Exzentrisch und berauschend, mit der Wucht eines Opernsängers

Benjamin Clementine betritt die Bühne, setzt sich an den Flügel – und dann passiert erst mal gar nichts. Probleme mit dem Ton, das Mikro funktioniert nicht. Der Sänger blickt genervt in Richtung Mischpult, geht nach ein paar Minuten von der Bühne und setzt sich zum Publikum in die erste Reihe, während die Tontechniker versuchen, das Mikro zum Laufen zu bringen. Nach einer halben Stunde ist das Problem gelöst und Clementine kann endlich spielen. Die anfänglichen Komplikationen sind aber schnell vergessen, denn sobald der charismatische Londoner seinen Mund öffnet, hört alles um ihn herum auf zu existieren.

Den Anfang macht „I Won’t Complain“, das mit seiner dringlichen, herzergreifenden Melodie sofort Gänsehaut erzeugt. Noch außergewöhnlicher als die musikalischen Strukturen, die Benjamin Clementine aus seinem Piano lockt, ist seine Stimme, mehr ein Arsenal an Instrumenten als ein Sprechorgan. Zwischen den Songs so ruhig, dass man Schwierigkeiten hat, die Ansagen zu verstehen, verwandelt sie sich während der Songs in ein Schweizer Taschenmesser: rau und emotional bei „I Won’t Complain“, theatralisch, jazzy, sogar flüsternd, wenn das Besungene es verlangt; dann wieder mit der Wucht eines Opernsängers bei „Quiver a Little“. Nina Simone, Antony Hegarty und Luciano Pavarotti sind Namen, die zwangsweise fallen, wenn über den Autodidakten aus Edmonton geschrieben wird.

Clementine hat zwar erst zwei EPs veröffentlicht – Cornerstone und vor ein paar Monaten Glorious You – dafür aber mehrere Jahre in Pariser Bars seine Performance verfeinert. Man muss auch nicht zwangsläufig den Begriff Konzert benutzen, seine Auftritte sind dafür eh viel zu umfassend. Sein Klavierspiel und sein Storytelling sind zwei unabhängige Instanzen, beide gleich beeindruckend. Mitten in „Adios“ bricht er ab und erzählt eine Geschichte über Engel, die ihm ein Lied singen. Live verzichtet er auf Verzierungen wie Percussion und Streicher, da er sie gar nicht nötig hat. Sein Tenor allein schafft es, den Saal zu füllen, der darüber hinaus so voll ist wie nur beim Konzert der Irrepressibles.

Benjamin Clementine ist ein Exzentriker und Expressionist, er lebt seine Musik und macht das unmissverständlich klar. An einem Punkt fordert er die Gäste auf, von ihrem Tag zu erzählen. Als ein Zuschauer sagt, dass er die Konzertkarten seiner Frau zum zehnten Hochzeitstag geschenkt hat, improvisiert Clementine kurzerhand ein Liebeslied. Dann sagt er irgendwann, dass er jetzt fertig sei und verschwindet, bevor die Jubelrufe ihn wieder zurück auf die Bühne holen und er noch eine Handvoll Lieder spielt, darunter „Adios“ und „London“. Die Art und Weise, wie er auftritt, gibt einem das Gefühl, man würde jemandem zuhören, der für seinen Freundeskreis ein intimes Privatkonzert gibt. Gleichzeitig ist er sehr eigen und enigmatisch, was die Faszination noch steigert. Der beste Vergleich, den man für diese Art Performance anstellen kann, ist der mit Chansonniers wie Jacques Brel und Edith Piaf. Oder, etwas zeitgenössischer, mit Paul van Haver alias Stromae, der für seine theatralischen Auftritte inzwischen „Meister der Performance“ genannt wird. Am Ende, während man berauscht versucht, das Gesehene zu verarbeiten, gibt es für den Künstler – denn  Benjamin Clementine ist mehr als nur einer, der Musik macht – verdiente standing ovations.

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Meinungen aus dem Publikum:

Christian: Ich fand den Typ total cool und die Musik irgendwie auch gut. Sehr ruhig, aber schön, entspannt.

Antje: Es war schön, aber es war kurz. / Anna: Aber manchmal ist es ja auch gut, wenn es kurz ist. Dadurch ist es manchmal noch schöner. Weil man soll ja gehen, wenn’s am Schönsten ist.

Andreas: Ich fand es gut. Es war sensationell und ich rechne eigentlich damit, dass er bald in wesentlich größeren Hallen spielt. Ich hatte ihn in Rotterdam eigentlich sehen wollen, und da ist er nicht aufgetaucht, weil er sich in Holland verirrt hatte. Insofern war das jetzt „special“, dass er hier war, wo ich auch bin.