Maifeld Derby: Die Highlights vom Samstag

1. Die Freude auf dem Gesicht von Jane Penny

Am Ende eines großartigen Sets, mit dem sie auf dem Derby viel von sich reden gemacht haben, spielen die Kanadier von TOPS ihren Hit „Way To Be Loved“ vor ausgelassen tanzendem Publikum. Als der Song ausklingt, werden die vier Musiker wie ein Headliner bejubelt und auf Sängerin Jane Pennys Gesicht zeichnet sich ein breites Lächeln ab. Dann stürzen sich TOPS in ein ausgedehntes Outro – und die Menge rastet aus. Während sich David Carriere, seines Zeichens Gitarrist und Adam Green-ohne-Locken, zwei Boxen holt, auf denen er hin- und hertänzelnd sein Solo abzieht, ist Penny überwältigt und sichtlich euphorisch von der begeisterten Reaktion der Zuschauer. Einfach nur schön, wenn sich Bands und Fans gegenseitig so begeistern.

2. Vin Blanc/White  Wines musikalisches Kabarett

Warum sich ein deutsch-amerikanisches Duo einen französisch-englischen Namen gibt, weiß man nicht. Deshalb sind Joe Haege (bekannt durch Tu Fawning und 31 Knots) und Fritz Brückner an diesem Nachmittag auch nur als White Wine unterwegs, „so we don’t have to explain to a German what ‚vin blanc‘ means“. Der Ulk des Duos – Haege im Anzug, Brückner „cool as a cucumber“ – geht so oder so über Sprachbarrieren hinweg: halb musikalisches Kabarett, halb Mambo Kurt mit besserer Musik. Man kann nicht so recht beschreiben, was die beiden da eigentlich fabrizieren. Es klingt jedenfalls wie zwei Teenager, die die „DJ“-Funktion an ihrem Keyboard entdecken und dazu auf einer Snare herumtrommeln. Excellent!

3. Als bei Only Real die Sonne heraus kam

Mit Only Real kam die Sonne: Zugegeben waren unsere Erwartungen an die Live-Perfomance des Soundcloud-Hipsters nicht besonders groß, da das eine oder andere Video auf Youtube doch Böses erahnen ließ. Doch der äußerst sympathische Brite hat uns eines Besseren belehrt! Mit einer Mischung aus Indie und ’ner Menge Jamie T hielt er das Publikum bei Laune und schaffte es sogar, dass sich die launige Sonne hat blicken lassen. Mit „Cadillac Girl“ dem Sonnenscheint entgegen. Mehr davon!

4. Black is the Darkest Colour: The Soft Moon

The Soft Moon // © Philipp Fischer.
The Soft Moon // © Philipp Fischer.

Man muss es sagen: The Soft Moon klingen so sehr nach einer gewissen Band aus Salford, die seit dem Ende der Siebziger Jahre die Ikone des Post-Punk für unzählige junge Bands und Bandshirt-Träger ist, dass man meint, Luis Vasquez habe als Kind anstatt einem Mobile die Radiowellen von CP 1919 über dem Bett hängen gehabt. Die Band aus Oakland geht allerdings noch weiter und lässt Industrial-Sounds mit in ihre verstörenden Songs fließen. Mit Metalltonnen und Congas geht es hinab in die tiefsten Tiefen der menschlichen Psyche, bis um einen herum alles schwarz ist. Da kann die Seelenruhe nur durch etwas Sonne wiederhergestellt werden.

5. Fabian Altstötters, der Drangsal anpreist

Beim Konzert von Sizarr ist uns aufgefallen, wie groß die Band aus Landau geworden ist. Drei Jahre nach ihrem Debüt Psycho Boy Happy gehören Sizarr zu den erfolgreichsten deutschen Indie-Bands neben Get Well Soon und Tocotronic. Soviel Einfluss auf den Geschmack der Festivalgänger muss man nutzen: Am Ende des Konzerts empfiehlt Sänger Fabian Altstötter noch das Set von Drangsal am Sonntag. Hinter Drangsal steckt Max Gruber, der neben Sizarr mit Schnulzenchansonnier Dagobert und Hendrik von Messer befreundet ist. Viel weiß man noch nicht über die Band, die sich selbst als „die Drangsal“ bezeichnet und „Popmusik, aber härter“ spielt. Wir sind gespannt wie ein Flitzebogen.

6. Der Sitzplatz bei Charlie Cunningham

Nach anderthalb Tagen Festival muss man sich auch mal hinsetzen. Umso schöner, dass Charlie Cunningham auf dem Parcours d’Amour spielt und man sich in einen der Plastiksitze quetschen kann. Im Interview verrät mit der Brite, dass er schon sein ganzes Leben Gitarre spielt und die letzten zwei Jahre in Spanien verbracht hat. Das merkt man seinen Songs an: viel Percussion auf dem Gitarrenkörper, virtuose Melodien (er ist ein großer Fan von Botch und Converge) und expressiver Gesang. Cunningham gibt uns Zeit zum Durchatmen und schlägt die Brücke zwischen José González‘ Headliner-Spot am Freitag und dem von Fink am Sonntag.

7. Klaus Johann Grobe

Mein persönlicher Favorit auf dem Maifeld Derby war schon im Vorhinein das Schweizer Duo Klaus Johann Grobe. Mithilfe eines Bassisten, der seinem Schmunzeln nach die Musik von Sevi Landolt und Dani Bachmann auch immens feiert, jagen die beiden gut gelaunt durch ihr Set. Laut einer Freundin hing ich „wie ein kreischendes Fangirl“ vorne an der Barriere. Aber nicht nur ich habe den funkig-krautigen Orgel-Pop genossen: Beim Abbau nach dem Konzert wollten die Rufe nach einer Zugabe gar nicht aufhören. Klaus Johann Grobe sind in der Tat ‚im Sinne der Zeit‘.

8. … und dann Foxygen

Sam France Superstar: Foxygen // © Philipp Fischer.
Sam France Superstar: Foxygen // © Philipp Fischer.

Noch halb berauscht von „Between the Buttons“ geht es raus zur Fackelbühne, auf der Foxygen spielen. Was da abgeht, lässt die Kinnladen nach unten rasen. Mit drei Tänzerinnen/Backup-Sängerinnen als Unterstützung schwitzt, singt und spielt sich Sam France die Glam-Seele aus dem Leib. Nach drei Alben hat sich Foxygens Live-Show in ein Musical über die ’50s und eine fiktionale Band namens Star Power verwandelt, inklusive Boulevardblatt-Ausrastern des Sängers, einem Streit mit dem Gitarristen, der während des Sets Karten spielen will und einem sehr seltsamen Moment, bei dem die Musiker die Bühne verlassen und „San Francisco“ vom Band läuft. Ob das cool ist oder überladener Trash, vermag ich nicht zu sagen. Der faszinierendste Auftritt des Tages war der von Foxygen allemal.

9. Handbrot, again!

Diesmal schmeckt das Handbrot mit Champignons noch besser als das mit Speck am Vortag. Der Festivalschmaus schlechtweg ist zwar nicht das einzige gute Essen – Lou’s Maultäschle sind auch nicht zu verachten! Doch treibt es einen um Mitternacht irgendwie immer in die käsig-teigigen Arme des Handbrots, mit seiner Crème Fraîche und dem leckeren Schnittlauch oben drauf. Heute wird mal der Falafel getestet, versprochen.

10. „Nein! Ich brauch‘ keinen neuen Staubsauger!“

Den gleichzeitigen Höhe- und Tiefpunkt des Samstags liefern Human Abfall. Vor dem Hintergrund trashigen Punks hetzt Sänger (oder: Schreier) Flávio Bacon als Parodie eines Wutbürgers gegen Katzen und Körperhygiene und macht Armdrücken mit der Wand. Bei „Defekt“ schmeißt er jenes Wort dem Publikum entgegen, bis das ganze Zelt „defekt!“ zurück brüllt. Wie eine hängen gebliebene Platte skandiert der Stuttgarter mit verzerrtem Gesicht absurde Parolen. Das stößt vor den Kopf wie ein Ziegelstein bei einer Demo. Mit Human Abfall im Ohr und einer leichten Gehirnerschütterung gehen wir nach Hause.

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Fichon

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