Deerhunter – Fading Frontier

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Die Welt hinfortspülen, auf dass nur Musik übrig bleibt: Deerhunter auf ihrem künstlerischen Höhepunkt

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Man erzählt sich von Bradford Cox als Popkultur-Wolpertinger, in dem von Kurt Cobain über Iggy Pop bis David Bowie alle Helden der Vergangenheit schlummern. Der von Schicksalsschlägen heimgesuchte Deerhunter-Frontmann weiß Musikjournalisten zu begeistern, gar bis zur Verehrung zu treiben. Vielleicht liegt es an seiner ehrlichen, unaufgeregten Art. Cox wirkt nicht einmal dann arrogant, wenn er modernen Pop als inhuman und die Musikindustrie als seelenlos ächtet. Dabei bieten Deerhunter nichts als Poesie und Gitarrenmusik – ein angenehmes Gegengift.

Zehn Jahre nach dem ersten Album klingen Deerhunter weltentrückt, als zerstöben ihre Lieder zu Staub. Cox singt: „I could leave or I could stay / Wouldn’t matter much to me“. In Fading Frontier sucht der Mensch nach Heimat, löst sich im Nichts auf, verliert das Gefühl für das Sein. Zuweilen beängstigt die Verlorenheit und wird zur Horrorshow: „There’s nothing more than the fog / From the dry ice burning, corpses turning“.

Musikalisch greifen Deerhunter tief in die Mottenkiste. Dream Pop aus den 90ern verwischt die Melodien zu einer Traumkulisse, dazwischen wabert Ariel Pink’scher Seifenblasen-Lo-Fi und stößt auf Indie-Gitarrenrock. Anders als beim Vorgänger Monomania verzichten Deerhunter auf noisige Elemente, rücken ab von Sonic Youth und gesellen sich zu Beach House. Sogar psychedelische Töne pirschen durch den Song „Leather and Wood“, wobei jener „The Invisible Church“ von Current 93 verdächtig ähnelt.

Bei harmloseren Songs wie „Living My Life“ wird fast die Illusion geweckt, ein Lichtstrahl durchflute den Raum. Das ist natürlich falsch: „Leave me alone, I am alone / Deep in the ground, looking around.“ So lauten Zeilen aus dem letzten Song „Carrion“, wo schon der Titel eine kaputte Ironie offenbart. Der neue Deerhunter-Sound ist manchmal zu aufgeräumt, dennoch lohnt sich die Platte: „Breaker“ ist gewiss eine der größten Indie-Hymnen des Jahres, und „Take Care“ frisst sich ohne Gnade ins Gehirn.

Beste Tracks: Breaker, Duplex Planet, Take Care

VÖ: 9/10 // 4AD

Hier kann man sich die Single „Breaker“ anhören:


Texte: Thorsten Gutmann

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