Sunflower Bean // Cover

Sunflower Bean überzeugen nicht nur in musikalischer Hinsicht mit ihrem zweiten Album „Twentytwo In Blue“. Auch inhaltlich zeigt sich das Trio aus New York bemerkenswert klug, aufmerksam und zu großen Teilen auch politisch.

Selten ist der Titel des Albums derart bedeutungsschwanger, wie es bei der aktuellen Platte „Twentytwo In Blue“ bei Sunflower Bean der Fall ist. Das ist nicht nur interessant, sondern spricht für die Detailverliebtheit dieser Band. Doch wo überall findet sich diese Zahl? Betrachtet man zunächst die musikalische Vita des Trios, wird deutlich, dass das Debütalbum „Human Ceremony“ vor etwa zwei Jahren und zwei Monaten erschien. Ein verrücktes Zahlenspiel, das jedoch nachvollziehbar ist. Bei dem Veröffentlichungsdatum dieser Platte, dem 23. März, muss man wohl ein penibles Auge zudrücken und akzeptiert dann auch dies als Zusammenhang. Konkreter wird die Ziffernkombination aber bei der Band selbst: Julia Cumming, Jacob Faber und Nick Kivlen sind nun zum Zeitpunkt der Veröffentlichung jeweils 22 Jahre alt.

Tanzbarer 70er und 80er-Sound mit Message

Bei dem ersten Song „Burn It“ handelt es sich um eine tanzbare Nummer. Im Vordergrund steht, neben dem eingängigen Beat, die Stimme von Julia Cumming. Der zweite Track stellt auch schon die erste Singleauskopplung „I was a Fool“ dar. Im Video dazu spielen Sunflower Bean auf einem Abschlussball. Tanzbar kommt dieser ebenfalls daher, was sicherlich auch dem deutlichen 70er und 80er-Sound geschuldet ist, der zur Unterschrift der Band zählt. Mit „Twentytwo“ bekommt sowohl der Titel als auch der Zusammenhang mit dieser Zahl einen eigenen Song auf der Platte. Neben „I was a Fool“ als erste Singleauskopplung, erschien auch „Twentytwo“ bereits im Voraus. Er appelliert ans Stark-Sein der Frau und sich aber auch geschlechtsunabhängig gegen gesellschaftlich gefestigte Erwartungen zu stellen. “Busted and used/ That’s how you view your girl/ Now that she’s 22”, singt Julia Cumming. Damit thematisiert sie zum einen ihren Handlungsbedarf als Frau, aber auch den ihrer ganzen Band und repräsentativ folglich der Wunsch nach Widerstandsfähigkeit von jungen Menschen generell.

Brechen mit gesellschaftlichen Erwartungen

Wenn es um das Frau-Sein und damit verbundene Stark-Sein geht, darf in diesem Zuge der Betrachtung nicht vergessen werden, dass Julia Cumming als Frontfrau bereits ein Zeichen setzt, in einem doch eher von Männern dominierten Bereich in Hinblick auf populärere Bandkonstellationen. Daher ist das Thema auch wichtig und richtig in dem Zusammenhang, dass es einen positiven Trend gibt, was Bands mit weiblichen Mitgliedern oder ausschließlich weiblicher Besetzung anbelangt. An dieser Stelle sind Bands wie HAIM oder Hinds definitiv ebenfalls zu nennen. Im Video zu „Twentytwo“ streckt sich Cumming während der Autofahrt aus dem oberen Schiebefenster und setzt sich später sogar auf das Dach. Sinnbildlich steht dies sicherlich für die ersehnte Freiheit, die es zu verfolgen gilt.

„Crisis Fest“ reiht sich in die bisher genannten Songs ein, die vor dem Album veröffentlicht wurden. Ohrwurmtauglich und im Duett mit Nick Kivlen wird hier eine poppige Richtung angestrebt. Nicht nur akustisch weist die Band nostalgische Züge auf. Im Video zu „Crisis Fest“ sind mehrere Retro-Aspekte erkennbar. Außerdem verleiht ein dokumentarischer Stil Authentizität, die würdigt, warum Sunflower Bean als kollektive Stimme gesehen werden können. Sie sprechen Themen von allgemeinem Interesse an, besonders das junger Leute. Fast die Mitte der Platte erreicht man mit „Memoria“, einem hymnischen Song. Hier zeigt Cumming stimmlich Fassettenreichtum. „Puppet Strings“ ist wie „Crisis Fest“ einer der Tracks, die im Duett bestritten werden. Als die Dreamy-Nummern des Albums stechen „Only A Moment“ und „Any Way You Like“ hervor. „Human For“ zeigt, dass Sunflower Bean eben nicht nur verträumten Blues können, sondern auch eine Rockband sind. Der letzte Song „Oh No, Bye Bye“ stellt einen runden Abschluss dar mit allem, was die Band so ausmacht. Produziert wurde „Twentytwo In Blue“ von Jacob Portrait und Matt Molnar. Letzterer war bereits am Debüt von Sunflower Bean beteiligt.

Der politische Charakter ist zwar nicht Hauptbestandteil des Albums, aber er wird von Sunflower Bean zurecht stark gemacht. Nick Kivlen äußert sich diesbezüglich wie folgt: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendein Künstler unserer Art in der Lage ist, derzeit ein Album zu machen, welches nicht durch die Linse des politischen Klimas von 2016 und 2017 blickt. Einige Songs sind definitiv massiv durch das – als was auch immer man es beschreiben will, was die Trump-Administration bisher war – beeinflusst ist.” Am Ende gelingt Sunflower Bean das Säen von kräftigen Songs, die mit nostalgischem Sound aktuelle Themen einbeziehen aber auch gut in den bevorstehenden Frühling passen.

Beste Songs: I was a Fool, Memoria
VÖ: 23.03.2018 // Lucky Number Music