Fil Bo Riva "Beautiful Sadness" // Albumcover

Auf „Beautiful Sadness“ bricht Fil Bo Riva nicht mit den Erwartungen an ihn, doch führt der Wahlberliner mit der charmanten Reibeisenstimme die europäische Folktradition durch die stimmige Verbindung aus Melancholie und Dynamik in die Moderne.

Filippo Bonamici, bekannt unter seinem Künstlernamen Fil Bo Riva, hat sich viel Zeit mit seinem Debütalbum genommen. Kein Wunder, denn setzte der Künstler 2014 für seine Musik alles auf eine Karte und brach  dafür sogar sein Studium ab. Anschließend versuchte er sich als Straßenmusiker und lernte dabei seinen heutigen Bandkollegen, den Gitarristen Felix A. Remm, kennen. Fortan wurde gemeinsam an Musik gearbeitet und mit „If You’re Right, It’s Alright“ erschien vor fast zweieinhalb Jahren die erste EP des Wahlberliners mit italienischen Wurzeln. Darauf enthalten auch die eindrucksvolle Single „Franzis“, mit der Fil Bo Riva durch seine beeindruckende Reibeisenstimme und der melancholischen Stimmung des Songs erste Erfolge verstreichen konnte. Anstatt den aufkommenden Hype um seine Persönlichkeit zum Anlass zu nehmen schnell einen ersten Longplayer nachzuliefern, entschied sich der aufstrebende Musiker jedoch für ein Leben zwischen Tourneen und Festivalauftritten um sich so peau a peau einen Namen in der Szene zu erspielen und sich zugleich intensiv Zeit zu nehmen an einem Debütalbum zu arbeiten.

Das Debüt entstand erst während der Aufnahmen

„Beautiful Sadness“ heißt der Rohdiamant, an dem Fil Bo Riva die letzten Jahre geschleift hat. Das Werk ist dabei kein Querschnitt aus der bisherigen Karriere des Musikers, auch wenn gar die Hälfte des Albums durch vorab veröffentlichte Singles schon bekannt ist. Vielmehr ist die Platte als ein Reifeprozess des Künstlers zu verstehen, ein Album, auf dem der Italiener seinen Sound gefunden hat und trotzdem mit verschiedenen musikalischen Stilmittel spielt und sich ausprobiert und dabei auch seine Erfahrung und seine Wurzeln miteinfließen lässt. So entstand das Debütalbum erst während der Aufnahmen selbst: Eindrücke und Erfahrungen von zahlreichen Konzerten wurden vor Ort gemeinsam mit Band und Produzent genährt und weiterentwickelt.

Das Werk beginnt mit dem atmosphärischen Intro „Sadness“. Dieses versetzt den Hörer direkt in die vom Musiker bezweckte melancholische Stimmung, gibt dabei einen perfekten Ausblick darauf, was in den nächsten 12 Songs des Debüts zu erwarten ist und spannt zugleich einen Bogen um das komplette Album. Daran knüpft sich das facettenreiche „Time Is Your Gun“ an, dass die atmosphärisch düstere Stimmung des Intros auffängt. Dabei beginnt der Song fast schon zurückhaltend, baut sich gar langsam auf und steigert sich anschließend durch treibende Gitarrenhooks und die ekstatischen Gesangsparts.

Das Videointerview mit der Band gibt’s hier:

Das Debüt folgt dabei einer klaren Struktur. So bemerkt man spätestens ab dem dritten Titel „Radio Fire“ eine langsame Steigerung in der Dynamik. „Go Rilla“ und spätestens das treibende „Head Sonata (Love Control)“ entpuppen sich schon nach wenigen Sekunden als Uptempo-Nummern. Hier nimmt das Werk plötzlich an Auffahrt an. Hingegen nimmt „Is It Love“ sämtliche Klischees gängiger Lovesongs auf, während Filippo Bonamici herzzerreissend den Titel des Tracks im Refrain als Frage stellt. Was auf den ersten Blick kitschig daherkommt, entwickelt sich zu einem interessanten musikalischen Experiment, indem sich Fil Bo Riva verschiedener Stilelemente bedient und zwischen chansonartigem Gesang im Refrain und kräftigen treibenden Strophen wechselt.

„L’impossibile“ und „Different But One“ bilden experimentierfreudige Ausnahmen

Von Hoffnung wechselt die Stimmung mit dem nächsten Song „L’over“ in Einsamkeit, während der Musiker hier einfühlsam sein gebrochenes Herz besingt. Die „Lalalala’s“ werden auch in dem Lied beibehalten, kommen jedoch uneuphorischer als zuvor daher. Durch die klingenden Gitarrenparts, dem leidenschaftlichen Gesang und dem folkigen Touch der Nummer spürt man in dem Track die italienischen Wurzeln des Sängers. Diese Wurzeln begegnen einem in „L’impossibile“ wieder, dem vielleicht besten Lied des Albums.

In dem Song experimentiert der Sänger nicht nur zum ersten Mal mit Autotune sowie entrückten Space-Gitarren, sondern singt er auch in seiner Muttersprache Italienisch. Hier wird klar, Fil Bo Riva möchte sich nicht auf ein Genre festnageln lassen. Vielmehr pustet die Nummer den Staub vom traditionellen Folk-Sound, greift die Amore eines Eros Ramazottis mit einer gekonnten Lässigkeit auf und lässt das Ganze durch das beliebte Stilmittel des Autotune mit viel Coolness in die Moderne eintauchen.

Eine weitere experimentierfreudige Ausnahme auf dem Album bildet das neunminütige „Different But One“, das nicht nur dank Stil- und Tempowechseln für Abwechslung sorgt, sondern auch in einzelnen Sequenzen Elemente der Platte wieder aufnimmt. So beispielsweise den Refrain von „Go Rilla“, um ihn in abgewandter Form in dem musikalischen Epos verschmelzen zulassen. Mit dem Outro „Beautiful“ schließt sich der Bogen, der mit „Sadness“ aufgespannt wurde. Die musikalische Struktur, wie auch die zum Albumtitel zusammengefasste Songtitel von Opener und Closer der Platte lassen verlauten, dass es sich bei „Beautiful Sadness“ um ein Konzeptalbum handelt. Der Bogen wird hierbei nicht nur von Melancholie bis hin zu Ekstase gesponnen, sondern wirkt die Struktur wie eine Katharsis auf den Hörer.

So baut sich die Platte langsam auf, bis sie in dynamischen poppigen Folk-Nummern ihren Höhepunkt findet, in experimentierfreudige ruhigere Nummern ihre Kunst entfaltet und sich mit dem stimmungsvollen schunkelnden „Happy Song“ verabschiedet, um anschließend im atmosphärischen ruhigen Outro auszuklingen.

Auf seinem Debüt zeigt Fil Bo Riva solide seine musikalische Vielfältigkeit, bleibt dabei jedoch im Großen und Ganzen vorhersehbar. Einzig „L’impossibile“ und „Different But One“ bilden hier eine Ausnahme und glänzen durch ihre Experimentierfreudigkeit. Ein Kunstgriff des jungen Musikers zwischen den eingängigen melancholischen leicht poppigen Folk-Nummern, der durchaus funktioniert. Bei so viel musikalischer Bedachtheit und zugleich unfassbarer Leichtigkeit, mit der Filippo Bonamici trotz der anhaftenden emotionalen Tiefe seine Songs hervorbringt, darf man gespannt sein, wie weit der Wahlberliner bereit ist sich in seinem Sound weiterzuentwickeln und welche epochalen Nummern auf dieses zeitlose Erstlingswerk noch folgen werden.

VÖ: 22.03.2019 // Humming Records
Beste Songs: „L’imposible“, „Different But One“ und „Time Is Your Gun“

„L’impossibile“ von Fil Bo Riva gibt es hier:

Foto: Juliane Späte