Sprungbrett für Newcomer: Das war das ESNS 2020

Vieles von dem, was in Zukunft auf dem Musikmarkt interessant ist, spielt im Januar hier: Beim Eurosonic Noorderslag in Groningen (ESNS). Erst im vergangenen Jahr hatte das Festival Bands wie Amilli, Black Midi, Fontaines DC oder Girl in Red im Line-Up. Aber auch dieses Jahr hatten die Booker erneut ein sehr gutes Händchen.

Aller Anfang ist schwer. Junge Bands und Künstler*innen müssen sich durch den bereits in allen Genres überschwemmten Musikmarkt kämpfen, um auf sich aufmerksam zu machen. Für einige der 347 jungen Acts aus 33 Ländern ist es das erste Konzert in den Niederlanden. Viel mehr noch ist es teils auch das erste Konzert außerhalb ihrer Heimat. An drei Tagen tummeln sie sich im Rahmen des Eurosonic durch die Clubs in Groningen. Am vierten Festivaltag liegt der Fokus im Rahmen des Noorderslag auf niederländische Nachwuchsacts. Es ist wie ein Klassentreffen der Musiker*innen, ohne sich – in den meisten Fällen – im Vorfeld zu kennen.

347 Künstler aus ganz Europa

Für sie schafft das Team des ESNS einen passenden Rahmen. Dutzende Konzertlocations, in denen sich die Acts austoben können. Dazu eine super Organisation, liebe und hilfsbereite Volunteers, sowie entspannte Einlasssysteme. All das macht das Festival nicht nur für die Bands, sondern auch für die Besucher zu etwas ganz Besonderem.

ESNS // © Ben Houdijk
Sinead O Brien beim ESNS // © Ben Houdijk

Und denen wird einiges geboten: So betritt am Donnerstagabend die irische Punk-Poetin Sinead O Brien die Bühne des legendären Clubs Vera. Im Rahmen des BBC Introducing bringt sie ihre Spoken-Word Texte an das Publikum. Dabei wird sie begleitet durch ihre Band, die sie mit schrammeliger Punk-Attitüde unterstützt. Die bietet ein auch Working Men’s Club: Halb Gesang, halb gesprochenes Wort – auch wenn hier der Fokus eher im Bereich New Wave liegt. Die Briten erinnern musikalisch an Talking Heads und geben dem Publikum mit einer exzentrischen Performance den Eindruck, in Erinnerung bleiben zu wollen.

Die bunte Vielfalt der Genres macht das Festival aus

Wesentlich ruhiger geht es dann bei Arlo Parks im Grand Theatre zu. Die gerade mal 19-Jährige Soul- und Indie-Pop Sängerin aus London wird als eine der großen, neuen Künstlerinnen für 2020 angepriesen.

Hier geht es zu unserem Interview mit Arlo Parks

Sie überzeugt den prall-gefüllten Saal insbesondere mit ihrer ätherischen und anschmiegsamen Stimme. Und sie bereitet ein Stück weit auf das darauffolgende Konzert vor, da sie die Hektik des Festivals herausnimmt. Denn genau das macht auch Julian Zyklus, ein Produzent aus Italien. Mit Songs seines Ambient-Debüts „Four Dimensional Waves“ verzaubert er das Publikum in elektronische Sphären. Das Set ist hochemotional, artet oft in fast aggressive Synth- oder Klavierfrickeleien aus und hinterlässt nicht bei wenigen eine Träne im Auge. Das hatten wir in dieser Intensität nicht erwartet. Danach folgt ein harter Cut, denn Molchat Doma greift im Vera nach Gitarre und Synthies: Dystopischer Post-Punk aus Weißrussland mit einer derart authentischen, düsteren und druckvollen Performance, die den Auftritt zu einem der Highlights des Wochenendes macht.

Showcases stellen kleinere Bands vor

Immer wieder gibt es, neben den richtigen Auftritten der Bands, auch kleine Konzerte. Diese dauern meist nicht länger als 20 Minuten. Die Acts haben so auch im Plattenladen oder in Cafés die Chance, von sich zu überzeugen. Sei es Athletic Progression aus Dänemark, die instrumentalen Hip Hop und Jazz verbinden. Oder Los Bitchos, eine Psychrock-Girlgroup aus London, sowie der Isländer Gabriel Ólafs, der mit seinem Piano an den bereits verstorbenen Komponisten Jóhann Jóhannssonn erinnert.

Uns bereits bekannte Bands wie Kraków Loves Adana aus Hamburg lösen ein bitterschönes Gefühl aus, das schwer zu beschreiben ist. Auf der einen Seite wird die Dream-Pop Band umgeben von einer geheimen Kraft und wirkt dadurch eher distanziert, auf der anderen Seite ist es genau das, was das Publikum anzieht: Die Melancholie und das Vermissen eines Ortes, den man nur aus den eigenen Vorstellungen und Träumen kennt. Beim Konzert der Wiener Band Dives kommen Fans des Garage-Punk auf ihre Kosten. Die drei Künstlerinnen verfeinern diesen in einem abwechslungsreichen und bunten Set mit sonnigen Surfrock- und Indie-Pop-Elementen. „Teenage Years Are Over“ heißt ihr Album und das passt zu diesem Set, denn die Band wirkt wie ein eingespieltes, erwachsenes Team, die einen frischen und aufweckenden Sound liefern.

Sofia Portanet beim ESNS // © Jorn Baars

Das tut auch Sofia Portanet aus Berlin. Ihre Neue Deutsche Welle bringt sie authentisch an das Publikum. Sie freut sich, Teil des Newcomerfestivals zu sein und das überträgt sich positiv auf ihren Auftritt. Songs wie „Free Ghost“, „Die Wanderratte“ oder „Planet Mars“ kommen durch ihre teils theatralische, aber stets passende Inszenierung bei jeder Altersklasse sehr gut an. Die Tatsache, dass sie auf Englisch, Deutsch und Französisch singt, macht ihre Texte und das Konzert, musikalisch irgendwo zwischen (Indie-) Pop, Art-Rock und New Wave, zusätzlich ungemein interessant.

Der angesagte Künstler und Produzent Blvth tritt in einem eher kleinen Rahmen auf, liefert aber ein starkes Powerset, das nichts zu wünschen übrig lässt. Seine Songs schweben zwischen Elektro-Pop, Grunge und Hip Hop: mal wuchtig, mal melodisch, mal experimentell. Und wenn die dröhnenden Bässe und ausufernden Synthies mal ruhiger werden, greift er selbst zur Gitarre und sorgt für kurze Verschnaufspausen in einem sonst roughen Konzert, das genauso spannend wie mitreißend ist. 

Das ESNS ist ein Sprungbrett für Newcomer 

Elektronisch geht es weiter mit Georgia. Erst genau eine Woche vor dem ESNS waren wir bereits in London auf ihrem CD-Release-Konzert des Albums „Seeking Thrills“. Bereits da hat sie uns vollends überzeugt, so auch in Groningen. Ihr Synth-Pop als Ausgangsbasis wird um eine gewisse Prozentzahl subtrahiert und addiert mit Hip Hop-, sowie psychedelischen Einflüssen. Die Songs sind catchy, tanzbar und haben großes Hit-Potenzial. Wir sind uns sicher: Georgia ist einer der Acts, der noch richtig durch die Decke gehen kann und den Eurosonic-Teil des Festivals gelungen abschließt.

Georgia beim ESNS // © Siese Veenstra

Auch wenn es Meckern auf allerhöchstem Niveau ist: Ein solches Festival wie das ESNS bringt nicht nur Newcomer, sondern auch einen kleinen Nachteil mit sich: Es gibt, ähnlich wie beispielsweise beim Reeperbahnfestival in Hamburg, viele Überschneidungen und daher nicht die Möglichkeit alle der vielen  spannenden Bands zu sehen. Gerne hätten wir auch die Konzerte von Celeste, Squid, Black Country, New Road, Dry Cleaning und vielen mehr gesehen. Eine kleine Auswahl unserer zehn Empfehlungen des diesjährigen Line-Ups lest ihr hier.

Die Niederlande im Fokus

Der Samstag steht im Zeichen der niederländischen Acts, wenn das Noorderslag Festival seine Türen öffnet: La Loye überzeugt mit melodischem Indie-Folk, Altin Gün liefert anatolischen Psychrock mit Funkelementen, Lofi-Levi entführt uns in die Welt des Bedroom-Pop und Pip Blom bringt schroffen Post-Punk mit Slacker-Attitüde auf die Bühne.

Altin Gün beim ESNS // © Bart Heemskerk

Das ESNS ist ein Sprungbrett vieler junger Bands auf die großen Bühnen Europas, vielleicht sogar weltweit. Sie knüpfen Kontakte, beweisen sich vor internationalem Publikum und haben allesamt sichtlich Spaß in Groningen zu spielen. Das Konzept, Newcomern eine Bühne zu bieten ist toll. Sowohl die Bands, als auch die Besucher des Festivals profitieren. Wir sind gespannt, welche Acts des diesjährigen Line-Ups wir bald auf den größeren Bühnen der Welt sehen werden und freuen uns auf das ESNS 2021.