So war es bei The xx in München

The xx // © AFP

Angedeutete Umarmungen und verweigerte Nähe – The xx waren auf ihrer Tour zum letzten Album im Münchener Zenith

Natürlich ist es für Bands wie Arcade Fire, The National und co. Zur Normalität geworden, ihre Tourkonzerte vor Menschenmassen jenseits der Tausendermarke zu spielen. Auch bei den gefühlt von jedem Musikfan geliebten The xx aus London ist das spätestens seit ihrem dritten Album „I See You“, das deutlich schneller, optimistischer und nicht mehr schüchtern und zurückgezogen daherkommt so. Wer das Trio aus Romy Croft, Oliver Sim und Jamie Smith zum Beispiel letzten Freitag in München erlebt hat, war Teil eines 5000 Personen Publikums und zugleich Zeuge dessen, warum eine größere Location vielleicht zum momentanen Erfolg einer Band passen mag, den Charakter der dargebotenen Musik aber durch die schiere Masse an Leuten zu ersticken droht. Dazu später mehr.

Die Vorband, besser der VorDJ, Floating Points ergänzt den Sound der britischen Minimalisten gut, zum Teil fühlt man sich stark an xx Songs erinnert, die Jamie Smith in Eigenarbeit nochmal bearbeitet und unter eigenem Namen veröffentlicht hat. The xx selbst stehen dem Electro/ Techno Sound des ebenfalls britischen Sam Shepard aus Manchester in fast nichts nach und lassen während ihres knapp zwei Stunden gehenden Sets immer wieder Platz für längere Minimal Electro Passagen, die vom Bass Sims und der Gitarre Crofts bis zur Perfektion unterstützt werden. Vor allem die Songs „Shelter“ und „Infinity“ vom selbstbetitelten Debütalbum werden so zu sechs- bis siebenminütigen Beatmaschinen, die so reduziert und dunkel arbeiten, dass die industrielle Decke des Zenith, die von einem Gerüst aus Stahlträgern gehalten wird, dann doch sehr gut ins Bild passt. Insgesamt bekommen die Zuschauer sozusagen ein buntes Potpourri der drei Alben mit dem einzelnen x auf dem Cover geboten, sogar der mittlerweile durch jede Autowerbung gejagte Opener des ersten Albums „Intro“ wird gespielt. Crofts und Sims Gesangspassagen wirken einstudiert aufeinander abgestimmt, sie fangen sich immer wieder gegenseitig ein, ergänzen sich und bieten einander Schutz, was offenbar, wie in Interviews zum letzten Album erklärt wurde, auch das Ziel der gemeinsamen Bühnenperformance sei. Umso schöner und einnehmender sind dann die beiden Songs „Brave for you“, der von ihr im einzigen Spotlight der Bühne vorgetragen wird und „Fiction“, bei dem Oliver Sim mit dem Mikrofonkabel um den Hals geschlungen beweist, dass er in der letzten Dior Homme Kampagne auf keinen Fall durch Nachbearbeitung so verdammt gut aussah. Jamie Smith bleibt über die ganze Zeit des Konzerts ruhig hinter seinem Zaun aus Mischpulten und Effektgeräten, was keineswegs gelangweilt oder fehl am Platz wirkt, tragen doch seine Beats und Drumsets den Sound der Band durch die Halle.

Wie oben bereits angeschnitten bleibt vom Münchener Abend trotzdem ein fader Anflug von Unzufriedenheit. Dabei haben The xx vor ihrer Bühne aus sich drehenden und reflektierenden Glaspfeilern doch abgeliefert. Die Songwahl ist angenehm abgestimmt, Croft und Sim sind sympathisch, zum Teil gesanglich umwerfend und die von Smith eingebauten Beateinlagen  ebenfalls ein elektronisches Blumenpflücken. Und doch hat man als Konzertbesucher, wenn überhaupt, erst nach knapp 40 Minuten das Gefühl, die minimalistische Musik der Band, für die die 5000 gekommen waren, sei jetzt auch beim letzten Zuschauer angekommen. Ein beständiger Geräuschpegel aus Gesprächen, der wie Smog in der Halle schwebt, blockiert bis zum sechsten, siebten Song den Einfluss, den eine Band bei einem guten Konzert zwangsläufig auf ihr Publikum ausübt. Als wolle man sich genau dieser Einflussname widersetzen, herrscht in der dicht gedrängten Menschenmenge ein ständiges Kommen und Gehen von Leuten, die sich doch noch ein gutes Stück vorschieben wollen, ein neues Helles bestellen gehen oder vielleicht auch einfach dem Hintermann bzw. der Hinterfrau entkommen wollen, die einem schon wieder in die Hacken tritt, während man den vor sich stehenden Leuten dann wieder genau dasselbe antut. Wenn „Angels“ als letzter Song der Zugabe gespielt wird, meint man zum ersten Mal mitzuerleben, wie die gesamte Halle einen Song in Gänze wahrnimmt und nicht damit beschäftigt ist, den letzten Instagram Post von heute Mittag zu verwalten. Sorry für den dann doch etwas polemisch gewordenen Abschluss, aber mit dem Gefühl aus einem The xx Konzert herauszulaufen, das Publikum, und damit man selbst, wäre dem wirklichen Erlebnis des Sounds buchstäblich im Weg gestanden, ist schlicht ernüchternd. Vielleicht wäre den Konzertveranstalten beim nächsten Mal besser geholfen, die abgesperrte Zone direkt vor der Bühne, für die wahrscheinlich höhere Ticketpreise verlangt wurde, dann doch noch Venues wie dem Olympiastadion zu überlassen. Vielleicht wird dann aus der Umarmung, die ein xx Konzert darstellen kann auch eine wirklich durchgeführte und nicht nur eine von der Band angebotene. Und wer kann sich freitagabends schon dem Schmusen  zu Songs wie Say Something Loving“ oder „Reunion“  entziehen?