Mac DeMarco gibt Einzelheiten zu seinem neuen Album „This Old Dog“ bekannt und stellt gleich zwei neue Songs online.
Das neue Album des Kanadiers soll bereits seit Ende letzten Jahres im Kasten sein und nur darauf warten endlich unter die Menschen gelassen zu werden. DeMarco selbst hielt sich aber bewusst bedeckt und hat erst jetzt ziemlich überraschend gleich zwei neue Songs veröffentlicht. Diese sind, wie das komplette Album, stark von seinem Umzug nach LA geprägt. Der Dude selbst behauptet nämlich: “I demoed a full album, and as I was moving to the West Coast I thought I’d get to finishing it quickly […] But then I realized that moving to a new city, and starting a new life takes time. Usually I just write, record, and put it out; no problem. But this time, I wrote them and they sat. When that happens, you really get to know the songs. It was a different vibe.”
DeMarco wollte mit seiner neuen Platte bewusst Realness beweisen. Es ist seine vielleicht persönlichste Platte. Er redet viel über Familie und eigene Probleme. Wer jetzt jedoch denkt, dass der Sound auf einmal nicht mehr wellenleicht ist, kann sich beruhigt zurücklehnen. Der Kanadier bleibt sich sound-technisch treu; zumindest was die beiden ersten Songs „This Old Dog“ und „My Old Man“ angeht. Die Platte „This Old Dog“ erscheint am 5. Mai via Captured Tracks.
Feinkost statt Einheitsbrei: was letztes Jahr in den immergleichen Bestenlisten gefehlt hat.
Bevor wir uns ins Musikjahr 2017 stürzen, werfen wir nochmal einen Blick zurück auf das, was ihr euch nicht entgehen lassen solltet. Die folgenden Alben sind bei den lieblosen Auflistungen der Kritik zum Jahresende zu kurz gekommen, zu unrecht wie wir finden. In solch einer Liste ist nicht unendlich viel Platz, aber in diesem Jahr gab es – mal wieder – gefühlt unendlich viel Musik, die es wert ist, gehört zu werden und die die großen Publikationen in ihren Bilanzen zugunsten von ohnehin schon bekannten Künstlern vernachlässigen. Deshalb nutzen wir diesen Artikel für Alben, über die wir noch nicht geschrieben haben und verweisen euch am Ende des Artikels auf die Reviews des letzten Jahres, die uns genauso am Herzen liegen wie die Bands in der Alternativen Liste.
Wenn es um organische, lebendige bieteMusik geht, konnten im vergangenen Jahr nur wenigeBands mit Alsarah & the Nubatones mithalten. Manara, das zweite Album der Band um die im Sudan und Yemen aufgewachsene Sängerin, steht dem zwei Jahre alten Debüt Silt in nichts nach. Die Melodien, meist entspannt wie in „Albahr“ und „Ya Watan“, manchmal etwas aufgeregter wie in „3roos Elneel“, winden sich in die Gehörgänge und bleiben dort sitzen. Oud und Percussion umspielen sich, driften mal auseinander und finden dann wieder zusammen. Die Lieder gehen oftmals ineinander über, manchmal stehen Interludes oder kleine Samplefetzen dazwischen. Überall durchzieht der arabische Gesang von Alsarah und ihrer Schwester Nahid die Lieder wie Blutbahnen einen Körper und haucht der Musik eine ruhige, aber vibrierende Lebendigkeit ein.
An Caandides geht der Preis für das beste Album aus der Sparte „Irre fröhliche Popmusik des 21. Jahrhunderts“. Obwohl 20° 30′ S 29° 20′ W ganz geschmeidig anfängt, mit den Geräuschwellen von „Crossfade“ und dem entfernt an Panda Bear und Avey Tare erinnernden „Winter VI“ (Sommergefühle, „Trinidade hopes“ und Jauchzen als Gesang). Über die nachfolgenden zehn Lieder entwickelt die Band aus Paris um Sänger Dylan Collins aber einen immer ekstatischeren Sound. Die verqueren Gitarrenklänge und die Electrodrums lassen zwar noch an Chillwave denken, aber spätestens bei „Winter XIII“ ist daraus so etwas wie Thrillwave geworden. So bunt war 2016 keiner.
Der Saxophonist Shabaka Hutchings hat seit dem Ende des letzten Jahrzehnts versucht, sich einen Namen in der Londoner Jazzszene zu machen. Mit dem „New Generation Artist“ Award, der ihm 2010 von der BBC verliehen wurde, fingen die Preise an zu purzeln. Allerspätestens 2016 war sein Name in aller Munde: Mit seiner Hauptband Sons of Kemet hatte er gerade erst ein zweites großartiges Album veröffentlicht, da brachten sowohl The Comet Is Coming und Shabaka and the Ancestors ihre ersten LPs heraus, und für das Radio NTS lieferte er mit Sarathy Korwar und Hieroglyphic Being dann noch eine schier umwerfende 90-minütige Improvisation ab. Channel the Spirits, das Debüt des (möglicherweise nach einer Performance mit dem Kollektiv The Brother Moves On benannten) Trios The Comet Is Coming, vereint die afrofuturistische Symbolik Sun Ras mit einer basslastigen Musik, die zu gleichen Teilen Hip-Hop, Jazz und Electro vereint.
Seine Landsleute Acid Arab haben letztes Jahr mit Musique de France gezeigt, dass das musikalische Erbe der heutigen französischen Produzenten nicht nur auf France Gall und Serge Gainsbourg beruht. Xavier Thomas, der als Débruit wortwörtlich unterwegs ist, hat nach dem gemeinsamen Album mit Alsarah (s.o.) einen ähnlichen Weg eingeschlagen und ist zwei Wochen lang durch Istanbul gereist, um lokale Musiker zu treffen. Das, was sie ihm mit Saz, Klarinette, Percussion oder Gesang gegeben haben, hat er dankbar (auf-)genommen und mit seiner dunklen Electroproduktion gemischt. Das Resultat heißt konsequenterweise Débruit & Istanbul, denn „die Stadt war ein Kollaborateur“ auf dem Album, so Thomas. Zwei Drittel der Tracks sind Kollaborationen, aber allesamt lassen sie von der Perle am Bosporus träumen.
Auf Köln ist Verlass. Dort, wo sich Himmel un Ääd gute Nacht sagen, findet man die beste Popmusik der Republik, Punkt. Während Roosevelt fröhlich durch Amerika tourte und die Urban Homes die Promoexemplare ihres Zweitwerks verschickten, veröffentlichte Keshav Purushotham unter dem Namen Keshavara sein gleichnamiges Debüt. Eine detailfreudige Konfektion aus Hip-Hop-Swagger, Popglasur und allerhand gezielt eingeworfenen Sounds unbestimmter Natur. Für Tagträumer („Melancholy Sunshine“) und Psychedeliker („Neighborhood“) genauso geeignet wie für Hopper („Hotel Zen Garden“) und Popper („It’s Raw!“). Dank Keshavara kann man das Wort „cool“ wieder ins Kritikervokabular aufnehmen.
Le Havres zweites Album Trajectoires hat alles, was ein Art Rock Album verlangt: Rhythmen, die aus dem üblichen Trott herausfallen, eigenwillige Harmonien, die aus Parallelwelten zu stammen scheinen und von Konventionen losgelöste Songstrukturen. Die Gitarren klingen unheimlich, denen von Sable Noir nicht unähnlich. Die Art, wie sie mit Klang und Textur arbeiten, verpasst dem Duo aus Montreal eine persönliche Note. Und, last but definitely not least, die Songs sind bei aller Experimentierfreude eingängig und geben dem Ohr, was es verlangt!
Maximalism als Genre ist für viele eine merkwürdige Angelegenheit. Kitschig kann das wirken, Künstler wie Hudson Mohawke und Rustie werden mitunter als „einfach vulgär“ abgetan. Man kann diese Musik aber genauso gut als logische künstlerische Fortsetzung von kommerziellem EDM sehen, als ein Auf-die-Spitze-Treiben eines Verlangens nach Ekstase und der Reduzierung der Musik auf das Essentielle: starke Gefühle. Als solche steht Lorenzo Sennis Persona EP in einer Reihe mit Alben wie SOPHIEs PRODUCTund Rusties Glass Swordsund Songs wie „Chimes“,„Sticky Drama“ und zuletzt „Nautilus“. Die Songs „Rave Voyeur“ und „Forever True“ tragen den Gefühlsoverload schon im Titel. Persona ist das Infinite Jest der Musik, ein hysterischer Höllenritt durch das Digitale, mit einem Bleifuß auf der Tränendrüse und beiden Händen auf dem „Pleasure“-Button.
Tzenni ist zu verdanken, dass viele Musikfans Mauritanien auf einer Weltkarte orten können. Das Debütalbum von Noura Mint Seymali wurde vor zwei Jahren auf Glitterbeat Records veröffentlicht. Noura, eine Griot (traditionelle Geschichtenerzählerin und Musikerin) aus dem Land in Nordwestafrika, hat die Musik schon mit der Muttermilch aufgesogen, ihre Eltern waren beide angesehene Musiker. Im September erschien das zweite international erhältliche Album Arbina (ein Name für Gott), ebenfalls auf Glitterbeat. Arbina verbindet wie sein Vorgänger westliche Rockjams mit verschiedenen maurischen Musikstilen. Die außergewöhnliche Stimme hat sich Noura übrigens über ein traditionelles Training angeeignet: Vor der Pubertät musste sie regelmäßig so lange singen, bis sie heiser wurde; der Heilprozess hat dann ihre Stimmbänder gestärkt. Was nur ein Grund ist, weshalb sie zum besten gehört, was die internationale Musikszene im Moment zu bieten hat.
Inzwischen ist wohl klar, dass wir große Fans von Sea Moya sind. Das Trio ist musikalisch innovativ wie keine andere deutsche Band, ihre Baltic States EP zeigt das mehr als deutlich. Die fünf Songs sind ein deutlicher Schritt vorwärts von der ersten EP und platzieren die Messlatte für den ersten Langspieler, der dieses Jahr erscheinen soll, ungefähr auf Höhe des Berliner Fernsehturms. Das Ganze ist unangestrengt und groovy, weniger träumerisch als noch Twins. Die Einflüsse, die von Afrobeat über Electro und Math Rock bis Hip-Hop reichen, haben Sea Moya zu einem originellen Sound zusammengefügt, bei dem alle Elemente scheinbar mühelos ineinander fallen.
Bevor Post-Rock ein Genre wurde, war es eine Zukunftsvision. Das Überwinden von Rockstrukturen, ein „Ende der Geschichte“ traditioneller Rockmusik. In gewisser Weise waren Bands wie Can und Cluster schon in den Siebzigern Post-Rock. Wie so oft wurde daraus irgendwann selbst eine Tradition, das versprochene Danach von Laughing Stock und Millions Now Living Will Never Die zum Jetzt von Mogwai und Sigur Rós (was nicht heißen soll, dass Mogwai-esquer Post-Rock an sich schlechter ist als der von Tortoise; er entspricht lediglich einer neuen Konventionalität). Was heute im Geiste „post Rock“ ist, sind Bands wie These New Puritans und Alben wie Skeleton$‘ Am I Home?. Matthew Mehlan, der weniger der Kopf hinter Skeleton$ ist als dass die Formation Skeleton$ eine von vielen Manifestationen seiner Musik ist, hat mit diesem Album eine Gruppenarbeit orchestriert, die auf Marimbas, Bläsern, Orgel, Mehlans warmem Gesang und dem unablässigen Getrommel von Liturgy-Drummer Greg Fox aufbaut. Improvisation, Kammermusik, Sound Art, Pop – noch Post-Rock oder schon eine zeitlose Einzigartigkeit?
Neben dem Electro-Pionier Flume hat das Festival in Hamburg außerdem noch King Krule, Mura Masa und Glass Animals bestätigt.
Das MS Dockville in Hamburg ist bekannt für seine große, musikalische Vielfalt. Dabei beweisen sie auch dieses Jahr wieder eine feine Nase für den aktuellen Zeitgeist und haben bereits mit dem Booking von Yung Hurn bestätigt, dass Cloud Rap auch auf dem Dockville angekommen ist. Bestätigt wird dieser Eindruck mit den zusätzlichen Bestätigungen von LGoony und Crack Ignaz. Dies wird Indie-Nerds natürlich wieder verstören, dabei gibt es mit Sohn, Roosevelt und Palace auch gleich drei spannende Acts für diejenigen, die von Indie nicht genug bekommen können.
Überraschend wurde neben größeren Namen wie Flume, Glass Animals und Mura Masa auch der Brite King Krule bestätigt, der mit seinem Album „6 Feet Beneath The Moon“ 2013 für große Aufregung gesorgt hat. Außerdem wurden noch Radical Face, Captain Planet, Razz, Adana Twins, Oliver Schories (live), Bukahara, Jordan Rakei, Júníus Meyvant, Mädness & Döll, Rey & Kjavik, Gurr, Ross From Friends, SPARKLING, Julian Stetter, Madomma (& Friends) angekündigt.
In einer ersten Welle wurden außerdem bereits Moderat, Oh Wonder, LaBrassBanda, Mount Kimbie, Tale Of Us, Von Wegen Lisbeth, Maxim, Yung hurn, What So Not, Audio88 & Yassin, dePresno, TOMM¥ €A$H, Tash Sultana, Dirty Doering, Maribou State, Voodoo Jürgens, Monolink, Mall Grab, Easter, Sea Moya und DJ Boring für das diesjährige Line-Up bekannt gegeben.
Mit ihrer Zerbrechlichkeit erinnert die erst 19-jährige Musikerin Rosie Carney an Daughter.
Das Leben meinte es nicht immer gut mit der jungen Britin Rosie Carney. Depressionen und Essstörungen plagten sie ihr halbes Leben lang und geben ihr heute die Kraft, die sie so auszeichnet. Die Musik versteht sie, ebenso wie ihren Blog, als Therapie gegen die bösen Geister, die sie verwirren, zerstören, auffressen. Nach einem missglückten Versuch bei einem Major Label kam die Musikerin beim Londoner Boutique Label X Novo (Phoria, Mt. Wolf) unter und blüht seitdem menschlich wie auch musikalisch auf.
Ihre neueste Single „Awake Me“ kann also durchaus als Neustart gesehen werden. Es ist ein Song über das Erwachsenwerden und die Probleme, die dies mit sich bringt. Neben dem Verarbeiten ihrer Probleme steht aber auch die herausragende Stimme der Musikerin im Vordergrund, die verdeutlicht warum jeder von ihrem Talent begeistert ist. Kein Wunder also, dass der Vergleich zu der Herzensbrecher-Band schlechthin schnell gemacht ist. Mit Rosie Carney gibt es nun eine neue Herzensbrecherin am britischen Sad-Indie-Himmel.
Der 19-jährige Musiker Jakob Ogawa aus Oslo springt in einem psychedelischen Kreativbrunnen und beglückt uns mit „All Your Love“.
Als der Track „All Your Love“ das erste Mal bei uns lief, hätten wir uns nicht erträumen können, dass der norwegische Musiker erst 19 Jahre alt ist. Zu ausgetüftelt, reif und überlegt klingt sein neuestes Werk. Dabei ist der Song eigentlich von der Stimmung her alles andere als „nüchtern“. Bittersüße Beats regnen auf den Hörer hinab und die schon fast elfenhafte Stimme Ogawas verführt einen und nimmt einem mit in eine Welt voller Tagträume. Man versucht sich gar nicht mehr loszureißen, sondern lässt sich gehen und taucht immer tiefer in die Materie ein.
Jakob Ogawa ist keineswegs ein komplett unbeschriebenes Blatt und hat bereits mit seinem ersten Versuch „You’ll Be on My Mind“ letztes Jahr für Aufsehen sorgen können. Unsere Freunde von Hillydilly und JaJaJa waren Fans der ersten Stunden und nun hat es auch uns in den Bann gezogen. Die Single ist ab sofort auf den üblichen Plattformen verfügbar und wir raten strengstens dazu sich einfach mal drei knappe Minuten lang gehen zu lassen.
Mit „Rules“ präsentieren Bergfilm den ersten Vorboten auf das Debütalbum Constants und erzählen zugleich bildgewaltig die Geschichte eines jungen Mannes auf der Suche nach Lebendigkeit.
Wasser ist Lebendigkeit. Kein Wunder also, dass sich das Kölner Elektro-Pop-Quartett dieses Elements in ihrem neusten Video zur aktuellen Single „Rules“ bedient, um so die Geschichte eines jungen Mannes zu erzählen, der nach Vitalität und Elan in seinem Leben strebt und dabei an seine Grenzen stößt. So intensiv wie das Video ist auch die Musik der Band, die durch 80er-inspirierte Synthie-Flächen und die über alles schwebende eingängige Stimme den Hörer in eine melancholische Atmosphäre stürzt, ihn jedoch zeitgleich durch tanzbare Klanglandschaften und die smoothen Indie-Gitarren wieder auf die Beine zieht. Melancholie und Euphorie gehen hier Hand in Hand.
Mit ihrem organischen Sound geben Bergfilm dem Genre Elektro-Pop ein ganz neues Gesicht, indem sie dem Ganzen ihre eigene Nuance hinzufügen. Gemeinsam mit Produzent Elias Foerster (Still Parade, Sea Moya) haben die Kölner ein persönliches Debütalbum aufgenommen, das von ersten Begegnungen, Konflikten mit dem Leben und schmerzhaften Beziehungsenden erzählt. So unbeständig die besungenen Beziehungen in den Lyrics von Bergfilm sind, so gewiss ist jedoch die Vorahnung, dass das Debüt der Kölner nicht nur abwechslungsreich, sondern auch spannend sein wird.
Passend zum Release gehen Bergfilm im Frühjahr auf ausgedehnte Deutschlandtour. Tickets für die Tour gibt es an allen bekannten VVK-Stellen.
Das Debütalbum Constants erscheint am 3. März via Haldern Pop Recordings.
2016 war sicher kein schlechtes Jahr für Der Ringer: Veröffentlichung der eigenen Glücklich EP im Frühjahr, Veröffentlichung der Zusammenarbeit mit ihren Brudis Isolation Berlin im Herbst und eine anschließende Tour mit eben jenen im Winter. Wer das Hamburger Quintett auf letzterer erleben durfte, hatte höchstwahrscheinlich Schwierigkeiten damit, sich der Faszination für die melodische Mischung aus New-Wave und Post-Punk zu entziehen. Texte, die live unwirklich und verzerrt vorgetragen werden und eine Band, die sich bewusst vom Publikum zu distanzieren scheint. Schubartig hervorbrechende Refrains, eine Roboterstimme, mit der Sänger Jannik Schneider den nächsten Song ankündigt und fünf schöne Menschen auf einer Bühne. 2016 also Glücklich, 2017 nun der Soft Kill. Eine Annäherung an ein Album aus überschäumenden Effekten und morbiden Fahrten durch entfremdete Emotionen.
Wie funktionieren Gefühle, wenn sie über Social Media, Chatverläufe und Dating Apps vermittelt werden? Welche Entfernung kann durch künstliche Übertragungen über Glasfaserkabel egalisiert werden, und kann sie das überhaupt? Die zeitgenössische menschliche Existenz und die artifiziell erhaltene Zwischenmenschlichkeit im Zeitalter von Tinder, Facebook und Konsorten war 2016 wesentlicher Aspekt der Texte von Der Ringer, die sich auf Soft Kill aber nun verstärkt dem Erkunden der daraus entstehenden Gefühlswelten zuwenden. Technologie und globalisierte Digitalisierung werden erneut weder positiv noch negativ bewertet, sondern als Grundkonzepte angenommen, die die Basis für die dramatische Erkundungstour Soft Kills darstellen.
Der Ringer als proklamierende Emotionsmaschine
Im Gegensatz zur direkten Erzählweise eines Tobias Bamborschke (Isolation Berlin), vermeiden Schneiders Songtexte konsequent das Darstellen konkreter Ereignisse, Personen oder Geschichten, sondern verstecken sich in abbrechenden Metaphern und angedeuteten Bildern, die weder songübergreifend zusammenhängen, noch innerhalb eines Tracks aufgelöst werden. Es erscheint auf diesem Album schlicht müßig, die Emotion an persönlich-alltäglichen Beispielen zu veranschaulichen, wenn sie doch auch in Parolen wie „Ich bemühe mich, bis der letzte meiner Knochen bricht“ in ihrer schmerzhaftesten und realsten Form zur Geltung kommen kann. Genau diese Momente, in denen Der Ringer zur proklamierenden Emotionsmaschine werden, sind textlich die stärksten des Albums. Der Hörer wird zum Betrachter eines immer wieder fast verzweifelnden Protagonisten im Mahlstrom der eigenen Gefühlswelt. Mag teilweise kitschig sein, ist aber niemals belanglos.
Soundtechnisch mag beim ersten Hören vielleicht vor allem der Auto-Tune und die effektverzerrte Stimme auf Soft Kill auffallen und mancher Indie-Fan wird sich mit den Chorus Effekten, dem konsequenten Hall, dem Einsatz von Overdrive und Distortion wahrscheinlich nicht endgültig anfreunden können, verpasst aber damit ein Zusammenspiel von Text und Klang, wie es bisher im deutschsprachigem Pop so nicht anzutreffen war. Immer wieder werden Songzeilen absichtlich unkenntlich gemacht, um es Songs wie „Morton Morbid“ oder „Violence“ zu ermöglichen, sich in explosionsartigen Post-Punk Orgien zu verlieren. Das Extreme in Soft Kill findet sich vielleicht in den dynamischen Drums, den effektreichen Gitarren, die gemeinsam mit den weichen Synthies immer wieder an 80er Größen á la The Cure (sorry für 1 classy namedropping) erinnern und der immer wieder durch den Auto-Tune vibrierenden Stimme sogar noch stärker als im textlich dargelegten Spektrum.
Soft Kill kann ein warmes Gefühl des Vermissens personeller Nähe sein, eine Reise in’s Unterbewusstsein unseres Zeitgeists und ist zu keinem Zeitpunkt anklagend oder prätentiöses Bashing einer modernen, digitalisierten Gesellschaftsform. Der Ringer legen ein Debütalbum vor, auf dem viel unerklärt bleibt, auf dem sich fünf junge Männer nicht viel um die oft geforderte Realness, beziehungsweise die Authentizität von Text und Musik scheren und dessen Komplexität den Hörer in manchen Teilen dazu auffordert, nach Aussage und Sinn zu suchen. Wer sich darauf einlässt, wird fasziniert bleiben von soviel punkiger Selbstreflexion. Wer sich noch ein wenig mehr einlassen will, kann Jannik Schneider, Jakob Hersch, Jonas und David Schachtschneider und Benito Pflüger ab 15. Februar auf ihrer „Soft Kill Tour 2017″ erleben.
Dunkler Noir Sound aus Schweden. Mit „Egyptian Darkness“ gibt Louise Lemón einen weiteren Vorgeschmack auf ihre voraussichtlich im April erscheinende Purge EP.
Nach der im Oktober letzten Jahres erschienen Single „Thirst“ bekommen wir nun einen zweiten Track der Newcomerin aus Schweden vorgelegt und erneut fühlen wir uns angenehm an einen interessanten Mix aus der Dramatik Lana del Reys und der Rohheit der frühen Kills erinnert. Wie schon der Vorgänger ist auch „Egyptian Darkness“ düster, psychedelisch und setzt auf mystische Emotionen. Die in Barcelona lebende Lemon äußert sich wie folgt zur stimmungsvollen Mischung aus Indie und pathetischem Gospel: „Egyptian Darkness is a song about keeping on walking on your own path, even if you’ve been completely blinded. Not bending over backwards or doubting yourself and understanding that there is a great meaning and a huge power in doing so. I wanted the sound to really relate to this massive force.“
Der Song, der, wie die restliche EP in Zusammenarbeit mit Randall Dunn in den Avast Studios produziert wurde, erscheint wie die erste Single wieder bei Icons Creating Evil Art. Hört rein und seid, wie wir, gespannt was da im April auf uns zukommen wird.
Das dreizehnte der Band erscheint an einem Freitag – gruselig…
Wenn ihr zu der alten Garde Musikfans gehört, die Alben noch kaufen und in iTunes importieren anstatt sie nur zu streamen, seid ihr bestimmt schonmal auf das Problemfeld „Genre“ gestoßen. Genres sind in gewisser Weise zwar ebenso passé wie für manche Hörer CDs oder Schallplatten, aber wenn man jemandem eine Band beschreiben soll, kommt man oft nicht umhin, Begriffe wie „Psych Rock“ oder „Cloud Rap“ (nur als Beispiel) zu verwenden. Was macht man aber nun mit einer Band wie Xiu Xiu?
Das von Jamie Stewart 2002 ins Leben gerufene Projekt hat etwas von Pop, aber genauso viel von Theater und Krach und passt nur in Un-Genres à la „Experimental“. Seit dem Debüt Knife Play hat Stewart mit verschiedenen Kollaborateuren zwölf Alben veröffentlicht, die alle stur die Arme vor dem Hörer und seinen Hörgewohnheiten verschränken. Nachdem sie letztes Jahr für ihre Neuinterpretation des Twin Peaks Soundtracks hoch gelobt wurden – David Lynch ist nebenbei wahrscheinlich der Künstler, dem Xiu Xiu in Sachen Sperrigkeit und Experimentierfreudigkeit am meisten ähneln – erscheint im Februar ihr 13. Studioalbum, Forget.
Zwei Songs aus dem Album gibt es bereits zu hören. „Wondering“ taucht den schaurigen Gesang von Stewart in einen New Wave Kontext, in dem das Kreischen der Gitarre angenehm fehl am Platz wirkt. Mit „Jenny GoGo“ begibt sich die Band noch weiter in die Dunkelkammer, wo der Tod in Gestalt von Noise und Geschrei lauert. Beide Songs könnt ihr euch unten anhören.
Forget erscheint am 24. Februar auf Altin Village & Mine.
Forget:
01 The Call
02 Queen of the Losers
03 Wondering
04 Get Up
05 Hay Choco Bananas
06 Jenny GoGo
07 At Last, At Last
08 Forget
09 Petite
10 Faith, Torn Apart