Kaltenkirchen // © Luis Vidal

“Zweisam ist besser als einsam”, mit folgenden Worten hat Kaltenkirchen sich in die Köpfer vieler Fans gebohrt. Kurz nach Weihnachten hat er das dazugehörige Album “Im Namen der Liebe ” veröffentlicht. Wir haben ihm zu dem Schaffensprozess Fragen gestellt.

NDW, Antischlager oder doch Punk? Auf den ersten Blick scheint Philip Maria Stoeckenius’ Musik extrem zugänglich und greifbar. Und dennoch fällt es den vielen selbsternannten Musikexperten schwer die Musik von Kaltenkirchen auf den Punkt zu bringen. Zu groß sind die Sprünge zwischen den Jahrzehnten, zu groß ist das Bücherregal, das der Musik in seiner Musik stets mit sich trägt. Ja, es fällt leicht die Musik des Stuttgarters in einem Atemzug mit Drangsal oder Mia Morgan zu nennen. Warum? Einfach, weil allesamt gutgemachte Popmusik machen, die sich deutlich von dem bekannten Schema distanziert.

Das Projekt Kaltenkirchen ist jedoch keineswegs ein weiterer Sprung auf auf den Hype-Train. Es ist auch das Ventil der Verarbeitung eines jungen Menschens, der mit alltäglichen Problem zu kämpfen hat. Jeder trägt ein Stück Kaltenkirchen in sich und daher schlagen manchmal auch mehr als nur zwei Seelen in unseren Brüsten.

Bevor wir mit dem Interview loslegen, muss ich dich zu dem Release deines Albums „Im Namen der Liebe“ beglückwünschen! Wie kam es dazu, dass du die Platte an einem doch untypischen Zeitpunkt veröffentlicht hast – so zwischen Weihnachten und Neujahr?

Danke mein Lieber! Naja, was da vor Weihnachten so alles rausgehauen wurde… Da können wir natürlich als Newcomer nicht mithalten. Ein anderer pragmatischer Grund: Steffen, mein Manager und Labelchef hat herausgefunden, dass die Online-Werbung in der Woche nach Weihnachten quasi am wenigsten kostet. So können wir am meisten rausholen.

Würdest du dich noch als Newcomer bezeichnen? Wenn ja, haben deine Freunde und Bekannte in Musikerkreisen nicht die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, als sie gehört haben, dass du als „neuer“ Künstler gleich ein Album veröffentlichen möchtest?

Ich hab schon immer mal wieder gehört, dass es jemanden verwundert, dass ich ein Album veröffentliche. Aber ich denke da irgendwie in Konzepten von „Werken“. Und ich denke, dass dieses Album ein abgeschlossenes Werk ist und man nun fortschreiten kann, um ein neues Werk zu schreiben. Newcomer hin oder her. Ich mach schon mein ganzes Leben Musik. Und bin mit meinen 27 Jahren älter als Billie Eilish und ihr Bruder, haha.

„Was glänzt, ist für den Augenblick geboren; Das Echte bleibt der Nachwelt unverloren.“, ist ein Zitat welches dir als Faust-Rezipienten sicherlich geläufig ist und in dem Fall doch recht gut passt. Ist das Album als Medium für dich auch noch immer ein romantisches Objekt, welches einen abgeschlossenen Zeitraum repräsentiert?

Ein Handwerker baut einen Stuhl, mit schönen Ornamenten weil er einen schönen Stuhl bauen will, um darauf zu sitzen, ihn anzusehen und stolz auf seine Arbeit sein zu wollen. Danach baut er einen Tisch, weil man ihm sagt: „Du kannst doch keinen Stuhl bauen ohne einen Tisch zu haben“. Die anderen betrachten sein Tischlerwerk und befinden es als gut. Sie wollen auch Stühle haben, um an dem Tisch zu sitzen. Nun braucht er noch mehr Stühle. Keiner der weiteren Stühle gelingen ihm so gut, wie der erste Stuhl, den er nur für sich gebaut hat. Die anderen sind unzufrieden und gehen weiter. Der Handwerker setzt sich auf seinen Stuhl, zuckt mit den Schultern und denkt über den Plan nach ein Haus zu bauen.

Neben Goethes Faust, beziehst du dich auch auf Hermanns Hesses Steppenwolf in „Harry Haller“. Welche Rolle spielt Literatur für dich?

Beim Lesen muss man nunmal imaginieren. Man hat kein vorgeschriebenes Bild vor Augen. Somit hört man auch die Dialoge nur vor seinem inneren Ohr. Und oft legt man dann das Buch beiseite, um über das Geschriebene nachzudenken und dann ist man schon in einer musischen Stimmung und beginnt zu dichten. Also Literatur spielt vielleicht sogar eine federführende Rolle.

Dein Album trägt den Namen „Im Namen der Liebe“, dabei sind die Themen, die du behandelst keineswegs nur positiv – sind das diese zwei Seelen, die in deiner Brust schlagen? Gibt es eine große Divergenz zwischen dem Musiker Kaltenkirchen und dem Menschen Philip?

Ja voll! Ich bin eigentlich ein sehr positiver Charakter. Ich hasse es schlecht drauf zu sein. Und das konnte ich jahrelang nicht gut genug kontrollieren und bin häufiger in depressive Phasen abgerutscht. Durch die Musik und durch Kaltenkirchen kann ich diese kühle, nachdenklichere und traurigere Seite, über den künstlerischen Ausdruck, von mir weg schieben und damit auch noch nachhaltiges.

Inwiefern hat dein Studium deine Herangehensweise an Musik verändert?

Ich studiere Musikwissenschaft und durch die theoretische Auseinandersetzung mit Musik und der Musikgeschichte lernt man eben sehr viel. What should I say. Ich hab davor schon Musik gemacht, also immer schon, aber Kaltenkirchen gibt’s jetzt halt seit 2 Jahren und seit 5 Jahren studiere ich…

Lass und über die Neue Deutsche Welle reden! Deine Songs werden immer wieder mit dem Genre in Verbindung gebracht. Die 80er und 90er waren auch Zeiten des Umbruchs. Siehst du Parallelen zu unser heutigen Zeit?

Sicher, man kann überall Parallelen ziehen. Ich finde die Stimmung im allgemeinen ist sehr angespannt. Das war sie im Großteil der 80er auch. Damals musste der deutschsprachige Raum zudem stark mit einer Nachkriegsgesellschaft und einem konservativen und nationalistischen Weltbild im Stillen verhandeln. Da setzt sich die Kunstszene dann meistens in der eigenen Muttersprache damit auseinander. Außerdem hat Amerika zu dem Zeitpunkt so viel Scheiße gebaut, wie auch dieser Tage und da haben einfach so viele keinen Bock auf Produkte aus USA. So erkläre ich mir die viele deutschsprachige Musik.

Wie bei der NDW ist es auffällig, dass es in deinem Schaffen oft die in Anführungszeichen „heitersten“ Songs sind, die die düstersten Themen beschreiben. Es geht oft um das Ausbrechen und das Entkommen und um Liebe.  Gehst du damit konform und magst du vielleicht auch ein paar passende Beispiele schildern?

Das Phänomen ist häufiger zu beobachten, ja. Aber es ist natürlich nicht die Regel. Dennoch. Unter dem Mantel der Ironie kann man eben gut arbeiten. Man nimmt immer gleich ein distanzierteres Verhältnis dazu ein. Ich benutze Ironie in meiner Musik jedoch nicht. Bei mir ist die Heiterkeit, wie Du sie beschreibst, vielleicht in den Instrumentalen und die Texte sind eben ab und zu „düster“, wobei ich eher persönlich dazu sagen würde.

Gibt es auch Songs auf „Im Namen der Liebe“, die du gar nicht der NDW zuordnen würdest? Wenn ja welche und wie würdest du sie stattdessen beschreiben?

Ich würde keinen meiner Songs der NDW zuordnen. Ursprünglich wollte ich sehr punkig sein. Das wird natürlich so nicht aufgefasst. Aber KUMMER hat sich auch hauptsächlich von Lana Del Rey inspirieren lassen. Ich hab eben Punk und deutsche LiedermacherInnen gehört. Und das NDW-Ding wird mir halt so übergestriffen, um es zu beschreiben. Ich liebe die Erzeugnisse der deutschen Anti-Establishment Musikkultur Ende der 70er und Anfang der 80er, die heute als NDW gehen, aber ich hab mich nicht hauptsächlich daran orientiert.

Hattest du je Angst, dass man durch YouTube-Algorithmen und dem Songtitel „Wir sind das Volk“ in falschen Playlisten landet?

Wie geil wäre es!

Ein Wort zum aktuellen Weltbild?

Alle wollen Veränderung aber niemand will sich verändern müssen.

Mit dir taucht auch der Begriff des „Antischlagers“ immer mehr auf. Magst du uns eine typische Definition des Begriffes geben?

Puh.. Ich finde der Begriff passt eigentlich zu allem, was deutschsprachiger Pop ist und sich inhaltlich nicht schlager-esque ausdrückt. Also „ernste“ Texte aber sehr eingängige Melodien und Themen.

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Mia Morgan und Drangsal?

Ihr habt damals meinen Song „Harry Haller“ prämiert. Daraufhin hat sich Mia bei mir gemeldet, um mir zum Release zu gratulieren. Und dann hab ich sie einfach gefragt. Und Max dann auch einfach! Und beide hatten Bock.

Hier geht es zur Premiere

Du bist nun auch Teil der neuen Supergroup „möse onkelz“. Magst du oder kannst du hierzu schon ein paar Worte verlieren?

Nö!

Und um mit einer Journalisten-Bullshit-Bingo-Frage abzuschließen. Angenommen deine Fans kennen deine Songs nur von Spotify & Co. Was erwartet sie live?

Ein Feuerwerk der Gefühle und jede Menge Bussis.

Das Video zu “Du & Und Ich (1990)” gibt es hier:

Fotos: Luis Vidal