Der schönste Song des MY WOMAN Albums verkleidet in ruhiger Melancholie. Angel Olsens visuelle Umsetzung von „Pops“ ist nachdenklich und trist – und deswegen so gelungen.
Die süße Bitterkeit der Winterdepression schwebt durch das von Angel Olsen und Jethro Waters produzierte Video zu „Pops“. „What is it my heart is made of?“ fragt die Dreißigjährige aus St. Louis, die Kamera zeigt eine verlassene Wohnung, vom Nebel bedeckte Wälder und wird zum leisen Beifahrer auf Olsens einsamer Autofahrt. Unaufgeregt inszeniert und fern ab von kitschiger Bildauswahl wird das melancholische Portrait einer Frau gezeichnet, die Zuflucht in der eigenen isolierten Gedankenwelt sucht. Einen konkreten Handlungsstrang oder politische Alltagsbezüge sucht man hier vergebens, sie würden die stille Momentaufnahme der selbst gewählten Introvertiertheit in ihrer Ästhetik überladen.
Nach dem 2016 erschienenen MY WOMAN, das vom Feuilleton zurecht gefeiert wurde, bleibt Angel Olsen auch 2017 eine der interessantesten Künstlerinnen der USA. Wer das Album immer noch nicht gehört hat, kann sich zum Beispiel am 26. Mai in Berlin im Heimathafen Neuköln vom Talent der Folkstimme überzeugen. Wer aktuell noch nicht wirklich durch die Woche kommt oder die individuelle Tristesse des Mittwochs nicht abschütteln kann: Angel Olsen feelt euch.
Das Duo greift die schönen Seiten der 80er wieder auf und rutscht sich somit in einen Club in dem Fickle Friends, The 1975 und Lany bereits Mitglied sind.
Wir wissen selbst nicht so genau wann diese Begeisterung für die Cyndi Lauper-80er genau entstanden ist. Fest steht aber, dass immer mehr Indie Bands sich für den problemlos leichten Pop entscheiden und damit auch relativ erfolgreich sind. The 1975 haben es mit ihrem funk infizierten Cheesy-Pop vorgemacht und auch Fickle Friends sind kurz davor die pastelligen 80s wieder ins Radio zu kriegen.
Alan Thomas und Steven Rutherford aka joan schlagen jetzt den gleichen Weg ein und wollten mit ihrer Debüt-Single „Take Me On“ (nicht „Take On Me“) gute Laune verbreiten. Glänzende Gitarrenriffs, fröhliches Synthie-Gepfeife dominieren die energie-geladene Pop-Nummer und schaffen so Raum für große Zufriedenheit. Diese ist so weitreichend, dass man schnell vergisst, dass man eigentlich kaum Infos über die Band hat und auch sonst eigentlich nicht bekannt ist, was es mit den beiden Musikern auf sich hat. Eins hat das Duo uns dann aber doch noch dagelassen und zwar: “to be honest, we’re both super in love with our wives. like, crazy in love. it was just natural for us to write our first song about them. take me on comes from adventurous, young love we feel for our girls. the kind of love you feel tonight and forever.” Das kann man so stehen lassen, der nächste Cocktail wartet eh schon wieder.
Im Mai spielt das Elektropop Duo nur insgesamt vier Konzerte auf europäischen Bühnen.
Nick Sanborn und Amelia Meath sind Namen, die nach Kunst klingen. Und tatsächlich sind die beiden Musiker kein gewöhnliches Pop Duo. Eine von Folk, R’n’B und Electronica beeinflusste Platte, stellte 2014 das Debütalbum von Sylvan Esso dar. Danach ging es mit dem Duo, dessen Musik leicht nach The xx und Jamie xx klingt, steil bergauf. Dockville, Melt!, und eine gut besuchte Deutschland-Tournee war das Resultat eines sehr runden und doch experimentierfreudigem Debüts.
Momentan arbeiten Sanborn und Meath am Nachfolgewerk und versuchen neue Nuancen in ihren, souligen, donnernden Poltersound zu bringen. Ersterer ist hier für den produktionstechnischen Part verantwortlich und Meath gibt dem Gerüst dann mit ihrer markanten Stimme den Feinschliff. Die neuen Songs kann man dann ab Mai in den Metropolen London, Paris, Amsterdam und Berlin bestaunen. Der Termin in Berlin ist für den 02.05.17 im Berliner Schwuz angesetzt. Tickets gibt es ab Freitag, 11:00 Uhr an allen bekannten VVK-Stellen und via TixforGigs.
„Anxi.“ ist die erste Single aus dem Erstling der Waliserin.
Zuerst war da der Rework von „Kingsize“, dem Opener von Jenny Hvals überragendem fünften Album Apocalypse, girl.. Kelly Lee Owens hatte zwar schon eine EP veröffentlicht, aber mit dem Rework wurde sie 2015 einem breiteren Publikum bekannt. Im Oktober letzten Jahres erschien dann mit Oleic die zweite EP, auf der auch „Kingsize“ enthalten war. Fast genau drei Monate später kündigt die Waliser Pop-Techno-Produzentin nun ihr Debütalbum an.
Kelly Lee Owens erscheint im März auf dem Label Smalltown Supersound und wird neben der ersten Single „Anxi.“ auch die bereits veröffentlichten Songs „CBM“, „Lucid“ und „Arthur“ enthalten. Mit letzterem erweist sie dem experimentellen Cellisten Arthur Russell Ehre, der erst nach seinem Tod 1992 mit seiner Musik zu Ruhm gefunden hat. Für „Anxi.“ hat sich Jenny Hval mit gespenstischen Vocals revanchiert. Aber hört selbst, die Ähnlichkeiten sind da, wenn auch versteckt.
Kelly Lee Owens erscheint am 24. März auf Smalltown Supersound, vorbestellen könnt ihr es auf Kelly Lee Owens‘ Bandcamp-Seite. Cover, Tracklist und „Anxi.“ gibt es direkt hier unten drunter.
Joshua Tillman geht auf anthropologische Sinnsuche und landet im Chaos – ein dramatisches Statement zum Stand der Dinge.
Nach seinem 2015 erschienenen Album „I Love You Honeybear“ und den davon unabhängig stehenden Songs „Real Love Baby“ und „Holy Hell“ aus dem Jahr 2016, zeigt der amerikanische Geschichtenerzähler mit starkem Hang zur Satire in seinem gerade erschienenen Song „Pure Comedy“ in sowohl sprachlich als auch visuell aussagekräftigen Bildern, wo eine Gesellschaft in Zeiten von Neo-Liberalismus, ungebremster Globalisierung und gewählten Radikalen seiner Meinung nach einzuordnen sei. Video und Song sind dabei, typisch für den Künstler, dramatisch, extrem ironisiert und münden im Spektakel.
Dem Aufbau eines aristotelischen Dramas folgend, führt Tillmann zu Beginn des Songs grundlegend in’s Thema ein. Das Video zeigt sowohl die Erdkugel, als auch schwimmende Spermien und der Betrachter bekommt ein Elternpaar aus der Sicht eines Neugeborenen gezeigt. Auffällig aufgrund ihrer Häufigkeit sind vor allem die karikativen Comicstrips, die meistens chaotisch anmutende Menschengruppen zeigen und gesellschaftlich unumgängliche Themen wie Sexualität, Religion oder auch Materialismus in ihre jeweilig eigenen Extreme geführt darstellen. Am Höhepunkt angekommen fragt Father John Mistys Erzähler, der textlich stets fern ab vom Geschehen zu stehen scheint, sein Publikum „where did they find these goons they elected to rule them?“ und im Video ist, nach Mike Pence und Ivanka Trump nun auch der seit kurzem vereidigte 45. Präsident der USA, Donald Trump, zu sehen. Naturkatastrophen und Völlerei werden gezeigt, die Stimme Tillmans nimmt Fahrt auf, immer häufiger erscheint Trumps Konterfei kühl nickend, ein letzter Comic Strip zeigt eine Feiergesellschaft von Skeletten. Father John Misty hat seine ‚Comedy‘ in eine Tragödie verwandelt und bekennt verbittert „I hate to say it, but each other is all we got“.
Die Londoner Synthie-Sweetheads Ten Fé fügen ihrem Debütalbum im Februar eine stimmungsvolle Remix EP hinzu.
‚Hit the Light‘ soll am 03.02.2017 erscheinen und so langsam kann man den Sound des britischen Indie-Duos erahnen. Zusätzlich zum Erstlingswerk soll nun am 24.02.2017 eine Remix EP erscheinen, auf deren fünf Tracks sich UNKLE, Tom Furse von The Horrors, Ewan Pearson, die Norweger Lindstrøm und Prins Thomas und eben der Berliner Roman Flügel am Sound von Ten Fé versucht haben. Dessen Remix von der 2016 veröffentlichten Single ‚Twist your Arm‘ fügt dem ruhigen und zuweilen schon recht abgeklärten Sound der Jungs aus der britischen Weltmetropole nun eine spannende dunklere Seite hinzu.
Wer ein Gefühl für Ten Fé und ihr Debütalbum bekommen will, braucht für den Einstieg gar nicht mehr bis zur Veröffentlichung von ‚Hit the Light‘ zu warten, da bereits sechs Songs (darunter auch der entspannt kitschige Opener ‚Overflow‘) im Stream verfügbar sind. Leo Duncan und Ben Moorehouse, die im Rahmen des internationalen Musikförderprogramms der Deutschen Telekom ihrer Band so richtig Auftrieb verleihen konnten, kommen im Zuge ihrer Albumveröffentlichung Ende Februar auf große Europa Tour, Aufenthalte in Deutschland sind in Hamburg, Berlin und Köln eingeplant. Wem der Sound der Beiden dann doch ein wenig zu eingängig ist, sei hier nochmal Roman Flügels Interpretation von ‚Twist your Arm‘ an’s elektrische Herz gelegt.
Dass London nicht erst seit dem Brexit eine aufkommende Hip Hop-Szene besitzt, ist längst bekannt. Es wäre also auch falsch den 22-jährigen Coyle Larner, alias Loyle Carner, stumpf als Brexit-Rapper abzustempeln. Seine ersten musikalische Schritte machte dieser nämlich schon im Alter von 14. Anfänglich dienten seine Gedichte und Reime noch zur Selbstreflexion und spiegelten das Dilemma eines frustrierten Teenagers wieder. Mit 19 veröffentlichte der zum Musiker gereifte Carner seine erste EP, was ihm gleich zu einem Support-Slot bei Soulmates wie Kate Tempest verhalf.
Auch wenn er dem Sprechgesang natürlich sehr verbunden ist, lässt sich Loyle Carner nicht wirklich in eine Genre-Schublade stecken. Zu divers und zu experimentierfreudig ist der Sound des Londoners, der Grime mit Jazz, Blues und Poetry Slam vermischt, dabei aber nie die Eigenständigkeit seiner Musik verliert. Ähnlich verhält es sich auch bei seinem in Großbritannien sehr gehyptenen Debütalbum „Yesterday’s Gone“. Mit „The Isle Of Arran“ zeigt er gleich seine große Vorliebe für die Übersee-Musik. Der Hörer wird mit smoothen Gospel-Klängen offen empfangen, erst nach einem etwa 30-sekündigen Intro, tritt Carner an das Rednerpult und hält sein Plädoyer ab.
Yesterday’s Gone ist kein Weltverbesserer-Werk, das sensible Themen wie Brexit oder Trump mit gedroschenen Phrasen erklären möchte und doch wird in der Stimme einer Generation aus Unterdrückten und Nichtverstandenen aus der Seele gesprochen.
Carner, dem die Begeisterung für die Musik von seiner Familie eingeimpft worden ist, hat nämlich viel zu sagen. So rappt er beispielsweise über Zusammenhalt und eben auch über seine eigenen Probleme. Die Selbstreflexion, die Krise mit Gott, seine Kindheit mit ADHS, all dies versteht sich zwar in erster Linie autobiographisch und doch steht es auch sinnbildlich für das Gesicht, der geächteten Generation Y. Yesterday’s Gone ist kein Weltverbesserer-Werk, das sensible Themen wie Brexit oder Trump mit gedroschenen Phrasen erklären möchte und doch wird in der Stimme einer Generation aus Unterdrückten und Nichtverstandenen aus der Seele gesprochen. Verpackt wird dieses Storytelling in warme Beats, die mal an den guten John Legend („Damselfly“), mal sogar an James Blake („Florence“) erinnern.
Erzählt werden die Geschichten seiner Familie. Das Verhältnis zwischen Larner und seiner Familie ist ein Motiv, das immer wieder aufgegriffen wird auf „Yesterday’s Gone“. Man spürt als Zuhörer, dass die Platte ohne seine Familie so nicht entstanden wäre. Als Hommage steht am Ende der 13 Songs eine Nummer, die sich sound-technisch deutlich vom Rest der sonst eh schon sehr heterogenen Platte, abhebt. Carner bindet auf dem Closer „Yesterday’s Gone“ Samples von Gitarren-Aufnahmen seines Stiefvaters mit ein und auch die Mutter wird von ihm mit eingebaut. Wer jetzt aber denkt, dass das Debütalbum nur so von Melancholie so strotzen würde liegt falsch. Vielmehr ist die Platte als Ausblick zu sehen. Ein reflektierter Ausblick auf eine bessere Zukunft. Vernünftiger Optimismus. Mit dieser Einstellung, seinem unhaltbaren Talent und der Fähigkeit Dinge anzusprechen ohne lehrerhaft zu wirken, ist Loyle Carner einer der aufregendsten Musiker für das Jahr 2017.
Beste Songs: The Isle Of Arran, Ain’t Nothing Changed, NO CD
Das Quartett von I Heart Sharks zeigt sämtliche Facetten: Wohnzimmerkonzert, Stadionrock und Indie-Disko.
Am 19. Januar haben I Heart Sharks den Tourauftakt im Club der halle02 in Heidelberg gefeiert. Bevor die vier Musiker aus Berlin die Bühne betreten haben, ließen sie dem Support Oriion den Vortritt. Und irgendwie sorgte der Schweizer für große Verwirrung bei einigen Besuchern. Sind wir gerade auf einem Indie-Konzert oder hoffen wir darauf, dass Oriion mit seinem „Hit“ „Never H.A.T.E“ einen gelben Zettel für den Recall bei DSDS bekommt. Der Kosmopolit konnte mit seinem Soul-Pop leider wenig überzeugen und auch der begleitende Gitarrist konnte nicht viel daran ändern. Die Jury hat dem jungen Musiker leider keinen gelben Zettel gegeben und so muss Oriion wohl noch etwas warten bis seine Musik es in die nächste Vodafone-Werbung schafft.
Das Publikum freute sich also umso mehr auf den Auftritt von I Heart Sharks und die kamen auch gleich fulminant auf die Bühne und zeigten während ungefähr 90 Minuten was sie bis dato in ihrer Karriere schon alles durchlebt haben. Von den poppigen Nummern wie „Lost Forever“, „Hideaway“, über Hits „Karaoke“, „To Be Young“ mit Arena-Flair bis hin zu Indie-Disko-Bangern „Lies“ oder „Neuzeit“ war alles mit dabei. Indie-Nostalgiker werden wohl sagen, dass I Heart Sharks ihrer stärkste Phasen im Math-Rock angehauchten Electro-Indie haben und tatsächlich überraschte die zu einem Quartett herangewachsene Band mit gelegentlichen guten Übergängen. Man merkte der Band anhand der Freude bei manchen Tracks aber auch an, dass sie (zurecht) sehr stolz auf ihre aktuelles Album „Walls“ sind.
Nach einer knappen Stunde gönnten die Indie-Musiker sich dann eine kurze Verschnaufpause bevor sie dann in der Zugabe doch noch eine weitere Portion Liebe mit ins Spiel gebracht hatten. Der Frontmann Pierre Bee spielte zusammen mit dem Gitarristen Simon Wangemann inmitten der Menge unter einer Retro-Schirmlampe die süße Ballade „Easy“. Schnell wurde der Club der halle02 vom Club mit Industrial-Feel zum heimischen Wohnzimmer und man merkte auch, dass das Publikum immer näher zusammengerückt ist. Verabschiedet haben I Heart Sharks sich dann mit ihrem „To Be Young“ und ließen das Publikum mit dem Statement des Sängers „Seid gut zu einander, dann wird alles wieder gut…in vier Jahren.“ alleine. Dieses hatte er im Laufe des Konzert bei einer Ankündigung gemacht und somit einen verbalen Mittelfinger in Richtung Trump gezeigt. I Heart Sharks haben das Herz eben doch an der rechten Stelle.
Das Video zur aktuellen Single „Hideaway“ gibt’s hier:
Die junge Dänin Mø beweist großes schauspielerisches Talent und veredelt damit die Zusammenarbeit mit Snakeships für „Don’t Leave“.
Mit „Don’t Leave“ machen zwei der spannendsten Shootingstars des vergangenen Jahres erstmals gemeinsame Sache. Mø und Snakeships haben sich nämlich für die Zusammenarbeit wirklich gleichwertig ergänzt, weshalb man auch keine sonst üblichen „Feature“-Notizen feststellen kann. Der Hit ist das harmonische Resultat aus drei spannenden, kreativen Köpfen, die einen feinen Sinn für zeitgemäße Popmusik haben.
Im Video, das in Berlin gedreht wurde, zeigt Mø, dass die auch durchaus Schauspieltalent aufzuweisen hat. Das Video bietet alles, was ein bewegender Kurzfilm beinhalten hat. Es gibt etliche Kusssszenen, Trennungsschmerz und alles was eine Beziehung an positiven und negativen Eigenschaften mit sich bringt. Die Jungs von Snakeships tauchen übrigens überraschenderweise nicht im Video auf und haben Mø damit den Vortritt gelassen, was rückblickend angesichts des Resultates wohl eine sehr gute Idee war.