Die besten Releases im Herbst

Angel Olsen – Phases

Dass Angel Olsens Zusammenstellung von B-Sides, Covern, und Demos im Herbst veröffentlicht wird, erscheint nach dem Hören dieser Folk Balladen absolut schlüssig. Die Kälte des Winters scheint durch, Einsamkeit und Stille finden sich in nassen, vom Laub verklebten Straßen und Olsens Stimme haucht sich durch den Tag. Dem Format geschuldet, entsteht auf Phases natürlich keine absolute Kohärenz, es ist viel mehr ein Blick in den musikalischen Überbau, der die Alben „Burn Your Fire For No Witness“ und „MY WOMAN“ umgibt. In der Ruhe, in der die Folk Sängerin Songs wie Bruce Springsteens „Tougher Than the Rest“ uminterpretiert, wirken Olsens Themen wie Einsamkeit, die ständige Suche nach dem Unbestimmten weich und ergänzen damit die Stimmungen auf den Vorgängeralben in ihrer atmosphärischen Vielfalt. Über fünf Jahre umfasst „Phases“ und bildet eine kleine, starke Zusammenfassung einer der besten Folk Künstlerinnen der letzten Zeit.

Yung Lean – Stranger

Jonatan Leandoer Håstad ist 2017 nicht mehr der aus Schweden kommende Teenager, der Rap als Außenstehender umdeutet, reduziert und damit als Interpret einer Richtung im Hip Hop, die hauptsächlich von Leuten wie Chief Keef vorangetrieben wird, eine neue Form der Ästhetik zu geben scheint. 2017 ist Yung Lean Kunstfigur, Kurzfilm zum Album und Heroin Chic inklusive. Auf „Stranger“ wird, dem Albumtitel folgend, nach Entfremdung vom eigenen Selbst oder dem individuellen Umfeld geforscht und mitunter an der auf die Entfremdung folgenden Selbstauflösung gearbeitet. Thematisch stellt das in der Zerbrechlichkeit der Vortragsweise zwar eine neue Form der das Album überspannenden Konsequenz in der Verfolgung des Themas dar, macht aber nicht allein den Wert des Werks aus. Der findet sich vor allem in Leans Abkehr von gängigen Hip Hop Produktionen hin zu einem individuellen Klangkostüm, das „Stranger“ umgibt. Tracks wie „Red Bottom Sky“, „Hunting My Own Skin“ oder „Metallic Intuition“ sind in den Momenten am besten, in denen bekannte Rapfunktionen in den Hintergrund treten, um Platz zu machen für die musikalisch gespiegelte Stimmung der Sadboys im Jahr 2017.

Courtney Barnett & Kurt Vile – Lotta Sea Lice

Kurz nachdem „Lotta Sea Lice“ erschien, veröffentlichte Pitchfork im Rahmen ihrer Live Serie ein Outdoor Konzert, das Courtney Barnett und Kurt Vile auf einem Hügel, oberhalb der Küste Kaliforniens zeigt. Die Aufnahme verdeutlicht ganz wunderbar, wie perfekt die australische Indie Sängerin und das ehemalige War On Drugs Mitglied zusammen passen. Das warme Licht, die ruhige Küste, die langen frisurlosen Haare Viles und das Milk! Records Shirt Barnetts scheinen natürlich, unbedarft, cool und frei von jeglicher Anstrengung. „Lotta Sea Lice“ besteht aus neun Songs, in denen sich das Duo immer wieder auf das Thema der eigenen Kreativität besinnt, eingebetet in langsame Folkgitarren, die sich in schwelgenden Melodien über das Album ausbreiten. Eine kleine, sehr gehaltvolle Unterhaltung zwischen Musiknerds, frei von Duettklischees und fehlplazierter Flirtversuche. Barnett und Vile treffen sich zu einer Songwriterconvention, zu der bis zum schlussendlichen Ergebnis niemand sonst eingeladen ist. Hoffentlich wird diese ab jetzt öfters abgehalten.

Fever Ray – Plunge

Vielleicht fällt es zu Beginn schwer, sich auf den titelgebenden Sturz, den Kopfsprung, das Eintauchen Karin Dreijers einzulassen, zu ächzend und nonkonform erscheinen einzelne Textstreifen, die klirrenden 80er Synthies und die visuelle Umsetzung von Songs wie „Mustn’t Hurry“ oder der ersten Single „To The Moon And Back“. Das zweite Album Fever Rays fordert seine HörerInnen auf, Musik nicht nur morgens im Wirrwarr der Bahngeräusche, beim Einkaufen im Supermarkt oder sonstwo zu hören, sondern das Album in seiner Form als LP wahrzunehmen, sich Zeit zu nehmen, um Kunst zu erfahren. „Plunge“ überzeugt mit enormer atmosphärischer Weite, die zum einen durch den einheitlichen Klang der elf Songs hergestellt wird, aber auch durch das sich selbst analysierende, sich selbst verdrehende Schreiben Dreijers. Geschlechterauflösung, individuelle Lusterfahrungen, die zu lange unterdrückt wurden, alles gelebt zwischen Synth-Pop Hits und düsterer Alien-Optik. Fever Rays zweites Album ist keineswegs Provokation ohne zielgerichtetem Hintergedanken, es besteht aus schillernden Statements voller Offenheit, Zerbrechlichkeit und der überwundenen Angst, sich selbst zu offenbaren.

King Krule – The OOZ

Das 2013 erschienene „6 Feet Beneath the Moon“ machte den damals neunzehnjährigen Archy Marshall zum avantgardistischen Wunderkind Großbritanniens. Wer mal so easy easy ein solches Varietätenspektrum an Genreüberschneidungen mit einer beeindruckenden lyrischen Tiefe verknüpft, muss wohl für Großes bestimmt sein. Glücklicherweise spielt Marshall dieses Spiel der schnellen Heroisierung nicht mit, wartet knappe vier Jahre ab, um dann, verkopft und kantig wie eh und je, sein zweites Album zu veröffentlichen. „The OOZ“ vermischt schläfrig-schwummrige Jazz Ansätze mit Anleihen aus Punk, Blues und R&B und mutet beim Hören wie eine Reise durch surrealistisch undefinierte Träume an. Es gibt keinen konkreten Song mit Potential zur separierten Single Auskopplung, da so die erklärende Stellung des Albums als Gesamtzusammenhang wegfallen und der einzelne Song unverständlich gemacht werden würde. King Krule hält seine Kunst bewusst vom schnellen Verständnis der HörerInnen fern, baut damit weiter an seiner ganz eigenen Ikonografie und setzt der Faszination um seine Person kein Ende.

Wolf Alice – Visions of a Life

Das zweite Album der Londoner Mittzwanziger um Sängerin Ellie Rowsell schafft es im Oktober diesen Jahres auf Platz zwei der britischen Albumcharts. Ohne dabei über Thema und Qualität von „Visions of a Life“ zu urteilen, lässt ein solch kleiner Nebenfakt Indieheadherzen dann doch ein wenig freudig wärmer werden. Wolf Alice legen mit dem Nachfolger zum Debütwerk „My Love Is Cool“, das damals auf drei vorangegangene EPs folgte, eine kontinuierliche Abwechslung in Albumform vor, das man so schon nach der Veröffentlichung der ersten drei Singles „Beautifully Unconventional“, „Yuk Foo“ und „Don’t Delete The Kisses“ erahnen konnte. Shoegaze, Synth-Pop, Grunge und Folk liegen übereinander, unübersichtlich, wo ein Element anfängt und der andere Einfluss aufhört. Wolf Alice sind auf ihrem zweiten Album an einem Punkt angekommen, an dem sich die britische Musikpresse mit Lobhudelei zu übertreffen versucht, die eigenen Fans begeistert und fasziniert zugleich bleiben und die  Musik  originell und kreativ ausgelebt werden kann. Läuft ganz gut soweit.

Zugezogen Maskulin – Alle gegen Alle

An den Texten des Rap Duos Zugezogen Maskulin und daran, wie sie sowohl von Fans, als auch vom Musikjournalismus aufgefasst und besprochen werden, lässt sich so einiges am Zeitgeist vom mittlerweile allgegenwärtigen Phänomen Deutschrap ablesen. So erscheinen Grim 104 und Testo als Anti-Entwürfe zum Sneaker-, Marken- oder Muskeltrainingrap, weil der Feuilleton, wie der Fan, ein solches Gegenbild zu den genannten Inhalten zwanghaft sucht und dankend annimmt. Kritik an neoliberalistischen Gesellschaftsformen und ihren individuellen Auswüchsen, scheint durchaus auf offene Ohren zu stoßen, nur warum warten begeisterte HörerInnen und anerkennende JournalistInnen darauf, diese häppchenweise in Form von Songs wie dem Titeltrack „Alle gegen Alle“ vorgesetzt zu bekommen? Die so entstehende Reduzierung von Zugezogen Maskulin auf die Instanz des schlechten Gewissens im deutschen Hip Hop wird dem zweiten Album des Duos nicht gerecht, dafür sind die Texte zu gut, die erzählten Geschichten zu sensibel und die Produktion durch Silkersoft und Co. zu facettenreich.

John Maus – Screen Memories

Seit dem 2011 erschienen Album mit dem wunderbaren Titel „We Must Become the Pitiless Censors of Ourselves“ gab es sechs Jahre nichts musikalisches zu hören von John Maus markanten Synthies und seinem surreal anmutenden Bariton. Bis 2017 war Maus damit beschäftigt, einen Ph.D in Politischer Philosophie zu erwerben, um seine politische Einstellung, die er nun als „left of left of left of left“ bezeichnet, grundsätzlich zu untersuchen. Die Erkenntnis, die der Doktor nun in seine Texte auf „Screen Memories“ einfließen lässt, ist düster. Apokalyptisches Denken, die Zerstörung der Menschheit aus sich selbst heraus, individuelle wie gesamtsoziale Traumata definieren die programmatischen Textfetzen in Maus zwölf Synthhymnen. Hastig wirkt so mancher Song, gejagt und nervös, ob der soeben erkannten Desillusion, während Maus tiefe Stimme weiterhin das Charisma des Albums ausmacht. „Screen Memories“ ist kein philosophisches Manifest geworden, kein Essay zum Stand der Dinge im Jahr 2017. Viel mehr zeigt sich ein Flickenteppich voller kurz und schnell gefasster Ideen, die trotz der minimalistischen Arbeitsweise nichts an Komplexität einbüßen.

21 Savage, Offset, Metro Boomin – Without Warning

Das Atlanta Kollektiv um Metro Boomin veröffentlicht pünktlich zu Halloween ein Mixtape, das so unangestrengt und gekonnt um die Ecke kommt und dabei einen faszinierenden Stilmix aus Gore-, Eishockeymasken- und Gewaltexzessästhetik kreiert, wie er vielleicht bisher nur auf 21 Savages „Savage Mode“ zu hören war. Die Kälte, die Langeweile und die Taubheit, die Savages Texte unnahbar machen vermischen sich fließend mit der Geschwindigkeit, den wirr wirkenden Adlibs und der ständig vibrierenden Atmosphäre Offsets und setzen sich zu einem Ergebnis zusammen, das Spaß macht wie ein handlungsentfremdeter Splatterfilm. Nerven bei Offsets Migos Tracks die Redundanz und die Stumpfheit sehr schnell, bleibt „Without Warning“ vor allem durch Metro Boomins Produktion in Gänze flirrend und eiskalt zugleich.