The Acid

24.09.14 Alte Feuerwache/Mannheim

2011 war ein interessantes Jahr für elektronische Musik. James Blake hat mit seinem Debütalbum auf internationaler Ebene die Schranken zwischen experimentellem Electro und Singer/Songwriter-Sweetness aufgehoben, während Jamie Woon Ähnliches mit R&B anstellte. Drei Jahre später häufen sich die Künstler, die ihnen nacheifern: Chet Faker und SOHN veröffentlichten ihre ersten LPs im April, während Ry Cuming als RY X durch seine Ende letzten Jahres erschienene „Berlin“ EP zu einem viel gebuchten Festival Act wurde. Letzterer hatte zuvor schon mit Adam Freeland und Steve Nalepa das Projekt The Acid gegründet und ebenfalls 2013 eine erste EP abgeliefert. Während Faker und SOHN sich auf etwas befinden, was man das Blake-Woon-Spektrum nennen könnte – auf der einen Seite minimalistische Strukturen und Justin Vernon’sche Kopfstimme, auf der anderen Neo-R&B mit viel Seele – positionieren sich The Acid außerhalb davon, zwar nicht minimalistischer, dafür aber dunkler als Blake und stark technoid.

Im Anschluss an das Release von „Liminal“, dem ersten Album, sind die drei Singer/Songwriter/Beatbastler auf Tour gegangen und haben auch in der Alten Feuerwache Halt gemacht. Als Support steht Luka auf der Bühne, dessen elektronischer Dream Pop durch den fast leeren Saal rauscht. Als dann The Acid anfangen, hat sich an der Besucherdichte wenig geändert. Der „room full of people“, den Cuming zu sehen meint, besteht zu einem großen Teil aus Wein trinkenden Mittfünfzigern – nicht das Hipster-Publikum, das man bei der Musik erwarten würde.

Indem sie mit „Tumbling Lights“ das Konzert eröffnen, haben The Acid die beste Wahl des Abends getroffen. Nach einem Intro aus bedrohlichen Synthflächen, die sich übereinander türmen, bis man nichts anderes mehr wahrnimmt, nur um sich dann abrupt in Luft aufzulösen, bleibt ein minimales Beatgerüst übrig, über das sich später Ry Cumings synth-gleiche, tiefenentspannte Stimme legt. Die Musiker bleiben die nächsten paar Lieder im Dunkeln, bis schwarz-weiße Videoprojektionen die Songs untermalen. Überhaupt spielt sich das Konzert vorwiegend in Grautönen ab. Musikalisch ist The Acid nahezu farblos, ab und an bringt Cumings Gesang oder Gitarre einen Pastellton ein, der sich dann auch hinter ihm auf der Leinwand wiederfindet.

Der einzige Song, der aus der Dunkelkammer ausbricht, ist „Basic Instinct“, der Höhepunkt des Abends. Zum ersten Mal hört man Wut, Erschöpfung, Liebe. Cumings Gitarre ist rau und verzerrt, er schreit „I’m tired, I don’t want it“, während starke Farben über die Leinwand laufen. Der Effekt ist derselbe, den das Lied auf dem Album ausübt: aufweckend, überwältigend und erleichternd. Es bricht ab und nachdem man sich kurz wundert, ob das jetzt das Ende vom Lied ist, setzt Cuming wieder an, „Basic Instinct“ mit dem Refrain zusammenzufassen: „Coming up for air.“

Was nicht heißt, dass der Rest des Konzerts weniger interessant ist. The Acid schaffen es, die Songs ihres Debüts noch härter und böser klingen zu lassen als auf Platte; bei Liedern wie „Creeper“ treten die Industrial- und Noise-Anleihen noch kräftiger zutage. Sogar „Animal“, das einzige, das nicht mit einem four to the floor Beat aufwartet, macht Angst. Ry Cuming singt mal schläfrig-nihilistisch, ein bisschen wie Thom Yorke auf seinem ersten Soloalbum, dann wieder mit der erwähnten, omnipräsenten Kopfstimme, die an Bon IverVernon erinnert. Leider steht die Befreiung, die „Basic Instinct“ darstellt, nicht am Ende des Konzerts. Die Zugabe stößt einen wieder zurück ins Dunkle. Nach einem ausufernden Outro-Dub, bei dem sich der Schlagzeuger nochmal mit Jazz- und Reggae-Motiven austoben darf, lassen Cuming, Nalepa und Freeland das Publikum sprachlos zurück, im Positiven wie im Negativen. The Acid haben gerade einmal eine knappe Stunde gespielt. Zu kurz für den Preis von 17 Euro, aber wahrscheinlich lange genug, um das Seelenheil der Zuschauer nicht zu zerstören.

 

Hört euch hier „Basic Instinct“ an:

[youtube https://www.youtube.com/watch?v=LTBhAl2qZy0]


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Fichon

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