Start Blog Seite 222

Interview mit Tobias Siebert (And the Golden Choir)

0

Für mich war es eher Bilder malen.

Tobias Siebert sieht gedankenverloren aus, als er die nächste Schallplatte auf den Plattenteller legt. Der Gitarrist von Klez.e, Produzent von Me and My Drummer und Mitgründer von Loob Musik steht heute alleine auf der Bühne, unter dem Namen And the Golden Choir. Siebert ist nach dem Release von Another Half Life auf Konzerttour. Mit einer Gitarre, Marimba und Harmonium und eben seinem Plattenspieler füllt er die Bühne wie eine komplette Band aus. Während hinter uns Get Well Soon spielt und von der Fackelbühne Motorama herüberschallen, unterhalten wir uns über Persönlichkeitsspaltungen, And the Golden Choir und seine Aufgabe als Produzent.


Hallo Tobias, vielen Dank, dass du dir die Zeit für ein Interview nimmst. Wie würdest du deine Musik in eigenen Worten beschreiben?

Ähm… Phono-Pop.

Was bedeutet der Name And the Golden Choir?

Zuerst war die Musik da. Dann habe ich überlegt, wie könnte der Name sein, wenn die Musik so ist, wie sie ist. Ich habe viele Stimmen übereinander gesungen in den Aufnahmen, Chor war also wichtig. Diese vielen Chöre, das hatte für mich so ein goldenes Gefühl. Wenn man über Farben nachdenkt, dann war Gold die Farbe, die damit am ehesten in Verbindung kam. Deswegen the Golden Choir. Und mit dem „And“ habe ich mir Sachen offen gelassen für die Zukunft, um was davorzuschreiben. Für das Album hat es ja auch zum ersten Mal einen Punkt getroffen, an dem es heißt Another Half Life and the Golden Choir.

Ich hab mir das Album vorhin nochmal angehört. Was einem da auffällt, ist der Titeltrack, der an erster Stelle steht, nur aus Gesang besteht und kaum eine Minute lang ist. Kannst du uns etwas zu dem Song erzählen?

Den hab ich ganz zum Schluss geschrieben. Ich hatte letztes Jahr, kurz bevor die Platte fertig war, nochmal eine Reise gemacht – also eine wirkliche Reise. Ich habe grundsätzlich eine Reise gemacht, für mich, durch diese alleinigen Aufnahmetage – es gibt ja keine Band, ich habe alles alleine gemacht – und somit hatte ich sehr viel Zeit mit mir verbracht und habe tatsächlich irgendwann erfahren, dass ich mich auf eine Reise in mich begebe. Dann habe ich aber abschließend eine wirkliche Reise gemacht. Ich bin für zwei Wochen nach Frankreich gefahren, mit dem Auto durch die Gegend, und habe für mich festgestellt, wie unwichtig plötzlich der Standort, also der Wohnort oder die Heimat, wird, wenn man 1500 Kilometer von zu Hause weg ist. Dann habe ich darüber nachgedacht, wie viel Zeit man mit der Arbeit verbringt, die man zu tun hat, und wie wenig Zeit man für sich nimmt. Zeit, darüber nachzudenken, was es noch gibt, Zeit, ein Buch zu lesen. Und dann ist dieses Stück entstanden, das dir sagt: „Nimm dir Zeit.“

Es geht eigentlich um eine Liebesbeziehung, in der einer das für sich feststellt und der andere nicht. Der Eine ist ein Workaholic, der viel zu tun hat. Der Andere ist jemand, der merkt: „Ich will mich daraus lösen. Ich hab keinen Bock, ständig mit diesen medialen Sachen unterwegs zu sein. Ich will mich eigentlich mal besinnen und beruhigen.“ Dann gibt es diese Textzeilen: „Wenn du merkst, dass sich in dir etwas bewegt, dann komme ich zurück.“ Also er wird sich wahrscheinlich trennen. Ansonsten schaust du auf deine Bilder, die du all die Jahre gemacht hast, und denkst wahrscheinlich: „Oh, wie viel Zeit hab ich verloren, weil ich einfach zu viel getan habe, was eigentlich gar nicht so wichtig war!“ Die letzte Zeile ist dann: „Dann ist es zu spät.“ Dann kannst du es nicht mehr ändern, „dann ist es vorbei.“

Deine beiden Solo-EPs heißen My Transformation und It’s Not My Life, und jetzt das Album mit dem Titel Another Half Life – steckt da mehr als eine rein musikalische Neuerfindung hinter ?

Klar. Bei Texten denkst du immer darüber nach, „was willst du jetzt sagen? Worum geht’s da?“ Viel passiert auch dann in mir selbst, das ist auch für mich erstmal wichtig. Transformation war dieser Zusammenfall von vielen Musikern, von vielen Bandprojekten, mit denen ich vorher gespielt habe. Eine Transformation, sodass es möglich ist, dass ein Typ alleine auf der Bühne steht und ein Konzert spielt und die Musik trotzdem klingt wie von sechs oder sieben Leuten gespielt. Also diese Transformation eines Ichs in viele Ichs. Die man ja auch in sich hat, man fühlt sich mal so, mal so. Du hast andere Klamotten an und denkst: „Oh, heute fühle ich mich ganz anders.“ All diese Ichs, die man ja dann doch auch in sich hat, die mal aufzudröseln und herauszustellen, das war so ein Punkt [bei Transformation].

It’s Not My Life hat mit dem Text des Liedes zu tun, das die Single von dieser EP war, wo es um zwei Brüder geht. Bei dem einen ging immer alles glatt. Bei dem hat es immer funktioniert, der war in der Schule schon geliebt von den Mädchen und gut im Sport. All diese Dinge, wo man aus der Sicht des Anderen früh schon denkt: „Oh Gott, ich bin so ein Loser.“ So gibt es eine Diskrepanz zwischen den beiden. Der eine denkt, er ist das schwarze Schaf und bringt nichts auf die Reihe und denkt über den anderen „der ist so gut, immer hat der alles, und ich hab nichts.“ Und dann stellt sich am Ende der Geschichte raus, dass es eigentlich gar keinen Bruder gibt: Er fühlt sich mal schlecht und mal erhaben, also ein psychischer Zwiespalt in der Person. Letztendlich ersticht er seinen Bruder, sein Gegenüber und erfährt dann, dass er sich das Messer gerade selbst ins Herz sticht. Die Moral von der Geschicht‘: „Hey, es ist alles gar nicht so schlecht. Natürlich gibt es schlechte Sachen, aber schau auf die guten Sachen, die du auch erfährst, denn die gibt es auch.“

Das klingt ja wie der Plot von Black Swan: Die Ballettänzerin, die den schwarzen und den weißen Schwan gleichzeitig spielen muss, dadurch selbst eine Persönlichkeitsspaltung erfährt und sich am Ende umbringt. Hat sich bei dir inzwischen auch ein Zwiespalt entwickelt?

Ich glaube, wir kennen das alle, dass wir uns mal so, mal so fühlen. Es kann mir auch keiner erzählen, dass er jeden Tag selbstbewusst ist und immer alles hinhaut. Aus diesen kleinen Momenten, in denen ich mich in Frage stelle, entstehen dann solche Texte. Ich würde das nicht als gefährlich beurteilen.

Natalie Portman in Black Swan // Screenshot by themoviebanter.com.
Natalie Portman in Black Swan // Screenshot by themoviebanter.com.

Du hast Alben von Me and My Drummer, Phillip Boa und Slut produziert und bist mit deiner Band Klez.e recht aktiv gewesen. Die Musik auf deinem Solo-Debüt entfaltet sich im Vergleich dazu eher langsam. War Another Half Life eine Gegenreaktion auf Klez.e und deine Arbeit als Produzent, nach dem Motto „Ne, ich mach jetzt mal was ganz anderes“?

Das hat sicher damit zu tun, aber es ist eigentlich Musik, die ich schon immer mal für mich alleine machen wollte. So habe ich vor fünf Jahren mit dem Projekt angefangen. Sicher spielt das eine Rolle, dass sich das irgendwie davon abtrennt, was ich sonst so mache. Aber für mich ist das eine ganz normale Form Musik. Ich würde auch nicht sagen, dass es produzierte Musik, sondern eher so, da kommt ein Teil und dann noch ein Teil und noch eins. Da würde jeder Produzent, der auf Verkauf drängt, sagen: „Mach mal nicht so viele Teile. Mach das mal alles ein bisschen einfacher, so dass die Leute das verstehen.“ Genau darauf hatte ich keine Lust. Für mich war es eher Bilder malen, hier noch ein bisschen Grün, da noch ein bisschen Gelb und vielleicht noch einen roten Strich durch. Aber das ist meine Art, Musik zu machen. Wenn ich als Produzent mit den Bands arbeite, dann habe ich das natürlich auch in mir, aber gehe auch auf die Bands ein, was die für Lieder geschrieben haben. Dann wird das natürlich nicht kaputt gemacht.

Braucht man als Produzent andere skill sets oder haben Produzieren und Komponieren einen gemeinsamen Nenner?

Ich glaube, dass das schon sehr nah beieinander liegt. Das hat sehr viel mit Geschmack zu tun beim Schreiben. Wie entscheide ich mich, welche Harmonien zu bilden, um daraus ein Lied zu machen? Beim Produzieren ist es das Gleiche: Was kommt von der Band, was bringen die mit, und an welcher Stelle sage ich „Wollen wir nicht nochmal drüber nachdenken, da was anderes zu machen?“ Weil es sich in meinem Geschmack verlebt. Ich muss dann meinen Geschmack in dem Fall als Nullpunkt nehmen. Das weiß auch die Band, deshalb kommt sie auch zu mir. Ich bin auch noch nicht ganz dahinter gekommen, wie das funktioniert, ich bin da ein bisschen reingerutscht. Aber dann liegt das schon nah beieinander. Dann überträgt sich das in die Musik und man stresst sich vielleicht ein bisschen.

Die Band wird auch gepikst, dann sagst du: „Das finde ich jetzt nicht gut.“ Dann sagen die: „Wir finden das aber super.“ Dann können die mich entweder überzeugen, oder einer sagt: „Ja, ich verstehe das. Lass uns nochmal verwerfen und an der Stelle nochmal ansetzen.“ Und wenn man dann etwas Neues erfährt, wo alle sagen, darauf wären wir zusammen als Band nicht gekommen, sondern das passiert, weil wir hier in der neuen Konstellation sind – dann ist alles erreicht, worum es eigentlich geht. Es gibt immer Stellen, wo eine Band nicht weiter weiß. Das ist mir bei meiner Platte auch passiert, wo ich mir dann auch jemanden gewünscht hätte, der mir einen Tipp gibt. Dafür ist eigentlich der Produzent zuständig, der von außen betrachtet mit frischen Ohren die Sachen hört.

Du spielst live selbst Gitarre, Marimba und Harmonium und trittst in Begleitung eines Plattenspielers auf. Warum nicht mit Band?

Weil ich das alleine aufgenommen und dann überlegt habe, dass ich diese Reise, von der ich vorhin sprach, gerne weiterführen will, indem ich alleine unterwegs bin. Und eigentlich auch konsequent zeige, dass ich das alleine gemacht habe. Die Vervielfältigung von mir geht halt nur über die Rille. Ob es das irgendwann mit Band gibt, will ich nicht ausschließen, aber vorerst ist das das Konzept.

Was kannst du uns zu deinen Hörgewohnheiten erzählen ?

Das ist total breit gefächert. Ich höre total viel Jazz und Klassik, aber auch alles andere. Eine Top Five vielleicht: Ich würde wahrscheinlich immer die 12 von the Notwist dazuzählen, eine ziemlich schraddelig laute Gitarrenplatte von ’93; ich würde immer Let England Shake von PJ Harvey dazuzählen, obwohl die noch gar nicht so alt ist; ich bin ein großer Fan von Antony & the Johnsons und Jeff Buckley. [überlegt lange] Ach natürlich, meine absolute Lieblingsband hätte ich jetzt fast vergessen! The Cure natürlich! Denen habe ich so viel zu verdanken, die liebe ich schon seit Jahren. Das wird nie aufhören, diese Liebe. Dead Can Dance könnte man noch nennen, eine Band, die auch mit sehr vielen Instrumenten arbeitet, die jetzt nicht so sehr im Pop vorkommen. Mittelalterliche Instrumente, alte Saiteninstrumente. Daher habe ich glaube ich diese Lust am Sammeln von komischen Instrumenten.

The Cures Robert Smith // © Nancy J Price.
The Cures Robert Smith // © Nancy J Price.

Auch Gospel? Das wird dir in Pressetexten ja immer angedichtet.

Gar nicht soviel. Ich mag alte Bluesplatten aus den ’30er, ’40er Jahren total gern. Die sind aber meistens eher roh, da wird nur Gitarre gespielt und vielleicht hört man mal eine Geige, ansonsten wird gesungen. Aber das mit dem Gospel ist natürlich durch die Chor-Geschichte ganz klar. Ich bin auch nicht so religiös. Ich würde mich schon als sehr spirituellen Menschen bezeichnen, aber ich bin kein Anhänger der bekannten Religionen. Das finde ich eher sehr zweifelhaft.

Wie geht es jetzt weiter? Das zweite Album von And the Golden Choir oder doch lieber Tobias Siebert, der Produzent?

Wir werden wieder mit Klez.e was machen, der Band, die ich auch habe. Ich bin aber jetzt auch schon dabei, neue Stücke zu schreiben für die nächste ATGC-Platte. Wir versuchen gerade, das Ausland zu bespielen, übermorgen spiele ich in Liverpool – das erste Mal England. Es ist noch viel zu tun, mit dieser ersten Platte. Aber ich glaube, es wird jetzt nicht wieder fünf Jahre dauern, bis die nächste Platte fertig ist. Ich tippe auf ein Jahr, so hätte ich das gerne. Ansonsten würde ich total gerne mal Film- oder Theatermusik machen. Ich strecke gerade ein bisschen meine Fühler aus, wo da vielleicht was passieren könnte. Wenn jemand eine Idee hat, soll er sich gerne melden bei mir.

Vielen Dank für das Interview, eine letzte Frage habe ich noch: Was ist für dich ein perfekter Freitagabend?

Früher als Kind war Freitag schon mein Lieblingstag. Freitags lief Hallo Spencer, so ’ne Knetfigurenshow in den Achtzigern. Ich hab mich immer total auf Hallo Spencer gefreut, das war total lustig und besonders. Sesamstraße und die Sendung mit der Maus haben total abgestunken dagegen. Und natürlich: Schule ist aus, Wochenende. Ein perfekter Freitagabend für mich ist nichts machen müssen, was man nicht machen will. Füße hochlegen, eine gute Platte auflegen, einen guten Wein aufmachen und was kochen. Selber kochen, denn man kocht viel zu selten.

s

„Dead End Street“:


Fichon

Alben des Monats – April & Mai 2015

1

Die Vorbereitungen für das Maifeld Derby und die Bettlägerigkeit von 50 Prozent des Postie haben uns im Mai ganz schön zu schaffen gemacht. Deshalb gibt es die Alben des Monats diesmal in einer Doppelausgabe. Viel Spaß mit dem Besten aus April und Mai!



April

s

Mit einer Saxophon-Geigen-Kollabo, Warmdüschern und Blurs Comeback!

Schon wieder ein Monat rum, doch wo sind diesmal die guten Alben geblieben? Viel war nicht los in der Musikszene, so als bereiteten sich alle auf den spektakulären Mai vor. Ein paar fleißige Musikanten gibt es aber doch noch, darunter Airick Woodhead, Ian Black und Tyler Okonma. Blur sind auch wieder da. Dass Damon Albarn nach zwölf Jahren nochmal ein gutes Album mit seiner ersten Band herausgebringt, hatten wir nicht so erwartet. Hoffen wir jedenfalls darauf, dass der April der Ausnahmemonat diesen Jahres ist.


Ava Luna: Infinite House

ava luna 250Ava Luna haben erst letztes Jahr Electric Balloon veröffentlicht und schon steht der Nachfolger in den Plattenläden. Kaum verwunderlich, haben doch Bands mit solcher Energie oft noch die passende unbändige Arbeitswut. Infinite House jedenfalls springt auf elf Songs in 38 Minuten von bass- zu gitarrenlastiger Musik und zurück und versperrt sich dadurch einer einheitlichen Kategorisierung. Wo zu Beginn noch verkorkster Funk steht, lässt Sänger Carlos Hernandez auf „Black Dog“ seinen Dave Longstreth raus, bevor die Band sich doch für die noisigere Variante von Led Zeppelin entscheidet. Die erste Hälfte von Infinite House plätschert etwas vor sich hin, doch ab „Infinite House“ geht es schnell stromabwärts. Die Meredith Monk-Gesänge treten weiter in den Hintergrund zugunsten von verzerrten Gitarren und aggressiverem Drumming. Der Höhepunkt ist „Billz“, das die Bipolarität von Ava Luna in knapp drei Minuten destilliert.


Blur: The Magic Whip

blur 250Evolution statt Revolution. So ungefähr muss das Motto der einstigen Britpop-Sternchen bei der Zusammenstellung von The Magic Whip gelautet haben. Die Band hat sich auf ihrer neuesten Platte nicht völlig und aufgespielt verändert, hat jedoch auch nicht einfach eine Hommage an vergangene Zeiten produziert. Unbeschwert, locker, wie ein unbekümmerter Sommerspaziergang von ein paar frisch gebliebenen Männern von denen man eher eine Midlife-Crisis erwarten würde, klingen die insgesamt zehn Songs. Fast sinnbildlich dafür steht das verspielte „Ong Ong“, das auf jeden Fall zeigt, dass Blur noch längst nicht im Herbst ihrer Karriere angelangt sind.


Colin Stetson & Sarah Neufeld: Never Were the Way She Was

colin stetson 250Die Kollaboration von Colin Stetson, dem Saxophonisten, der neben seinen beeindruckenden Soloalben schon mit Bon Iver, Tom Waits und Timber Timbre zusammengearbeitet hat, und Sarah Neufeld, der Violinistin von Bell Orchestre, klingt erstmal nach einer einfachen Überlagerung der Musik der beiden Künstler. Beide gehören zur Arcade Fire Familie (die beiden anderen Mitglieder von Bell Orchestre sind Richard Reed Parry und Ex-Arcade Fire-Mitglied Pietro Amato) und sowohl Stetson als auch Neufeld haben solo ein Gespür für minimalistische Komposition entwickelt. Wenn man genauer hinhört, ist Never Were the Way She Was allerdings mehr als ein simples 1+1=2. Die acht sehr unterschiedlichen Songs bewegen sich zwischen dem Free Jazz-Röhren von „To See More Light“ und Philip Glass‘ Filmmusiken und schaffen somit eine eigene Soundwelt, die keiner der beiden Musiker alleine erzeugen könnte.


Doldrums: The Air Conditioned Nightmare

doldrums 250Doldrums‘ zweites Album ist kein Solowerk von Airick Woodhead mehr. Anders als noch auf dem chaotischen Debüt Lesser Evil sind die Songs auf The Air Conditioned Nightmare strukturierter und merklich das Ergebnis von Teamarbeit. Zwar stehen in den Liner Notes außer Woodhead nur sein Bruder Daniel und Steven Foster als Drummer auf der ersten Albumhälfte, doch klingt The Air Conditioned Nightmare nicht mehr nur nach den Spielereien eines Elektronik-affinen Eigenbrötlers. Stattdessen liefert Woodhead ausgereifte Lieder, deren starker Punkt weniger reine Atmosphäre als echtes Songwriting ist. „Loops“ läuft auf Dauerschleife, „Blow Away“ und „Funeral for Lightning“ stehen New Wave-Bands wie PVT und Röyksopp in nichts nach. Der Montrealer hat in seinem Holzkopf aufgeräumt und es steht ihm deutlich besser als das Lesser Evil-Chaos.


Drenge:

Drenge-Undertow 250Drenge sind irgendwie so etwas wie der vergessene Sohn der britischen Musikszene. Ihr Debütalbum war musikalisch eine Granate und doch schwirren die zwei Brüder aus Sheffield immer im Dunkeln der groß gemachten Royal Blood. Dem Duo scheint dies aber ziemlich schnuppe zu sein, denn sonst würde man kein Album wie Undertow auf den Markt bringen. Die zweite Platte von Drenge wirkt zwar um einiges erwachsener und ist an manchen Stellen vielleicht zu sehr durchgeplant und doch haben die beiden nichts an ihrer Härte und Rauheit verloren. Undertow ist eine Platte geworden mit, der selbst die organisiertesten Bankleute mal kurz ausrasten können.


East India Youth: Culture of Volume

east 250Das, was William Doyle aka East India Youth fabriziert, ist Pop für Musiknerds. Mit Einflüssen aus den Bereichen Techno, Ambient und auch Elektro-Pop feiert der stets perfekt gekleidete Brite ein Feuerwerk ab, das seinesgleichen sucht. Doyle ist so etwas wie der verrückte Professor unter den Musikern, der sich zwar stets bemüht, nicht aufzufallen, gerade mit der Art seiner Musik aber das Gegenteil erreicht. Experimente wie „Manners of Words“ gelingen ihm stets und so wippt man bei der anfangs etwas sperrig und schwer erreichbaren Musik doch öfter mit als man denkt. Es ist halt doch eine Pop-Platte geworden!


Slug: Ripe

slug 250Würde man es nicht in einer Review lesen, würde einem nicht auffallen, dass Slugs Debütalbum politisch aufgeladen ist. Abseits der Lyrics über Wahlen und UKIP-Gesicht Nigel Farage bewegt sich die Musik auf Ripe nämlich auf jenem funky Indie/Dance-Punk-Territorium, das LCD Soundsystem vorbereitet und etliche 2000/10er Bands wie the Faint, !!! und Django Django nachgeahmt haben. „Greasy Mind“ paart eine Kopie vom „Helicopter“-Riff mit einer Rhythmussektion der Sorte, wie sie auf den Out Hud-Alben zu finden war; darüber wechseln sich die Zeilen „You’ve got a greasy mind“ und „I wish to entertain“ ab. Das Ergebnis ist viel zerstreuter, als die Beschreibung suggeriert, denn Ian Black hat nicht nur Funk chops, sondern auch eine leichte, theatralische Macke. Daraus ergibt sich ein Gesamtbild, das dem von Ruban Nielson nicht unähnlich ist. Ripe ist fast so eigentümlich wie Unknown Mortal Orchestra – und fast so brilliant.


Tyler, the Creator: Cherry Bomb

tyler 250Der Golf Wang ist zurück! Tyler, the Creator liefert mit Cherry Bomb seinen Beitrag zum Hip-Hop Who’s-the-Boss? der letzten Monate ab. „I named my album Cherry Bomb because ‚Greatest Hits‚ sounded boring“ trifft den Kern des dritten Albums des Odd Future Kopfs ziemlich genau: Cherry Bomb ist vollgepackt mit aggressiven, provokanten und lustigen Songs über Zweisitzer und den „blackest name possible“, die noch einen Schritt weiter gehen als die auf Goblin und Wolf. Tyler ist aber nicht nur der größte Schelm im Hip-Hop-Universum, sondern spielt auch seit seinem 14. Lebensjahr Klavier und hat eine Vorliebe für extreme Musik. Deshalb folgt auf entspannte Jazzklänge („Find Your Wings“) mir nichts, dir nichts der explosive Titeltrack, der härteste Noise Rap-Ausbruch seit clipping.s Sub Pop Debüt. Der Wechsel von cool zu krass zu Kanye („Smuckers“) ist auch das, was Cherry Bomb so gut macht. Ein super Album vom Mac DeMarco des Hip-Hop.


Warmdüscher: Khaki Tears

warmdüscher 250Mal vorab: Wer seine Band Warmdüscher (man beachte den Umlaut auf dem U) nennt, kann keine „normale“ Musik machen. So kleinkariert dies auch klingen mag, es trifft bei der Band aus London voll zu. Ihr Sound ist destruktiv, verbindet etliche Samples mit abstrusen Soundgebilden und macht einen nach ’ner Zeit wahnsinnig. Aber es ist wie bei so vielen Sachen bei denen man weiß, dass sie nicht gut für einen sind: Man will mehr und mehr. So auch beim dreckigen Khaki Tears, einem Album, das einen fesselt wie eine schlechte Droge.


Waxahatchee: Ivy Tripp

waxahatchee 250Warte… wir sind gerade aber nicht in irgendeinem College-Film der 00er Jahre hängen geblieben, oder? Den Eindruck vermittelt Ivy Tripp nämlich ab und an. Eigentlich wäre dies eine schreckliche Tatsache und würde die Platte völlig für diese Liste disqualifizieren, doch sie hat eben dieses gewisse Etwas. Viele würde von diesem „Vibe“ sprechen, wir nennen es Authentizität. Die gute Katie trägt das Herz am rechten Fleck und schert sich nicht um irgendwelche Trends. Sie tut auf unbekümmertes Landei mit Stadtflair und gerade deswegen unterstellen wir der Musikern einfach mal eine große Portion Gelassenheit, die sich beim Anhören schnell überträgt.

Interview mit Klaus Johann Grobe

1

„Früher war alles besser“ gibt es bei mir definitiv nicht.

Vor Interviews fragt man sich immer: „Wie sind die so drauf?“ Haben die Musiker schon Starallüren oder sind sie locker geblieben? Sevi und Dani von Klaus Johann Grobe sind so locker, wie sie als Musiknerds nur sein können. Die beiden Schweizer – live unterstützt vom Bassisten Stephan, der auch bei diesem Interview dabei ist – sind am Ende ihrer Tour zum Debütalbum Im Sinne der Zeit und haben sich vor ihrem Konzert am Samstagabend die Zeit genommen, mit mir über Texte, the Grateful Dead und die Metaebene zu reden.


Hallo ihr beiden und danke, dass ihr euch die Zeit genommen habt, mir ein paar Fragen zu beantworten. Könntet ihr euch unseren Lesern kurz vorstellen?

Sevi Landolt: Ich bin Sevi, ich spiele Orgel und Synthesizer und singe. Quasi 50 Prozent vom Hauptteil der Band.

Daniel Bachmann: Ich bin Dani und spiele Schlagzeug und singe. Also die anderen 50 Prozent.

Stephan Brunner: Ich bin Stephan, der Bassist, und normalerweise gar nicht bei Interviews dabei.

„Klaus Johann Grobe“ – gibt es den Herrn wirklich, oder wolltet ihr einfach nur einen Bandnamen, der besonders nach deutscher Siebziger Musik klingt?

Sevi: Den gibt es nicht, das ist schon ein Fantasiename. Wir wollten nicht bewusst nach dieser deutschen Siebziger Jahre-Protestmusik klingen. Wir hatten uns schon für den Namen entschieden und da passte dann so vieles, dieser Gedanke neben vielen.

Wie kam der Name zustande?

Sevi: Das war Herumspinnen, Namen jonglieren. Dann kam plötzlich die Idee, man könnte ja eigentlich irgendeinen Namen nehmen. Wir wussten aber damals nicht mal, dass es Grobe als Nachnamen tatsächlich gibt.

Dani: Theoretisch könnte es den Klaus Johann Grobe geben.

Sevi: Wir warten immer noch auf die Facebook-Anfrage.

Ihr werdet oft als Krautrock Band bezeichnet, dabei habt ihr in Interviews gesagt, dass ihr gar nicht so sehr auf Krautrock steht, wie es euch immer angedichtet wird. Wie steht ihr zu dem Begriff?

Dani: Wir passen da im Moment gerade rein, weil Krautrock in aller Munde ist und es kommt wahrscheinlich nicht von ungefähr, dass man uns damit in Verbindung bringt. Aber wir haben auch ganz viele Sachen, die wir machen, die überhaupt gar nichts mit Krautrock zu tun haben. Wir finden es nicht doof, wenn jemand auf Krautrock kommt, aber wir würden uns auch nicht auf die Stirn schreiben „Wir machen Krautrock.“

Sevi: Viele Leute haben das Gefühl, wir wären direkt inspiriert davon. Es ist aber ehrlich gesagt einfach ein sehr kleiner Teil in einer Riesenschlange von Inspirationen. Wir hören schon beide auch Krautrock, aber unterm Strich sind wir gleichzeitig mehr und viel weniger als Krautrock. Das ist ein Schnipsel, den man so nennen kann und darf, aber ich denke, wenn jetzt Leute ans Konzert kommen und da Krautrock erwarten, dass sie dann wahrscheinlich ein bisschen enttäuscht wieder gehen würden. Oder ihren Horizont erweitern.

Was würdet ihr als eure wichtigsten Einflüsse bezeichnen?

Sevi: Wir sind ja schon ein bisschen Musiknerds. Es gibt eigentlich keine Tabus in keinem Genre. Wirkliche Inspiration – finde ich schwierig zu sagen. Wir mögen Musik von früher, auch soundästhetisch. Das hört man ja auch. Es ist ein bisschen Siebziger, Achtziger, diese Zeitperiode, mit Popgefühl und auch einem Hang zu Komischem. Humor und musikalisch lustige Sachen, das finden wir super. Das ist eigentlich mehr die Inspiration als Bands oder Genres.

Dani: Wir sind letztens in England gewesen und waren dort Platten kaufen. Im Plattenladen hat der Besitzer dann ein Stück von the Grateful Dead laufen gelassen. Das war bei uns eigentlich immer ein weißer Fleck. Das eine Stück, da haben wir uns gleich angeschaut und waren beide kopfnickend da und haben irgendwie gelacht. Seitdem ist jedes zweite Stück, das wir im Bus hören, dieses eine Lied von the Grateful Dead.

Sevi: Das da heißt „Eyes of the World“, falls das jemand nachhören will.

Einflüsse und Hörgewohnheiten sind nicht immer das gleiche: Was hört ihr zur Zeit am liebsten?

Sevi: Ich find das schwierig auseinanderzuhalten. Wir schreiben die Songs getrennt, treffen uns dann und machen sie zusammen fertig. Ich kann das nur von mir sagen, aber ich glaube, das ist bei dir ähnlich: Wir mögen gewisse Standards. Ich finde das extrem lustig, diese Musikstandards, die man einfach so macht. „Da gehört jetzt ’ne Bridge rein“ oder im Refrain geht man rauf auf was immer für ein Akkordwechsel das dann ist. Und so gibt es schon vielleicht Musik, die man sehr gerne hört, die aber nicht direkt einfließt. Dann fließt eher das Trashige, vielleicht Direkte ein. Ein komischer Drumbreak oder ein kitschiger Akkord, den man bewusst schon vorher gehört hat.

Es wird, wenn es um Musik geht, ja immer über Revivals, musikalisches Recycling und wiederkehrende Genres geredet. Gibt es eurer Meinung nach noch neue Musik?

Dani: Wir machen ja neue Musik.

Stephan: Neue Musik wird es immer geben. Ich kenne die Frage und finde es immer seltsam, das zu fragen.

Sevi: Aber ich finde, momentan ist schon der Hang zu dieser Retro-Schiene da. Gerade bei nicht ganz so bekannten Bands, da orientiert es sich schon extremst zurück. Was ich insofern schade finde, als ich das Gefühl habe, dass diese Leute oft den Humor ein bisschen vermissen lassen. Weil sie sich dann zu fest an etwas orientieren, das es schon gab, anstatt zu sagen: „Gut, dann nehmen wir jetzt halt dieses seltsame Instrument und spielen diesen Part damit.“ Das vermisse ich ein bisschen. Wirklich, wirklich neue Musik finde ich aber schon auch schwierig. Schwierige Diskussion.

Stephan: Ich finde halt, man macht Musik nicht neu, sondern es ist nur etwas, das man mitgenommen hat von irgendwo. Entsprechend wird es auch immer neue Musik geben und es wird auch immer eine Kopie vom Alten sein.

Würdet ihr euch als in der Vergangenheit hängen geblieben bezeichnen?

Dani: Ich befasse mich viel mit dem, was war, aber trotzdem bin ich ja im Jetzt. Hängen geblieben finde ich doch ein bisschen hart.

Sevi: Ich lebe auch extrem gern im Jetzt. Ich mag schon all diese komischen, technischen Errungenschaften, die so umstritten sind. Dieses Internet. Das praktiziere ich auch fleißig. [lacht] Ich glaube nicht, dass wir einen nostalgischen Blick zurück haben.

Dani: Also „früher war alles besser“ gibt es bei mir definitiv nicht.

Bei den Sprechpassagen von „Traumhaft“ und „Schlaufen der Zukunft“ muss ich immer an Hörbücher denken; „Koordinaten“ klingt wie eine Hommage an Raumpatrouille Orion. Wie wichtig sind euch die Texte?

Sevi: Wir sind eigentlich in diese Band so ein bisschen reingerutscht. Wir haben das gar nie so intensiv machen wollen, wie wir das jetzt eigentlich machen. Wir dachten, das sei mehr sowas Vorrübergehendes. Das fing eigentlich bei uns beiden mit Textphrasen an. Sehr vom Rhythmischen her und mehr wie ein Instrument behandelt, wo der Text ein bisschen Mittel zum Zweck war. Wir wollten natürlich nicht nur „I love you, I love you, I love you“ singen, also schon mit was dahinter. Aber nicht so richtig durchgedacht, mehr auf der Metaebene. Das hat sich in der Zwischenzeit geändert. Da finden Dinge im Text statt, die wir erlebt haben, die uns wichtig sind oder die wir verschlüsselt ansprechen wollen. Ich glaube, es ist mittlerweile ein wichtiger Bestandteil, auch vom Feedback der Leute her.

Dani: Als ich angefangen habe, Musik zu machen, hätte ich nicht gedacht, dass ich mit der Sprache was zu sagen habe. Ich bin nicht so der Geschichtenerzähler. Wenn man zusammen sitzt und ein Bier trinkt, liebe ich das, wenn Leute einen dann zehn Minuten packen können und alle sitzen mit offenem Kiefer hier. Das war ich noch nie. Mir wurde erst im Nachhinein klar, dass ich was zu sagen habe. Ich bin kein Autor oder Schriftsteller. Da ist man reingerutscht, dass man plötzlich Sachen niederschreibt und sich jemand die anhört oder sich Gedanken dazu macht. Wenn ich es jetzt selber anhöre oder lese, finde ich aber doch, das passt zu mir.

Sevi: Ich glaube, was bei den Texten wie auch bei der Musik und dem gesamten, leicht seltsamen Projekt, das es ist, immer mitschwingt, ist das, was du vorhin Metaebene genannt hast. Es kommt immer auf den Moment an, dass man merkt „das ist gut“ oder „das ist jetzt komisch.“ So ein unausgesprochenes Ding, das das Ganze zusammen hält. Das zieht sich durch die Texte, die Musik und die Konzerte und das können wir gar nicht so richtig benennen.

Seid ihr nebenher noch in anderen Projekten aktiv?

Dani: Ja, ganz neu: How Long Wolf heißt die Band, da bin ich als Live-Schlagzeuger dabei. Wir haben bis jetzt zwei, drei Proben gemacht, im Oktober geht es auf Konzerte. Aber Klaus Johann Grobe beansprucht schon viel Zeit. Ich würde mich jetzt nicht in tausend Projekte gleichzeitig reinstürzen wollen. Das ist alles gerade ganz neu und aufregend, da bleibt nicht viel Zeit für anderes.

Also habt ihr schon weitergehende Pläne mit Klaus Johann Grobe?

Sevi: Die Tour ist gerade am Ausklingen, das Album kam ja vor einem Jahr ungefähr raus. Jetzt ist schon neue Songs schreiben angesagt, aufnehmen im Spätherbst/Winter und dann eine neue Platte. Und dann mal gucken, keine Ahnung, ob die Leute das dann noch mögen. [lacht]

Mit dem Debütalbum habt ihr euch eine gewisse musikalische Identität erspielt. Wollt ihr auf dem neuen Album eine neue Richtung einschlagen, oder gefällt euch der Sound so, wie ihr ihn gerade macht?

Dani: Das ist wieder diese Metaebene. Das passiert einfach. Für uns alle ist wahrscheinlich sehr wichtig, dass es sich in irgendeiner Form weiterentwickelt. Auch wenn die Musik vielleicht sehr repetitiv ist: Wir mögen das nicht, wenn sich Sachen wiederholen. Der gleiche Witz funktioniert nicht nochmal. Aber es ist ja auch nicht so, als müssten wir uns neu erfinden und was total anderes machen. Es klingt dann so, wie es klingt. Ich meine, es ist schon sehr viel gegeben mit der Art, wie wir es machen. Schon nur die Instrumentation, die werden wir nicht komplett verändern nur wegen so etwas. Dann macht man halt Orgelmusik. Die Orgel werden wir nicht rausschmeißen. Synthesizer wird es auch noch geben.

Sevi: Als wir mit dem Label gesprochen haben, war uns das auch wichtig. Wir haben von Anfang an gesagt: „Ihr dürft uns nicht auf was festnageln. Wenn wir zu euch kommen, dann kann es halt sein, dass die nächste Platte komplett anders klingt oder fast genau gleich. Das ist uns auch wichtig, diese Freiheit zu haben und uns nicht einfach so an ein bewährtes Rezept zu halten. Wie es rauskommt, das können wir auch noch nicht sagen.

Wie sieht euer Songwriting-Prozess aus? Ist das ein Miteinander oder…

Dani: …ein Gegeneinander! [lacht]

Sevi: Wir wohnen in verschiedenen Städten, da tüftelt eigentlich jeder so mit seinem Zeug herum und das verschickt man dann, wenn das mal konkreter ist. Dann hört man sich das an und meistens greift das dann wieder, und wir sagen „Das machen wir genau so.“ Teilweise gibt es das dann, dass man sagt, das funktioniert so noch nicht und dann geht es zusammen weiter. Also ab einem gewissen Stadium sitzen wir zusammen hin und tüfteln die Orgel- und Schlagzeugparts aus.

Dani: Und machen Bridges.

Zum Abschluss: Wie sieht für euch ein perfekter Freitagabend aus?

Sevi: Es gibt ja verschiedene Freitagabende, die alle zu kombinieren wäre glaube ich der blanke Horror. Ich mag ganz gern, wenn es gemächlich vor sich geht. Also erstmal ankommen, ein bisschen alleine sein vielleicht. Ein bisschen Musik hören. Und dann im Abendsonnenschein eine Handvoll – nicht mehr – Freunde treffen und ein paar Bier. Etwas essen und Musik im Hintergrund. Dann bringt vielleicht jeder noch eine eigene Platte mit. Das ist auf der nicht-romantischen Ebene der perfekte Abend.

s

„Schlaufen der Zukunft“:


Fichon

Interview mit Charlie Cunningham

0

I play the guitar and sing the songs. It’s pretty basic stuff.

Während am Samstag abend Alice Phoebe Lou mit ihrer Mischung aus Gitarrenspiel und Hintergrundstory („Straßenmusikerin in Berlin!“) dem Maifeld-Publikum beim Parcours d’Amour eine Verschnaufpause bietet, treffe ich micht mit einem ganz anderen Singer-Songwriter. Charlie Cunningham ist gut gelaunt, im Gespräch locker drauf und doch ein wenig aufgekratzt ob seines bevorstehenden Auftritts. Nachdem er unsere Tischnachbarn, die norwegische Aurora mit Band, und ihren Auftritt gelobt hat, beantwortet mir der bodenständige Brite ein paar Fragen zu seiner Musik und seinen Vorbildern.


Thanks for sitting down with us for this interview. You’re from Bedfordshire in East England. There is a dish called the „Bedfordshire Clanger“ that seems kind of irritating to me. Dou you know what it is and have you ever eaten one yourself?

I’ve got no idea what that is! I’ve never heard of it.

It’s a dish made of pastry, with meat and potatoes in one end and jam in the other.

Alright, so a savoury-sweet thing. Didn’t know that’s from Bedfordshire. Amazing… I’ve never had it in my life! Sounds good though.

Let’s dive in: Can you give us a little presentation of who you are and what you do?

I’m Charlie Cunningham and I make acoustic music. It’s quite percussive, quite dynamic. I try and do nice melodies. It’s just acoustic guitar playing with my kind of style, which is a bit of a mix of things, really.

Is this your first time playing Germany?

No, I played Way Back When yesterday and I did a tour in February, my first headline tour. I did, like, six dates. And I supported Mighty Oaks on a big tour in November. I’ve been a few times to Germany, and I like it.

You’re one of those guitar players who uses flourishes and percussion to conjure up whole worlds of sound with just your instrument and your voice. Who are your idols and influences?

Guitar players: lots and lots. I lived in Spain for a bit, so I love guitar players like Paco de Lucia, Tomatito and Diego del Morao, these kind of people. I still like heavy bands like Botch and Coverge, that kind of dynamic, you know? That stuff’s amazing. I love Eric Clapton. People who sound like themselves when they play guitar. When you hear them and you know it’s them, I think that’s an amazing thing.

Die Galionsfigur der Flamenco-Gitarristen: Paco de Lucía // © Wikimedia Commons.
Die Galionsfigur der Flamenco-Gitarristen: Paco de Lucía // © Wikimedia Commons.

I wouldn’t have thought of Botch and Converge, to be honest.

It’s just that dynamic, having a drive. I don’t think that is necessarily why I sound like that, but I love that shit.

How did you come to making music?

I just always did, since I was little. As a kid, there was a counter in the house, I used to play on that. I’ve always been in that world, ever since I can remember.

So you have always planned on being a musician?

I think I was just always going to be. I didn’t think seriously about anything else.

You have released two EPs so far, the second one, Breather, came out in March. Is it just touring now or are you working on a follow-up?

Doing the festival thing, and then recording the third EP as well, which I will start doing next week, actually. It will come out by the end of the year. I don’t know what it is called yet, but I will let you know when I do.

In a review of Breather, Tom Jowett from the music blog The 405 had some harsh words for singer-songwriters. In what way do you consider yourself different from these „twenty-something whining shit-eaters“?

Yeah he did, didn’t he? That was fairly brutal. But I’m thirty-one, so that’s ok. [laughs] I’m just doing my own kind of thing. I don’t try and think too much about what other people are doing or what singer-songwriters should be. I play the guitar and sing the songs. It’s pretty basic stuff. I don’t think their shit-eaters, I think they’re alright. [laughs]

Do you have a personal favourite, this one singer-songwriter that inspires you?

I don’t know, really. Obviously, I love Bon Iver – would Justin be considered a singer-songwriter? That kind of stuff. Bonnie „Prince“ Billy. King Creosote. I’m a big fan of his, I toured with him. He’s great.

King Creosote also did an album with Jon Hopkins, Diamond Mine

Yeah, an amazing album!

King-Creosote1

Could you consider yourself doing this? Something more in the direction of electronic singer-songwriter?

What, with Jon Hopkins? I wish! No, absolutely, I can be up for doing anything. It’s just everything needs to be gradual. But definitely, I’ve got a few electronic-y bits in some of my tunes. After the next one, there might be slightly more. But it’s just a natural progression.

Do you have plans for a full-length?

I do, that’s next. I’m writing all the time. I try to be as active as I can over the next few years.

Now I want to do something we call „Quickies“: two things, you have to pick one of them. First: Guitar or singing?

[without hesitation] Guitar. Definitely.

Nick Drake or José González?

Wow. Blimey! That’s so hard. Maybe… I might give to José González. But Nick Drake’s incredible. That was naughty.

Festivals or living-room concerts?

I think festivals. The vibe is different. It’s an eclectic thing.

Have you already played living-room concerts?

Yes, I’ve done a few. I’ve done Sofar Sounds, I’ve done Bedroomdisco over here, which was awesome. I do like that stuff a lot, it’s wonderful.

Thanks so much and one last question: What would a perfect Friday evening look like to you?

Having had a good day, a productive day. If I’ve had a good day, I reckon a few drinks, a little bit of smoke. See my friends. You know, normal stuff. But if I had a good day, then I’m going to have a good night.

s

„Breather“:


Fichon

Maifeld Derby: 10 Highlights vom Sonntag

1

1. Die Großkotzigkeit von Taymir

Taymir sind aus den Niederlanden und haben ein, sagen wir mal, eher ausgeprägtes Selbstbewusstsein. In perfekter Gallagher-Manier haben sie einen fucking great-en Song nach dem anderen rausgehauen und dem Maifeld Derby endlich, endlich, endlich mal gezeigt was richtiger Rock’n’Roll ist. Während die vier Musiker auf der Bühne alles gegeben haben, kam bei uns immer wieder die Frage auf, ob Paul Weller vielleicht doch einen unehelichen Sohn in Den Haag hat.

2. Waxahatchee führen die Modenschau fort

Was am Samstag mit TOPS begann, ging am letzten Tag des Festivals mit Waxahatchee weiter. Spätestens jetzt sollte nämlich auch dem letzten klar sein, dass High Waist-Jeans schon fast ein Must sind. Aber hat jetzt Urban Outfitters die Bands modisch beeinflusst oder war es doch vielleicht umgekehrt? Beim chilligen Sound der Band um Katie Crutchfield hatte man auf jeden Fall genügend Zeit über die wirklich wichtigen Themen der Welt nachzudenken.

3. Die drangste Band der Welt

Drangsal waren nicht nur die „drangsten“, sondern auch wahrscheinlich die mit Abstand jüngste Band auf dem Maifeld Derby. Da ist es umso erstaunlicher, dass ihr Sound aus einem flotten Cocktail aus Misfits, The Cure, Kraftwerk, The Smiths und Joy Division besteht. Klingt spannend, ist es auch! Man darf auf jeden Fall gespannt sein, was die Jungs in nächster Zeit noch so zusammenbrodeln. Da drückt man auch schon mal ein Auge zu, wenn das Set dann nur knapp 20 Minuten lang geht.

4. Ah, ah Amore!

Es ist schon krass, wenn eine Band, ja ein ganzes Gefühl einer Band, sich in einem einzigen Wort zusammenfassen lässt:

11257216_992653980746705_5831024335847920099_n

5. Ist Falafel das neue Handbrot?

Also wir wollen ja jetzt nicht die Ernährungsexperten raushängen lassen, aber bei sowas sündhaft leckerem wie dem Handbrot kann man sich schon fragen, ob das auf Dauer gesund sein soll. Deswegen stand gestern ein mit Liebe zubereiteter Falafel-Wrap auf dem Sonntags-Menu. Der mit Falafel, Reis und Gemüse gefüllte Wrap bot eine leckere Alternative und machte durchaus Bock darauf, der Kombüse in Mannheim demnächst einen Besuch abzustatten.

6. Mit ’nem Frisbee zum Kind werden

„Ein Frisbee, auch Flugscheibe, Schwebedeckel, Segelscheibe oder Wurfscheibe genannt, ist ein meist aus Kunststoff gefertigtes, scheibenförmiges Sport- und Freizeitgerät. Es wird durch aerodynamischen Auftrieb und Kreiselbewegung in der Luft gehalten“, so lautet die Definition auf Wikipedia. In Festivalsprache bedeutet dies aber folgendes: „Ein nervig-spaßiges Wurfgerät, das Alt wie Jung große Freude bereitet und den Bands in den meisten Fällen wahrscheinlich ziemlich auf den Sack geht.“

7. Die scheinbar legendäre Aftershow?

Ok, Leute, wir geben es zu: Wir waren nicht da. Schenkt man den sozialen Netzwerken jedoch Vertrauen soll die Party mit Acts wie Kid Simius oder den Leuten von KingKongKicks ziemlich gut gewesen sein? Wir bitten um Aufklärung. Danke!

8. Zwei Drumkits sind besser als ein Drumkit

Thee Oh Sees haben mit ihrem Set die Fackelbühne gestern ziemlich abgebrannt. Mit doppelter Power gingen die vier Männer aus den Staaten streng mit ihren Songs ins Gericht und brachten die Menge ohne viel Tam-Tam zum Kochen. Auf der Bühne wird noch Bier statt Vodka-Mate getrunken und auch sonst wird auf jeden Trend geschissen und das ist auch gut so!

9. Ωracles sind längst kein Geheimtipp mehr

Muss man erstmal tragen können: Niklas Wandt (links) und Dennis Jüngel von Ωracles // © Philipp Fischer.
Muss man erstmal tragen können: Niklas Wandt (links) und Dennis Jüngel von Ωracles // © Philipp Fischer.

Letzten Sommer galten sie noch (dank eines gewissen Pete Dohertys) als der Geheimtipp schlechthin. Mittlerweile hat die Band aus Köln und Berlin sich aber einen berechtigten Platz im Geschäft verschaffen können und konnten das Brückenawardzelt daher auch ohne größere Probleme füllen. Die Schaulustigen wurden auch nicht enttäuscht, denn die Hipster-Hippies, wie sie das Maifeld Derby in ihrem Pressetext liebevoll nennt, geben ein paar neue Songs und wohl die coolste Latzhose ever zum Besten.

10. BRNS‘ Headliner-würdiges Set

Spätestens seit gestern ist das Beste, was Belgien zu bieten hat, nicht mehr Fritten und Bier, sondern eine Band aus Brüssel, die auf den Namen BRNS (sprich: „brains“) hört. Sie mussten zwar zeitgleich mit Róisín Murphy spielen, doch der Andrang war erstaunlich groß. Viele der Zuschauer kannten die Songs der vier Belgier, obwohl die hiesigen Musikmagazine sie immer noch sträflich ignorieren. Wie Tim „Clijsters“ Philippe es schafft, zusätzlich zu seinem Math Rock-igen Drumming noch zu singen, ist immer wieder faszinierend. Mit alten und neuen Songs und dem grandiosen „Our Lights“ als Abschluss machen BRNS den Headlinern Konkurrenz und kräftig auf sich aufmerksam.


Yannick

Maifeld Derby: Die Highlights vom Samstag

2

1. Die Freude auf dem Gesicht von Jane Penny

Am Ende eines großartigen Sets, mit dem sie auf dem Derby viel von sich reden gemacht haben, spielen die Kanadier von TOPS ihren Hit „Way To Be Loved“ vor ausgelassen tanzendem Publikum. Als der Song ausklingt, werden die vier Musiker wie ein Headliner bejubelt und auf Sängerin Jane Pennys Gesicht zeichnet sich ein breites Lächeln ab. Dann stürzen sich TOPS in ein ausgedehntes Outro – und die Menge rastet aus. Während sich David Carriere, seines Zeichens Gitarrist und Adam Green-ohne-Locken, zwei Boxen holt, auf denen er hin- und hertänzelnd sein Solo abzieht, ist Penny überwältigt und sichtlich euphorisch von der begeisterten Reaktion der Zuschauer. Einfach nur schön, wenn sich Bands und Fans gegenseitig so begeistern.

2. Vin Blanc/White  Wines musikalisches Kabarett

Warum sich ein deutsch-amerikanisches Duo einen französisch-englischen Namen gibt, weiß man nicht. Deshalb sind Joe Haege (bekannt durch Tu Fawning und 31 Knots) und Fritz Brückner an diesem Nachmittag auch nur als White Wine unterwegs, „so we don’t have to explain to a German what ‚vin blanc‘ means“. Der Ulk des Duos – Haege im Anzug, Brückner „cool as a cucumber“ – geht so oder so über Sprachbarrieren hinweg: halb musikalisches Kabarett, halb Mambo Kurt mit besserer Musik. Man kann nicht so recht beschreiben, was die beiden da eigentlich fabrizieren. Es klingt jedenfalls wie zwei Teenager, die die „DJ“-Funktion an ihrem Keyboard entdecken und dazu auf einer Snare herumtrommeln. Excellent!

3. Als bei Only Real die Sonne heraus kam

Mit Only Real kam die Sonne: Zugegeben waren unsere Erwartungen an die Live-Perfomance des Soundcloud-Hipsters nicht besonders groß, da das eine oder andere Video auf Youtube doch Böses erahnen ließ. Doch der äußerst sympathische Brite hat uns eines Besseren belehrt! Mit einer Mischung aus Indie und ’ner Menge Jamie T hielt er das Publikum bei Laune und schaffte es sogar, dass sich die launige Sonne hat blicken lassen. Mit „Cadillac Girl“ dem Sonnenscheint entgegen. Mehr davon!

4. Black is the Darkest Colour: The Soft Moon

The Soft Moon // © Philipp Fischer.
The Soft Moon // © Philipp Fischer.

Man muss es sagen: The Soft Moon klingen so sehr nach einer gewissen Band aus Salford, die seit dem Ende der Siebziger Jahre die Ikone des Post-Punk für unzählige junge Bands und Bandshirt-Träger ist, dass man meint, Luis Vasquez habe als Kind anstatt einem Mobile die Radiowellen von CP 1919 über dem Bett hängen gehabt. Die Band aus Oakland geht allerdings noch weiter und lässt Industrial-Sounds mit in ihre verstörenden Songs fließen. Mit Metalltonnen und Congas geht es hinab in die tiefsten Tiefen der menschlichen Psyche, bis um einen herum alles schwarz ist. Da kann die Seelenruhe nur durch etwas Sonne wiederhergestellt werden.

5. Fabian Altstötters, der Drangsal anpreist

Beim Konzert von Sizarr ist uns aufgefallen, wie groß die Band aus Landau geworden ist. Drei Jahre nach ihrem Debüt Psycho Boy Happy gehören Sizarr zu den erfolgreichsten deutschen Indie-Bands neben Get Well Soon und Tocotronic. Soviel Einfluss auf den Geschmack der Festivalgänger muss man nutzen: Am Ende des Konzerts empfiehlt Sänger Fabian Altstötter noch das Set von Drangsal am Sonntag. Hinter Drangsal steckt Max Gruber, der neben Sizarr mit Schnulzenchansonnier Dagobert und Hendrik von Messer befreundet ist. Viel weiß man noch nicht über die Band, die sich selbst als „die Drangsal“ bezeichnet und „Popmusik, aber härter“ spielt. Wir sind gespannt wie ein Flitzebogen.

6. Der Sitzplatz bei Charlie Cunningham

Nach anderthalb Tagen Festival muss man sich auch mal hinsetzen. Umso schöner, dass Charlie Cunningham auf dem Parcours d’Amour spielt und man sich in einen der Plastiksitze quetschen kann. Im Interview verrät mit der Brite, dass er schon sein ganzes Leben Gitarre spielt und die letzten zwei Jahre in Spanien verbracht hat. Das merkt man seinen Songs an: viel Percussion auf dem Gitarrenkörper, virtuose Melodien (er ist ein großer Fan von Botch und Converge) und expressiver Gesang. Cunningham gibt uns Zeit zum Durchatmen und schlägt die Brücke zwischen José González‘ Headliner-Spot am Freitag und dem von Fink am Sonntag.

7. Klaus Johann Grobe

Mein persönlicher Favorit auf dem Maifeld Derby war schon im Vorhinein das Schweizer Duo Klaus Johann Grobe. Mithilfe eines Bassisten, der seinem Schmunzeln nach die Musik von Sevi Landolt und Dani Bachmann auch immens feiert, jagen die beiden gut gelaunt durch ihr Set. Laut einer Freundin hing ich „wie ein kreischendes Fangirl“ vorne an der Barriere. Aber nicht nur ich habe den funkig-krautigen Orgel-Pop genossen: Beim Abbau nach dem Konzert wollten die Rufe nach einer Zugabe gar nicht aufhören. Klaus Johann Grobe sind in der Tat ‚im Sinne der Zeit‘.

8. … und dann Foxygen

Sam France Superstar: Foxygen // © Philipp Fischer.
Sam France Superstar: Foxygen // © Philipp Fischer.

Noch halb berauscht von „Between the Buttons“ geht es raus zur Fackelbühne, auf der Foxygen spielen. Was da abgeht, lässt die Kinnladen nach unten rasen. Mit drei Tänzerinnen/Backup-Sängerinnen als Unterstützung schwitzt, singt und spielt sich Sam France die Glam-Seele aus dem Leib. Nach drei Alben hat sich Foxygens Live-Show in ein Musical über die ’50s und eine fiktionale Band namens Star Power verwandelt, inklusive Boulevardblatt-Ausrastern des Sängers, einem Streit mit dem Gitarristen, der während des Sets Karten spielen will und einem sehr seltsamen Moment, bei dem die Musiker die Bühne verlassen und „San Francisco“ vom Band läuft. Ob das cool ist oder überladener Trash, vermag ich nicht zu sagen. Der faszinierendste Auftritt des Tages war der von Foxygen allemal.

9. Handbrot, again!

Diesmal schmeckt das Handbrot mit Champignons noch besser als das mit Speck am Vortag. Der Festivalschmaus schlechtweg ist zwar nicht das einzige gute Essen – Lou’s Maultäschle sind auch nicht zu verachten! Doch treibt es einen um Mitternacht irgendwie immer in die käsig-teigigen Arme des Handbrots, mit seiner Crème Fraîche und dem leckeren Schnittlauch oben drauf. Heute wird mal der Falafel getestet, versprochen.

10. „Nein! Ich brauch‘ keinen neuen Staubsauger!“

Den gleichzeitigen Höhe- und Tiefpunkt des Samstags liefern Human Abfall. Vor dem Hintergrund trashigen Punks hetzt Sänger (oder: Schreier) Flávio Bacon als Parodie eines Wutbürgers gegen Katzen und Körperhygiene und macht Armdrücken mit der Wand. Bei „Defekt“ schmeißt er jenes Wort dem Publikum entgegen, bis das ganze Zelt „defekt!“ zurück brüllt. Wie eine hängen gebliebene Platte skandiert der Stuttgarter mit verzerrtem Gesicht absurde Parolen. Das stößt vor den Kopf wie ein Ziegelstein bei einer Demo. Mit Human Abfall im Ohr und einer leichten Gehirnerschütterung gehen wir nach Hause.

s


Fichon

Maifeld Derby: 10 Highlights vom Freitag

1

1. Mannheim hat mit Clayd eine Band mit Potenzial am Start

Die vier Jungs hatten die große Ehre das diesjährige Maifeld Derby zu eröffnen. Dies taten sie in einer energievollen Manier von der sich die ein oder andere etablierte Band schon noch was abkucken kann. Oh und ihr Merch ist auch sehr gut angekommen. Zitat von einer Passantin: „Ja, haben se doch schön gemacht!“

2. Tora wollen deutsche Pässe

_MG_1158
Tora // © Philipp Fischer.

Obwohl ihr Equipment geklaut worden ist und sich das Publikum jetzt nicht wirklich Richtung Bühne drängte, sind die Musiker aus Australien nicht mehr aus dem Schwärmen herausgekommen. Hiermit stellen wir offiziell den Antrag, dass ihre Bitte auch schnell erhört wird! Wer wünscht sich nicht eine talentierte Band, die unverschämt gut aussieht und auch noch die aufgeregtesten Fangirls am Start hat?

3. Der Moment, wenn man merkt, dass der KuchenImGlas-Burger eine Süßigkeit ist

Der neumodische Bartträger, Burger-Esser und Carnivore ist allein schon aus Prinzip immer auf der Suche nach dem nächsten schmackhaften Burger. Dann erspäht das geschulte Auge einen Stand bei dem es heißt „Kuchen-Im-Glas-Burger“. Oh, ein neuer Trend! Aber wie soll das funktionieren? Kuchen, Glas, Burger? Welch eine skurrile Kombination. Dann rennt man fast schon manisch zum Stand und wundert sich schon über den fehlenden Duft von Bacon und Angus. Die Ernüchterung folgt zugleich. Es ist ein sündhafter Süßigkeiten-Burger! Muss aber trotzdem noch probiert werden.

4. Das Set von Inner Tongue

Es dürfte wohl den wenigsten aufgefallen sein, dass der Musiker aus Wien tatsächlich offiziell erst drei Songs auf Soundcloud hochgeladen hat. Denn mit welcher Professionalität Inner Tongue die 35 Minuten zelebriert hat sind der Wahnsinn. Mit seinen sphärischen, oftmals für Festivals fast zu düsteren Songs wusste er das Publikum zu begeistern. In solchen Momenten kann jeder selbsternannte Musikexperte dann kurz durchschnaufen und den Glauben haben, dass wahres Können doch noch belohnt wird im Musikbiz.

5. Wenn eine Diskokugel zur Sinneserweiterung verhilft

Die Neue Deutsche Welle ist jetzt nicht unbedingt das Genre mit der man José González in Verbindung bringen würde. Wenn dann aber eine Diskokugel im Palastzelt dementsprechend bestrahlt wird und parallel dazu auch noch „Heartbeats“ vom Mr. Herzensbrecher himself performt wird, macht es auf einmal doch Sinn.

6. Wenn man merkt, dass manche Pressetexte im Infoheft falsch sind

11269505_10205720428361339_1000724043_n

Liebes Maifeld Derby, wenn das Einsetzen des falschen Pressetextes gewollt war und ihr damit bewirken wollt, dass man sich das Set von East India Youth unbedingt anhört, dann ist das ganz großes Kino!

7. Lang lebe das Handbrot

Handbrot ist und bleibt einfach geil! Mehr muss und sollte zu Punkt 7 auch nicht gesagt werden.

8. Der Sänger von Ball Park Music hat den coolsten

Sam Cromack von Ball Park Music // © Philipp Fischer.
Sam Cromack von Ball Park Music // © Philipp Fischer.

Schnauzer! Der Preis für den coolsten Look des Tages geht ganz klar an Sam Cromack, der seines Zeichens Frontmann und Sänger bei Ball Park Music ist. Die Kombination aus dem Miami-Vice-gedächtnis-Anzug und einem Schnurrbart vor dem selbst ein Hulk Hogan kuschen würde ist einfach unschlagbar.

9. Ghostpoet bringt selbst den größten Rock-Fan in Bewegung

Es ist immer gemein, wenn man in Stereotypen denkt und Menschen nach dem typischen Schubladenprinzip einordnet. Trotzdem trauen wir uns jetzt mal zu sagen, dass Ghostpoet mit seiner Mischung aus Hip-Hop und elektronischen Einflüssen selbst die Hörer begeistern konnte, die dem Genre Hip-Hop sonst eher abwertend entgegen stehen.

10. SOAK macht dem Parcours d´Amour alle Ehre

Aus ihrer Homosexualität macht die junge, auf den ersten Blick schüchtern wirkende Irin, kein Geheimnis. Und genau diese ehrliche Art und die zum dahinschmelzenden Texte machen das Geheimrezept von SOAK aus. Die Musikerin schüttet in ihren Texten ihr Herz aus und konnte aus diesem Grund gestern viele Herze erobern. Bei so viel Liebe, Harmonie, und Gefühl hätte man ihr am liebsten das an der Bühne angebrachte Herz geschenkt und sie ganz fest gedrückt.


Yannick

GROUNDERS spielen Tame Impala auf „Drawing Space“

1

Der sonnige Opener des Debütalbums ist zugleich die neueste Single

Der Einfluss von Tame Impala auf die neueste Generation junger Musiker ist inzwischen unbestreitbar. Seit dem Release von Innerspeaker vor fünf Jahren ist der Psych Rock-auf-dem-Beatles-Altar der Australier der Standard, an dem sich neue, psychedelische Rockbands messen müssen. GROUNDERS aus Toronto, deren selbstbetiteltes Debüt in Europa am 17. Juli erscheint, befinden sich auf der „sunny side up“ des Sounds ihrer Vorbilder. Während Kevin Parker sich mit dem bevorstehenden Album Currents in Richtung funkigen R&Bs bewegt, halten die vier Musiker um Andrew Davis am festivaltauglichen, sonnendurchfluteten Sound fest, den sie schon auf der EP Wreck of a Smile ausprobiert haben: „Drawing Space“ klingt glatt wie das Sequel zu „Beverly Laurel“. Da ist die Versuchung groß, den nächsten Sommerhit auszurufen.

s

GROUNDERS (VÖ 17/07):

01 Secret Friend
02 Pull It Over Me
03 Bloor Street and Pressure
04 Face Blind
05 Vyvanse
06 Drawing Space
07 Fool’s Banquet
08 Pet Uno
09 No Ringer

s

Hört euch hier „Drawing Space“ an:


Fichon

Constance

0

Die Nouvelle Vague Froide aus Frankreich

Obwohl die fünf Franzosen noch Konzerte unter ihrem alten Deckmantel spielen, hat sich Olympia Fields bereits in Constance verwandelt. Nach zwei EPs und Gigs auf den wichtigen französischen Musikfestivals (dem Printemps de Bourges und dem Newcomer-Contest der Vieilles Charrues) sind Olympia Fields an ihrem Ende angelangt. Drummer Quentin Lebret hatte schon im Januar angekündigt, dass die Band als Constance da weiter machen werde, wo Olympia Fields aufgehört hat (oder haben wird). Glücklicherweise ist der Namenswechsel auch musikalisch nachvollziehbar.

Wo Olympia Fields stellenweise stark nach einer – zugegebenermaßen gut gemachten – Kopie der Foals klangen, haben die Jungs aus Rennes Songs wie ihr „My Pain“ als Ausgangspunkt genommen und sich mehr in Richtung von Shoegaze beeinflusstem, leicht paranoiden Coldwave begeben. Die drei Songs, die Constance als Reinkarnations-Soundtrack mitgebracht haben, heben sich durch eine bedrohlich dunkle Härte schon merklich von ihrer Vorgängerband ab. Pierre Barrett singt zum ersten Mal in seiner Muttersprache, auch das steht der Band gut zu Gesicht. Inzwischen gibt es sogar schon einen neuen Song, „Décodeurs & Pixels“, den ihr euch unten anhören könnt. Constance ist zu wünschen, dass sie wie jene andere als Frau getarnte Band aus Frankreich auf die internationalen Bühnen springt.

s

Für Fans von:  Savages, BRNS‘ Wounded, Foals


The New Cold Wave out of France

Although these five Frenchmen still play gigs under their old guise, Olympia Fields have now transformed into Constance. After releasing two EPs and playing at the most important music festivals in France (the Printemps de Bourges and the Newcomer-Contest at Les Vieilles Charrues) Olympia Fields have come to an end. The drummer, Quentin Lebret, first announced in January that the band would pick up where Olympia Fields left off (or will have). Luckily the change of name is just as musically sound.

Where Olympia Fields sounded in parts like an (admittedly well-done) imitation of the Foals, the boys from Rennes have taken songs like their „My Pain“ as a starting point and headed more in the direction of a shoegaze-influenced, lightly paranoid Coldwave. The four songs, which Constance have selected for the soundtrack to their reincarnation, set them apart from their previous band through a menacing, dark abrasiveness. For the first time, Pierre Barrett sings in his mother tongue – this also suits them well. There’s already a new song, called „Décodeurs & Pixels“, to which you can listen below. We sincerely hope that Constance will arrive on the international scene just like this other band from France disguised as a woman.

s

For fans of: Savages, BRNS‘ Wounded, Foals

s

„Décodeurs & Pixels“:


Facebook // Twitter

Fichon (Deutsch) / Rachel (Englisch)