„MAGDALENE“ von FKA twigs ist ein Album über Stärke und Verletzlichkeit, tiefem Fall und Wiederaufstieg. Es ist ein Manifest des modernen Feminismus und all das, was ein Pop-Album in 2019 sein kann.

In gewisser Weise ist „MAGDALENE“ sowohl eine Reflektion, als auch ein Produkt der letzten Lebensjahre von Tahliah Barnett aka FKA twigs. Es ist ein Album, dass die Künstlerin in ihrer Geschichte voll intimster Gedanken und Gefühle begleitet, die sowohl herzzerreißend und zerschmetternd, als auch hoffnungsvoll und mutig sind. Wie schon lange kein Album mehr schafft es „MAGDALENE“, den Hörenden an diesen Emotionen Teil haben zu lassen und die Grenze zwischen Konsument und Produzent verschwimmen zu lassen. Um sich dem vollen Ausmaß von „MAGDALENE“ bewusst werden zu können, ist daher vermutlich etwas Kontext notwendig:

Musikalisch trat FKA twigs erstmalig in 2012 in Erscheinung. Ihre in Eigenregie veröffentlichte Debüt-EP „EP1“ beinhaltete vier Tracks irgendwo zwischen Post-Dubstep und Trip-Hop. Ein Jahr später und inzwischen bei Young Turks unter Vertrag erschien der Nachfolger. Durch den besonderen Fokus auf die Gesamtästhetik brachte „EP2“ und speziell der darauf enthaltene Track „Water Me“ der Künstlerin breitere Aufmerksamkeit. Zeitgleich entwickelte sich durch die Alien-artige und entmenschlichte visuelle Inszenierung, gepaart mit ihrem futuristischen Sound, eine Art Mythos um FKA twigs.

Der Hype um die britische Künstlerin wuchs stetig und erreichte mit dem Release ihres Debütalbums „LP1“ und der zugehörigen Leadsingle „Two Weeks“ in 2014 seinen Höhepunkt. In diesem Zusammenhang wurde erstmalig das gesamte Potential der Künstlerin und hochausgebildeten Tänzerin sichtbar. Dies erbrachte ihr schließlich exzellente Kritiken, Fernsehauftritte und ausverkaufte Konzerthallen. Doch FKA twigs blieb nicht stehen und veröffentlichte in 2015 die experimentellere EP „M3LL155X“. Auf dieser rückten Pop-Strukturen etwas in den Hintergrund und stattdessen arbeitete twigs mehr mit industriellen Sounds. Ihr vorerst letzter Output war dann die in 2016 erschienene Single „Good to Love“. Von hier an sollte die Geschichte zu „MAGDALENE“ beginnen.

A Thousand Eyes

Bis Anfang diesen Jahres war es etwa drei Jahre still um Tahliah Barnett. Aus ihrem Privatleben war aus den Medien zwar bekannt, dass  sie sich in 2017 nach drei Jahren Beziehung von ihrem nun Ex-Verlobten und Twilight-Star Robert Pattinson trennte, Weiteres jedoch nicht. Plötzlich und mit einem gewaltigen Knall kündigte die 31-Jährige im April ihre Rückkehr an.

Auf „MAGDALENE“ verarbeitet FKA twigs in diversen Tracks ihre vergangene Beziehung und die verschiedenen Herausforderungen, denen sie sich in dieser Zeit stellen musste. „Cellophane“, die Leadsingle zum Album, beginnt als langsame Pianoballade und entwickelt sich im Verlauf mit einer unvergleichlichen Intensität zu einem der absoluten Höhepunkte des aktuellen Musikjahres. Zum Einen beschreibt twigs ihre Verzweiflung: sie hat alles gegeben, für die Beziehung gekämpft und trotzdem scheint sie zu scheitern („Didn’t I do it for ya?“). Zum Anderen ist das Paar unter der ständigen und auslaugenden Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Missgünstig stehen die Follower ihres Partners ihr gegenüber, dem Scheitern der Beziehung entgegenfiebernd („They’re waiting und hoping I’m not enough“). 

Das Gefühl, diese Intimität zwangsweise mit der Öffentlichkeit teilen zu müssen, ist ein wiederkehrendes Thema auf „MAGDALENE“. So zum Beispiel auch auf dem Opener „thousand eyes“. Twigs fürchtet sich vor dem Ende der Beziehung, weil dieser Moment die Augen Aller auf sie richten wird: „If you don’t pull me back it wakes a thousand eyes“. Diese sie beobachtenden Augen warten förmlich darauf, sie zu verurteilen. Es wird deutlich, dass sie von diesen Menschen so wahrgenommen wird, wie diese sie wahrnehmen wollen. Auch diese Verzerrung der Sicht erklärt, warum Maria Magdalena für twigs eine derartige Inspiration war.

A Woman’s Work

Basierend auf einer Verwechslung verschaffte Pabst Gregory I im 6. Jahrhundert der Maria Magdalena den Ruf als sündige Frau. Statt als eine der wichtigsten Personen an der Seite von Jesus Christus gesehen zu werden, wird sie in den Hintergrund gerückt und sogar diffamiert. Bis heute hält diese Reputation an und hat sich in den Köpfen der Menschen als Fakt eingeschlichen.

Auf dem Album-Centerpiece „mary magdalene“ räumt twigs mit dieser Verzerrung auf und negiert die eindimensionale Sichtweise. Stattdessen singt sie über Stärke, Sinnlichkeit, Verletzlichkeit, Wahrhaftigkeit. Sie plädiert für das Recht, diese Multidimensionalität nun endlich auch einzufordern („A woman’s time to embrace she must put herself first“). So wie der Großteil des Albums wurde auch „mary magdalene“ von Nicolas Jaar co-produziert. Dessen glitchy und wohlplatzierte Sounds harmonieren perfekt mit der Dramaturgie der einzelnen Tracks, die sich wie Geschichten aufbauen.

Twigs reiht sich in das Vermächtnis der Maria Magdalena ein und fordert stellvertretend, sich nicht auf einzelne Dinge reduzieren zu lassen. Nicht als Frau, nicht als Mensch. Alleine künstlerisch steht sie für die Gesamtheit ihres Schaffens. Ihre Verletzlichkeit, aber auch ihre Stärke erlebte twigs vor zwei Jahren in einem ganz neuen Maße. Als 2017 mehrere Tumore in ihrer Gebärmutter diagnostiziert wurden.

A New Kind Of Hero

Twigs stand als professionelle Tänzerin sinnbildlich für das zur Perfektion ausbalancierte Zusammenspiel von Körper und Geist. Die Krankheit und die damit verbundenen Schmerzen zerstörten diese Balance vollständig. Auf „home with you“ beschäftigt sich die Künstlerin mit ihrem Krankheitsprozess: „Apples and cherries, pain / Breathe in, breath out, pain“ (Die Größe ihrer Tumore wurde im Krankenhaus mit Obst verglichen). Doch twigs wäre nicht twigs, hätte sie das einfach so hingenommen.

Sie besiegte die Krankheit und überstand den Schmerz. Ihr felsenfester Wille und ihr Optimismus, nach diesem tiefen Fall aus eigener Kraft wieder aufzustehen, manifestierte sich schließlich in der Wiederaufnahme des Tanzes. Sie hatte die klare Vision, ihren Körper für sich zurückzugewinnen und erneut integralen Bestandteil ihrer Musik werden zu lassen. Binnen kürzester Zeit nach ihrer Genesung perfektionierte twigs Poledance und lernte Wushu (eine spezielle Schwertkampfkunst).

„MAGDALENE“ ist ein Zeugnis von Menschlichkeit. Es begleitet die Künstlerin Tahlia Barnett alias FKA twigs, wie sie mit verschiedenen Herausforderungen und Hindernissen konfrontiert wird. Sie zeigt, wie fragil und verletzlich auch der stärkste Geist und Körper sein. Doch statt sich geschlagen zu geben, akzeptiert sie ihre Menschlichkeit und damit Unvollkommenheit, um zu wachsen und sogar etwas noch Größeres entstehen zu lassen. Diese Koexistenz von Stärke und Verletzlichkeit ist in gewisser Weise twigs‘ Quintessenz. Auf „home with you“ konstatiert sie: „I’ve never seen a hero like me in a sci-fi“. Das ist aber auch gar nicht nötig, ist sie selbst die Heldin, nach der sie sucht.

Hier findet ihr das Video zu „home with you“: