11 Alben, auf die wir uns im September freuen

Fast wäre es ein Dutzend gewesen, Frank

Vorbei das Sommerloch, wir können wieder vorausblicken. Der September verspricht eine Handvoll hochkarätiger Neuerscheinungen, fast alle von altbekannten Favoriten (Blondage und Preoccupations sind lediglich neue Inkarnationen alter Bands). Unsere sehr subjektive Auswahl enthält von Indie Rock, Art Rock und Psych Pop bis hin zu eiskaltem Electro und hitzeflimmerndem Wüstenrock wieder Musik aus allen Himmelsrichtungen. Das Label Jagjaguwar gewinnt außerdem mit drei Releases knapp vor Rough Trade. Wir hoffen, ihr habt ein bisschen was angespart.


Angel Olsen: My Woman

Die Stimme des Jahrzehnts ist zurück. Nein, nicht Adele, sondern Angel Olsen. Zweieinhalb Jahre nach Burn Your Fire for No Witness veröffentlicht die ehemalige Backingsängerin von Bonnie „Prince“ Billy ihr drittes Album namens My Woman. Man muss kein Countryfan sein, um ihre Songs zu lieben, denn neben jener Spielart finden sich auf Album Nummer Drei wieder jede Menge Kompositionen, die unabhängig von Genrezugehörigkeit trotz und durch ihre Einfachheit bezaubern.

Die erste Single „Intern“ zeigte bereits, dass ihre Stimmbänder nichts an Kraft eingebüßt haben. Wem das genauso gefällt wie mir, dem werden die Gesangsmelodien auf „Never Be Mine“ und „Not Gonna Kill You“ das Herz schneller schlagen lassen. „Shut Up Kiss Me“, das als zweite Single veröffentlicht wurde und das ihr euch oben anhören könnt, geht dafür wieder in eine rauere Richtung. Parallelen zu Courtney Barnett kann man ziehen (vor allem bei „Sister“ und „Give It Up“), doch wo jene die kleinen Dramen des Lebens auf die leichte Schulter nimmt, behandelt Olsen Liebesthemen mit einer Ernsthaftigkeit, die nie in pathetischen Kitsch abrutscht.

My Woman erscheint am 2. September auf Jagjaguwar.


La Femme: Mystère

La Femme bleiben auf ihrem zweiten Album ihrem Stil treu, ohne ihr Debüt nur zu kopieren. Immer noch ein psychedelischer Soundtrack mit treibendem Krautbeat, aber dunkler und offener zugleich. Drei Jahre nach Psycho Tropical Berlin verteidigen die sechs Franzosen mit Mystère ihren Platz an der Spitze der französischen Popmusik.

Die Vorabsingles deuten auf Coldwave („Sphynx“) und Yé-yé („Où va le monde?“), aber auch türkischer Disco, Wüstenblues und akustische Songs sind zu hören. Ganz zu schweigen von „Vagues“, einem 17-minütigen Monster à la Pink Floyd, das das Album ausklingen lässt.

Mystère erscheint am 2. September auf Born Bad Records.


Blondage: Blondage EP

Neuer Name, neuer Stil (I): Esben und Pernille sind fortan nicht mehr Rangleklods, sondern Blondage. Unter diesem Namen ist ihre Musik viel poppiger als früher, die bedrohliche Stimmung hinter Hits wie „Lost U“ und „Tricks“ – adé! Stattdessen fahren sie mit 80er Synthpop und der der Zeile „You’re trouble but I don’t care“ die Drive-Gedächtnistrophe sicher nach Hause.

Gewagter Move, hat doch gerade die Mischung aus Theatralik, Elektronik und Dunkelkammer die beiden Rangleklods Alben so einzigartig gemacht. Das Herumexperimentieren mit der Produktion, die sich ergänzenden Stimmen der beiden Dänen und die Synthklarinette gibt es zum Glück immer noch. Stilistisch neben Bon Iver der größte Sprung in dieser Liste, wir sind gespannt wie ein Fetischknebel.

Die Blondage EP erscheint am 16. September auf Tambourhinoceros.


Keaton Henson: Kindly Now

Eines der ruhigeren Releases des kommenden Monats wird Keaton Hensons Kindly Now sein. Eines der am meisten fordernden sowieso, denn bei Henson heißt es aufpassen, sonst verpasst man was. Kindly Now ist nach Dear…Birthdays und Romantic Works bereits das vierte Album des Folk Poeten. Ende Juni konnte man sich bereits an der Pianoballade „Alright“ ergötzen.

Auf der zweiten Single „The Pugilist“ beschäftigt sich Henson auf gewohnt gefühlvolle Weise mit seiner Berufung als Musiker. „Don’t forget me!“, fleht er den Hörer an, von Streichern unterstützt. Der Song ist so voller Drama, dass selbst Carrie & Lowell dagegen blass würden. Fast schon zuviel für einen einzelnen Menschen. Wie soll das dann auf Albumlänge erst werden…?

Kindly Now erscheint am 16. September auf Play It Again Sam.


Noura Mint Seymali: Arbina

Wem Noura Mint Seymali kein Begriff ist, der hat was nachzuholen. Die Musikerin aus Mauritanien vermählt traditionell maghrebinische Instrumentation und Gesang mit dem, was gerade als „Wüstenblues“ gefeiert wird. Wie Tinariwen, Bombino und Kel Assouf klingt Mint Seymali für unser westliches Ohr exotisch – sie singt in einem arabischen Dialekt namens Hassania und lässt ihrer starken Stimme freien Lauf. Die Energie ihrer Musik ist jedoch universell, ihr internationales Debütalbum Tzenni sei hiermit jedem ans Herz gelegt.

Danach könnt ihr euch auch schon auf das nächste Album freuen. Arbina ist gleichzeitig spirituell – „Arbina“ ist ein anderer Name für Gott – und politisch, der Titeltrack handelt von female empowerment und dem, was der Mensch für sein Schicksal tun kann. Jenen Song könnt ihr euch bereits oben anhören, das Album ist dann in zwei Wochen auf dem World Music Label Glitterbeat erhältlich.

Arbina erscheint am 16. September auf Glitterbeat.


Preoccupations: Preoccupations

Neuer Name, neuer Stil (II): Auch die Kanadier, die bis vor einigen Monaten noch als Viet Cong auftraten, haben sich umbenannt. Zwar in weniger erfreulichem Kontext – die empörten Reaktionen der Öffentlichkeit auf ihren Bandnamen veranlasste Veranstalter, mehrere Konzerte abzusagen – doch geht der Namenswechsel auch hier mit einem stilistischen Neuanfang einher. Wie uns Scott Munro im Interview erzählte: „I really do like self-titled albums a lot, so it was kind of exciting to have another chance to have a self-titled album. To the point that we even thought about just changing our band name again for the next record. And then just keep releasing self-titled records under a different band name every time, which I would be fully into.“

Im September erscheint mit Preoccupations ein zweites Album, dem man seine Vergangenheit noch anhört, das auf der anderen Seite aber viel offener als das labyrinthische Viet Cong ist. Der krautig-noisige Art Rock wurde mit der Stimmung von frühem New Wave versetzt. Matt Flegel klingt immer noch wie Paul Banks, aber die Musik, die seine Stimme umgibt, lässt tatsächliche Vergleiche mit Interpol nicht mehr zu. Davon können Preoccupations nur profitieren.

Preoccupations erscheint am 16. September auf Jagjaguwar.


Slavic Soul Party!: Plays Duke Ellington’s Far East Suite

Ohje, eine Brass Band. Ich weiß, was ihr denkt, aber Slavic Soul Party! sollte man für ihr nächstes Album eine Chance geben. Zum Misch aus Balkanfolk, Gypsy Jazz und amerikanischem Soul kommen nämlich musikalische Einflüsse aus Südindien und dem Nahen Osten hinzu. Genau genommen ist es eine doppelte Adaption, denn die Far East Suite, die die neun Jazzmusiker aus Brooklyn neu arrangiert haben, stammt ursprünglich von Duke Ellington.

Zusammen mit Billy Strayhorn wurde die Suite 1967 veröffentlicht – natürlich ohne Akkordeon und die für die Slavic Soul Party! üblichen lockeren Rhythmen. Da wird gestampft und marschiert, während die Vogelmelodie darüber hinweg säuselt. Hier greift die Melting Pot Metapher, denn orientalische und slawische Skalen vermischen sich mit der Improvisation der Klarinette zu einem Weltmusikbrei, den man genießen kann, ohne die Zutaten auseinanderdröseln zu müssen.

Plays Duke Ellington’s Far East Suite erscheint am 16. September auf Ropeadope.


Trentemøller: Fixion

Anders Trentemøllers viertes Album kündigt sich stark an. Auf „River In Me“ singt niemand geringerer als Savages Frontfrau Jehnny Beth. Auch wenn nicht so ganz klar ist, was das mit dem blutig-sexualisierten Video soll – der Song ist klasse. Eiskalter, unwirtlicher Electropop in Weiß- und Blautönen, wie ihn nur die Skandinaven hinkriegen. Dreimal hat das schon geklappt: 2006 mit dem Debüt The Last Resort, das ihn zu einem der führenden dänischen Produzenten machte, 2010 mit Into the Great White Yonder (der Titel spricht Bände) und zuletzt 2013 mit Lost.

Fixion ist laut Billboard Trentemøllers „most minimal, elemental and brutalist output“, „River In Me“ ist noch einer der fröhlichsten Songs. Die Meinung zur zweiten Single „Redefine“ könnt ihr euch selbst bilden, den Song gibt es oben zu hören. Gleichzeitig soll das neue Album mehr wie ein Live-Bandprodukt klingen. Zwei Wochen noch, dann können wir uns selbst davon überzeugen, ob Trentemøller immer noch Dänemarks Techno-Hero ist.

Fixion erscheint am 16. September auf In My Room/Rough Trade.


Warpaint: Heads Up

Köpfe hoch! Nach einer Pause, in der sich die vier Musikerinnen ihren Soloprojekten zugewandt hatten, steht jetzt das nächste Warpaint Album an. Als Vorgeschmack gab es vor einem Monat bereits den „New Song“, am 23. folgt die dazugehörige LP. Viel kann man noch nicht spekulieren, doch der Songtitel „Dre“ weist darauf hin, dass Warpaint auch auf Heads Up wieder ihrer Liebe zu wippenden Hip-Hop Beats frönen werden.

Laut Bassistin Jenny Lee Lindberg ist das neue Album eine reifere Version von Warpaint – als ob die Band, die 2010 mit The Fool eines der besten Debüts und (imho) das Album des Jahres veröffentlicht hat, noch reifen müsste, um zu überzeugen! Wahrscheinlich belehren sie uns dennoch eines besseren.

Heads Up erscheint am 23. September auf Rough Trade.


Bon Iver: 22, A Million

Justin Vernon, das haben die letzten Jahre deutlich gezeigt, ist mehr als nur der rurale Folkie mit engelsgleicher Stimme, der sich selbst in den Schlaf singt. Für sieben Songs hat der Frontmann von Bon Iver mit Kanye West zusammengearbeitet, außerdem taucht er auf Alben von Colin Stetson und seinem heimlichen Zwilling James Blake auf. Den ersten beiden Songs auf Bon Ivers neuem Album 22, A Million nach zu urteilen, hat er sich bei Blake einige Produktionskniffe und bei West das Vorstoßen in unangenehme Regionen abgeschaut.

Während 22 (OVER S∞∞N)“ die dekonstruierte Musik vor allem als Basis für Vernons Gesang nutzt, geht 10 d E A T h b R E a s T ⚄ ⚄“ ein ganzes Stück weiter in Richtung kaputten Folktronicas. Besonders spannend ist „33 “God”“, das Vocals von – richtig geraten – Kanye und ein Sample eines Paolo Nutini Songs unter einen Hut bringt. Und wenn der Ex-Folkie mit seinem wohl experimentellsten Release seine „white butler“-Stammfans verärgert, wen schert’s?

22, A Million erscheint am 30. September auf Jagjaguwar.


Jenny Hval: Blood Bitch

Zu guter Letzt noch ein persönlicher Favorit. Jenny Hval hat mit ihrem fünften Album apocalypse, girl. auf einzigartige Weise undefinierbare Musik mit herausragenden, feministischen Texten verbunden und ihr folglich Vergleiche mit Björk beschert. Wie die isländische Königin der experimentellen Musik kann man die Norwegerin Hval kaum in eine Ecke drängen. Man kann nur sagen, dass ihre Kompositionen mal formlos, mal im Gewand von sphärischem Electropop daherkommen, dabei aber immer vom klaren Gesang geleitet werden – auch mal bis in höchste Höhen, wie auf „That Battle Is Over“.

Nach „Female Vampire“ gibt es seit Kurzem einen weiteren Song aus Blood Bitch zu hören, „Conceptual Romance“. Beide Singles beschwören eine ähnliche Stimmung herauf wie apocalypse, girl., wobei letztere etwas mehr wie eine Hval’sche Version von Beach House klingt. Diese unerhörten Gesangslinien! Das fast schon Sakrale in dieser Musik! Jenny Hval klingt so gar nicht wie aus dieser Zeit, dabei kann man gar nicht zwischen Avant-Garde und Altehrwürdigkeit unterscheiden. Weiter komme ich nicht in meinem Versuch, diese Musik in Worte zu fassen, daher nur dies: Markiert euch den 30. September mit Rotstift im Kalender…

Blood Bitch erscheint am 30. September auf Sacred Bones.

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