SIND – Irgendwas mit Liebe

German Indie is dead! Oder doch nicht? Auf ihrem Debüt machen SIND möglicherweise einen kleinen Schritt zu einer großen musikalischen Entwicklung.

Das 21. Jahrhundert im Land der Dichter und Denker: obwohl es unendlich viele Synonyme, Möglichkeiten und grammatikalische Schlupflöcher gibt, ist das Verfassen von deutschen Texten in der Musik eine kritische Angelegenheit. Ohne das Fass zu weit aufreißen zu wollen: die Songwriter-Generation „Menschen Leben Tanzen Welt“ ist für den Rest der muttersprachlichen Künstler, die jenseits von Rap agieren, wohl eher zum Fluch als zum ironisch belächelbaren Segen geworden – wo fangen zusammenhangslose aneinander geschwafelte Phrasen an, wo kriegen sie die Kurve? Um sich vollends von Luftschloss-erbauenden und irgendwie unangenehm romantisierten Zeilen zu distanzieren, hilft es nur, sich mit tatsächlichen Inhalten zu beschäftigen. Klingt machbar, schließlich bietet ein ausgeglichenes Leben und, pathetisch gesagt, dass, was darin zählt, schon genügend Stoff, den es zu Verarbeiten gilt. Die Herausforderung liegt dann darin, sich nicht in leeren Worthülsen zu Verlieren.

Hier kommen SIND ins Spiel. Die fünf Berliner besingen auf ihrem Debütalbum „Irgendwas mit Liebe“ den Zusammenhalt in Freundschaften, den Weg in die Eigenständigkeit oder große und kleinere Alltagskrisen und Begebenheiten in den eigenen 20ern. Da wäre zum Beispiel das Gefühl, nach einer Trennung der Hängengebliebene zu sein und das dringende Bedürfnis, nach einem Neuanfang: die längst in vielen Gehörgängen zum Ohrwurm mutierte Vorzeige-Single „Alpina Weiss“ zeigt dies in lebendigen Wortbildern, in denen leider kein plüschweißes Samtpfötchen vorkommt, auf: „Deine Tapeten sprachen zu viele meiner Bände / Alpina Weiss auf das, was war“.

Die bisher ungooglebare Band beweist auch im auf der Kante zwischen hofffnungsvoll und aussichtslosem „Wir kommen irgendwann an“ oder dem ernüchternden „So allein“ ein Talent dafür, die Dinge, die ihr am Herzen liegt, ohne Peinlichkeiten geradeheraus vorzutragen und sich dabei doch in klug ausgewählten Metaphern zu winden. Dabei bringen sie eine Souveränität mit sich, die, auch wenn musikalisch kaum Gemeinsamkeiten vorliegen, einer von Wanda oder Frittenbude nahekommt.

Begleitet werden die ehrlichen Zeilen von gitarreliebenden Indie-Pop und einer natürlichen Roughness, die irgendwo zwischen Madsen, Kettcar, Anajo und, dank der Zusammenarbeit mit Produzent Zebo Adam auch einer verjährten Version von Bilderbuch liegt – Frontmann Arne klingt dabei häufig so schön väterlich (im besten Sinne) wie der große Marcus Wiebusch. Der Sound und die Dramatik werden nicht zuletzt auch durch die punktgenauen Drums vorangetrieben, das irgendwie wohlige Gefühl handgemachter Bandmusik kommt auf.

SIND bringen deutschen Indie mit ihrem Debüt auch durch das Vermischen vieler Alleinstellungsmerkmale von Anderen, längst ins Herz geschlossenen Bands, auf den Punkt. Und das, obwohl dieser auch wegen mangelndem, brauchbaren Nachwuchs unlängst als tot galt und man sich stattdessen in den vergangenen Jahren lieber auf unsere österreichischen Nachbarn verlassen hat. Vielleicht reicht SINDs gutes Vorbild vorerst noch nicht aus, um einen neuen Trend zu festigen, andererseits muss es nach einer platt-geduldeten Songwriter-Welle im Land der Dichter und Denker auch mal wieder bergauf gehen.

Beste Songs: Alpina Weiss, Irgendwas mit Liebe, So allein

VÖ: 20.04.18 // : RecordJet

Foto: Eye Candy Berlin