Poetin der Generation Z – Arlo Parks im Interview

Arlo Parks Musik ist soft und tough, melancholisch und hoffnungsvoll zur selben Zeit. Die Lyrics der 19-jährigen Singer-Songwriterin aus London lesen sich wie kurze pointierte Gedichte über fragile Beziehungen und das Herauswachsen aus den letzten Teenagerjahren.

Dass London unglaublich viele junge, talentierte Künstlerinnen hervorbringt ,wundert längst nicht mehr. Mit Artists wie Biig Piig, Lava La Rue, Mahalia, Joy Crookes oder Jorja Smith lässt sich eine aufstrebende Szene junger Künstlerinnen erkennen, die auf ihre eigene Art und Weise verschiedenste Einflüsse aus Pop, Soul, HipHop, Jazz und RnB verbinden und die Genres und Vorbilder, mit denen sie groß geworden sind, neu interpretieren. Arlo Parks, die neben oben benannten Genres vor allem Wave und Emo gehört hat, bringt uns smoothen Pop mit einer durchschimmernden Emo-Attitude , die dahinter zugrunde liegt.

Zwischen romantisch verklärten Teenager-Träumen, toxischen Beziehungen und einem klaren Blick, mit dem sie ihr ganzes Umfeld und ihre eigenen Gefühle wiederum durchschaut, baut Arlo Parks ihr Songwriting auf. Anfang des Jahres tauchte sie mit ihrer tonangebenden Debüt-EP „Super Sad Generation“ aus den verwinkelten Tiefen von Soundcloud in den Radio-Listen Spotifys auf, wo sie so manch ein*e Hörer*in durch die Zufallswiedergabe entdeckt haben müsste. Im Fokus ihrer Musik stehen verträumte Gitarrenlandschaften, unaufdringliche Lo-Fi-Beats und ihre Vocals, die sowohl sanft als auch soulig anklingen können.

Ihre Texte drehen sich mal um die Orientierungslosigkeit ihrer Generation zwischen Instagram-Präsenz, belastender Schönheitsideale, ausuferndem Nachtleben, Depression und Anxiety.  Aber auch von subtilen toxischen Beziehungen und romantischen Wunschvorstellungen, von denen wir wissen, dass sie sich wahrscheinlich nicht erfüllen werden. Arlo Parks schreibt genauso hoffnungsvoll über das Suchen nach einer Verbindung, wie reflektiert darüber, dass die attraktive Person in Blue Jeans und Skaterschuhen ihr gerade wahrscheinlich gar nicht gut tun wird. Und das Gefühl dennoch zu hoffen, dass man in ihr findet, was man sich erhofft.

Wir haben Arlo Parks an einem verregneten Tag in der Columbiahalle  in Berlin getroffen, wo sie sich auf ihren Support-Gig für Jordan Rakei vorbereitet hat. Auf einer äußerst bequemen Ledercouch haben wir uns über Rollenvorbilder, toxische Beziehungsvorstellungen und Sylvia Plath unterhalten.

Dein Spotify Teaser Text gibt uns einen Hinweis darauf, dass du nicht die beste Zeit in der Schule hattest und  Schule kann ziemlich tough sein, wenn man sich nicht dazugehörig fühlt. Was hat dir geholfen das Ganze durchzuziehen?

Ich habe sehr viele unterschiedliche Arten von Musik gehört und mir Rollenvorbilder gesucht, vor allem im Internet. Irgendwann kam dann der Punkt, an dem ich einfach akzeptiert habe, dass, wenn ich nicht in diese Form passe, ich tun muss, was ich wirklich liebe und Ich selbst bin. Das kam viel durch das Schauen nach anderen Menschen, die genau das getan haben.

Du hast gerade über Rollenvorbilder geredet – Wer hat dich inspiriert?

Ich hatte einige, vor allem Musiker*innen. Ich mochte vor allem gerne King Krule, der sein ganz eigenes Genre der Gitarrenmusik spielt, abseits vom Fokus dessen, was man vorher kannte. Oder Gitarrenkünstlerinnen wie St. Vincent. Ich habe auch viele Künstler*innen vergangener Jahrzehnte gehört. Wie Jimi Hendrix oder David Bowie. All die Leute, die exzentrisch waren und einfach das getan haben, was sie wollten.

Über deinen Song „Super Sad Generation“ kann man im Fader Magazin lesen, dass du von einem Hangout nachmittags im Park mit Freund*innen inspiriert wurdest. Fühlst du dich mehr wie eine Beobachterin deiner Umgebung beim Songwriting oder schreibst du eher introspektivisch?

Ich denke es ist beides. Wenn ich schreibe, kommt es aus mir, aber auch von den Personen, die mich umgeben. Sie inspirieren mich wirklich sehr, aber die stärksten Emotionen und Einflüsse in meinem Songwriting schöpfe ich aus meinen eigenen Erfahrungen.

Als ich deinen Song „Romantic Garbage“ hörte, habe ich ihn so für mich interpretiert, dass wir manchmal Menschen treffen und eine Zuneigung zu ihnen entwicklen, obwohl wir eigentlich schon wissen, dass sie uns nicht gut tun werden. Also wir stürzen uns quasi trotz Vorahnung oder besserem Wissen in diese toxische Beziehung. Was war dein Ansatz für den Song?

Das trifft es tatsächlich sehr gut. Wenn du dich gerade in einer Lage oder Phase deines Lebens befindest, in der du dich verloren fühlst, dann legst du auch schonmal sehr viel Hoffnung in eine Person, um dich da rauszubringen. Und es ist einfach nie sehr realistisch. Aber wenn man jemanden zum ersten Mal trifft und sehr aufgeregt ist, dann überträgt man schnell sehr viele Erwartungen auf die Person, auch wenn man weiß, dass die wahrscheinlich sowieso nicht erfüllt werden. Also ein sehr ähnlicher Ansatz zu deiner Interpretation.

Würdest du sagen, dass toxische Beziehungen manchmal auch die besten Songs inspirieren?

Ich weiß nicht, ich denke es geht generell um schlechte Erfahrungen. Ein großer Teil der Kunst kommt von Schmerz. Und ich denke im Allgemeinen werden Menschen mehr von den schlechten Dingen beeinflusst, die ihnen passieren. Also letztendlich würde ich sagen Ja, aber zur gleichen Zeit bin ich mir auch nicht sicher. Das ist eine interessante Frage.

Als ich die Lyrics deiner Songs las, hörten sie sich für mich wie Gedichte an. Was war zuerst? Hast du zuerst mit dem Songwriting begonnen oder sind deine Songs aus der Lyrik entstanden?

Die Lyrik war zuerst! Ich habe erst angefangen kurze Geschichten zu schreiben und dann mit Gedichten weitergemacht, aus denen wiederum meine Lyrics entstanden sind.

Mir ist aufgefallen, dass deine Musik und Songtexte hoffnungsvoll und melancholisch und auch soft und tough zugleich klingen, quasi sehr gut mit diesen Gegensätzen harmonieren. Empfindest du das auch so?

Ja, ich denke die meisten Songs, die ich schreibe, handeln von der Erfahrung relativ düsterer Dinge, aber ich versuche nicht in die Trostlosigkeit zu rutschen. Und dass es immer ein positives Gegengewicht gibt. Also ja es balanciert definitiv diese beiden Gegensätze.

Ich habe mich auch gefragt, ob diese Gegensätze wirklich gegensätzlich sind und nicht eigentlich immer Hand in Hand nebeneinander gehen?

Ja, da stimme ich dir zu!

Ich habe gelesen, dass Silvia Plath eine deiner Hauptinspirationen ist, besonders ihr Buch „Die Glasglocke“. Was fasziniert dich an ihr?

Ich mag an ihrer Prosa, dass sie so intensiv persönlich ist und so geladen mit Emotionen. Ihre Lyrik ist oft sehr strange und schockierend. Das provoziert eine Reaktion in mir, die kein*e andere*r Schriftsteller*in in mir hervorgerufen hat. Deswegen mag ich sie so sehr, wegen der Art und Weise, wie sie bestimmte Themen angeht.

Wenn du jetzt deine Top Lieblingsbücher aller Zeiten nennen würdest, welche wären das?

Brighton Rock und Great Gatsby.

Das erste kenne ich gar nicht.

Es geht um eine Gang in Brighton, die dort auf den Straßen sehr viele Dummheiten anstellen. Das Buch mochte ich sehr gerne.

Als Teen bist du durch eine Phase als Goth gegangen. Hast du noch andere Subkulturen als Teil derer kennengelernt und denkst du das hat das Heranwachsen deiner Persönlichkeit beeinflusst?

Ich habe immer einen Einblick in die verschiedenen Subkulturen bekommen, aber bin letztendlich sehr bei mir Selber geblieben und war nie zugehörig in einer bestimmten Szene. Ich bin in sehr viele verschiedenen Musikgenres eingetaucht und habe mir dazu die Szenen in London angeschaut, aber am Ende bin ich meinen Weg gegangen.

Welche Releases dieses Jahr haben dich inspiriert?

Das neue Clairo Album mag ich sehr gerne. Und das neue IDLES Album, das dieses Jahr erschienen ist. Ich höre ziemlich viel ältere Musik, deswegen bin ich gar nicht so up to date, was gerade so abgeht.

Gerade hast du ja selbst eine neue Single releast – „Second Guessing“. Darauf sticht ein mehr elektronischer Vibe hervor. Ist das vielleicht eine musikalische Sneak Peak auf dein nächstes Release?

Um ehrlich zu sein, bin ich glaube in einem konstanten Prozess des Experimentierens mit meinem Sound. Jeder Song, der erscheinen wird, ist anders. Ich probiere einfach verschiedene Dinge aus und will gerade mit der EP und den Singles das Netz möglichst weit spannen, sodass wenn das Album rauskommt, ich einfach alles tun kann, was ich will.

Zwei Abschlussfragen – Hattest du ein weirdes Hobby als Kind?

Ich hatte eine große Murmelsammlung, die habe ich ziemlich lange gesammelt.

Was ist der beste Selfcare-Rat, den du uns geben kannst?

Geh raus in die Natur für Spaziergänge. Ich finde, das hilft wirklich den Kopf frei zu bekommen und Gedanken zu entwirren. Auch wenn es nur der Park um die Ecke ist, es beruhigt. Und trink Wasser. Stay hydrated Kids.

Hier seht ihr Arlo Parks‘ Video zu ihrer Single „george“:

Fotos: Charlie Cummings