Zwischen American Dream und Bierzeltfesten – Provinz im Interview

Als junge Band vorm Dorf im ganzen Land durchstarten. Dies ist ein Traum, den wohl sehr viele, junge KünstlerInnen und Bands haben. Die meisten ziehen irgendwann nach Berlin um den Traum zu realisieren. Provinz haben sich jedoch mit ihrem Debütalbum „Wir bauten uns Amerika“ ihre ganz eigene Traumwelt geschaffen. Wir haben mit ihnen über die Verschiebung ihres Album, die politische Lage in den USA und Diego Maradonna gesprochen.

Provinz gehen andere Wege und bewegen sich doch auf bekannten Pfaden. Die jungen Musiker aus der Nähe von Ravensburg bewegen sich nicht täglich in irgendwelchen angesagten Bars in Berlin, Hamburg oder Köln. Und doch haben sie für ihr Debütalbum Unterstützung des renommierten, deutschen Produzenten Tim Tautorat (Annenmaykantereit, Faber) bekommen. Damit ist die Sound-Richtung vorgegeben und die noch frische Band muss den schwierigen Spagat zwischen Wiedererkennbarkeit und Zugänglichkeit schaffen.

Mit „Wir bauten uns Amerika“ zeigen sie, dass sie eben genau auf diesem Weg sind. Der Titel, der sinnbildlich für einen Ort grenzenloser Möglichkeiten steht, greift auf, dass wir es hier mit einer Band zu tun haben, die noch lange nicht an ihrem Zielort angekommen ist. Der folkige Sound mit den markanten Vocals mag zwar aktuell der Signiture-Sound von Provinz sein, doch was heißt das schon für eine Band, die es auch vom Dorf in die Charts geschafft hat?

Am 17. Juli erschien euer Debütalbum „Wir bauten uns Amerika“. Das Releasedatum musste wegen Corona verschoben werden und das Album wartet jetzt schon seit einiger Zeit auf die Veröffentlichung. Inwiefern hat dies euer Gefühl zum „Release“ beeinflusst?

Es war einfach eine riesige Erleichterung. Wir haben im Endeffekt bald 1 ½ Jahre an dem Album gearbeitet. Die Verzögerungen haben das ganze nochmal unerträglicher gemacht, jetzt ist es endlich raus und wir sind glücklich und erleichtert.

Eigentlich stünde in den kommenden Monaten die ausverkaufte Support-Tour zum Album an. Das Ganze verschiebt sich nun um ein Jahr. Ist euch unwohl bei dem Gedanken, das Album mit den Hörer*innen erst im nächsten Jahr feiern zu können? Wie plant ihr, diese Zeit zu überbrücken?

Absolut, das ist schon ärgerlich. Wir hatten ja auch ursprünglich den Release ganz bewusst direkt vor die Tour gelegt, um das Album live präsentieren zu können. Wir haben jetzt zum Glück die Möglichkeit, ein paar Picknickkonzerte zu spielen, das bietet einen kleinen Trost. Aber wir können es kaum noch erwarten, bis die erste Tour endlich beginnt und wir wieder unterwegs sind.

Bis dahin nutzen wir die viele Zeit, um neue Songs zu schreiben, zu proben, uns weiter zu entwickeln. Also ist die Zeit sicher nicht verschwendet. ;)

Weg von Corona und hin zur Musik: Was bedeutet Amerika im Zusammenhang mit dem Album für euch?

Für uns ist das ein Sinnbild. Amerika bezieht sich auf den vergangenen American Dream, die Illusion des ‚glorreichen Land der grenzenlosen Möglichkeiten‘. Jeder hat ja einen Traum, ein Ziel, an dem er kontinuierlich arbeitet, um ihn irgendwann erfüllen zu können. Für uns war das unser Album, das wir nun endlich rausbringen konnten.

Der Titel „Wir bauten uns Amerika“ vermittelt ein positives Gefühl. Gleichzeitig schaut die Welt aktuell teils sehr kritisch auf die Vereinigten Staaten. Gibt es auch bei euch eine Ambivalenz diesbezüglich?

Eigentlich nicht. Den Albumtitel haben wir schon vor einem guten dreiviertel Jahr festgelegt, also lange vor den aktuellen politischen Geschehnissen in den USA. Und er bezieht sich ja auch gar nicht auf das aktuelle Amerika. Insofern haben der Titel und die Situation in Amerika nur wenig oder sehr indirekt etwas miteinander zu tun. Aber der Titel steht ja auch dafür, seinen Traum zu verwirklichen. Und irgendwie gefällt es uns, dass der Titel dadurch noch eine neue Bedeutungsebene bekommt.

Die Grundidee von „Amerika“ steht in Bezug auf das Album für die Sehnsucht nach einem großen Traum. Was hofft ihr anderweitig noch bei den HörerInnen für Empfindungen auszulösen?

Ich glaube, man kann nicht sagen, dass wir eventuell ausgelöste Empfindungen beim Songwriting planen würden. Aber wir bekommen oft mit, dass Leute die Themen, über die wir singen, selbst kennen und nachvollziehen und dadurch verarbeiten können. Und alleine das ist schon sehr schön zu hören.

Eure Verbindung zum Leben auf dem Land wird natürlich in erster Linie durch euren Bandnamen deutlich. Wie würdet ihr das Spannungsfeld zwischen dem Heranwachsen auf der Stadt bzw. dem Land beschreiben? Was sind Unterschiede in Bezug auf das Musiker-Dasein?

Bei uns aufzuwachsen ist schon sehr schön. Hier ist alles sehr behütet und entspannt, man ist viel draußen und kann das sehr genießen. Aber wenn man dann irgendwann ein Teenie ist, bekommt man (oder zumindest wir und unser Umfeld) das Gefühl von Langeweile und Eintönigkeit. Das stellt man sich natürlich in einer Stadt ganz anders vor. Ist es zum Teil ja auch. Aber gerade jetzt, wo wir ständig zwischen Großstadttrubel und Provinz hin und her pendeln, lernt man die Vorzüge von beidem sehr zu schätzen. In der Stadt ist immer was los, man hat viele Möglichkeiten, hier zuhause ist alles viel ruhiger und entschleunigter, perfekt zum Abschalten. Somit gehen wir immer wieder gerne und kommen aber auch immer wieder gerne nach Hause. 

Gibt es trotz des Internets Unterschiede in der musikalischen Sozialisation zwischen Stadt- und Dorfleben?

Das könnte schon sein, wenn auch nicht mehr so ausgeprägt. Immerhin hat durch das Internet Jeder Zugriff auf jede Musik, wer sich lange genug damit beschäftigt findet auf jeden Fall etwas individuelles für sich. Aber es gibt ja auf dem Land noch viel mehr Bühne für zum Beispieltraditionelle Musikvereine, Fanfarenzüge, Blasmusik etc., zumindest auf Bierzeltfesten und solchen Events. Dadurch gibt es wahrscheinlich hier auch mehr Leute, die solcher Musik zugewandt sind. Ebenso gibt es in Städten mehr Raum für andere Musikszenen, wodurch man vielleicht dort leichter Zugang zu anderer Musik findet. Aber ich denke am Ende wird man musikalisch am meisten durch sein soziales Umfeld (Freunde, Familie, Kollegen, etc.) geprägt. Und da hat die Herkunft sicher auch einen Einfluss drauf.

Das Album entstand in Kooperation mit dem Produzenten Tim Tautorat, der unter anderem auch mit Künstler*innen wie AnnenMayKantereit, Faber oder Klan zusammenarbeitet. Inwiefern war diese Zusammenarbeit prägend für den Sound?

Wir hatten vor jeder Studiosession eine Vorproduktion, wo wir mit Tim zusammen die finalen Arrangements, zusätzliche Instrumente und Sounds, eventuelle noch kleine Korrekturen im Text etc. ausgearbeitet haben. Außerdem ist Tim derjenige, der die ganzen Songs so zum Klingen gebracht hat und unseren Sound mitdefiniert. Ohne Tim wäre das Album sicher nicht dasselbe.

Gibt es Befürchtungen, als aufstrebende Band zu schnell in eine Schublade gesteckt zu werden?

Natürlich will man immer für sich selbst stehen und nicht verglichen werden. Aber uns ist klar, dass das den meisten Leuten hilft, uns einzuordnen. Und solange wir mit den Vergleichen was anfangen können, ist das für uns okay.

Wer von euch ist am ehesten der „Typ“ Diego Maradona und warum?

So richtig ist das zum Glück niemand von uns. :D Aber am ehesten wäre das wahrscheinlich Mosse, weil er ähnlich lange Haare hat und den Exzess und das Feiern wahrscheinlich am Meisten von uns zelebriert.

Was wünscht ihr euch vom restlichen Jahr 2020?

Das die Krise einfach sobald wie möglich in den Griff bekommen wird und wir endlich wieder auf Tour gehen können und Normalität einkehrt.

Provinz und das Video „Tanz für mich“: