Mit ihrem dritten Album „Love is Dead“ zeigen sich CHVRCHES poplastiger denn je. Ob diese Veränderung hin zur enormen Radiotauglichkeit dennoch überzeugt, stellt das Trio mit ihrer neuen Platte auf den Prüfstand.

Eines muss man der Band im Vorfeld schon lassen: Der große Promo-Move für „Love is Dead“ war schon beachtlich und lies aufhorchen. Zunächst löschten Lauren Mayberry, Iain Cook und Martin Doherty alle Inhalte ihrer sozialen Kanäle wie Facebook und Instagram und veröffentlichten dann ein Video zur ersten Singleauskopplung „Get Out“. Dieses kündigte nicht nur das jetzige Album „Love is Dead“ an, sondern deutete sowohl das Albumcover, als auch den Feature-Gast Matt Berninger an. Mysteriös visualisiert wurde das Video mit einem Blick auf mehrere Ausschnitte im Stile von Überwachungsaufnahmen von versteckten Kameras. Ein erstes Ausrufezeichen nach dem Release ihres zweiten Albums „Every Open Eye“ von 2015.

Der erste Song des Albums „Graffiti“ war ebenfalls ein Bestandteil aus dem Teaser-Video. Denn auch dort wird ein Graffiti gesprüht: Das durchgestrichene Herz des Albumcovers. Musikalisch stimmt der Track gebührend die Poplastigkeit der insgesamt 13 Songs an. Popige Sounds in der Symbiose mit der Stimme Mayberrys. Im Anschluss folgt gleich als zweiter Track „Get Out“, der das erste Video stellte und auch den neuen Ton der Band als Vorbote des Albums bereits im Februar präsentierte. Durchaus mit Ohrwurmcharakter ist die erste Singleauskopplung eine der stärksten Stücke auf dem Album. Etwas ruhiger kommt „Deliverance“ daher. Bei „My Enemy“ handelt es sich um den einzigen Song mit Feature-Gast. Hierbei wurde kein Geringerer als Matt Berninger, dem The National-Sänger, ins Boot geholt. Dieser Song hat neben dieser Tatsache des musikalischen Gastes auch eine weitere Besonderheit: Durch ihn wird ein kleiner Indie-Abstecher realisiert, der aber leider der Einzige bleibt. Schade, dass nicht mehr in diese musikalische Richtung gegangen wurde und CHVRCHES sich nicht tiefer in solcherlei Gefilde wagten. Dass hier Potential besteht, merkt man allerdings und lässt hoffen. Neben „Get Out“, „My Enemy“ sind auch „Never Say Die“ und „Miracle“ als Single vor der Albumveröffentlichung erschienen. So birg die erste Hälfte von „Love is Dead“ wenig Unbekanntes.

„Graves“ ist eine tanzbare Nummer, die jedoch eine appellierende Kritik an Machtpositionen beinhaltet: „Do you really believe that you are one of a kind? / If you don’t have a heart I can offer you mine / Do you really expect that you will always be fine? / When you’re high on your throne“.  „Heaven/Hell“ und „God‘s Plan“ scheinen beide unter einer Unterschrift angesiedelte Titel zu sein. Ersterer nimmt den glatten Charakter der meisten Tracks des Albums ebenfalls auf. Eine Abweichung bringt God’s Plan, für den Mayberry ihren Platz hinter dem Mikrophon kurz abgibt. Klar wird an dieser Stelle, dass aus der popigen Albummasse, wie erwähnt der Featur-Song mit Berninger hervorsticht. Daneben sind nur noch „God’s Plan“ und anschließend „ii“, zu nennen. Das Schlusslicht dieser Aufzählung ist „ii“, weil der Track ganz ohne Gesang auskommt und ein Klavierspiel elektronische Töne dominiert.

Fehlende Kanten und fehlende Songs, die hängen bleiben

Am Ende muss man sich fragen, ob CHVRCHES im Ikarus-Style zu hoch in den Pop-Himmel fliegen und sich ebenso die Flügel an der Sonne verbrennen. Ganz so schlimm ist es wohl nicht und die Liebe zu CHVRCHES ist auch mit diesem Album nicht tot, denn die zu sehr überwürzten Popsongs finden sich nur vereinzelt. Somit lässt das Album zumindest darauf hoffen, dass das Trio sich bei der nächsten Platte wieder etwas weiter von der zu sehr gewollten Massentauglichkeit wieder ein wenig entfernen wird. Denn im Ganzen fehlen auf „Love is Dead“ die Kanten, an denen man hängen bleibt und auch die Songs selbiges leider allzu selten schaffen.  Die Mainstream-Tendenz liegt sicherlich auch an Produzent Greg Kurstin, der schon für SIA die Regler drehte.

Die Band reflektiert die Zusammenarbeit mit ihm als sehr positiv: „Mit Greg zu arbeiten war ganz anders als alles, was wir bisher gemacht haben. Aber es war auch unglaublich angenehm. Es fühlte sich an, als sei er schon seit Ewigkeiten Teil unserer Band.“ Eine Ahnung von der nun realisierten Veränderung entwickelte sich jedoch bereits auf dem Vorgängeralbum „Every Open Eye“. Obwohl „Love is Dead“ die viel zu frühe Hoffnung auf die weitere Entwicklung der Band weckt und das so frisch nach der aktuellen Veröffentlichung, darf man den Songs auf keinen Fall ihre Livetauglichkeit absprechen. Denn die besteht auf jeden Fall, nicht zuletzt wegen der unverwechselbaren Stimme von Lauren Mayberry. Der Blick in die Zukunft sollte an diesem Punkt also lieber in die frühe Zukunft gelegt werden und diese verheißt den Beginn der Festivalsaison. CHVRCHES werden beispielsweise auf dem Southside spielen.

 

Beste Songs: Get Out, My Enemy

VÖ: 25.05.2018 | Vertigo Berlin / Universal Music