzert irgendwie eine kleine feine Privatparty, und Kate Tempest ist ihr Mittelpunkt. Dass die Texte eigentlich traurig und düster sind, steht im Gegensatz zur mitreißenden Musik, bei der niemand mehr ruhig stehen bleiben kann.
Irgendwann sieht man sogar der fröhlichen Kate die Erschöpfung an, aber als es gegen Ende geht, legt sie bei „Circles“ nochmal richtig los. Wie auch ihr Drummer: Sie kann nicht anders, als fassungslos zu ihm zu starren. Nach dem letzten Song geht die Band von der Bühne, und als Kate für die Zugabe zurückkommt, muss sie leider gestehen, dass sie keine Songs mehr haben. Aber sie könnte ja ein paar Gedichte aus ihrem neuen Buch rezitieren? Begeisterte Zurufe, und ein paar Minuten später ist auch aus dem Rezitieren eines Gedichtes, welches Kritik an der Schnelllebigkeit der heutigen Gesellschaft übt, ein Rap geworden. Ein letztes Mal freut sich Kate, in Heidelberg zu sein, bedankt sich aufgeregt beim Publikum und dann ist der Zauber Kate Tempest auch schon vorbei.
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Meinungen aus dem Publikum:
Lukas: Geiler Scheiß. Die Vorband hatte ein Talent, ihren Spannungsbogen ein bisschen zu überziehen, aber Kate Tempest und Band geil, auf jeden Fall.
Michael: Kate Tempest hat eine der unglaublichsten Bühnenpräsenzen, die ich jemals gesehen habe. Ich war wirklich völlig weggefegt vom Konzert und find’s unglaublich, dass so jemand herkommt. Das Album und Kate Tempest einfach super, super, super awesome. Und ich fand, dass das Narrativ, also die Story vom Album dem Publikum wirklich mitgeteilt wird und dass wirklich irgendwie eine „connection“ da war und du total emotional mitgegangen bist und mitgefühlt hast und verbunden warst.
Young Blood verliert keine Zeit mit ausufernden Intros, es gibt mit „Aftermath“ direkt auf’s Maul. Für einen Blick auf das Albumcover reicht es noch (das versteckt sich doch ein transparenter Hai auf dem Foto!) und schon wird man von der Noise Rock Welle mitgerissen. Dass der Weiße Hai, in Spielbergs amerikanischem Original „Jaws“, das Cover des Debütalbums einer deutschen Band namens No Jaws ziert, liegt wahrscheinlich nur daran, dass JAWSals Bandname schon vergeben war. Die drei Jungs aus Zwickau blecken nämlich im Verlauf der 40 Minuten von Young Blood immer wieder ihre Zähne, sodass man selbst schon panisch am Strand hin und her rennen will.
Marcus und Martin Wellnhofer und Sami Chahrour wollten eigentlich auch gar nicht No Jaws heißen, sondern the Buyable Sluts Wanted for Stealing Virginity, doch wurde der wenig kindgerechte Name nach Problemen unter anderem mit Facebook wieder verworfen. Nicht, dass Kinder bis 13 sich Young Blood anhören würden: Wenn man anfängt, sich mit der Art Noise und ’90er Indie Rock auseinanderzusetzen, den No Jaws von solchen Bands wie Sonic Youth und Pavement kopieren, schockt einen der Ausdruck „buyable sluts“ wohl auch nicht mehr.
Um endlich zur Musik zu kommen: Schon beim Opener „Aftermath“ hört man Thurston Moore und Steve Shelley raus, ihre Vorbilder können und wollen die Jungpunks gar nicht verheimlichen. Nach genau 82 Sekunden gibt es die erste große Wall of Noise, die das Gitarrensolo ersetzt. „Real Oh One“ schließt direkt daran an. Nachdem Peter, Bjorn and Johndem Schlagzeuger kurz „rip-off!“ an den Kopf geworfen haben, kommt das übliche Sonic Youth-Muster: rechte Gitarre stoisch auf einem Ton, linke mit typischer Indie-Melodie, dann von Marcus Wellnhofer ein nonchalantes „fuck up the beach“. No Jaws sind zweifelsfrei teil der Daydream Nation.
Ich will euch nichts vormachen, Young Blood ist ein ziemliches Copy & Paste Gewitter. Wer Originalität an erste Stelle setzt, ist mit dem Album schlecht beraten. Doch auch mit ein paar Durchhängern macht es schlicht und einfach Spaß, genauso wie Here and Nowhere Else oder Jagwar Ma einfach Spaß machen. „Grasshopper“ zum Beispiel würde auf dem Soundtrack zu einem Sport-Videospiel nicht negativ auffallen. Die zweite Single „Honey Kid“ könnte die neue Hymne der Zwickau Youth werden, Lyrics wie „This is our momument“ und die „warning tides“ und „warning signs“ gegen die „leisure society“ und robotisch-inaktive Arbeiterköpfe werden von crunchy Gitarren und hyperaktivem Drumming effektiv unterstützt. „Phalanx“ zeigt nochmal, dass No Jaws auch fehlerfrei Shoegaze spielen können, und mit den letzten Geräuschwellen des Albums werden wir wieder an den Strand des Alltags gespült.
Young Blood ist kein Meisterwerk, aber für das erste Album einer Band kein schlechtes Ergebnis. Zumindest kann man die Hoffnung hegen, dass der Nachfolger mehr Eigenständigkeit hat, die handwerkliche Basis ist da. Wenn man auch nicht von den „neuen Sonic Youth“ sprechen kann, sondern eher von den alten, geben No Jaws einem zumindest das Gefühl, dass Sonic Youth irgendwie in der Nähe sind und man sie vielleicht, wiedergeboren als Zwickauer Noise-Trio, doch nochmal live sehen kann.
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Beste Tracks: Honey Kid, Aftermath, Loyal to Disillusion
Ein Schritt in den Saal des Karlstorbahnhofs warf Rätsel auf. Was zur Hölle machen Stühle und Tische aus dem schwedischen Möbelhaus auf einem Rockkonzert? Richtig, man lässt sich von Jessica Larrabees Stimme vom Hocker reißen oder sitzt halt staunend da. Recht früh betraten die an dem Abend von einem Duo zu einem Trio gewordenen Musiker die Bühne und legten somit den Grundstein für einen außergewöhnlichen Abend. Larrabee wurde mit ihrem langen Cardigan zu einer Art Schamanin, die das Publikum mit ihrer ausdrucksvollen Stimme und den schleifenden und doch bestimmten Gitarrenriffs in einen Bann zog.
Vorgetragen wurden Songs aus ihrem aktuellen Studioalbum Eight Houses mit dem sie vor allem die Musikkritiker endgültig überzeugen konnten, aber auch ältere Songs, die die Herzen älterer Fans haben höher schlagen lassen. Dabei war man sich als Gast zu jeder Zeit bewusst, dass Larrabee das Geschehen gekonnt mit ihren Vocals kontrollierte. Ihre Stimme wurde perfekt geleitet von ihren eigenen Gitarrenriffs, dem für sie etwas skurril wirkenden Keyboard, oder ihren Bandkollegen. Zwischen den jeweilig manchmal fast virtuos vorgetragenen Nummern war die Leadsängerin sich auch nicht zu schade den ein oder anderen Joke mit dem Publikum zu machen. Man fiel also durch die manchmal melancholisch wirkenden Folk-Blues-Songs nie komplett in ein Loch, sondern wurde immer wieder durch den tollen Humor der Sängerin aufgefangen. Auch wenn dieser Humor eigentlich im Gegensatz zu der ernst wirkenden Musik von der Band aus Brooklyn stehen müsste, hatte man als Zuschauer nicht den Eindruck, dass das Konzept auf der Bühne eine Disharmonie ausstrahle. Denn gerade die Mischung zwischen ernster Musik, gar völliger Hingebung zu jedem einzelnen Gitarrenriff oder jeder gesungenen Strophe und dem illustren Gesprächen mit dem Publikum, machte den Abend so einzigartig.
She Keeps Bees beweisen, dass Musik auch in der heutigen Zeit noch eine Herzensangelegenheit sein kann. Dies kam scheinbar so gut an, dass jeder Song vom Publikum frenetisch gefeiert wurde und sich Jessica Larrabee fast wie ein verlegene Newcomer dafür bedankte. Die Routine einer Band, die bereits sechs Alben veröffentlicht hat, schien nicht durch. Das Set wirkte frisch, dynamisch, spontan und ehrlich. Ehrlichkeit steht der Band als große Tugend zu, welches in manchen Momenten halt auch Trauer zu lässt. Wenn Larrabee davon spricht, dass die Musikerkollegen vermisst, kauft man ihr es tatsächlich ab. Auch wenn man sitze musste, fühlte man sich an jenem Abend also jede Sekunde lang gut aufgehoben und hatte die Erkenntnis, dass man doch den richtigen Schritt in den Karlstorbahnhof gewagt hat, da man einen Abend mit der Musik und der Stimme einer außergewöhnlichen Frau genossen hat.
Meinungen aus dem Publikum:
Alix: Das Konzert war mega geil! Ich würde die Frontfrau am liebsten heiraten.
Carmen: Ich fand es sehr schön. Fand die Sache mit den Stühlen etwas seltsam und weiß nicht, aber fand es persönlich bisschen schade. Das Konzert war toll, hab die Tickets gewonnen, bin aber jetzt Fan!
Andi: Ich fand es sehr gut, ein sehr dynamisches Konzert. Gut war, dass es auch mal leise sein kann und nicht dauernd auf die Mütze gab und damit Raum für Klänge gelassen hat. Raum für die wunderbare Stimme der Sängerin, die mich an eine weibliche Form von Eddie Vedder erinnert hat.
Urlaub auf Ahmed Gallabs perfekt abgestimmten Afro-Funk Stränden
Bergfest beim Prêt à écouter Festival! Nach einer Woche wirklich guter Konzerte sprengt Sinkane tatsächlich noch den Rahmen der guten Laune. Sonntag abend ist ein ungnädiger Termin für ein Konzert, dementsprechend leer ist es auch im Saal des Karlstorbahnhofs. Doch auch wenn sich kaum mehr Publikum angesammelt hat als beim Konzert von DENA am Vortag, ist die Stimmung deutlich aufgeheizter. Bevor der Abend zu Ende ist, fühlt man sich vom Afro-Funk des Briten in seine sudanesische Heimatstadt transportiert, von der man wenn möglich doch bitte, bitte gar nicht mehr weg will.
Im Vorprogramm gibt es allerdings erst einmal Nicholas Krgovich zu hören. Der charmante Kanadier hat schon mit Amber Coffman und Mount Eerie zusammengearbeitet und macht die Art Musik, die momentan wieder einen Riesenschub in der Indie-Welt erlebt: Sein glattes, verschmitztes R&B-Pop-Genudel vergegenwärtigt den „smoothen“ Pop von Sade und the Blue Nile. Gefällig, aber nicht unangenehm; man schwankt gedankenverloren ein bisschen hin und her. Unterstützung bekommt er von Batsch aus Coventry, zu denen ihr demnächst noch mehr erfahren werdet.
Als dann das unverkennbare Gitarrenintro von „Jeeper Creeper“ ertönt, hasten sofort alle in den Saal. Sinkane und seine Band – Jonny Lam an der silbern glitzernden Gitarre, Ish Montgomery am Bass und Jason „Jaytram“ Trammel hinter den Drums – haben sich direkt eingegroovt und spielen den ersten Song so mühelos, als würden sie im Proberaum jammen. Überhaupt hat man den Eindruck, bei Sinkane handele es sich um eine Funk Jam-Band aus den Siebzigern. Kaum eine Band sieht man heutzutage so symbiotisch ihre Songs spielen wie es diese vier Musiker tun, was man vielleicht auch auf Sinkanes Erfahrung als Session- und Live-Musiker für of Montreal, Yeasayer und Caribou zurückführen kann.
Nach den ersten vier Songs von Mars ist die richtige Temperatur erreicht und Ahmed Gallab, so Sinkanes bürgerlicher Name, stimmt den ersten Titel seines neuen Albums Mean Love an. Glücklicherweise lässt er allzu kitschige Songs wie „Moonstruck“ außen vor und konzentriert sich auf Mars und die bessere erste Hälfte von Mean Love. „New Name“ und „Yacha“ stechen hervor, und sogar „Mean Love“ bekommt live die Portion Funk, die dem Album fehlt. Zwischen den Songs wechselt Gallab von der Gitarre zum Keyboard und wieder zurück.
Die Stimmung im Saal steigt bis unter die Decke, überall tanzt und wippt es; für ein paar Songs setzt sich Lam an die Pedal Steel Gitarre und es gibt tatsächlich Zuschauer, die anfangen, Hula zu tanzen. Der Afro-Funk hat die Masse, so klein sie heute sein mag, unrettbar infiziert – aber wer will von dieser Musik, die einen so gut fühlen lässt, schon geheilt werden. Der Abend kulminiert im Doppelpack aus „Runnin'“ und „How We Be“, das dann in einen ausgiebigen Jam übergeht und das Set beendet. Kurze Zeit später kommt Sinkane nochmal zurück auf die Bühne, bedankt sich lachend, dass er im Karlstorbahnhof „some nice Schlagermusic“ spielen darf und gibt als passende Zugabe ein Cover von William Onyeabors „Body and Soul“. Definitiv das Highlight des Festivals, und dazu der sommerlichste und funkadelischste Abend des ganzen Jahres.
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Meinungen aus dem Publikum:
Anna: Ich bin spontan dazugestoßen, bin aber sehr begeistert. Es hat sehr Spaß gemacht.
Elias: Das Konzert war sehr schön, ich hab’s total genossen. Dass er am Schluss noch William Onyeabor gecovert hat war für mich ein Highlight, weil ich völliger Fan bin. Total geile Vorband auch, rundum ein gelungener Abend.
Joseph (Bassist von Batsch): Wir lieben die Show und die Tour mit Sinkane. Ish ist ein unglaublicher Bassist. Die sind aus New York und haben eine ganze Reihe an Einflüssen, ein bisschen Reggae, viel afrikanische Einflüsse. Die Rhythmen sind fantastisch, einfach nicht von dieser Welt. Das ist übrigens die gleiche Band wie die auf [der Luaka Bop-Compilation] „Who Is William Onyeabor?“ Ahmed war der musikalische Leiter dieses ganzen Projekts, da kommen die Einflüsse her.
Die Berlinerin überzeugt mit toller Stimme und wenig Trash.
DENA steht für den Nerv der Zeit. Grelle Sneakers, Leggings, Mützen, Bomberjacken. Dies sind auch alles Attribute, die man dem gestrigen Publikum zuordnen konnte. Deswegen war es doch überraschend, dass nur etwa 100 Gäste sich an einem Samstagabend in den Saal des Karlstorbahnhofs verirrt haben. Nichtsdestotrotz gingen um etwa halb zehn die Lichter auf der dunklen Bühne an und eine gut gelaunte DENA betrat bauchfrei aber mit schickem Mantel bekleidet die Bühne. Wo ist der funky, pinke Pulli hin den sie noch im Video zu „Cash, Diamond Rings, Swimming Pools“ trägt? Der Song sollte aber eh nicht als Referenz für das Auftreten der gebürtigen Bulgarin genommen werden. Ihr Auftritt kommt live nämlich wesentlich weniger trashig rüber als noch in dem ein oder anderen Video.
Vor allem überraschend stimmgewaltig präsentierte sich DENA nämlich gestern und überraschte damit wohl so ziemlich jeden Besucher. Die Frau kann also nicht nur rappen, sondern auch noch richtig ordentlich singen und nicht zu vergessen die manchmal eigenwilligen und doch irgendwie passenden Moves mit denen sich Denitza Todorova über die Tanzfläche bewegte. Sie selbst haderte den ganzen Abend hinweg aber lieber darüber, wie viele unnötige Meter sie doch an so einem Gig macht. Unnötige Meter konnte man dem spärlichen Publikum jedenfalls nicht attestieren. Zwar wurde getanzt und der Speck geschüttelt, wie ein anderer Act aus Berlin es einst so treffend formulierte und doch hatte man den Eindruck als würde die Verbindung zwischen der Künstlerin und ihren Gästen irgendwie fehlen.
Vielleicht lag es daran, dass der gesamte Gig einfach unter die Kategorie #nett fallen kann und dadurch einfach zu wenig aus der Reihe fällt. DENA selbst kann man da wohl kaum einen Vorwurf machen, da ihr Auftritt fehlerlos war und auch die Songs ziemlich angenehm rüberkamen. Nur fehlte an jenem Abend diese Magie, die man bis dato vom Festival schon fast gewohnt war. Diese konnte sie auch nicht mit ihrem größten Hit „Cash, Diamond Rings, Swimming Pools“ aus dem Debütalbum Flash wieder gut machen und auch die Zugabe warf das Ruder nicht mehr um und so konnte man eine leichte Frustration im Gesicht der Wahlberlinerin doch erkennen. Dieser war aber schnell wieder verflogen, denn nach dem Konzert gab es mehrere Plausche mit den Gästen. Ein versöhnliches Ende also einer Künstlerin, die sich am Ende des Abends zwar ganz klein und bescheiden gab, mit ihrer Musik und dem Auftritt aber eigentlich eher vollere Hallen und Konzertbesuche anstrebt.
Meinungen aus dem Publikum:
Pippa: Ich hab nicht erwartet, dass sie live so gut singt. Sie hat eine unglaublich gut ausgebildete Stimme.
Tobias: Bin ganz positiv überrascht! Bin eher spontan hier und mir hat’s doch ganz gut gefallen.
Dennis: Das Konzert an sich war cool, es war nur sehr schade, dass nicht mehr los war. Freue mich auf jeden Fall auf den weiteren Verlauf des Festivals.
Es gibt nicht einen Shot in Viet Congs Video zum Song „Continental Shelf“, der nicht zumindest Unbehagen hervorruft. Meist sogar eher regelrechtes Grauen und surrealistische Übelkeit. Der Song, der auf dem selbstbetitelten Debüt der Band erscheinen wird, wechselt zwischen bedrohlichem Post-Punk und gewaltigen Shoegaze-Wellen hin und her, ähnlich wütend wie the Soft Moon oder Iceages letzte Platte. Das Video steht dem in nichts nach, hier wechseln sich schwarz-weiße Horrormotive (zwei resigniert da sitzende Frauen, ein brennendes Portrait, und ist das Draculas Hand, die da eine schlafende Schönheit überrascht?) mit bleich gefärbten oder roten, aber nicht weniger grauenhaften Bildern von Monstern, Masken und seltsamen Ritualen ab.
Auch wenn Sänger Matt Flegel stellenweise stark wie Paul Banks klingt, integrieren Viet Cong die blechernen Gitarren und harschen Soundwände viel stärker als Interpol oder sonst eine Post-Punk Revival Band der letzten Jahre. Wenn man die Augen schließt, kann man sich glatt vorstellen, in Controlmitzuspielen. Sollte man aber nicht, denn die Dario Argento-meets-Nosferatu Bilder, aus denen das Video besteht, bergen einen ganz eigenen Grusel. Die übrigen sechs Songs von Viet Cong, das auf die diesjährige Cassette EP folgt,könnt ihr euch am 16.1. anhören, da kommt das Album in die Läden.