Andrew VanWyngarden und Ben Goldwasser arbeiten sich nach der Jamsession des Vorgängers auf ihrem vierten Studioalbum Little Dark Age wieder methodisch am Ideal des minimalistischen Popsongs ab, was für MGMT dieses Mal mal mehr, mal weniger aufgeht.

„We should steal this song“ hört man Andrew VanWyngarden Ben Goldwasser über den Online-Chat zuflüstern, beiden läuft eine Träne über die Wange, VanWyngarden sitzt gebannt im Bett, Mund und Hände schokoladig verschmiert. Die Smartphones, über die kommuniziert wird, sind eingehüllt in eine rosa-fleischige Hülle, die an leblose Organe erinnert. Nach Betrachtung des Videos zur dritten Single „Me and Michael“, die hier genauer beschrieben wird, stellt man schnell fest: Aha, MGMT also immer noch gut im surrealistischen Video Game drin, soweit so gut, hat man auch schon mal alles so gesehen, macht trotzdem Spaß. Surrealistisches Herumgealbere trifft auf dadaistische Wirkung, trifft auf einen wirklich guten Popsong. Letzteren haben MGMT auf ihrem 2013 erschienen Album MGMT vermieden, das Experiment zielloser Songs, unstrukturierter Kompositionen und absichtlich entfremdeter Strukturen führte nicht nur zum Augenrollen der eigenen Fans, sondern auch zur temporären Vergessenheit der einstigen Indie Lieblinge aus New York. Auf Little Dark Age kehrt nun die Melodie und zurück, VanWyngarden lässt in Interviews wissen, man habe bewusst wieder methodischer gearbeitet. Seit letzter Woche ist es nun erschienen, dieses vierte Studioalbum des Duos, das hiermit seine Rückkehr in die ewig ungenügsamen Herzen der Fans des ersten Albums Oracular Spectacular antritt, im Gepäck schnelle Muntermacher, sich nach und nach in’s System schleichende Langzeitwirkungen und, nicht wirklich versteckt, auch ein paar geschmacksneutrale Placebos.

Im Video sieht’s aus wie Robert Smith, im Song klingt’s wie eine beschleunigte, elektronische Verbeugung vor der Spontanität eines Talking Heads Songs.

„Get ready to have some fun“ ruft die programmiert klingende Stimme eines Fitness Trainings und der Beat stolpert klirrend durch das Intro des kleinen dunklen Zeitalters von MGMT. „She works out too much“ lässt früh erkennen, was konzeptuell auf Albumlänge durchgehalten werden soll: 80s Drums, Synthiedecken, krude Lyrics, welcome to the shitshow. Da sind natürlich die spontanen Saxophon Samples, roboterhaft verzerrte Vocals oder die schräg klingenden Pianos, die mal lustig, schnell nervig, aber eigentlich nie unangepasst wirken. Weg von der freien Performance, hin und ein wenig zurück zur Struktur eines Popsongs mit Schräglage. Der Titeltrack interpretiert jene Orientierung retroperspektivisch und macht damit einen weiteren Aspekt der Umorientierung MGMTs gegenüber der letzten Projekte offensichtlich: Im Video sieht’s aus wie Robert Smith, im Song klingt’s wie eine beschleunigte, elektronische Verbeugung vor der Spontanität eines Talking Heads Songs.

Was den Abstecher in die einsamen Gefilde der ungehörten Experimentmusik hätte darstellen können, wird auf Little Dark Age vor allem mit Songs wie „When You Die“, das beschwingt vor sich hin plätschert und dem auch ein wiederholtes „Go fuck yourself“ VanWyngardens nichts an spielerischem Charme nimmt oder der 80s Syntie Pop Schwärmerei „Me and Michael“ zur todsicheren, wenn auch originellen Wiederaufnahme in den Kreis der zeitgenössischen Indie Größen. Fast zu sauber ausproduziert, zu schlank auf die elegante Form der hymnenartigen Melodie ragt gerade die letzte Woche erschienene Single ein ganzes Stück in die Langeweile der Retro-Revivals, des Authentizitätsverlusts und in die Frage „Wohin soll’s denn nun gehen?“

Im Song „TSLAMP“ werden für einen Moment die Lyrics deutlich eindimensionaler, die Sucht auf das eigene Smartphone zu schauen im Gewand eines nicht mehr als lückenfüllenden Nebensongs wird in klaren Bildern versucht kritisch zu hinterfragen. Wenn dieses Experiment der eigentlich durchgängig ironisch-sinnlos gehaltenen Texte hier durch den etwas plumpen Versuch sozio-kritischer Aussagen gebrochen wird, könnte man meinen, MGMT sind sich selbst noch nicht so wirklich sicher, was denn das dunkle am Little Dark Age sein soll. Nach dem ähnlich inkonsequenten „One Thing Left To Try“, findet sich in den abschließenden Titeln „When You’re Small“ und „Hand It Over“ eine stille Qualität der Band wieder, die viel zu selten neben den journalistischen Lobeshymnen auf Euphorie und Ekstase Platz zu finden scheint, nämlich die der leicht psychedelischen, aber immer stark melancholischen Ballade. Ausgeglichen produziert, nehmen die ruhigen Vocals, die elektronisch bluesartigen Gitarren, vereinzelte Streicherpassagen und weich gestrichene Drums dem Album seine mitunter überzeichnete Exaltiertheit und eröffnen der Band eine Hintertür, durch die sich die Protagonisten der Frage nach Ausrichtung oder Absicht mit kurzem Knicks zum Publikum entziehen können. Letzteres klatscht Beifall, beruhigt, erstaunt und ein wenig belustigt.

Die Sinnlosigkeit war schon immer existentieller Antrieb.

Auch wenn MGMT vor Veröffentlichung ihres wie immer zehn Songs umfassenden Albums in Interviews wiederholt darauf zu sprechen kamen, was es denn nun heißt, Amerikaner*in mit einem Präsidenten Donald Trump zu sein, finden sich hierzu auf dem Album nahezu keine Anspielungen. Die Sinnlosigkeit war schon immer existentieller Antrieb hinter eigentlich unsinnigen Lyrics und Aussagen des Duos und eben nicht die klare, politische Stellungnahme, pointiert und realitätsnah, konkret und scharfsinnig. Das verschwimmende ironische Element, das die Forderung nach gerechter Tantiemen Auszahlung in „Hand It Over“ ausmacht, findet sich auch in Metaphern wie den schier überdramatischen Bomben, die in „Me And Michael“ vom Himmel fallen oder dem Trauern auf Stereo Kanälen im Titelsong. Zum wiederholten Male vermeiden Goldwasser und VanWyngarden die wirklich tiefere Bedeutung zugunsten tanzbarer Popsongs, deren schwelgende Melodien über die konstruierte Einfachheit von Zeilen wie „When you’re small, you’re not very big at all“ hinwegstreichen. Ein Album ohne Fragen benötigt keine Antworten, könnte man meinen. Wenn dann VanWyngarden und Goldwasser zwischendurch mit halbgarer Gesellschaftskritik aus dem Konzept ihrer Kommunikationsentfremdung herausschleichen und sich für einen kurzen Moment nicht nicht ernst nehmen, stockt die eigentlich so angenehm einlullende Verwirrungstaktik und es kommt die Frage auf: Wie ernsthaft meinen sie’s denn mit dem omnipräsenten Klamauk, der Little Dark Age hätte sein können? Oder soll das dann das Dunkle im Dark Age sein? Wenn ja, ist die Ernsthaftigkeit hemmungslos verloren gegenüber der bunten Masse an Unsinn, der seinen Hörer*inenn die zehn Songs über die Augen zuhält.

Funktionierende Popsongs und davon nicht zu wenige, ab und an sogar euphorisch aufgeladen und gleich einem Dackel, der seit Wochen kein Schweineohr mehr zwischen den schlecht gepflegten Beißern gespürt hat, werfen sich Hörerschaft und Kritik sehnsüchtig auf Little Dark Age. Ein zweites Oracular Spectacular muss es sein, die Zusammenhänge sind offensichtlich und das eigene Bedürfnis, diese zu erkennen übermächtig. Seit dem ersten Album war das ja auch alles nichts, was von den einstigen Helden der Teenage Depression oder der Früh-Adoleszenz drei Alben lang veröffentlicht wurde. Dass MGMT damit noch mehr zum One-Hit-Wonder verkommen, Little Dark Age zum schlichten Katalysator für das Revival von „Time To Pretend“ auf der Indie Tanzfläche und der romantischen Nostalgie Vorstellung seiner Fans wird, geschenkt. Erkannt wird, was erkannt werden soll, vergessen wird, dass Songs wie „Kids“ als genau das gedacht waren, zu dessen Gegenteil sie geworden sind: Ironische Persiflagen kommerzieller Pop Hits. MGMT schwimmen mit ihrem vierten Album sicher wieder näher am Mainstream als vor vier Jahren, zeigen sich 2018 aber immer noch desinteressierter denn je was Genre, Zugänglichkeit oder Inhalt angeht und behalten sich damit die originellen Stilmittel der vorangegangenen Titel bei. Es läuft nicht alles so geplant ziellos, wie es laufen soll auf Little Dark Age und dennoch finden MGMT in den Hauptabschnitten stetig zur größten Qualität ihres musikalischen Schaffens zurück: Hinter dem Konstrukt der komplizierter wirkenden als eigentlich gemeinten Begriffslosigkeit, findet sich ein lustvoller Spaß mit Hang zur betrunkenen, fröhlich-ausgeladenen Melancholie. Die Kids sind alright.

Beste Songs: Little Dark Age, When You Die, Hand It Over

Veröffentlicht: 09.02.2018 // Columbia Records