Mia Morgan // alle Fotos im Beitrag © Monique Westkamp

Mit „Waveboy“ sorgte Mia Morgan im vergangenen Jahr für Aufsehen in der deutschen Musiklandschaft. Heute veröffentlicht die Kasselerin ihre zweite Single „Es geht dir gut“. Wir trafen die Queen of Gruftpop in Berlin und sprachen mit ihr über neue Musik, Sexismus und psychische Gesundheit.

Im Mai letzten Jahres lud Mia Morgan das Musikvideo zu „Waveboy“ hoch, ihrem ersten offiziellen Song. Das künstlerische Multitalent und Instagram-Phänomen zog damit nicht nur die Aufmerksamkeit der Presse auf sich, sondern konnte auch gleichgesinnte Musiker*innern als Fans für sich gewinnen. Entsprechend wurde der Track im Podcast „Mit Verachtung“ von Casper und Drangsal, als auch im Kraftklub´schen Radioformat „Radio mit K“ geliebt und geteilt. Inzwischen hat die Musikerin weitere Songs in der Pipeline und einige Gigs hinter sich. So spielte sie soeben als Supportband für die Leoniden und wird auch bei einigen Drangsalshows als Voract zu sehen sein. Neben der Kunst spricht Mia auf Instagram über ihre Haltung als Feministin und macht keinen Hehl um ihre psychischen Probleme. Wir trafen uns in einem veganen Cáfe in Friedrichshain, um über diese Themen zu sprechen.

„Waveboy“ hat inzwischen fast 150.000 Plays auf Spotify. Wie hat sich dein Leben durch den Song verändert?

Also es ist ja eine Demo, mit dessen Qualität ich sehr unzufrieden war. Ich habe den Track damals bei mir zu Hause im Wohnzimmer aufgenommen. Das war ein Punkt, den viele Leute hervorgebracht haben und meinten: „Nimm den Song doch mal professionell auf“. Das wollte ich aber nicht, weil ich nicht die Mittel dazu hatte und nicht einfach mit Irgendjemandem ins Studio gehen wollte. Ich wollte den Song aber trotzdem rausbringen und habe dann auf Risiko gespielt.

Ich finde es krass, dass ein einziges Lied die Leute auf einer Ebene begeistert, die weit über „Das ist ein guter Song, den gönn ich mir gerne“ hinausgeht. Dass Leute zum Beispiel das T-Shirt kaufen und „Waveboy“ jetzt tatsächlich ein Begriff für einen Typ Mann ist. Auch, dass durch einen einzigen Song Hörer*innen Interesse an meiner Person haben, mir super liebe Nachrichten schreiben und mich darauf ansprechen, wann neue Musik kommt. Es hat sich also sehr viel verändert seitdem.

Inwieweit hat sich die Bedeutung des Tracks seit Release für dich verändert?

Ehrlich gesagt, fast ein bisschen zum Negativen, weil das der Song ist, bei dem ich mir live am meisten Stress mache. Die meisten Leute kennen natürlich nur diesen Song und deswegen liegt dann sehr viel Druck auf mir, wenn ich ihn live spiele. Ich will nicht sagen, dass er mich nervt, ich mag den Song und ich find ihn auch gut. Aber weil er eben von mir ist, ist er wie ein schwieriges Kind: „Ich hab es lieb, aber es ist auch anstrengend.“

Ich habe den Song eine ganze Weile vor Release geschrieben und ihn immer mit mir rumgetragen. Dann gab es einen Akustikabend in Kassel und da hab ich ihn live gespielt. Mehrere Leute haben mir danach geschrieben, sie hätten einen Ohrwurm. Das war der Punkt, wo ich dachte „Vielleicht ist es nicht nur mein süßer kleiner Song und vielleicht kann ich damit was machen.“ Dann hab ich ihn nochmal ein bisschen anders aufgenommen und gepostet.

Welche Stimmung transportiert der neue Song?

Schon eine andere als „Waveboy“, welcher tatsächlich unter dem Vorsatz entstanden ist, dass ich endlich mal einen positiven Lovesong schreiben wollte. Mit „Waveboy“ wollte ich ein Konstrukt von einem Mann schaffen, in den sich ein*e Hörer*in verliebt. Für das Video habe ich dann auch extra Jemanden genommen, der eben nicht klassisch maskulin ist, sondern so einen „süßen bi-sexual guy“, der mit dir auf den Jahrmarkt geht. Da wollte ich also wirklich gezielt ein gutes Gefühl vermitteln.

Der neue Song ist sehr melancholisch, aber auch so ein bisschen abgespeist. Er ist viel persönlicher und vermittelt den Leuten wahrscheinlich nicht so ein happy-summer-feeling, wie „Waveboy“. Trotzdem ist es eine up-tempo Nummer, sodass man mitgehen kann.

„Es geht dir gut“ wurde zusammen mit Max Rieger von Die Nerven aufgenommen und stellt dein erstes, professionell produziertes Release dar. Was hat sich im Vergleich zu deinem DIY Ansatz von vorher verändert?

Ich bin froh, dass ich zusammen mit Max Rieger arbeite, weil ich ihn als guten Freund ansehe und ich mir gewünscht habe, das mit ihm zu machen. Sein Studio ist auch nicht dieses super Bedrohliche, mit Glaswand und Booth. Wir setzen uns hin, trinken Tee und ich zeige ihm meine Demos. Er verwandelt sie dann in richtige Songs. Den DIY Ansatz habe ich aber auch nicht ganz aufgegeben, weil ich den Anspruch an mich habe, einen Song vorab soweit zu konstruieren, dass man eine genaue Vorstellung von ihm hat.

Du wohnst in Kassel. Welchen Einfluss hat dein Wohnort auf deine Musik?

Ich habe tatsächlich gerade einen Song im Geburtskanal, der sich mit dem Thema beschäftigt, dass Kassel für mich lange die Konsequenz meiner psychischen Krankheiten war. Ich hatte schon mehrmals vor, nach Berlin zu ziehen und kurz bevor ich meinen Freund kennengelernt hatte, schon so gut wie alle Zelte in Kassel abgebrochen. Dann habe ich aber gecheckt, dass ich da mental nicht zu bereit war und Berlin mich schlucken würde. Kassel war für mich als Teenager immer scheiße, aber in den letzten Jahren habe ich es zu schätzen gelernt, dort zu leben. Entweder man ergibt sich dieser dort vorherrschenden Tristesse, oder man lässt sich davon inspirieren und antreiben.

Kannst du uns schon verraten, worauf wir uns dieses Jahr musikalisch noch freuen können?

Etwas konkretes dazu zu sagen, ist schwierig. Aber ich kann sagen, worauf ich Bock habe: Weitere Single- und Videoreleases, eventuell auch ein Plattenrelease. Zu „Es geht dir gut“ kommt in der nächsten Zeit auch ein Video. Dann die Drangsal Support-Tour und im Sommer ein paar Festivals.

Die Themen Gleichberechtigung und Sexismus in der Musikbranche sind aktueller denn je. Auch bei uns in Deutschland gibt es weiterhin Festival Line-Ups, die zum größten Teil männliche Künstler buchen. Was glaubst du ist der Grund dafür und wie kann man dagegen vorgehen?

Ich denke, es gibt zwei verschiedene Gründe. Einmal glaube ich, dass rein demographisch betrachtet männliche Bands, die Indie Rock machen, hauptsächlich heterosexuelle weibliche Fans haben. Für solche Bands ist es leichter, mit mittelklassiger Musik durchzukommen, weil sie noch einmal auf einer anderen Ebene diese Gruppierungen ansprechen. Ich habe das zum Beispiel durch One Direction so erlebt. Die Musik war eigentlich nebensächlich, aber ich war in diesem Kult gefangen. Selbst heute noch bekommen junge Mädchen patriarchalische Strukturen vermittelt. Ich glaube eigentlich sehnen sie sich nach weiblichen Vorbildern, scheinen aber in vielerlei Hinsicht nicht das Gefühl zu haben, dass es okay ist, denselben Kult um diese zu bauen.

Zweitens haben wir es einfach viel zu lange als eine Selbstverständlichkeit hingenommen, dass alles eine Männerdomäne ist, was nicht gerade im sozialen Bereich passiert. Musik hat viel mit Personenkult zu tun und diese sind bisher viel häufiger um Männer herum entstanden, als um Frauen. Natürlich gibt es auch einige Frauen im Pop-Biz, um die ein großer Kult herrscht. Das sind aber häufig Künstlerinnen, die sich, zumindestens früher, in ein bestimmtes Frauenbild gefügt haben. Wenn es also eine heiße Braut ist, die in sexy Outfits auf der Bühne performt, dann funktioniert es. Für eine Künstlerin, die in Schlabberklamotten auf der Bühne steht, aber eigentlich gute Musik macht, können sich die Leute nicht so leicht begeistern. Ich würde mir wünschen, dass mehr Leute zuhören, wenn Frauen den Mut haben, das so zu machen. Insgesamt sehe ich jedoch langsam auch eine positive Entwicklung, zum Beispiel an Hand von Billie Eilish.

Das Primavera Festival in Barcelona wirbt dieses Jahr aktiv mit einem Line-Up, welches zu >50% aus weiblichen und queeren Artists besteht. Wie stehst du dazu, dass diese Diversität als Marketingstrategie benutzt wird?

Das ist genauso wie mit Feminist-Print-Shirts von Fast-Fashion Ketten. Ich ordne mich selbst in den Liberalfeminismus ein, aber auch dieser sollte Grenzen haben. Zum Beispiel einiges von dem, was uns eingeredet wird hinsichtlich Selbstbestimmung.

Vieles passiert tatsächlich im Unterbewusstsein. Ich merke auch bei mir, obwohl ich mich seit Jahren intensiv mit dem Thema auseinandersetze, dass ich einfach sehr viel Sexismus und Strukturen verinnerlicht habe, gegen die man aktiv kämpfen muss. Es ist nicht damit getan, dass man sagt „Mein roter Nagellack ist meine Waffe“ und ich laufe in der Feminismus Kluft herum, weil Girlpower und so. Das ist auf der einen Seite schön, auf der anderen Seite bringt es einen nicht wirklich weiter. Das ist keine Aufklärungsarbeit, sondern eher Mobilisierung von Kunden. Natürlich ist es mit diesem Booking ein besseres Festival als die anderen, aber das muss man sich nicht so auf die Fahnen schreiben.

In der letzten Zeit haben sich viele Künstlerinnen über ihre Erfahrungen mit Sexismus in der Musikbranche geäußert und dies auch in ihren Texten thematisiert. Inwieweit bist du persönlich damit in Berührung gekommen?

Ich muss sagen, dass ich in der Musikbranche bisher fast nur positive Erfahrungen gemacht habe. Ich hatte aber zum Beispiel ein Gespräch, wo eine Person, die mit mir arbeiten wollte, gefühlt 40 Mal gesagt hat: „Wir wollen eine starke Frau bei uns.“ Da habe ich mich gefragt, ob sie jetzt für die Statistik eine Frau, die auf der Bühne „Ficken“ sagt, haben wollen, oder eben mich als Künstlerin. Das ist mir dann irgendwann auf den Leim gegangen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass Leute mich interessant finden, weil ich eine alternative, laute Frau bin, die feministisch engagiert ist. Einerseits ist es wahr, aber ich will nicht, dass nur das der Grund ist, warum die Leute mich feiern.

In den sozialen Medien redest offen über deine psychischen Probleme und tabuisierst diese gerade eben nicht. Inwiefern stellen sie Barrieren für dein Musikerdasein dar; inwiefern sind sie aber auch gleichzeitig ein Katalysator für deine Kreativität?

Bei mir ist es eine sehr mild ausgeprägte Form der emotionalen Instabilität, die einhergeht mit Depressionen, Essstörungen und eben sehr extremen Emotionen. Momentan habe ich es aber gut im Griff. Eine Barriere stellen sie für mich nur dar, wenn ich mich in sozialen Interaktionen befinde.

Was Musik schreiben anbelangt, war es für mich eigentlich immer nur eine Bereicherung. Ich wüsste gar nicht, worüber ich schreiben sollte, wären die Themen nicht inspiriert von persönlichen Erfahrungen, welche ich eben emotional sehr intensiv durchlebt habe. Gerade eine anstrengende ehemalige Beziehung hat mir viel Stoff für gute Texte gegeben. Das hat mir geholfen, damit besser umzugehen und auch eine gewisse „Macht“  darüber zurückzuerlangen.

In der nahen Vergangenheit gab es in diesem Zusammenhang einige tragische Ereignisse. Zuletzt wurde Keith Flint, Frontmann von The Prodigy, tot aufgefunden. Scheinbar war die Todesursache Suizid. Wie wichtig ist das Thema psychische Gesundheit in der Musikszene und was muss sich ändern?

Ich denke, dass die vermeintliche Erwartungshaltung des Publikums an Künstler*innen einfach zu hoch ist. Sobald man jemanden extrem gut findet, entmenschlicht man ihn/sie automatisch. Leute denken dann schnell, ein Mensch, der in der Öffentlichkeit steht, wäre Public Domain. Es verschwimmt und gibt keine Grenzen mehr zwischen öffentlicher und privater Person. Wenn sich diese Erwartungen, die man eventuell nicht einhalten kann, auf einen übertragen, würde auch der gesündeste Mensch der Welt anfangen, an sich zu zweifeln und traurig zu werden.

Es gibt natürlich auch viele weibliche Künstlerinnen, die dem anheim fallen. Meiner Meinung nach ist es aber eher ein Männerproblem. Diese trauen sich tendenziell eher nicht, öffentlich zu machen, dass es ihnen schlecht geht. Sie denken, dass sie stark sein und es alleine schaffen müssten. Wenn es zu viel wird, sind Männer statistisch gesehen eher dazu geneigt, Suizid zu begehen. Deswegen ist es auch so wichtig, dass wir für Gleichberechtigung sorgen, weil eben auch Männer davon profitieren. Ich finde, es macht einen Mann nicht weniger „männlich“, Emotionen zu zeigen. Im Gegenteil, ich finde es schön und wichtig, weil es eben menschlich ist.

Seht hier das Video zu „Es geht dir gut“ von Mia Morgan: