tUnE-yArDs im Karlstorbahnhof

Nate Brenner und Merrill Garbus: tUnE-yArDs // © Philipp Fischer.

2.5.2015: Heidelberg, der Paradiesvogel ist gelandet.

Am gestrigen Dienstag gab Merrill Garbus mit ihren tUnE-yArDs eins von nur zwei Deutschlandkonzerten im Heidelberger Karlstorbahnhof. Tune-Yards, stilisiert als tUnE-yArDs, das sind Garbus und, seit dem zweiten Album w h o k i l l, Nate Brenner. Letzterer spielt Bass und ab und zu einen Synthesizer; ausschlaggebend für den Sound ist aber Garbus mit ihrer ausdrucksstarken Stimme, die sie live loopt. Dazu spielt sie Drums und Ukulele und macht Kaugummiblasen. Im Saal bringt sie mit ihrem unklassifizierbaren Avant-Pop das Publikum noch mehr zum Tanzen als Retro Stefson vor zwei Jahren.

Bevor Garbus und ihre Komplizen die Bühne betreten, gehört selbige jedoch erstmal Ought. Das Quartett aus Montreal entstaubt den Begriff „Support Band“ und ist für mich selbst nach dem Maifeld Derby die größte Neuentdeckung des Jahres. Tim Darcy ist mehr Geschichtenerzähler als Sänger (obwohl er auch das Singen hervorragend beherrscht), ganz so wie Alex Turner und Lou Reed, dessen flache, näselnde Stimme er geerbt hat. Die Band klingt wie Reeds Velvet Underground, gepaart mit dem funkigeren Art Rock der Talking Heads. Bei manchen Passagen erinnern Ought an Sonic Youth auf halbem Wege zwischen Daydream Nation und Goo. Ihre rhythmisch interessanten Songs sind nicht an Strukturen gebunden, sondern passen sich den Anforderungen der (musikalischen und erzählerischen) Geschichte an – Post-Rock in seiner eigentlichen Bedeutung als „Rock ohne Rock-Strukturen“. Live spielen die vier mit einer erstaunlichen Lässigkeit, so als seien sie nicht die Vorband, sondern der Hauptact. Als man danach frische Luft tankt, fragt man sich, ob tUnE-yArds das überhaupt noch toppen können.

Bei einem Songkatalog wie dem von tUnE-yArDs ist es quasi unmöglich, nicht mit einem Hit anzufangen. Die ersten beiden Songs am Dienstagabend sind „Hey Life“ und „Gangsta“, Highlights auf den jeweiligen Alben, und trotzdem wird das Set danach noch besser. Die Band, die Merrill Garbus und Nate Brenner zur Unterstützung mitgebracht haben, entspricht nicht dem üblichen Bild einer Backing Band: zwei Sängerinnen, die den Rhythmus mitbestimmen, eine Percussionistin, die singt. Nicht, dass tUnE-yArDs abseits der Bühne etwas anderes als unkonventionell wären. Gitarre? Pft, Ukulele tut’s auch. Ein Drumset? Wir haben Toms und Snares, das muss reichen. Haley Dekle und Moira Smiley haben sogar eigene Mikrophone für ihre Handclaps!

Es ist allein schon schwer, einen Ansatzpunkt für die Beschreibung von tUnE-yArDs zu finden. Die Musik beherbergt alles mögliche: Loops, Garbus‘ eigene Vision von Hip-Hop Beats, Dirty Projectors‘ Ornithologen-Rock (Dekle war mal Teil von Dave Longstreths Band), einen Drum Circle, Kinderreime, Protestmusik und Work Songs. Seit neuestem sogar Electro mit Michael Jackson Feeling. Man kann das Resultat ohne Zweifel als einzigartig bezeichnen, idiosynkratischer Odd Pop, der auf der Genreschublade Schlagzeug spielt. Das geht sogar so weit, dass die aus Connecticut stammende Garbus textliche und musikalische Reggae-Referenzen einbauen kann, ohne dass sie das unglaubliche Gleichgewicht der Songs durcheinander bringt.

Als sich nach einer halben Stunde gerade ein Durchhänger andeutet, kommt mit „Stop That Man“ einer der Songs von Nikki Nack, die auf Platte nicht besonders zum Tanzen anregt. Das Genie von Merrill Garbus ist es, was den Song zu einem ekstatischen Trommelfest werden lässt. „Powa“ bringen Garbus und Brenner alleine zustande, aber nicht weniger einnehmend.

Man kriegt zwar „offline“ einen guten Eindruck von dem, was tUnE-yArDs ausmacht, doch die Art und Weise, wie Garbus und Brenner das auf der Bühne plastisch rüberbringen, rekontextualisiert das Ganze. Das auditive Amalgam sollte eigentlich nicht zum Tanzen anregen, zumal die Hälfte der Songs mit ungeraden Rhythmen gespickt ist. Die Musik tut jedoch genau das, denn der gemeinsame Nenner jener oben aufgezählten Spielarten sind Rhythmus und Gesang. Sowohl das kollektive Trommeln als auch Garbus‘ Gesang aus voller Lunge – der Kern der Musik von tUnE-yArDs – treffen auf Songs wie „Gangsta“ unser Grundbedürfnis nach befreiender Bewegung. Das gilt sowohl für die alten Songs (w h o k i l l ist in bester Protestmusik-Manier ein Album über Machtverhältnisse), als auch für die elektronischeren, leichter tanzbaren Lieder von Nikki Nack. Das beste Beispiel ist wahrscheinlich „Water Fountain“, auf der Bühne genauso ein Highlight wie auf CD. Sogar mit der Zugabe „Look Around“ bringen tUnE-yArDs das Publikum in Bewegung, trotz kompliziertem Beat. Das ist am Ende auch die Lektion, mit der man den Karlstorbahnhof verlässt: Anspruchsvolle Rhythmen können auch tanzbar sein. Der Odd Pop von tUnE-yArDs ist verrückt und begeisternd zugleich.

s

„Water Fountain“:


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.