Es scheint, als bräuchte man heutzutage nur einen Bass und ein Drumset, um einen Hit zu schreiben. Niklas Kramer baut seinen Song „Chamber“ auf einem Beat auf, der Tame Impala Drummer Julien Barbagallo neidisch machen würde. Da muss die Bassline gar nicht mal so funky sein, durch die Synthesizerflächen wirkt der Song eh viel verträumter als zuerst erwartet. Noch ein Grund mehr, weshalb sich Kevin Parker so einen Song für sein nächstes Album wünscht (haben wir gehört).
Nach „Concrete Vision“, „07:41“ und dem Mac DeMarco’esquen „Walk In the Park“ ist „Chamber“ bereits die vierte Auskopplung aus Kramers Debüt als Still Parade, das den Titel Concrete Vision trägt und am 3. Juni bei Heist or Hit erscheint. Nach drei Jahren Arbeit macht sich der Wahlberliner das Leben leicht und spielt nur vier Deutschlandkonzerte in drei Monaten. Die Termine, sowie den Stream von „Chamber“, findet ihr wie immer unten.
Die Semiotik des Tattoos: Max Grubers Debütalbum ist das Einmaleins der Post-Punk/New Wave-Vergangenheit.
Böse Zungen behaupten, Musik wäre heutzutage nur noch Recycling. Diese bösen Zungen denken dabei an Harieschaim. Das erste Album von Max Gruber alias Drangsal wird gerade als das „next big thing“ (taz.de und Electronic Beats) gefeiert, dabei ist es dasselbe „thing“ wie the Cure Ende der ’70er – was nicht heißen soll, dass Drangsal nicht stellenweise großartig wäre. Es ist schlicht so, dass Gruber das Vokabular perfekt beherrscht, mit dem Robert Smith und Morrissey ihren Gefühlen vor 30 Jahren Ausdruck gaben.
„Allan Align“, die erste Single aus Harieschaim, verdeutlicht das am besten. Der Song ist nicht mehr und nicht weniger als ein Post-Punk Tutorial. Da steckt alles drin, was der Bastler zuhause für einen Hit braucht: der unmittelbar wiedererkennbare pulsierende Rhythmus, leidender Gesang und nicht weniger pathetischer, weiblicher Backgroundgesang, ein Text voller Nostalgie und Militärvokabular, dessen Aussage sich auf „Lebe dein Leben, du hast nur eins“ herunterbrechen lässt, blecherne Gitarren, „hey!“-Rufe und primitive Trommelakzente. Sogar das Ende stimmt: Ohne instrumentalen Hintergrund stöhnt Gruber nochmal eine vage Lebensweisheit ins Mikro („You gotta get going now / life, it will not wait.“), bevor der Song mit einem letzten „hey!“ verschwitzt sein Ende findet.
Wer die Post-Punk und Wave Bands der ’80er Jahre mag, hat mit Harieschaim einen neuen besten Freund gewonnen. Drangsal kann jene zwar nicht ersetzen – dafür fehlt den Songs die Originalität – aber den Sound und die Stimmung zu emulieren klappt super. Lediglich bei „Do the Dominance“ ist der Morrissey’sche Zynismus im Text zu offensichtlich und lässt den ansonsten guten Song etwas abstoßend erscheinen. Die zweite Hälfte ist außerdem interessanter als die erste, da dort über den inzwischen zu oft wiederverwerteten Post-Punk hinaus den New Wave Keyboards von the Cure und Indochine mit „Moritzzwinger“, dem industriellen „Sliced Bread #2“ und „Wolpertinger“ Ehre erwiesen wird.
Wie bei Marilyn Manson, den Gruber als frühen Einfluss benennt, geht es bei Drangsal um mehr als nur Musik. Deshalb trägt das Projekt auch einen Namen, der Leiden bedeutet und nach Dringlichkeit klingt; deshalb prangt auf dem Cover ein Tattoo, ehemals soziales Statement und genauso mit Leiden(schaft) konnotiert wie die roten Rosen und Früchte, die es umgeben; deshalb ist der Schauplatz des Videos zu „Allan Align“ eine Kirche, die später ebenfalls rot leuchtet und die es Gruber ermöglicht, ein schwarzes Gewand mit engem Kragen zu tragen (hier hätte nur noch die Selbstkasteiung gefehlt, um die Karikatur perfekt zu machen). Harieschaim ist ein Spiel mit Zeichen, bei dem man jedes Wort und jeden Gitarrenton auseinandernehmen könnte, ohne jemals an ein Ende zu kommen.
Gleichzeitig ist die generelle Richtung, in die Harieschaim einen schickt, nur zu deutlich. ‚Popsongs‘ und ‚Strenge‘ sind die Stichworte, wie Savages mit „Take On Me“-Faible. Drangsal bietet zwar nichts Neues, aber sehr gut gemachtes Altes, bei dem man gerne hängen bleibt. Man kann Gruber nicht böse sein, dass er die Musik, mit der er aufgewachsen ist, nun selbst nachmacht. Der Sound der ’80er ist nun mal infektiös wie kaum ein anderer. Auf musikjournalistischer Ebene führt in diesem Jahr tatsächlich kein Weg an Drangsal vorbei, wie der Musikexpress es behauptet. Musikalisch hingegen fragt man sich, ob Gruber in der Zukunft auf anderen als den ausgetretenen Wegen wandeln kann.
Beste Songs: Allan Align, Moritzzwinger, Sliced Bread #2
Robot Koch hat aus der Single „I Got Something“ eine flotte Electro-Nummer gemacht.
Aus angesagt macht angesagt. So oder so ähnlich muss wohl die Devise von KYTES gewesen sein, als sie beschlossen haben ihre brandneue Single „I Got Something“ remixen zu lassen. Die Band, die erst kürzlich aus dem hippen Austin zurückgekehrt ist, nimmt den Hype der letzten Wochen und Monate mit und ist bereit für neue Abenteuer. So kam halt alles zusammen und der Electro-Künstler Robot Koch hat sich der Aufgabe angenommen, die Indie-Single mit ein paar Beats zu unterlegen.
Das Resultat ist zwar immer noch very Brindie (dümmlicher Neologismus unsererseits: british + Indie) und doch strahlt die Nummer jetzt auch noch das unverkennbare SXSW-Austin-Flair aus. Passend zu dieser clubbigen Laid-Back Stimmung, ist die Band in den kommenden Wochen und Monaten auf Club-Tour und reist durch ganz Deutschland. Infos für die Club-Tour der Band erhaltet ihr hier. Und wem die Single und der dazugehörige Remix so gut gefällt, kann den Song natürlich hier käuflich erwerben.
Mit música popular brasileira und thailändischen Jams
Die interessantesten Alben im März kamen ein bisschen von überall her. Neben der Brasilianerin Céu waren da die Khun Narin Electric Phin Band aus Thailand und australischer Psych Pop von Methyl Ethel. Aber auch die Alben von Esperanza Spalding und Anna Meredith klingen außerirdisch (und außerirdisch gut). Sogar die Alben, die es nicht in dieses Best-of geschafft haben, waren zu einem großen Teil international: Boris und Merzbows Kollaboration Gensho, Hiperasia vom spanischen Produzenten El Guincho und Fatima al Qadiris Brute. Hoch lebe die Globalisierung!
Anna Meredith: Varmints
Es ist eine Frage der Perspektive: Ist „Nautilus“ eher Hudson Mohawke ohne die Beats oder The Ark Workohne die Metal-Vergangenheit? Am besten trifft es wohl „switched-on Bruckner“ – dröhnende MIDI-Bläser, die aufwärts drängen. Aber das ist nicht mal alles. Nach dreieinhalb Minuten zerstört ein Drumcomputer den Rhythmus, der sich vorher im Kopf gebildet hatte und der Song nimmt eine ganz andere Richtung. Man weiß nicht so recht, wie einem geschieht, aber Varmints hält alles, was dieser Song verspricht und legt noch eine Schippe drauf.
„Nautilus“ ist der erste Song auf Anna Merediths Debütalbum Varmints, das eines der experimentelleren Releases auf dem Londoner Label Moshi Moshi darstellt. Meredith, die Komposition unterrichtet, ist gleichermaßen klassische Komponistin wie elektronische Künstlerin und fällt damit in das gleiche Raster wie Daniel Lopatin und Dan Deacon. Wie bei jenen Musikern vermag man nicht immer zu sagen, ob man die Musik nun als elektronische Klassik oder Popmusik wahrnehmen soll. Und das ist der springende Punkt. Obwohl es kaum einer als Art Pop bezeichnen würde und wohl niemand als Klassik, gehört Varmints zu den Alben, die – wie The Ark Work – am eindrucksvollsten die Schnittstelle zwischen Kunst und Pop verkörpern. Die Wahrnehmung von Musik ist eben auch nur Perspektive.
Céu: Tropix
Ich verstehe zwar kein Wort von dem, was Maria do Céu Whitaker Poças singt, aber es hört sich nach einer entspannten Welt an, in der sie lebt. Der Großteil der Songs auf Céus viertem Album Tropix ist auf Portugiesisch vorgetragen, die Sängerin stammt aus São Paulo. Ihre musikalischen Vorbilder sind nach eigener Aussage jedoch vor allem amerikanische Jazz- und Soulsängerinnen wie Ella Fitzgerald und Erykah Badu.
Dazu kommen auf Tropix noch heimische Spielarten wie Samba und Bossa Nova, aber auch Metronomy-reifer Electropop, Jazz Rock inspiriert von Melody Nelsonund mehr als eine languröse Ballade. Lasst doch die anderen Trübsal blasen, Céu ist frei davon wie der Himmel, der in ihrem Namen steckt. Diese Kollektion kleiner Pop-Perlen ist die musikalische Entsprechung zu Wolkengucken, Slow Food und Ausspannen in der Sonne.
Esperanza Spalding: Emily’s D+Evolution
Esperanza Spalding entwickelt sich immer weiter und die Cover der fünf Alben, die sie bis dato veröffentlicht hat, dokumentieren ihre Veränderungen. Die 2011, ein halbes Jahr nach dem Release ihres dritten Albums, mit einem Grammy für Best New Artist ausgezeichnete Jazzbassistin wanderte in zehn Jahren von Latin Jazz über „contemporary jazz“ zu Fusion auf Emily’s D+Evolution – je bekannter sie wurde, desto hipper wurden die Cover.
Ihr aktuelles Album ist alles andere als bieder, sondern selbst für Fans von D’Angelo und Hiatus Kaiyote, deren Funk Rock Sound sie auf Emily’s D+Evolution übernimmt, eine Herausforderung. Auf den ersten Blick nur passt Spalding neben Ms. Lauryn Hill und Erykah Badu, tatsächlich ist ihre Musik aber deutlich jazzig-vertrackter als das der Neo R&B Ikonen. Der nächste Anhaltspunkt ist Joni Mitchells Mingus Album, aber mit einer deutlich erdigeren Note. Die Bestandsaufnahme Emily’s D+Evolution ist der beste Einstiegspunkt in Spaldings Diskografie.
Khun Narin Electric Phin Band: II
Selten, seitdem ich vor einigen Jahren dem Soundtrack zu Jim Jarmuschs Meisterwerk Broken Flowers zum ersten Mal begegnet bin, habe ich Musik wie die der Khun Narin Electric Phin Band gehört. Music from Broken Flowers ist selbst für ein Soundtrack-Album eine unglaublich eklektische Mischung aus Garage Rock, Marvin Gaye und Stoner. Das beste sind aber die Stücke von Mulatu Astatqé, einem Jazzpianisten, der generell als „Vater des Ethiojazz“ bezeichnet wird.
Nun stammt Khun Narin nicht aus Äthiopien, sondern aus Thailand, und die instrumentalen Stücke sind abgesehen vom unterschiedlichen Ursprung auch deutlich rockiger. Die Freiheit, die Songs wie „Long Wat“ und „Sao Ubon Ro Rak“ suggerieren, findet sich aber eher im Astatqé-Roadtrip-Mixtape von Bill Murrays Filmnachbarn wieder als zum Beispiel in der geografisch benachbarten Musik der kambodschanischen Band Dengue Fever, die auf Music from Broken Flowers ein Astatqé-Stück interpretierten. Wenn ihr euch irgendwann einmal auf eine Autofahrt begeben solltet, um die Mutter eures Sohnes zu suchen, könnte II euer Soundtrack sein.
Methyl Ethel: Oh Inhuman Spectacle
Und zum Schluss nochmal das, was allen gefällt. Methyl Ethel ist Jake Webb aus Perth, und wenn euch bei der Stadt ein Licht aufgeht, habt ihr auch schon herausgefunden, was für Musik er macht. Methyl Ethel ist inzwischen eine Band, auf dem Debüt Oh Inhuman Spectacle, das im März in Europa erschien, hat er noch alles selbst eingespielt. Hört man ihm aber nicht an, finden auch die Juroren des Australian Music Prize, die Oh Inhuman Spectacle in ihre Shortlist gepackt haben – neben Alben von Tame Impala und Courntey Barnett.
Methyl Ethels verträumte, stellenweise gespenstische Lieder verdanken ihren Popappeal der oft funktionierenden, wenn auch selten originellen Mischung aus Chillwave und MGMT-Weirdo Pop. „To Swim“ würde auf Paracosm nicht auffallen und die ebenfalls preisgekrönten Singles „Rogues“ und „Twilight Driving“ sind State of the Art Psych Pop, wie ihn Grounders vor nicht allzu langer Zeit auch schon gemacht haben. Richtig interessant wird es aber in der zweiten Hälfte, während der sie mit Songs wie „Obscura“, „Also Gesellschaft“ und dem Panda Bear-esquen „Unbalancing Acts“ beweisen, dass sie besser komponieren als kopieren. Perfekt ist Oh Inhuman Spectacle zwar nicht, aber am Ende muss man dem letzten Song „Everything Is As It Should Be“ dann doch zustimmen.
Die Briten machen erfrischenden Indie Pop mit Hitpotenzial.
Clay fliegen schon länger völlig zu unrecht unter dem Radar viele selbsternannter Musikexperten. Songs wie „Oxygen“ und „Sun Dance“ hätten die Band bis vor ein paar Jahren wohl noch locker auf das Cover der NME gehievt, mittlerweile scheint Indie einfach nicht mehr so zu vermarkten zu sein.
Diese Tatsache scheint den vier jungen Musikern jedoch relativ egal zu sein und so haben sie vergangene Woche mit „Stay Calm“ eine neue Single veröffentlicht, die sich nahtlos in die momentanen Erfolge von Acts wie The 1975 oder High Tyde einreiht. Die Richtung scheint also klar zu sein. Indie mit popmusikalischem Hintergrund scheint momentan der einzige Weg zu sein mit dem Bands sich noch aus dem großen Sumpf freischwimmen können. Den Briten aus Leeds gelingt das mit „Stay Calm“ auf eine spielerisch leichte Art und Weise. Kein Wunder, wenn man sich Michael Jackson als Taktgefühlsgott zum Vorbild genommen hat.
Die Single „Everything Beta“ teasert das am 3. Juni erscheinende Album an.
Wenn Phoria aus Brighton etwas anpacken, dann so richtig. Jeder Song, den die Band auf Soundcloud dropped schlägt ein wie eine Bombe. Die Hype Machine gibt ihnen so oft Recht. So auch „Everything Beta“, der Teil ihrs Debütalbums Volition sein wird, das am 3. Juni in die Läden kommt.
Ursprung und Kopf des Projektes ist Trewin Howard, der mittlerweile aber von Jeb Hardwick (Gitarre), Ed Sanderson (Klavier/Synths), Seryn Burden (Dummer) und Tim Douglas (Bass/Synths) begleitet wird. Zusammen gestaltet das Quintett elektronische Klangteppiche, die in ihrer Zusammenstellung komplex sind und sich doch so wahnsinnig wohltuend in die Ohren der Zuhörer schleichen. Die Songs, allen voran „Everything Beta“ strahlen Gelassenheit und stoische Euphorie aus und hell yeah, wir freuen uns einfach auf die Platte!
Das neue Projekt von LUKA geht zurück in die Zukunft.
Der junge Künstler LUKA ist bereits länger bei uns auf dem Radar und so haben wir unsere Ohren natürlich gleich doppelt so weit aufgespannt, als es hieß, dass der Musiker sich mit dem Londoner Jung Fake Laugh zusammengetan hat. Das Resultat ist eine Bandbreite an warmen Beats und instrumentalen Klängen, die mit verträumten Vocals verschmelzen wie das Meerwasser, das an der Küster vor sich hin schwappt.
Die beiden arbeiten seit Anfang dieses Jahres zusammen unter dem Namen BIRTHDAY an einer gemeinsamen EP und mit „Do It All The Time“ ist nun also auch der erste Song daraus bekannt. Bei der Entstehung der Songs arbeitete LUKA in seinem Kinderzimmer an den Songs und schickte diese dann Fake Laugh, welche zu der Zeit bei seinem Vater wohnte. Eine Familienangelegenheit über tausend Ecken also quasi, die auch auf den Bandnamen schließen lässt. Wir wollen jedenfalls auch mehr Chillwave auf Geburtstagspartys!
Den Song „Do It All The Time“ kann man sich hier anhören:
Der niederländische Produzent gilt als einer der heißesten Newcomer überhaupt.
Schlagbegriffe wie Ben Khan, XO und Flume werden von der verantwortlichen Pressestelle gleich in den Raum geworfen und so ganz unrecht haben sie damit nicht. Der 22-jährige Niederländer zeigt, dass Amsterdam ein paar aussichtsreiche Acts zu bieten hat. Mit seinem Left-Field Pop trifft er den Nerv der neuen Hipster, die längst nicht mehr auf Gitarren und bärtige Singer/-Songwriter stehen.
SAUX verbindet tropische Beats mit leichten Funk-Elementen und eine großen Portion Disco. Die Summe ist so unwiderstehlich tanzbar, dass es nicht überrascht, dass der ultra angesagte Youtube Channel Majestic Casual bereits auf die Single „LIWY“ abfährt. Und ja, wir sind ziemlich stolz, dass wir bei dem Sound jegliche Cocktail-Anspielungen vermieden haben.
Krautronic is the new Black: Suuns verfeinern ihren neuen, elektronischen Art Rock
Die Prophezeiung hat sich bewahrheitet. „And now I’m talking to the old God about rock’n’roll / but the old God don’t listen to rock’n’roll no more“. „Music Won’t Save You“, der letzte Song auf Suuns‘ zweiten Album Images du Futur, nahm eine Entwicklung vorweg, die sich nicht nur an einem, sondern an zwei in diesem Monat veröffentlichten Alben ablesen lässt. Rock’n’roll wird zwar nie sterben, aber selbst die alten Götter interessieren sich inzwischen mehr für elektronische Musik, weil die schlicht mehr Innovationspotenzial bietet. Auf Hold/Still, dem vierten Werk des Quartetts aus Montreal, ist diese Zukunft endlich eingetroffen.
Dabei ist die Veränderung erst gar nicht so offenbar. Der Opener „Fall“ wartet mit Feedback und krachenden Drums auf, als sei schon wieder 1987. Wenn man genau hinhört, merkt man aber, dass die Bassdrum Techno-Produzenten wie Lakker näher steht als der Noise Rock Vergangenheit, der Suuns an der Oberfläche Ehre erweisen. „Instrument“ und „UN-NO“ wiederum scheinen mit krautigem Funk und gezielt gesetzter Gitarre an alte Songs wie „Up Past the Nursery“ und „Sunspot“ anzuknüpfen. Wie auf Images du Futur sind Gitarre und Synths auf Hold/Still ganz den Triolen, Quintolen und sonstigen -olen anheim gefallen, die den hypnotischen Effekt der Rhythmussektion noch verstärken.
„Resistance“ und „Mortise and Tenon“ bestätigen dann, was die zweite Single „Paralyzer“ bereits vermuten ließ: Suuns sublimieren die punkige Energie ihrer früheren Veröffentlichungen, indem sie das bassige Wabern des gemeinsamen Albums mit Jerusalem In My Heart als Songmodell nehmen. Das Bild der Rockband, die die Gitarren zur Seite legt und den Synthesizer in die Hand nimmt, ist zwar schon länger ein abgegriffenes, aber in letzter Zeit so präsent wie nie. Aus Krautpunk wird Krautronic, wie vorher aus Space Rock, Psych Rock und Noise Rock verschieden gefärbte Spielarten elektronischer Musik wurden.
Hold/Still verdeutlicht trotz seines Status als Nischenprodukt für Kraut- und Art Rock-Aficionados den ästhetischen Zeitgeist dieses Jahrzehnts. Große wie kleine Künstler sind musikalisch in den letzten Jahren auf der Gefühlsskala von ‚relativ gut gelaunt‘ zu irgendwo zwischen ‚besorgt‘ und ‚abgefuckt‘ gerutscht, ohne dass sich an den Texten groß etwas geänderthätte. Diese Entwicklung zieht sich durch Rock, Hip-Hop und Electro gleichermaßen und findet sich, wenn man darauf achtet, in etlichen Subgenres. Nur geben Rockbands heutzutage, Neupunks wie Cloud Nothings und Iceage ausgenommen, diesen Gefühlen anscheinend lieber mit dem verzerrten Synthesizer als mit der verzerrten Gitarre Ausdruck. Dass Hold/Still bei all dem weder unzufrieden klingt noch macht, zeigt nicht zuletzt, wie gut Suuns das Experimentelle mit dem Eingängigen in ihrer neuen, elektronischen Form von Art Rock vereinen.
Beste Songs: Mortise and Tenon, Translate, Brainwash