Durch den Drang und die Hektik sind sie bereits gegangen, auf „Beyondless“ fallen Iceage in die Romantik der Aggression. Druckvoll, kitschig und voller Farbe ist das vierte Album der dänischen Punk-Band das Beste ihrer bisherigen Historie.

Elias Bender Rønnenfelt betritt den abgedunkelten und engen Bühnenraum der Londoner Scala kurz nach seinen Bandmitgliedern. Mit nassen, dunklen Strähnen im Gesicht und dem Mikrofonkabel um seine Hand geschlungen stürzt sich der 26 Jährige in ein Publikum, das in den ersten sechs Reihen bis zum Ende des Konzertes nicht aufhören wird, sich einander von sich zu stoßen, Ellbogen auszuweichen und den Sänger in den Schlund aus Körpern zu saugen. Rønnenfelt schreit nicht und doch klingen seine Texte manisch vorgetragen, fast wahnsinnig anmutend keift und gestikuliert er. Zwischen einzelnen Songs vermeidet er bis auf ein paar Songtitel größtenteils zu sprechen, ein Song nach dem anderen wird wie eine Walze aus synchronisiertem Chaos durch den Konzertsaal gerollt und unermüdlich bricht sich die Aggression des Sängers Bahn. Wie in der ein paar Wochen zuvor durchgeführten Installation des japanischen Künstlers Makoto Azuma, in der Iceage in einem Blumenmeer ihr neues Album performten, zeigt sich die Musik der Dänen in ihrer Rauheit, in ihrer Gewalt aber auch während der einzigen Großbritannien-Show vor allem als das, was das vierte Studioalbum mit dem Namen „Beyondless“ so besonders macht: Vielfältig romantisch.

Dass der Ausdruck dieser Band aus Kopenhagen viele Gesichter kennt, ist nichts Neues. Rønnenfelts Nebenprojekt Marching Church steht hierfür als Beweis, ebenso der Wandel vom Punk, zu Etwas nahe am Hardcore, zu Irgendwas mit Americana-Melodie, zu Punk, durchflutet von Melodie und Charme. Erhalten geblieben sind die schon fast unwirklich faszinierende Wirkung des Frontsängers, der sich für seine lyrische Arbeit zu „Beyondless“ in einem Kopenhagener Turm mit Plattenspieler, Schreibmaschine und ein paar Büchern einschloss und eine Dynamik, die durch die weiteren Bandmitglieder Jakob Tvilling Bless, Johan Surballe Wieth und Dan Kjaer Nielsen nun auch dramatisch mit Saxophon und Violine umgesetzt wird. „Beyondless“ wankt, es taumelt und windet sich, aber es findet seinen Weg, wohin auch immer.

Mit Blut an den Händen begrüßt Rønnenfelt seine Zuhörer in diesem poetischen Kabinett, das er auf eben diesem Album entwirft: Mit Teppichbomben und einer Schrotflinte für den menschlichen Drang über den Gartenzaun aus der natürlichen Anomalie der Bequemlichkeit herauszuklettern und das Hirn des Nachbarn kathartisch an dessen Küchendecke verteilt zu sehen. Es kann, es wird, es soll nicht aufgehört werden, mit diesem ständigen inneren Gewaltexzess, der Mensch in der shakespearschen Revolte gegen den Trieb und immer gegen sich selbst. Eingehüllt in ein musikalisches Rippengerüst aus Posaune, Gitarre, dunklem Bass und wirren Pianos, rast jener Körper rastlos durch seine eigenen Nervenbahnen, für immer zu viel. Und während im Duett mit Sky Ferreira der Tag verflucht wird, stolpert Rønnenfelts Figur wahnsinnig in seidene Spinnennetze, verfängt sich betend zwischen Beinen und Füßen, um den Geschmack von bittersüßem fremdem Speichel mit Medikamenten zu übertünchen. Romantik wie aus einer Burroughs-Erzählung, kalter Schweiß in den Haaren über der klebrigen Stirn, raue nervöse Nervenenden und vier Tage ohne Schlaf, um zu ebenjener Person zu gelangen, in deren Schoß der eigenen Verzweiflung keine Grenzen mehr gesetzt werden können.

Und während hier die Pophymnen aufblitzen und in Stücken wie „Thieves like us“ und „Showtime“ eine Kabarett-artige Atmosphäre jazzartig das Licht aufhellt und „Beyondless“ fast sanft glitzern lässt, sind es gerade die dunklen, undurchsichtigen Tiefen, in die Iceage eintauchen, die dem Album seine Spannung aufzwingen. Durchgehend makaber und niemals voller freier Lungen kommt Rønnenfelt im abschließenden Titeltrack „Beyondless“ zur Selbstaufgabe auf hoher See, hilflos und orientierungslos fällt er durch seine Metapher der Todeskämpfe einer unbenannten Stadt. Seine Stimme windet sich um die Worte, verrenkt, verdreht sich und streckt sich nach dem Ufer der Zuneigung, als wären seine Wahnsinnigen am Ende ihres Weges durch die surreale Welt ihres Gemütszustands gegangen und schlussendlich vielleicht nirgendwo angekommen. Im Rasch des Absurden, wo es keinen Schlussstrich gibt, lassen Iceage „Beyondless“ dahinziehen.

Vier Jahre sind seit der Veröffentlichung von „Plowing Into The Field of Love“ vergangen, genug Zeit um einen Weg zu finden, auf einem Album sowohl expressionistisch als auch musikalisch an einen Punkt zu kommen, der Iceage als Band authentisch zu autonomer Individualität verschafft. Die Eindringlichkeit, mit der Rønnenfelt in „Catch It“ auf die Hörerinnen einredet und die düstere Mischung aus Blasinstrumenten und Punk, die ihrem Vampir von Sänger eine Bühne verschafft, findet man vielleicht bei Leonard Cohen und Nick Cave, die Impulsivität, das Elend des Wahnsinns aber nur noch in frühen Werken des Letzteren. Getrieben durch eine Bildsprache eines sich selbst durch das eigene Unterbewusstsein Hetzenden und befeuert von einer unermüdlichen Band, ist „Beyondless“ das romantische Gegenstück zum ersten Album „New Brigade“. Eine bittersüße Reise durch die Poesie Rønnenfelts, der zum Ende hin vielleicht zum ersten Mal nach Luft zu schnappen scheint.

 

Beste Songs: Pain Killer, Catch It, Take It All

VÖ 04.05.2018 // Matador Records