France With Benefits #6.1

Das Unbehagen in der Kultur: La pietà // © A.L.Cinematography.

Vier gewinnt: zweimal Electropunk, zweimal Noise aus dem Land, das – auch musikalisch – lieber rebelliert als reformiert.

Der letzte Beitrag dieser Kolumne liegt schon etwas zurück, deshalb gibt es diesen Monat gleich doppelt auf die Ohren. Vier französische Bands diese Woche, vier weitere in zwei Wochen. Shit’s hot, deshalb geht es jetzt ohne weitere Umschweife los mit La pietà, der Newcomerin mit der Maske.


La pietà (oder PieTà, die Großbuchstaben tauchen recht willkürlich auf) ist der Durchschnitt, die unsichtb are Masse hinter Wohnzimmergardinen und in Fetischkellern. Oder wie es in ihrem ersten Song heißt: „Je suis la moyenne, à peine.“ Drogen, nackte Haut, Kotze – im Video zu „La Moyenne“ wird all das dargestellt, was nicht anständig und angenehm, aber doch allzu alltäglich ist. Die wütenden, gesprochenen Texte und das Spiel mit religiösen Symbolen stellen sich provokant gegen die aseptische Wohlfühldiktatur von Werbebranche und Kapitalismus. Als wären die Schwarz-Weiß-Bilder nicht schon Schock genug, zerreißt eine Gitarre einem die Trommelfelle in feinster Electropunk Manier.

Das Projekt La pietà macht sich das Internet auf mehrere Arten zunutze. Da wäre zuallererst die Anonymität. Die Sängerin aus Montpellier trägt auf Konzerten und in Videos stets eine Katzenmaske. Wer dahinter steckt, soll egal sein, es geht nämlich um die Kunst, unabhängig davon, wer sie macht. Ob mehr Leute La pietà ausmachen als nur die anonyme Sängerin, kann man auch nicht mit Sicherheit sagen, zumindest auf der Bühne ist sie nicht allein.

"Man sagt von mir, ich sei verdorben, verbraucht, zerschmettert.": La pietà // © A.L.Cinematography.
„Man sagt von mir, ich sei verdorben, verbraucht, zerschmettert.“: La pietà // © A.L.Cinematography.

Das Nicht-Allein-Sein ist dann auch das zweite Anliegen des Projekts: Hinter den Kulissen soll eine Community aufgebaut werden, die im Moment noch schön altmodisch per Mail mit der Mater Dolorosa höchstselbst kommuniziert. Die Musik wird in „Kapiteln“ veröffentlicht: EPs mit drei Songs, deren Texte aus verschiedenen im Entstehen begriffenen Romanen stammen. Das fertige Produkt wird dementsprechend auch nicht ein Album, sondern eine Seite für ebenjene „Famille Della Pietà“ sein, auf der die Mitglieder auf die verschiedenen Kapitel zugreifen und ihre eigenen musikalischen, textlichen oder sonstwie gearteten Kunstwerke präsentieren können.

Das erste Kapitel, das eigentlich am 3. Mai erscheinen sollte, aber aufgrund mehrerer technischer Probleme mit Streamingdiensten mit Kapitel II Anfang Juni veröffentlicht wird, enthält neben „La Moyenne“ noch „Ça dans le sang“ und „A la folie“. Im Herbst soll ein weiteres Kapitel folgen, „der Rest“ dann im nächsten Jahr. Die unbequeme Schock’n’Fetisch-Ästhetik, die nicht selten an den dystopischen Electropunk der Crystal Castles erinnert, erregt in Frankreich schon Aufsehen und wurde jüngst als „Ohrfeige für unsere mittelmäßigen Existenzen“ beschrieben.

Die Videos von La pietà findet ihr auf ihrem Youtube Kanal. Falls ihr ein Teil der Familie werden wollt, schaut auf der Webseite vorbei. Einen Vorgeschmack auf Chapitre II gibt es auch schon, le voici:



Ebenfalls sehr punkig, aber deutlich besser gelaunt sind Cheveu. Cheveu sind ein Trio und wollen, wie so viele, ein Genre erfunden haben. Ihr „lofi symphonique“ schafft es tatsächlich, zwischen fünf Stühlen zu sitzen und sich dabei nicht die Haxen zu brechen. Für das bessere Sitzgefühl sind sie von Bordeaux nach, wie so viele, Paris gezogen und verbreiten von dort als Botschafter des „shitgazing“ – noch so ein halbgares Genre, das eigentlich keins ist – auf Französisch wie auf Englisch die fröhliche Kunde des bastardisierten Punk.

Punk ist hierbei nicht als das Genre Punk Rock zu verstehen. Cheveu wecken auf und gehen die Dinge anders an als die Obrigkeit, ihr Anliegen ist Chaos, Anarchie und gute Laune – ohne dabei in plumpe Strukturen zu verfallen und immergleiche Drei-Akkord-Songs zu produzieren. Ob das pseudo-arabeske „Madame pompidou“ oder die diabolischen Casio Orgeln und Meredith Monk Gesänge von „Monsieur perrier“, das motorisch tuckernde „Johnny Hurry Up“ oder das grandiose „Polonia“: So extravagant kleidet sich die Energie von Punk selten. Cheveu lassen sich von allem inspirieren, was sich irgendwie gut anhört und verarbeiten ihre Einflüsse zu aggressivem Art Punk Cybertrash.

Und das ist nur ihr aktuelles Album Bum. Geht man zurück in der Diskographie, findet man zuerst Mille von 2010 ein Album, das bei Discogs die unwahrscheinliche Ansammlung „Genre: Hip Hop, Rock, Classical – Stil: Garage Rock, Punk, Avantgarde, Parody“ bietet. Die Mischung aus rumpelndem Krach und billigen Keyboards erinnert mitunter an Bands wie An Albatross und Foetus. Der Trashfaktor ist noch höher als auf Bum, das gegen die meisten Songs hier wie große Kunst wirkt.

Noch weiter in der Vergangenheit liegt Cheveu, das clever betitelte erste Album. Der Erstling ruft eher Shellac, Bloodhound Gang und sogar die Sleaford Mods auf den Plan und ist das konventionellste Werk der alles andere als konventionellen Diskographie von Cheveu. Wem die hier angebotenen Hörbeispiele zu schräg sind, findet dort vielleicht Vergnügen. Oder beim experimentellen Improjazz von Jean Louis.


Auf der nächsten Seite: noisy Jazz von Jean Louis und noisy Rock von Fordamage


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