Ein Video wie ein Musical, directed by Michael Jackson, präsentiert uns Christine and the Queens für ihre neue Single „Girlfriend“.
Es ist eigentlich schon fast suspekt, dass der Hype um Christine and the Queen Deutschland bis jetzt höchstens gestreift hat. In Großbritannien, Frankreich oder den USA durfte die Französin bereits an den schwer erreichbaren Chartspitzen schnuppern und schaffte es sogar auf das Cover des TIME Magazines. Mit ihrem gediegenen Funk begeisterte sie schnell die Redaktionen von Pitchfork, NME & Co. und stellt jetzt mit „Girlfriend“ ihre neueste Single vor.
Zeitgleich zu der englischen Version, die zusammen mit dem amerikanischen Musiker Dâm-Funk entstanden ist, veröffentlichte sie auch einen Song in ihrer Muttersprache Französisch. Diese trägt den franglischen Titel „Damn, Dis Moi“ und bringt noch einen besonderen Twist mit.
Das Konzept zum Video hat sie zusammen mit Jordan Bahat ausgearbeitet und sich vor allem on Charles Ebbets berühmten Fotos aus den Dreißigerjahren inspirieren lassen, in denen Bauarbeiter über dem 60. Stock auf schwebenden Bauträgern entspannen. Daneben ist das Video aber auch vom Musical-Charakter im Stile der „West Side Story“ geprägt und die Tanzeinlagen holen einen zurück in die 90er in denen Michael Jackson noch über das Parkett geschwebt ist.
Die DNA hyperstilisierter amerikanischer Musicals wird sehr im Farbton der 90er wiedergegeben und wird von Héloïse Letissier wie folgt beschrieben: „Die Message des Videos ist einfach und radikal. Einfach, weil das Video vor allem auf der Energie und der Effektivität der Choreografie beruht. Sie ist sehr körperbetont, sinnlich und willensstark. Radikal ist das Video vor allem im Sinne der Ästhetik. Das Gang-Konzept lässt die Grenzen zwischen dem Ballerina-Dasein und dem Gang-Leben verschwimmen. Eine ähnliche Herangehensweise zeigt sich auch in Musicals wie eben der „West Side Story“. Am 15. Oktober kommt Christine and the Queens auch nach Berlin.
Sonne satt, Schnickschnackschnuck, ein Konzert des Headliners im Birkenhain, heisere Stimmen von „Don’t Look Back In Anger“ – der gemeinsamen Vorliebe für gute Musik in feiner Gesellschaft konnte auch ein Stromausfall nichts anhaben. In unserem Nachbericht vom Immergutfestival 2018 schwelgen wir noch einmal in Erinnerung und erzählen euch, welche Künster uns besonders gut gefallen haben.
Als am Festivalfreitag auf den Wiesen am Bürgerseeweg in Neustrelitz so langsam eine kleine Zeltstadt entsteht, spürt man nicht nur die Wiedersehensfreude der Besucher, sondern auch die Sonne auf der Haut – das Wetter stimmt. Für viele Gäste ist das kleine Indie-Festival in der Mecklenburger Seenplatte Tradition: Beweisen die Macher doch Jahr für Jahr ihr Gespür für gute Musik – denn große Headliner kann beinah jedes Festival liefern, wertvolle Musiktipps jedoch nur wenige.
Seine Kreativität hat das Team vom Immergutrocken e.V. nicht nur musikalisch wiederholt bewiesen. Unter dem Motto „Spiel, Satz, Lied“ konnten die Festivalbesucher in diesem Jahr ihren sportlichen Ehrgeiz unter Beweis stellen. Bei verschiedenen Disziplinen wie beim Schnickschnackschnucken oder beim Wettsingen auf der Aftershow-Party traten die einzelnen Teams TSV Tennisarm, SV Meniskus und SG Faserriss gegeneinander an. Freund oder Feind? Ein prüfender Blick aufs Festivalbändchen verriet, ob der Zeltnachbar oder die neue Bekanntschaft vom Bierstand auf der richtigen Seite um den Sieg kämpft.
Die musikalische Startaufstellung stammte in diesem Jahr vorrangig aus dem Dunst der deutschen Musiklandschaft: Neben alten Größen wie Kettcar und Olli Schulz, gaben sich auch Die Nerven, Gurr, Ilgen-Nur, Lambert und Das Paradies die Ehre. Im Vergleich zu den vergangenen Ausgaben des Immergutfestivals waren internationale Acts im Programm eher spärlich vertreten. Insbesondere Freunde der Hamburger Schule und deutschsprachiger Texte kamen wohl deshalb am letzten Wochenende auf ihre Kosten.
Der Festivalfreitag begann mit einer Lesung von Anja Rützel, die anschließend die Bühne für Ilgen-Nur Borali und ihre Konsorten frei gab. Die Hamburger Band ist längst kein Geheimtipp mehr: Der Zeltplatz wurde von vielen Musikliebhabern kurzerhand gegen die pralle Mittagssonne vor dem Birkenhain getauscht. „Even the bags under your eyes are nice“, Ilgen! Ebenfalls ein Highlight war mit Sicherheit die Lesung der 11 Freunde. Anekdoten aus dem Fußballjournalismus erheiterten nicht nur Fans der ersten Stunde sowie Abnehmer des bekannten Magazins für Fußballkultur, sondern erheiterten auch die Gemüter von Sportverweigerern. Spätestens mit den witzigsten Fußballverletzungen der Sportgeschichte schlich sich auch ein ehrliches Grinsen in die Gesichter der Fußballhasser: Wenn ein Kicker ausfällt, weil er sich am Frühstückstisch die Daumenkuppe beim Käsehobeln absäbelte, wird das Leid anderer eben zum Spaß der Festivalgemeinschaft.
Mitten im Konzert von Drangsal, der auf der Zeltbühne sein Publikum auch ohne Strom weiterbegeisterte, wurde es plötzlich dunkel auf dem Festivalgelände. Aggregator und Notstromaggegrator hatten den Geist aufgegeben und machten der Fortführung des musikalischen Programms einen Strich durch die Rechnung. Ausharrende Festivalbesucher und Künstler mussten auf einen Ersatzaggregator warten. Um den Frust zu überwinden und die Zeit zu überbrücken, wussten die Mitglieder vom Immergutfestival, was die Herzen begehrt: Freibier. Gemüter wurden besänftigt, eine Lösung wurde gefunden. Das musikalische Programm würde an diesem Abend nur noch im Birkenhain stattfinden können, hieß es vom Veranstalter. Na, ob das die Headliner mitmachen? Ob die Technik das schafft? Die Nerven, Kero Kero Bonito und selbst Ty Segall ließen es sich nicht nehmen, trotz der Umstände für das Festivalpublikum zu spielen. Wie kooperativ sich die Bands zeigten, lies sich auf einem Aushang nachlesen. Wichtig zu ergänzen: Wir sprechen hier von einem Teamgeist, der auf dem Immergutfestival nicht nur Teil des diesjährigen Mottos ist, sondern traditionelles Programm.
Immergutrocken e.V.: „The situation is: our powerblock broke down and we cannot continue any shows on the tent and main stage:“
Ty Segall Tour Manager: „So we’ll play the small stage.“
Immergutrocken e.V.: „If that’s okay with you?“
Ty Segall Tour Manager: „Fuck it. Yeah, let’s do it.“
Beeindruckend war jedoch nicht nur die Flexibilität und das Verständnis von Headliner Ty Segall. Auch Die Nerven, eigentlich für die Zeltbühne angekündigt, lieferten im Birkenhain eines der besten Konzerte des Festivalwochenendes ab. Mit „Barfuß durch die Scherben“, „Niemals“, „Angst“ und Co. stellten die Jungspunde ein Best-Of ihrer bisherigen Veröffentlichungen zur Schau.
Erleichterung dann am Samstag: Der Strom funktioniert wieder! Nach einer Abkühlung in einem der umliegenden Seen schallte pünktlich ab 16:15 Uhr wieder Musik über das Festivalgelände. Sam Vance-Law durfte nach der längeren, ungeplanten Pause am Vorabend als erster Act wieder die große Waldbühne bespielen. Der charmante Kanadier eroberte im Handumdrehen die Herzen des Publikums. Es sei das beste Konzert, was er bisher mit seinem Debüt als Popmusiker gespielt hätte – „Okay, es waren ja auch nur drei oder vier bisher“, fügt er hinzu. Und nicht nur seine eigenen Songs dirigiert Sam Vance-Law mit Bravur live, sondern auch „My Old Man“ von seinem alten Freund Mac DeMarco. Gut, dass wir uns bereits auf die Tour im Herbst freuen können. Zu schnell war dieser Auftritt wieder vorbei.
Die musikalische Neuentdeckung lieferte uns an diesem Wochenende definitiv Pom Poko. Verhielt sich das Publikum zunächst ruhig, entstand nach einer Zeit des Bekanntmachens eine zutiefst begeisterte Stimmung im Zelt. Sängerin Ragnhild Fangel entpuppte sich auf der Bühne als wahres Energiebündel und als echte Anheizerin. Es dauerte nicht lange, bis der Holzboden zum punkigen Sound der Norweger in der Zeltbühne zu beben begann.
Überraschend war auch der Auftritt von Olli Schulz. „Naja, den schauen wir uns an, aber mal sehen“, vernahm man vereinzelt. Immerhin war er früher noch ein waschechter Musiker. Heute kennen die meisten ihn nur noch aus dem Fernsehen oder aus seinem Podcast mit Jan Böhmermann. Mit seinem Konzert auf der Waldbühne hat Olli jedoch bewiesen, dass er im Herzen trotzdem noch ganz der Alte ist. Und das Publikum wohl auch. Textsicher wurden „Und dann schlägt mein Herz“ und andere Hymnen in die Nacht hinausgegrölt.
Mit Kettcar kehrte nach dem lauten Konzert von Gurr schließlich eine ruhige Atmosphäre ein. Alte Hasen stehen da auf der Bühne, und stellen ihr Können unter Beweis, obwohl es längst niemand mehr von ihnen erwartet. Denn Kettcar sind live gut, und waren es auch auf dem Immergutfestival. „Schön, dass im Publikum auch einige U30-Fans stehen“, freut sich Marcus Wiebusch. Und das Publikum freut sich auch. Sind es doch gerade Songs wie „Landungsbrücken raus“, die den Musikgeschmack in der Jugend maßgeblich beeinflusst haben.
Das Festivalwochenende klingt zu elektronischen Klängen von Makeness und Ada im Birkenhain sowie zur Aftershowparty im Zelt aus. So schnell wie das letzte Maiwochenende da war, ist es auch schon wieder vorbei. Allerdings nicht, ohne dass alle Feierwütigen noch einmal wehmütig „Wonderwall“ und „Don’t Look Back In Anger“ singen. Danke, liebes Immergut!
Mit ihrem dritten Album „Love is Dead“ zeigen sich CHVRCHES poplastiger denn je. Ob diese Veränderung hin zur enormen Radiotauglichkeit dennoch überzeugt, stellt das Trio mit ihrer neuen Platte auf den Prüfstand.
Eines muss man der Band im Vorfeld schon lassen: Der große Promo-Move für „Love is Dead“ war schon beachtlich und lies aufhorchen. Zunächst löschten Lauren Mayberry, Iain Cook und Martin Doherty alle Inhalte ihrer sozialen Kanäle wie Facebook und Instagram und veröffentlichten dann ein Video zur ersten Singleauskopplung „Get Out“. Dieses kündigte nicht nur das jetzige Album „Love is Dead“ an, sondern deutete sowohl das Albumcover, als auch den Feature-Gast Matt Berninger an. Mysteriös visualisiert wurde das Video mit einem Blick auf mehrere Ausschnitte im Stile von Überwachungsaufnahmen von versteckten Kameras. Ein erstes Ausrufezeichen nach dem Release ihres zweiten Albums „Every Open Eye“ von 2015.
Der erste Song des Albums „Graffiti“ war ebenfalls ein Bestandteil aus dem Teaser-Video. Denn auch dort wird ein Graffiti gesprüht: Das durchgestrichene Herz des Albumcovers. Musikalisch stimmt der Track gebührend die Poplastigkeit der insgesamt 13 Songs an. Popige Sounds in der Symbiose mit der Stimme Mayberrys. Im Anschluss folgt gleich als zweiter Track „Get Out“, der das erste Video stellte und auch den neuen Ton der Band als Vorbote des Albums bereits im Februar präsentierte. Durchaus mit Ohrwurmcharakter ist die erste Singleauskopplung eine der stärksten Stücke auf dem Album. Etwas ruhiger kommt „Deliverance“ daher. Bei „My Enemy“ handelt es sich um den einzigen Song mit Feature-Gast. Hierbei wurde kein Geringerer als Matt Berninger, dem The National-Sänger, ins Boot geholt. Dieser Song hat neben dieser Tatsache des musikalischen Gastes auch eine weitere Besonderheit: Durch ihn wird ein kleiner Indie-Abstecher realisiert, der aber leider der Einzige bleibt. Schade, dass nicht mehr in diese musikalische Richtung gegangen wurde und CHVRCHES sich nicht tiefer in solcherlei Gefilde wagten. Dass hier Potential besteht, merkt man allerdings und lässt hoffen. Neben „Get Out“, „My Enemy“ sind auch „Never Say Die“ und „Miracle“ als Single vor der Albumveröffentlichung erschienen. So birg die erste Hälfte von „Love is Dead“ wenig Unbekanntes.
„Graves“ ist eine tanzbare Nummer, die jedoch eine appellierende Kritik an Machtpositionen beinhaltet: „Do you really believe that you are one of a kind? / If you don’t have a heart I can offer you mine / Do you really expect that you will always be fine? / When you’re high on your throne“. „Heaven/Hell“ und „God‘s Plan“ scheinen beide unter einer Unterschrift angesiedelte Titel zu sein. Ersterer nimmt den glatten Charakter der meisten Tracks des Albums ebenfalls auf. Eine Abweichung bringt God’s Plan, für den Mayberry ihren Platz hinter dem Mikrophon kurz abgibt. Klar wird an dieser Stelle, dass aus der popigen Albummasse, wie erwähnt der Featur-Song mit Berninger hervorsticht. Daneben sind nur noch „God’s Plan“ und anschließend „ii“, zu nennen. Das Schlusslicht dieser Aufzählung ist „ii“, weil der Track ganz ohne Gesang auskommt und ein Klavierspiel elektronische Töne dominiert.
Fehlende Kanten und fehlende Songs, die hängen bleiben
Am Ende muss man sich fragen, ob CHVRCHES im Ikarus-Style zu hoch in den Pop-Himmel fliegen und sich ebenso die Flügel an der Sonne verbrennen. Ganz so schlimm ist es wohl nicht und die Liebe zu CHVRCHES ist auch mit diesem Album nicht tot, denn die zu sehr überwürzten Popsongs finden sich nur vereinzelt. Somit lässt das Album zumindest darauf hoffen, dass das Trio sich bei der nächsten Platte wieder etwas weiter von der zu sehr gewollten Massentauglichkeit wieder ein wenig entfernen wird. Denn im Ganzen fehlen auf „Love is Dead“ die Kanten, an denen man hängen bleibt und auch die Songs selbiges leider allzu selten schaffen. Die Mainstream-Tendenz liegt sicherlich auch an Produzent Greg Kurstin, der schon für SIA die Regler drehte.
Die Band reflektiert die Zusammenarbeit mit ihm als sehr positiv: „Mit Greg zu arbeiten war ganz anders als alles, was wir bisher gemacht haben. Aber es war auch unglaublich angenehm. Es fühlte sich an, als sei er schon seit Ewigkeiten Teil unserer Band.“ Eine Ahnung von der nun realisierten Veränderung entwickelte sich jedoch bereits auf dem Vorgängeralbum „Every Open Eye“. Obwohl „Love is Dead“ die viel zu frühe Hoffnung auf die weitere Entwicklung der Band weckt und das so frisch nach der aktuellen Veröffentlichung, darf man den Songs auf keinen Fall ihre Livetauglichkeit absprechen. Denn die besteht auf jeden Fall, nicht zuletzt wegen der unverwechselbaren Stimme von Lauren Mayberry. Der Blick in die Zukunft sollte an diesem Punkt also lieber in die frühe Zukunft gelegt werden und diese verheißt den Beginn der Festivalsaison. CHVRCHES werden beispielsweise auf dem Southside spielen.
Herzschmerz, Pastellfarben und Zuckerwatte: Hatchie’s Debüt-EP bietet alles, was einen guten Teenage-Dream ausmacht und verpackt es in allerfeinsten Dreampop.
Gibt es ein Paralleluniversum, in dem Lebensmittel mit uns Sprechen können? In dem eine Avocado noch vor dem Öffnen etwas über ihren Reifegrad erzählen könnte oder in dem ein Kuchen im Ofen Bescheid gibt, ob er wirklich schon gar ist? Was hätte Zuckerwatte wohl zu sagen? Zumindest auf diese Frage, gibt es endlich eine denkbare Antwort.
Und die kommt in Form von Hatchie daher – mit ihrer EP „Sugar & Spice“ erzählt sie zwar nicht von Dialogen zwischen Mensch und Zuckerwatte, aber gibt doch sehr lebendige Eindrücke, wie die rosa-weißen Fäden mit Erdbeergeschmack klingen könnten. Soft abgemischter Gesang, unaufdringliche Melodien und der perfekt abgestimmte Einsatz von Synthies umhüllen den zarten Sound, der alle behutsam in dem Arm nimmt, die ihre Tagträumerein am liebsten direkt durch ausgelebte Teenage-Dreams ersetzen.
Die wochenlange Trauer und anschließende Grund-Melancholie des ersten Herzschmerzes, das sorgenlose Umherstreunern und dahinbaumelnde Nachmittage mit Freunden und zu vielen Süßigkeiten am See – all das packt Hatchie in fünf Dreampop-Songs, die irgendwo zwischen den 80er und 90er Jahren ansiedeln und von denen sie die meisten bereits als Single veröffentlicht hat. Die unbeschwerte Gitarre von erinnert wie in „Sleep“ an die naive Romantik von Sixpenche None The Richers „Kiss me“, die Synthie-Beats setzt Hatchie dagegen klar und bestimmt ein – vermutlich um den Ohrwurm von „Sleep“ oder „Sugar & Spice“ noch prägnanter einzubrennen.
Die Sängerin hat ein Händchen dafür, die Mitte von bonbonfarbender Nachmittagsuntermalung und tröstenden Tönen, wie im ermutigendem „Bad guy“ zu treffen und ist wohl ein weiteres Indiz dafür, dass australische Musiker noch etwas Anderes als lebensbedrohliche Giftquallen in ihrem Trinkwasser haben müssen. Vielleicht ja Zuckerwatte.
So entreißend der leichte Hall und die hellen Synthie-Töne auch sind, wie fast jede EP ist auch „Sugar & Spice“ zu kurz und weckt in erster Linie die Lust auf mehr von Hatchie. Material auf Albumlänge sei bereits in Arbeit – dann vielleicht mit einer „La boum“-inspirierten Ballade oder einer Prise Saxophon in Hatchies zuckergetränkten Traumwelt? Pop kann so schön sein.
Am 8. Juni erscheint das Debütalbum „Das Paradies“ von Tristan Brusch. Die Songs darauf erzählen nicht nur von einer positiven Welt, sondern auch von ihren Schattenseiten – und das ehrlich und unbeschönigt. Im Interview verrät er uns, dass die Themen in seinen Songs direkt aus seinem Leben gegriffen sind, was genau er an Fischen interessant findet und welche Kochkünste in ihm stecken.
Das Album verspricht einen Kirmesbesuch und eine gehörige Portion an akustischer Zuckerwatte. Es zeigt aber auch, dass man es eventuell selbst ist, vor dem man sich in der Geisterbahn erschreckt. Das Karussell des Lebens dreht sich manchmal zu schnell und lässt sich erst recht nicht bremsen, wenn man es sich am meisten wünscht. Tristan Brusch fällt auf und das nicht nur durch seine blonden, lockigen Haare. Vornehmlich auch in musikalischer Hinsicht: Zum einen deutschsprachig mit klugen Texten und zum anderen durch genauso intelligenten Pop und Kompositionen, die in der Form überraschen und einen angenehmen Wiedererkennungswert kreieren. Eine musikalische als auch textliche Bildgewalt, die man in der Plumpheit des Mainstream-Deutsch-Pop-Poeten-Zirkus meist vermisst.
Deine EP hieß „Fisch“ und auch in der Singleauskopplung „Tier“ als Vorgeschmack auf dein Debütalbum „Das Paradies“ gehört zumindest im Video diesem Wasserbewohner die visuelle Bühne. Im entsprechenden Song wird das am Ende besungene „Tier“ gar nicht beim Namen benannt und doch als „Lieblingstier“ bezeichnet. Hast du eine Begeisterung für Fische oder bleibt lediglich das große Bild des Hilflosen, das mit dem Tier einhergehen kann?
Zweiteres. Ich habe sogar noch mehr Lieder über Fische, die ich vielleicht auch irgendwann mal veröffentliche. Immer spielt Hilflosigkeit eine Rolle, neben einem Gefühl von Deplatziertheit. Fische sind außerdem interessant, weil sie im Meer langsam durch Plastikmüll ersetzt werden. Ein überwältigendes und Angst einflößendes Bild. Das Lieblingstier im Lied „Tier“ ist aber natürlich ein anderes.
Maeckes und dessen Quartett-Kombo die Orsons waren so etwas wie dein Sprungbrett in ein breiteres Publikum. Aus der Zusammenarbeit mit Maeckes zu dessen Solo-Album „Tilt“ (2016) entstand die Connection zu Äh, Dings, der nun auch „Das Paradies“ produzierte. Was verdanken die Jungs dir?
Naja, ich habe die Musik für Maeckes letztes Album „Tilt“ komponiert. Maeckes und Äh, Dings haben einen rein intuitiven Zugang zur Musik. Da konnte ich durch gnadenloses Fachwissen punkten. Außerdem habe ich ihnen gezeigt, wie man tolle Penis-Bilder zeichnet und habe auch viel für die Jungs gekocht. Zum Beispiel die Scampi des armen Mannes: Knoblauch mit der Schale im Ofen gegart.
Chanson-Pop, Synthie-Pop, 80er-Referenzen oder Kirmes-Pop. Das alles sind Kategorien, in die man deine Musik einzuordnen versucht. In welchem Genre fühlst du dich am meisten zu Hause?
Da fragst du was. Das ist bei mir phasenweise bedingt und auf keinen Fall identitätsstiftend. Aufgewachsen bin ich vor allem mit klassischer Musik und wenn ich die höre, fühle ich mich sofort sicher und zu Hause.
Betrachtet man die Cover der bisherigen Singleauskopplungen (Loch, Hier Kommt Euer Bester Freund, Tier, Zuckerwatte inklusive das Albumcover von „Das Paradies“), bist du darauf überall selbst zu sehen. Das Gesicht ist bearbeitet, diverse Maskeraden und Verkleidungen. Bist du ein Verwandlungskünstler und spricht das auch für deinen musikalischen Fassettenreichtum?
Ein Verkleidungskünstler bin ich nicht, aber in mir wohnen auf jeden Fall viele Tristans: Ein Schüchterner, ein Verliebter, ein Vorlauter, ein Ernster, ein Zorniger, ein Trauernder, ein Hässlicher – um nur wenige zu nennen. Auf meinem Album feiern sie alle miteinander eine Party.
Auf den ersten Blick verbindet man dich mit Spaß und Verrücktheit. Trotzdem bestehen deine Songs nicht nur aus Fun und Humor, sondern sind klug und beschäftigen sich trotzdem oder gerade deshalb auch mit Themen wie Depression oder Feminismus. Wie wichtig ist es für dich, die vermeintliche Grenze zwischen Ernsthaftigkeit und Humor durch dein musikalisches Schaffen künstlerisch aufzubrechen?
Wieso können Fun und Humor nicht klug sein? Vielleicht ist Humor viel klüger als Depression, zumindest weiser. Ich besinge halt Themen, die mir in meinem Leben begegnen und die mich berühren. Da ist nichts Ausgedachtes in meinen Texten, die eben alle meine Lebensbereiche behandeln. Andere Künstler fokussieren sich vielleicht mehr auf bestimmte Themen und arbeiten sich daran ab. Das ist meiner Meinung nach nicht besser oder schlechter als meine Art zu texten. Allerdings bin ich durch mein Spektrum nicht so schnell greifbar. Man braucht ein wenig Zeit um zu kapieren, worum es mir geht oder was für ein Typ ich bin. Vielleicht sogar ein wenig Mut, aber wenn du dich traust, verschütt’ ich mich dir.
In deiner aktuellsten Singleauskopplung „Zuckerwatte“ singst du: „Und ich sage dir / Ich bin diese eine, verbotene Tür / Es duftet nach Zuckerwatte, Rauch, verschüttetem Bier“. Worauf könntest du in einer Party- oder Freizeitsituation am einfachsten verzichten: Zuckerwatte, Zigaretten oder Bier?
Das ist leicht: Auf gar nichts will ich verzichten.
Mit deiner EP warst du auf diversen Bühnen live unterwegs, spieltest aber auch viele Supportshows für beispielsweise Mine & Fatoni. Jetzt mit „das Paradies“ steht erneut eine eigene Tour an, aber auch einige Festivaltermine. Worin besteht bei dir der Reiz von Festivalgigs und worauf freust du dich am meisten, wenn du selbst auf Tour bist?
Wo soll ich beginnen? Auf Tour zu sein ist auf so viele Arten so wunderbar: Wenn du siehst, wie ein junger Mensch stumm alle Texte mitsingt, wenn dir die Leute hinterher erzählen, was ihnen die Lieder bedeuten, jeden Tag unterwegs zu sein, wenn sich auf der Bühne der Schalter im Kopf umlegt und du dich ganz in der Musik verlierst, tonnenschwere Verstärker schleppen, ewige Warterei auf und nach dem Soundcheck, Tankstellenessen und nicht zuletzt der Lagerkoller, der sich ungefähr 20 Minuten nach Tourbeginn mit der Crew einschleicht. Fühlt sich an wie Klassenfahrt mit Konzerten.
Wie definierst du für dich das Paradies und wie ironisch sind die biblischen Anspielungen durch den Titel und auf deinem Albumcover die Schlange und der Apfel gemeint?
Das Paradies kann sein: Ein Versprechen und eine Hoffnung, ein Ort nach dem Tod, ein Ort hier auf der Welt, ein Zustand oder auch einfach der Name für einen Puff oder ein Fahrgeschäft auf der Kirmes. Die Symbolik auf dem Cover ist nicht wirklich ironisch. Die Bilder kommen zwar aus der Bibel, kann man aber auch jenseits von Religion verstehen. Die Bibel ist ein so krasses Buch, da steckt so viel drin wie wir geprägt sind, ob jetzt gläubig oder nicht. Kann man mal lesen!
Tristan Brusch live:
15.06.2018-18.06.2018 – Mannheim, Maifeld Derby
08.08.2018 – Mainz, Schon Schön
09.08.2018-11.08.2018 – Haldern, Haldern Pop Festival
18.10.2018 – Köln, Veedel Club
19.10.2018 – Hannover, Lux
20.10.2018 – Bremen, Lagerhaus
22.10.2018 – Dortmund, FZW Club
23.10.2018 – Frankfurt, das Bett
24.10.2018 – Nürnberg, Club Stereo
25.10.2018 – München, Zehner
26.10.2018 – Stuttgart, Kellerklub
27.10.2018 – Heidelberg, Halle 02
29.10.2018 – Hamburg, Nochtwache
30.10.2018 – Berlin, Musik & Frieden
31.10.2018 – Leipzig, Naumanns
Nach Tourauftritten bei Ahzumjot veröffentlicht Blvth seine neue Single „Pusher“: Upbeat Popmusik, DIY-Ästhetik und eine farbenfrohe Stilveränderung.
Melancholisch düster, monumental und bewusst expressiv emotional, so fallen die Produktionen des Berliner Produzenten, Sängers und Songwriters Blvth durch Songs wie das im Februar erschienene „Cut to the Feeling“ oder das im letzten Jahr veröffentlichte „I Don’t Love You“. Mit zumeist effektreich verzerrter Stimme wird vom Murmeln bis zum Schreien ein vokales Spektrum des Ausdrucks von negativer Emotion erforscht, visualisiert mit Bildern einsamer Nächte in der Weite der Großstadt. Das Individuum des Universal-Arbeitenden Blvth in der Entfremdung der eigenen Klangästhetik quasi. Was nach Lonesome Rider Mentalität klingt, sieht in den Instagram Liebesbekundungen für die Ahzumjot „Raum“ Tour wiederum nach positivem Mindset aus und wenn im Skit des neu erschienenen Songs „Pusher“ auch schnell mal „the whole world“ angesprochen wird, zeigt sich vielleicht einfach eine weitere Seite im Schaffen des Produzenten, der unter anderem am letzten Casper Album „Lang Lebe der Tod“ gearbeitet hat.
„Pusher“ nimmt Abstand von der Dramatik früherer Songs und besticht vor allem mit der Eingängigkeit der Blvthschen Lyrics, die ebenfalls klarer und unbearbeiteter belassen, die Originalität dieses Entwurfs von Popmusik mit klaren Hip-Hop Beats ausmacht. Was bereits in der Zusammenarbeit mit Search Yiu für „Puma“ zu bemerken war, setzt sich in Blvths neuer Single fort: Schlankere musikalische Rahmen und ein Sänger unbedrängt im Zentrum seines eigenen Schaffens. Die Popelemente stehen der Musik des Berliners gut zu Gesicht, „Pusher“ ist locker, kurzweilig, ohne sich dabei vom bisherigen Stil mit Kehrtwende zu verabschieden. Die 90er Jahre Rollschuh Performance im Video passt da stimmungstechnisch gut ins Bild. Mehr neue Musik von Blvth soll in Form einer EP im Juli erscheinen.
Auf Konzerten von Mac DeMarco ist Fun Fun Fun garantiert. Für seine kommende Tour durch Europa wird pro verkauftes Ticket ein Dollar an die Organisation PLUS1 gespendet.
Im Herbst kommt Mac DeMarco für einige Konzerte nach Europa. Beginnen tut er die Tour in der Arbat Hall in Moskau. Über die baltischen Länder geht es dann nach einem Abstecher in Finnland und Polen nach Slowakei. Nach dem Gig in Bratislava spielt der Slacker-Dude dann auch insgesamt drei Termine in Deutschland. Die glücklichen Städte die den Musiker empfangen dürfen, sind Leipzig, München und Frankfurt.
Dass Mac DeMarco sein Herz am rechten Fleck hat, beweist er mit seiner neuesten Aktion. Bei jedem verkauften Ticket wandert jeweils ein Dollar an die Hilfsorganisation PLUS1, die das Geld dann in die Bereiche der Healthcare, Chancengleichheit und in anderweitige soziale Zwecke steckt. Ins Leben gerufen wurde das Projekt Marika Anthony Shaw, die lange Mitglied bei Arcade Fire gewesen ist.
Das letzte Studioalbum „This Old Dog“ liegt schon wieder ein Jahr zurück. Die Platte wurde von der Presse als eine seiner stärksten bezeichnet und so meinten die geschätzten Kollegen von der Intro beispielsweise: „mit diesen Songs darf der Sommer gerne kommen.“ Wir meinen, dass der Herbst mit seinen Konzertterminen gerne kommen kann. Der VVK startet am 29. Mai 2018 um 11.00 Uhr.
Tourdaten:
12.10. – Russland, Moskau – Arbat Hall
14.10. – Russland, St Petersburg – Kosmonavt
15.10. – Finnland, Helsinki – The Circus
17.10. – Lettland, Riga – Palladium Riga
18.10. – Litauen, Vilnius – The Hall Compensa
19.10. – Polen, Warsaw – Progresja
21.10. – Slowakei, Bratislava – Atelier Babylon
22.10. – Deutschland, Leipzig – Werk 2
23.10. – Deutschland, Frankfurt am Main – Gibson
24.10. – Deutschland, Munich – Neue Theaterfabrik
26.10. – Belgien, Antwerp – De Roma
28.10. – Irlan, Dublin – TBA
29.10. – Nordirland, Belfast – Limelight 1
30.10. – UK, Manchester – Victoria Warehouse
31.10. – UK, Southampton – O2 Guildhall Southampton
01.11. – 03.11. – Frankreich, Paris – Pitchfork Music Festival
Der südafrikanische Künstler und Schauspieler Nakhane legte im Rahmen des Queer Festivals Heidelberg einen Abend hin über den man noch lange reden wird.
Eigentlich pendelt der junge Südafrikaner gerade zwischen den Filmfestspielen von Cannes, den Gay Clubs Londons und den Bühnen der Welt. Umso bewundernswerter also, dass Nakhane im Rahmen des Queer Festivals den Weg nach Heidelberg gefunden hat – Nakhane Touré ist eben kein normaler Newcomer. Als Homosexueller wuchs der Musiker und Schauspieler in einer streng religiösen Gemeinschaft auf und konnte diesem eingrenzenden Kreis erst durch eine Flucht entkommen. Eine Flucht nach vorne, die sich auch in der Musik widerspiegelt und selbst den Support Act sprachlos werden lässt. Denn eins ist sicher: die Kombination aus seiner verletzlichen Stimme, der schauspielerisch wertvollen aber ehrlichen Perfomance und dem musikalischen Können bildete eines der absoluten Highlights der Jubiläums-Edition des Queer Festival Heidelberg.
Für die lediglich drei Termine in Deutschland begleitet nämlich niemand geringeres als Tobias Siebert den südafrikanischen Musiker. Mit seinem Projekt And The Golden Choir kombiniert er fast vergessene Instrumente mit organisch wirkenden Beats und gutem Wein. Diesen hob der Brandenburger in der trauten Runde nämlich immer wieder hervor und auch sonst passte ein edler Tropfen sinnbildlich in die Szenerie. Als Zuschauer hatte man das Gefühl, dass Siebert einen zu sich nach Hause ins Wohnzimmer eingeladen hätte und einfach nur ein bisschen Musik machen möchte. Der Ein-Mann-Chor wird alleinig durch einen im Hintergrund laufenden Schallplattenspieler ergänzt – der Rest ist Kunst. Mit starken Vocals, auf den Punkt genau gesetzten Effekten und Instrumenten wie einem Harmonium oder mehreren Glocken bot der Musiker eine Mischung aus okultem Chor und trendigem Szene-Club.
Mit jedem Song spürte man die Hingabe von And The Golden Choir zu seinem Nebenprojekt. Der Frontmann der Band Klez.e fühlte sich sichtlich wohl im Heidelberger Karlstorbahnhof und kündigte nach einer guten, halben Stunde schon fast ehrwürdig den Main-Act des Abends an. Platz machen wollte er für den „grandiosen“ und „wunderschönen Menschen“ Nakhane. Dieser wurde begleitet von einer Musikerin an Tablet, Keyboard und Gitarre und einem Drummer. Sofort spürte man die unglaubliche Präsenz, des tatsächlich wunderschön drahtigen Musikers, der SM-Brustriemen unter seinem schwarzen Anzug trug. In diesem Look spielte er Songs aus seinem aktuellen Studio-Album „You Will Not Die“, das durch seine Energie schnell mehr als nur eine queeres Statement geworden ist. Das Meisterwerk aus Neo-Soul, Funk und Chorgesängen ist für Nakhane eine Art Selbstheilung von dem Erlebten. Mit Songs wie „Presbyteria“ oder eben „Teen Prayer“ lässt er uns an seinem erlebten Leid teilhaben. Selten hat man den Saal des Karlstorbahnhofs stiller und aufmerksamer erlebt als bei der virtuosen Stimmeinlage des Londoner 25-Jährigen.
Doch der Weg von Nakhane ist auch immer eine Flucht nach vorne. Eine Flucht, die mit Reibung zu tun hat. Eine Flucht, die sich in dem ersehnten Ausleben seiner Sexualität bemerkbar macht. Auch er möchte zwischen den anrüchigen Tanzeinlagen auf Grindr gefunden werden. „I’m Not Getting Laid“ flüstert er schon fast betroffen ins Mikrofon und beschwert sich humorvoll darüber, dass das deutsche Publikum zwar gut auf Songs wie „Clairvoyant“ tanzen könne, jedoch manchmal so unfassbar prüde sei. Es bleibt zu hoffen, dass ihm diese Prüderie auf dem Weg zum Weltstar nicht in die Quere kommen wird. Zu schade wäre es Songs wie „Interloper“ nur hinter den Türen der Gay Clubs und der Szene-Bars dieser Welt versteckt zu halten. Nakhane hat am gestrigen Abend bewiesen, dass er nicht nur ein extrem sympathischer Dude ist, sondern auch extrem viel zu erzählen hat.
Designagenturen wie Selam X sind heutzutage längst mehr als nur Plakatgestalter – sie bestimmen Trends und Strömungen.
Durch Plattformen wie Instagram oder tumblr hat die Visualität in unserem Alltag eine Rolle wie lange nicht mehr. Es bedarf keiner Magazine, Zeitschriften oder Litfaßsäulen mehr, um Design unter die Menschen zu bringen. Doch längst sind Designer mehr als nur Kunstschaffende, die Aufträge entgegennehmen und diese abarbeiten. Kollektive wie Sucuk und Bratwurst oder Selam X bestimmen längst Trends, die weit über den Tellerrand der visuellen Kunst hinausgehen. Durch Kampagnen werden Trends gesetzt und neue Strömungen beeinflusst.
Eine der einflussreichsten Kreativschmieden ist Selam X, die ihre Hauptsitze in Berlin und Hamburg hat. Das Team selbst bezeichnet sich als freie Kooperation und zählt neben Grafikdesignern auch Fotografen, Videografen und CGI-Künstler zum engen Kreis. Als eines ihrer prominentesten Arbeiten in letzter Zeit zählt sicherlich die visuelle Konzeption des Albums „1220“ von Yung Hurn. Neben dem Wiener hat das Kollektiv aber auch schon mit Puma, Tush Magazine, Stefan Kartchev, Kampnagel, Lil Uzi oder dem Kölnischen Kunstverein zusammengearbeitet.
Die Schnelligkeit und die immer wiederkehrende Erneuerung sind die Trümpfe mit denen Selam X ihre Aufträge bearbeiten. Dadurch ist in den letzten Jahren eine Bandbreite an Arbeiten entstanden, die sich nur schwer in einen Begriff packen lässt und doch ist ein gewisses Muster zu erkennen. Wie ihre Freunde von Sucuk und Bratwurst könnten auch Selam X stilistisch der Cloud Rap-Szene zugeordnet werden. Das Spiel mit Symbolen aus der Welt des Konsums wird immer wieder aufgegriffen und so findet man cleane, leicht veränderte Logos von Marken wieder, die durch das Verändern jedoch in einen neuen Kontext verordnet werden.
Selam X spielen aber auch bewusst mit Bildern, die in unseren Köpfen herumgeistern und legen den Fokus damit auch immer wieder auf die Spiegelung der Popkultur. Nehmen wir das Beispiel der Gestaltung von „1220“, dem Debütalbum Yung Hurns. Der Wiener ist oberkörperfrei dargestellt wie er auf einer überdimensionalen SD Karte sitzt. Ein Medium, das in Zeiten von digitaler Datenübertragung immer mehr in den Hintergrund gerät. Das Design der Karte ist an den kalifornischen Hersteller SanDisk angelehnt, welcher einer der Marktführer in diesem Business ist. Eine ähnliche Strategie verfolgen Selam X auch bei ihrem eigenen Online-Shop, der ironischerweise „The Internet Shop“ heißt. Neben Schneekugeln mit Edward Snowden als Motiv findet man außerdem noch Shirts mit Segway fahrenden Polo-Spielern und HDL statt DHL-Shirts wieder.
Ob es Konsumkunst oder Konsumhuldigung ist, lässt sich in den Werken des Kollektivs nie so wirklich ablesen, spielt aber auch nur eine unwesentliche Rolle. Erinnerungen werden in neue Situationen versetzt. Neben diesem Spiel mit Emotionen versteht es Selam X auch, neue Möglichkeiten in ihre Arbeiten mit einfließen zu lassen. Ein großes Thema ist hierbei das sogenannte CGI (Computer Generated Imagery), mit dem das Medium des Plakates eine dreidimensionale, bewegte Ebene bekommt. Als bewusstes Stilmittel werden die geschaffenen Medien immer wieder mit realen Bildern konfrontiert und schaffen so eine absurde Surrealität. So kann es schon einmal sein, dass ein Emoji auf eine melancholische Landschaft trifft und im Kosmos in Flammen aufgeht.
Der Kreativität sind durch die heutigen Ressourcen und dem Ideenreichtum von Selam X keine Grenzen mehr gesetzt. Dies nehmen auch vermehrt bildende Künstler, Kunsthochschulen und die Veranstalter vom Fuchsbau Festival war und so kommt es, dass die Mitglieder von Selam X ihr Wissen in Zwischenzeit in Workshops weitergeben dürfen. Einer der leitenden Köpfe von Selam X ist Sebastian Zimmerhackl. Der in Berlin lebende Kommunikationsdesigner kümmert sich um die Konzeption und die Strategie-Findung der jeweiligen Aufträge. Uns hat er ein paar kryptische Bilder auf eine Reihe von Fragen geschickt.
Lass uns doch mit einer easy Frage starten. Wie kam es zu dem Kollektiv Selam X und für was steht die Unbekannte X?
Was zeichnet euch als Selam X aus?
Ihr seid ein Team, das aus den verschiedensten Charakteren besteht. Wie ist da eure Arbeitsweise und Arbeitsaufteilung?
In der öffentlichen Wahrnehmung steht ihr zusammen mit Sucuk und Bratwurst für einen ganz bestimmten Style. Spürt ihr diese Veränderungen und fühlt ihr euch als Teil einer Bewegung?
Wie erklärt ihr euch den momentanen Hype um das Rendern und CGI in der Designszene?
Ihr habt das Design zu „1220“ von Yung Hurn gemacht. Wie geht ihr vor, wenn ihr so ein umfassendes Projekt angeht?
Was steckt hinter dem Bild der SD Karte?
Inwieweit ist ein Künstler wie Yung Hurn an einem solchen Design beteiligt?
Musik gilt oft als geeignete Schnittstelle zwischen Popkultur und Kunst/Design. Für welchen Musiker würde Selam X gerne mal ein Projekt gestalten?
Mit THE INTERNET SHOP bietet ihr ein breiteres Spektrum an. Wie kam es dazu?
Ihr spielt dort mit aktuellen Instagram-Trends und gebt Symbole der Popkultur verändert wieder. Kann man es auch als Form der Kritik dem Markenwahn gegenüber verstehen?
Mit Projekten wie beispielsweise „Wild Awake“ geht ihr auch den Weg in die Galerien. Ist das etwas, das euch reizt und auch in Zukunft vorstellbar ist?
Könnte man sagen, dass euer Instagram-Account auch als eine Art digitale Galerie fungiert?
Und einen Klassiker zum Abschluss: Was bringt die Zukunft für Selam X?
Auf der zweiten Seite zeigen wir noch ein paar Arbeiten, die Selam X realisiert hat.