Mehr als ein Musikwettbewerb – Eine Liebeserklärung an den Eurovision Songcontest

Der ESC ist das wahrscheinlich letzte große TV-Event abseits von Sportveranstaltungen. Der Musikwettbewerb wird in Deutschland oft belächelt aber warum eigentlich?

Am Samstag ist es wieder so weit. Die 66. Ausgabe des Eurovision Songcontests findet statt. Es treffen sich Flötenspieler:innen, kostümierte Menschen und ulkige Tänzer:innen in einer festgelegten Stadt und performen um Punkte. Doch warum ist das TV-Event in Deutschland derart verschrien? Liegt es vielleicht an dem Satz „Germany 0 points?“, der in den vergangenen Jahren fast schon eine Art Trauma ausgelöst hat? Oder liegt es an den vielen fragwürdigen Auftritten, die vor allem zwischen 2000 und 2015 stattgefunden haben? Eine Zeit in der es beim ESC Trend war um jeden Preis aufzufallen.

Dies alles mag man kritisch sehen oder gar ins Lächerliche ziehen. Und doch kann man nicht leugnen, dass der Grand Prix Eurovision de la Chanson das wohl letzte große Fireplace-TV-Event unserer Zeit abseits des Sports ist. Denn an dem besagten Tag trifft sich nicht nur ein Großteil der deutschen Gesellschaft vor dem linearen TV, sondern ganz Europa. Gleich 183 Millionen Menschen haben sich den Musikwettbewerb im vergangenen Jahr angeschaut. Das Schöne ist auch, dass sich an dem Tag Menschen zusammenfinden, die eigentlich wenig Gemeinsamkeiten verbinden. Egal ob alt oder jung, jede:r trifft sich, um sich gemeinsam einen Musikwettbewerb anzuschauen.

Ja, einen Musikwettbewerb. Ist es nicht ein schöner Gedanke, dass Musik Leute derart zusammenbringt? Der ESC hat sich in den vergangenen Jahren auch größter Beliebtheit in der queeren Community erfreut. Die Veranstaltung bemüht sich möglichst inklusiv aufzutreten und auch die Auftritte sollen ausstrahlen, dass egal wie du denkst, fühlst oder aus welchem Land du kommst, du willkommen bist. (Ein europäischer Gedanke, der auf politischer und gesellschaftlicher Ebene in den letzten Jahren arg ins Bröckeln gekommen ist).

Doch nicht nur das Setup macht aus dem ESC einen Ort der Harmonie. Auch musikalisch konnte man in den vergangenen Jahren einen Wandel feststellen. Ich muss zugeben, dass die Show vor allem in den 00er-Jahren von weirden Auftritten geprägt war. Man denke nur zurück an den rappenden Truthahn, den Irland 2008 ins Rennen geschickt hat oder die legendäre Performance von Verka Serduchka, der sich 2007 unsterblich gemacht hat. Ähnlich unsterblich haben sich auch die Kiss-Lover von Lordi aus Finnland mit ihrem Gewinnersong „Hard Rock Hallelujah“ gemacht.

Wer sich aber im Schnelldurchgang die Wettbewerber:innen aus den Jahren 2021 und aus 2022 wird feststellen, dass diese Extrembeispiele fehlen. Es geht wieder mehr um die Musik. Dadurch entwickelt sich die Show wieder zu ihren Ursprüngen zurück. Gezeigt werden, sollen die musikalisch beste und gesanglich starke Auftritte aus den jeweiligen Ländern. Das beste Beispiel dafür hat Italien im vergangenen Jahr gezeigt. Mit Maneskin wurde eine Band hingeschickt, die sich auf heimischen Bühnen bereits einen Namen gemacht hatte und wo man sagen konnte: „Dafür möchte Italien in dem Jahr musikalisch stehen“. Der Ausgang ist bekannt: Die Band hat stark performt, sich den Preis geschnappt und sind jetzt Weltstars, die in LA mit Miley Cyrus und Co. abhängen. Auch Indie-Acts verirren sich immer wieder auf die große Bühne, wie Island im letzten Jahr mit Daði Freyr gezeigt hat.

Der ESC ist auch immer eine Projektion davon, was gerade in den jeweiligen Ländern in der breiten Masse Trend ist. (In diesem Zuge möchte ich eine kleine Klammer zu Deutschland aufmachen: Der ESC als Projektion hat in den vergangenen Jahren gezeigt, dass Deutschlands Musikindustrie in der Breite auf inhaltlosen, weichgespülten Pop ohne Ecken und Kanten setzt – so leider auch in diesem Jahr). Betrachtet man nicht nur die 4-5 Minuten, die Künstler:innen ihren Song aufführen, sondern die ganze Entourage und die Kommunikation des Landes, kann man ein guten Eindruck von der Stimmung im Land bekommen. Der Eurovision Songcontest fühlt sich wie Reisen auf der heimischen Couch an. Einen Abend lang die Sorgen beiseite legen, von einem inklusiven, offenen Europa träumen und mit Oma, seinen Freund:innen mit Snacks und Drinks Tipps abgeben, wer denn dieses Jahr das Rennen macht, bei diesem Grand Prix. ESC 12 points!

Falls ihr nun doch ein wenig Lust bekommen habt, gibt es hier alle Teilnehmer:innen der Halbfinals im Schnelldurchlauf:

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