Über Verantwortung und das Erwachsenwerden – DIIV im Interview

In einer Woche, am 4. Oktober, erscheint „Deceiver“, die langersehnte dritte Platte der Band DIIV. Seit dem Vorgänger „Is the Is Are“ aus dem Jahr 2016 ist Vieles geschehen. Sowohl auf persönlicher, als auch auf Band Ebene, hat sich bei DIIV Einiges verändert. Wir trafen uns mit Frontmann Zachary Cole Smith und Bassist Colin Caulfield in Berlin und sprachen über die neue Platte, Rehabilitierung und Gartenarbeit.

DIIV ist eine Band, dessen Weg von verschiedenen Hindernissen geprägt war. Nachdem sie in 2012 ihr exzellentes Debüt „Oshin“ veröffentlichten, wurden sie in Indie-Kreisen bis in den Himmel gelobt. Zurecht. Die Medien stürzten sich auf die Band und ihren exzentrischen und charismatischen Frontmann Zachary Cole Smith, welcher hier und da auch mal als der neue Kurt Cobain betitelt wurde. Irgendwann kam es dann zum Eklat, als Smith und seine damalige Freundin Sky Ferreira in New York von der Polizei mit Heroin und Ecstasy in der Tasche aufgegriffen wurden. Länger war schon bekannt, dass Smith Drogenprobleme hatte. Er begab sich daraufhin in Behandlung.

Das zweite Album, „Is the Is Are“ aus 2016, wurde als das Comeback-Album angekündigt, in dem es um Smith’s  (scheinbar) überwundene Suchtthematik geht. Doch einige Zeit darauf gab es erneut Verwirrungen. Konzerte und ganze Touren wurden abgesagt. Nach einem erneuten Tiefpunkt, schien sich Smith nun ganz seiner Rehabilitierung zu widmen.

Nun befinden wir uns in 2019. „Deceiver“ ist das dritte Album der Band. Ein Album, welches sich von den vorherigen abhebt, alleine vom Klangbild. Außerdem ist es das Album, was auf persönlicher Ebene sicherlich am Meisten von der Band, ihren Mitgliedern und speziell Zachary Cole Smith abverlangte; dadurch aber auch eben sehr ehrlich und authentisch geworden ist.

Beim erstmaligen Hören von „Deceiver“ dachte ich, dass es im Vergleich zu den vorherigen Alben einen ganz anderen Sound hat. Es klingt weniger jangly und poppig, dafür progressiver und erwachsener. Wie denkt ihr selbst über den Sound eures neuen Albums?

Zachary Cole Smith: Ja, das stimmt, in dieser Zeit hat sich viel verändert und wir sind erwachsener geworden. Letztendlich würde ich es einfach als Rock Album bezeichnen.

Colin Caulfield: So würde ich es auch sehen. In jedem Fall ist es deutlich erwachsener. Aber jetzt nicht so „Hemd in die Hose“ erwachsen. Vielmehr ist der emotionale Inhalt deutlich tiefer als zuvor.

Wie kam es zu dieser Veränderung?

ZCS: Selbst, wenn wir beim Sound bleiben, war das meiste eigentlich anfangs eine persönliche Entwicklung. Die Band war zuvor irgendwie ziellos. Nach und nach haben wir durch unsere persönliche Weiterentwicklung auch unsere Richtung innerhalb der Band gefunden. Auf der anderen Seite haben wir uns im Vorfeld viel damit beschäftigt, wie „Deceiver“ klingen sollte. All das steckt in dem Album. Es war, als müssten erst wir selbst erwachsen werden, bevor es unser Sound werden konnte. Das ging irgendwie Hand in Hand.

Zum ersten Mal habt ihr mit einem externen Produzenten zusammengearbeitet, nämlich Sonny Diperri. Er ist bekannt für seine Arbeit mit Bands wie Nine Inch Nails oder My Bloody Valentine. Inwiefern hatte er einen Einfluss auf das Album?

CC: Ganz am Anfang des Entstehungsprozesses haben wir ziemlich eingehend über Referenzen gesprochen und wie wir uns vorstellen, dass das Album klingen sollte. Als wir dann einige Referenzbands in petto hatten, haben wir uns mit Sonni getroffen. Dort sprachen wir die Namen dieser Bands dann laut aus und es stellte sich heraus, dass dies alles seine Lieblingsbands waren.

ZCS: True Widow zum Beispiel. Das war eine der Bands, die uns direkt sehr verbunden hat. Es ist eine etwas unbekanntere Band, die aber viel von dem vereinte, was wir machen wollten.

CC: Das bedeutete dann im Endeffekt, dass es bezogen auf den Sound während der Aufnahmen auch keine großen Überraschungen mehr gab. Also, dass er zum Beispiel mit einer einer neuen Idee reinkommt, wie dies oder jenes klingen könnte. Allerdings war er einfach wahnsinnig gut darin, uns so klingen zu lassen, wie wir es uns vorstellten. Wenn wir eine Idee für einen Gitarrenpart oder einen Drumsound hatten, der etwas ambitionierter war, hat er fünf Minuten gebraucht, um diesen zu realisieren.

Cole, du sprachst über deine Rehabilitierung und wie diese sowohl das letzte, als auch das neue Album beeinflusst hat. Wie würdest du dein damaliges und dein jetziges Mindset diesbezüglich beschreiben?

ZCS: Ich denke, der Weg heraus aus der Abhängigkeit ist in den meisten Fällen gekennzeichnet von Ups und Downs. Rückfällig zu werden mit eingeschlossen. Um ehrlich zu sein, bevor ich festgenommen wurde, hatte ich mich eigentlich nie damit auseinandergesetzt, etwas zu verändern. Das war eigentlich erstmalig der Punkt, wo ich mit diesem Gedanken in Kontakt kam. Aber so richtig verschrieben habe ich mich dem Ganzen dann auch nicht. Dementsprechend war „Is the Is Are“ in dieser Hinsicht eher oberflächlich.

Also warst du zu diesem Zeitpunkt noch nicht so committed?

ZCS: Nein, ich war überhaupt nicht committed. Erst danach, als alles seinen Lauf nahm und eigentlich nur noch schlimmer wurde, kam irgendwann der Punkt, wo ich dachte: „So geht es nicht weiter, es MUSS sich etwas ändern“. Danach verbrachte ich viel Zeit damit, an mir selbst zu arbeiten. Im Grunde ein ganzes Jahr, in dem ich mich mit meinen Problemen befasste und mit anderen Rehabilitand*innen zusammenlebte. Getrennt von der Band und meinem normalen Umfeld. Das war die Zeit, in der meine persönliche Entwicklung stattfand.

Bei dem neuen Album war es nicht so sehr der Fall, dass es für mich darum ging, bestimmte Dinge zu verarbeiten. Der Albumprozess an sich war also keine Eigentherapie oder so. Vielmehr war all das, was ich in den zwei Jahren zuvor gelernt hatte, therapeutischer Natur. Also verschiedene Herangehens- und Sichtweisen und all diese kleinen Lebenslektionen. Das galt es dann, auch auf das neue Album anzuwenden. Dinge wie: Verantwortung übernehmen // Den Eigenanteil prüfen // Gefühle wahrnehmen. Deswegen denke ich, war dieser Prozess viel tiefergehender. Ich meine, jetzt fühlt es sich authentisch und ehrlich an. So, wie kein Album zuvor.

Was war für dich das Wichtigste, was du während deines Prozesses gelernt hast?

ZCS: Da gibt es sicherlich einiges. Vermutlich sich damit auseinanderzusetzen, dass es Dinge im Leben gibt, die man verändern kann und Dinge, bei denen das nicht der Fall ist. Im Umkehrschluss also herauszufinden, welche Dinge man kontrollieren kann und auf diese dann Einfluss zu nehmen. Und die Dinge, auf die man keinerlei Einfluss hat: Akzeptieren.

Gibt es also einen Zusammenhang zwischen deiner Rehabilitierung und eurem neuen, „erwachseneren“ Sound?

ZCS: Ja, die Rehabilitierung spielt da auf jeden Fall eine Rolle. Aber ich denke, wir alle in der Band sind älter geworden und haben in irgendeiner Weise ähnliche Erfahrungen gemacht. Die Prioritäten und Interessen verändern sich. Dinge, die wir früher als Band gemacht haben, wie zum Beispiel Feiern gehen, erscheinen uns inzwischen trivial. Wir alle sind älter geworden und die Musik ist ganz natürlich mit uns gewachsen.

CC: Wir haben auf „Deceiver“ extrem eng zusammen gearbeitet, was wir vorher nicht getan haben. Zu einem Teil hat sicherlich Coles Prozess dabei eine Rolle gespielt. Aber auch wir als Band sind gewachsen. Es ging viel darum, unsere Egos in den Hintergrund rücken zu lassen. Sich und die eigenen Ideen der Band zur Verfügung zu stellen, ohne auf die eigenen Befindlichkeiten zu pochen. Das einzige Ziel war es, die Songs so gut werden zu lassen, wie es eben möglich ist. Das ist es eigentlich, was es für mich bedeutet, erwachsen miteinander umzugehen. Es wäre zu einfach zu sagen: „Oh, das ist alles nur, weil Cole jetzt clean ist.“ Diese Entwicklung betrifft uns alle vier.

ZCS: Ja, wir mussten alle lernen, effektiv miteinander zu kommunizieren. Sowohl angemessen Kritik zu geben, als auch zu empfangen. Und diese Dinge dann auch tatsächlich zu akzeptieren. Letztendlich hat dies auch die Qualität der Songs positiv beeinflusst.

Alkohol und Drogen sind in der Musikindustrie all gegenwärtig. Inwiefern hat die Musikindustrie diesbezüglich eine Verantwortung gegenüber den Künstler*innen?

CC: In den USA gibt es für Musiker*innen nicht wirklich eine Krankenversicherung. Das ist ein riesen Problem. Auf der einen Seite hat das ganz praktische Auswirkungen. Auf der anderen Seite kennzeichnet das aber auch das generelle Verhältnis zwischen Musikindustrie und Künstler*innen. Was das angeht wird einem nicht gerade die Hand gereicht.

ZCS: Ja, ich glaube Musiker*innen fühlen sich häufig als Wegwerfartikel, der einmal durch die Maschinerie gejagt und danach liegen gelassen werden kann. Meiner Auffassung nach müsste es eigentlich anders herum sein.

CC: Bezogen auf Alkohol und Drogen glaube ich, dass viele Leute wilde Fantasien davon haben, wie es ist, in einer Band zu sein. Es ist nicht wirklich anders, als im normalen Leben. Vor nicht allzu langer Zeit war ich zum Beispiel zu einem kleinen Barbecue in LA eingeladen. Sogar dort hat jemand auf dem Klo Kokain genommen.

ZCS: Sogar, wenn man einfach nur die Straße entlang läuft, ist es ein Thema. Erst gestern lief so ein Typ neben uns her mit den Worten: „Cocaine, cocaine?“. Und Alkohol ist ja wirklich allgegenwärtig. Ich finde also nicht, dass die Industrie da eine Verantwortung hat. Da geht es eher um eine sehr große persönliche Verantwortung. Für mich selbst ist es eine Sache, die ich lernen muss, zu akzeptieren. Ich kann nicht sagen: „Ich werde nicht trinken, also darf niemand von euch trinken“. Mit der Zeit gewöhnt man sich aber daran. Mittlerweile genieße ich es sogar, der einzig Nüchterne in einer Gruppe von betrunkenen Menschen zu sein. Das kann sehr belustigend sein.

Colin, du bist nicht nur Bassist bei DIIV, sondern auch noch passionierter Gärtner. Auf Instagram hast du deine eigene kleine Gartenshow mit dem Namen „Gardening With Colin“. Zuerst einmal die Frage, die allen unter den Nägeln brennt: Wann kommt eine neue Staffel?

CC: (Lacht) Erst einmal vielen Dank für diese Frage. Ich liebe Gärtnern! Eigentlich brachten Cole und seine Verlobte Danny mich dazu, mich eingehender mit dem Thema zu beschäftigen. Sie haben einen Vorgarten, der meinem sehr ähnlich ist. Meiner aber stand voll mit irgendwelchem Krempel. Dann dachte ich: „Okay, da muss ich jetzt ran!“. Bezüglich der zweiten Staffel; wir waren jetzt einfach monatelang damit beschäftigt, das Album zu machen. Ich hoffe, ich kann noch im Herbst mit der Produktion beginnen.

Seit ein paar Tagen haben meine Balkonblumen Läuse. Hast du irgendwelche Empfehlungen, wie ich damit umgehen kann?

CC: Oh, shit! Zuerst musst du sehr behutsam die Eier abkratzen, die sie legen, weil damit sind am Ende die ganzen Pflanzen voll. Das musste ich mit meinem, ich glaube es war Grünkohl, auch machen. Dann kannst du andere Gewächse einpflanzen, die entsprechende Räuber anziehen, die dann die kleinen Eier fressen. Ich glaube Jasmin ist da zum Beispiel eine Möglichkeit. Dann gibt es noch einige andere natürliche Pestizide, wie Niemöl.

Dann werde ich davon mal etwas probieren. Ich danke euch für das Interview!

Hier könnt ihr euch das Video zur aktuellen Single „Blankenship“ ansehen:

Foto 1: Coley Brown
Foto 2: Dani Nelson