Der Timothée Chalamet der Musikindustrie- Eine Liebeserklärung an Harry Styles

Das hätte sich damals wohl keiner erträumen können, dass der Sunny Boy aus dem Norden Englands mal Hallen füllt, in denen bisher nur die ganz Großen gespielt haben. Jetzt ist er selbst einer von ihnen. Castingstar-Erfolg, Boyband-Mitglied und erster Mann auf dem Cover der Vogue. Ladies and Gentlemen: Harry Styles.

2010 stand ein schüchterner sechzehnjähriger Junge auf der Casting-Bühne bei X-Factor und singt sich mit „Isn’t She Lovely“ in das Herz von 1000 Teenager-Mädchen vor den Bildschirmen. Simon Cowells Herz hatte er zumindest angetaut. Diese Performance sicherte ihm einen Platz in der nächsten Runde und letztendlich auch in der Gruppe, die das Boyband-Revival der 90er aufleben lässt: One Direction. Man liebt sie, man hasst sie, man bekommt „What Makes You Beautiful“ wochenlang nicht aus dem Kopf.

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Viel Unverständnis kam von Musik-Kenner:innen, denn One Direction ist eben auch nur eine Band voller mittelmäßig guten Sängern, aber überdurchschnittlich gutaussehenden Typen. Bei ihrem Anblick kreischen sich Teenager-Mädchen für fünf Jahre die Stimmen heiser. Vier Platinalben, Welttourneen und ein Kinofilm später verließ Zayn Malik die Band. 2015 folgte noch ein weiteres Album („Made in the AM“) und dann wurde es erst mal still um die Gruppe und ihre Mitglieder.

Von der Raupe zum Schmetterling- Die Geburt des Solo-Künstlers

Es dauert zwei Jahre, dann erscheint ein neuer, erwachsener Harry Styles auf der Bildfläche. Man muss sich wohl eingestehen, dass er das Boyband-Image eindeutig abgelehnt hat. Ob er wohl endlich die Musik macht, die er eigentlich schon immer machen wollte? Man weiß es nicht. Das Ende von One Direction, auch wenn er vielen Fans die Herzen bricht, ist vielleicht das Beste, was der populären Musikwelt in den letzten Jahren passiert ist. Wie wichtig Harry Styles für die Popkultur der 2010er und 2020er sein wird, muss die Zeit zeigen. Großes Potenzial ist auf jeden Fall da.

Sein self-titled Album ist der Startschuss für die Marke Harry Styles. Mittlerweile ist der Sänger nicht nur bekannt für seine Musik, sondern eben auch für seinen Modegeschmack. Ob nun mit grüner Federboa bei den Grammys 2021, in extravaganten Gucci-Anzügen oder im Kleid auf dem Cover der Vogue. Obwohl er definitiv nicht der Erste ist, der die Binarität in der Mode aufbricht (man denke hier nur an David Bowie, Freddie Mercury oder jüngst Billy Porter bei den Oscars 2019) scheint er damit aktuell wohl am meisten im Gespräch zu sein.

Geschlechterrollen brechen- Ein Zeitgeist und hoffentlich eine langfristige Entwicklung

So löste eben jenes Vogue-Cover eine Debatte auf Youtube und TikTok aus und schnell forderte die konservative Bubble „Bring Back Manly Men“. Andererseits steht er, neben anderen Künstler:innen wie Timothée Chalamet oder Rapper Lil Nas X, für eine Reihe an jungen Männern, die die Regeln für Mode und Gender aufbrechen und neu definieren. Damit steht er für den aktuellen Zeitgeist und ein hoffentlich langfristiges Umdenken von Geschlechternormen. In einem Interview mit Teen-Vogue sagt der Musiker: „We no longer need to be ‘this‘ or ‘that´. In fashion and other fields, these parameters are no longer as strict as before, and it gives rise to great freedom. It’s stimulating.“

Das inspiriert auch seine Fans. Er bringt sie dazu, Geschlechterrollen zu überdenken oder gibt ihnen das Gefühl, mit ihren Erfahrungen nicht allein zu sein. Abgesehen von dieser wichtigen Repräsentation von Non-Binarität sind natürlich auch seine Looks einfach sehr inspirierend. So machten Zuschauer:innen Harry Styles „Love on Tour“-Shows zu ihrer eigenen Met-Gala.

 

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Ästhetik zum Hören und Sehen- „Fine Line“ als neue Ära

Musik als Gesamtpaket-Das spiegelt sich mehr denn je in seinem zweiten Album „Fine Line“ wider. In einem Interview erzählte der Sänger: „[…]I think with music it’s so important to evolve—and that extends to clothes and videos and all that stuff. That’s why you look back at David Bowie with Ziggy Stardust or the Beatles and their different eras—that fearlessness is super inspiring.“ Das zeigt sich auch in den Musikvideos. Noch zu Anfang in „Kiwi“ etwas gedämpfter, vereinen spätere Musikvideos Sound und Ästhetik. Da wären ein Abstecher nach Italien in „Golden“ mit warmem Vintage-Filter, eine Hommage an die 1970er und weibliche Orgasmen in „Watermelon Sugar“ oder die schwarz-weiß-Inszenierung einer Late-Night-Show mit Phoebe Waller-Bridge in „Treat People With Kindness“.

Harry Styles ist ein Künstler, der vielleicht nicht viel Neues erfunden hat, aber dafür die Kunstfigur in der Musik so authentisch wiederbelebt hat, dass man ihn jetzt schon zu Recht mit den ganz Großen vergleicht. Was auch immer die Zukunft bringen mag, es wird sicher ganz groß, bunt und hoffentlich voller weiterer Hits und fantastischen Gucci-Anzügen.

Hört und schaut hier die Message des Künstlers in „Treat People With Kindness“: