„Oxytocin“ von Salò ist eine beharrliche Suche nach Zärtlichkeit

„Gib mir nur ein kleines Stückchen Zärtlichkeit, damit ich auf dem Teppich bleib heut Nacht“, fleht Salò in seiner neuen Single „Oxytocin“. Zärtlichkeit, das ist etwas, was bei vielen zu kurz kommt in Tagen der Isolation und des Vorsichtsgebots bei Berührungen. Kein Wunder, warum wir mit dem Songtext aus „Oxytocin“ so mitfühlen.

Was einen Musiker, oder eine Musikerin ausmacht, sei nicht so sehr das Genre, sondern vielmehr die Textwelt, in der er oder sie sich bewegt, meint Salò in unserem Interview vor einigen Tagen. Wie seine eigene Textwelt klingt, hat er bereits mit „Tränen zu Wein“gezeigt: rau, ehrlich, erbarmungslos. Das alles finden wir auch in „Oxytocin“ wieder, mit einer Extraportion an Eros und Thanatos. Der Mensch wird als Tier besungen, als sensibles Wesen, das in seinem Lebenstrieb nach Liebe durstet. Oder genauer: nach Oxytocin, dem sogenannten Kuschelhormon, das sowohl bei der Geburt als auch zwischen Geschlechtspartnern und bei der sozialen Interaktion eine große Rolle einnimmt.

Während der Suche nach dem Neurotransmitter bleibt der Musiker unnachgiebig: An Wänden kratzt er seine Finger blutig und beim Zähneputzen seinen Mund – dazwischen lautes Keuchen wie aus Kraftwerks „Tour de France“. Ungewöhnliche Synth-Sounds und hämmernde Beats untermalen dabei seine kehlige Rede und weisen den Weg hin zu Salò’s Elektropunk-Einflüssen wie DAF.

Dass der Song im Lockdown entstanden ist, liegt nicht nur bei der Themenwahl so gut wie auf der Hand, sondern ist auch im Musikvideo spürbar. Dieses soll „die Flucht ins digitale Biedermeier“ veranschaulichen. Eine Flucht, die sich in Pandemiezeiten vor allem in neuen Apps wie Clubhouse und in übermäßig vielen Instagram-Live-Streams zeigt. Das alles bleibt uns im Musikvideo zum Glück erspart. Stattdessen wurde der Video-Künstler Marlon Nicolaisen beauftragt, uns etwas von seinem Talent zu zeigen. Gemeinsam mit dem 3D animierten Salò tauchen wir in die Tiefen eines alten Windows Systems. Auf überdimensionalen Cursorpfeilen, vorbei an einem Meer an verpixelten Ordnern, Herzen und Regenbogen, auf der der Suche nach dem Stoff, den wir alle dringend brauchen: Oxytocin.

Das Video zu „Oxytocin“ gibt es hier: