Wer Kanye West musikalisch zu seinen Vorbildern zählt, darf auch Alben veröffentlichen wie Kanye. „mea culpa“ von Bilderbuch ist eine Entschuldigung für die Nonchalance in zweifelhaften Zeiten.

Ist es ein Album oder doch vielleicht ein Mixtape? Funktionieren Alben in unserer schnelllebigen Zeit, die von Streamingdiensten und Musik-Flatrates geprägt sind, überhaupt noch? Mit der quasi unangekündigten Veröffentlichung von „mea culpa“ werden sicherlich mehrere Musikexperten genau solche Fragen in den Ring werfen. Dabei haben die Wiener erst vor knapp 20 Monaten gefühlt die komplette Musikszene in zwei Lager gespaltet. Bilderbuch vermochten es nicht den Konventionen zu entsprechen und haben den Erwartungen entgegen kein kommerzielles Album auf „Schick Schock“ folgen lassen. Sie sind über den Türspalt der Experimentierfreudigkeit getreten und haben damit auch Altlasten, wie auch die Rücksicht auf Verluste, spielend leicht abgelegt.

„mea culpa“ führt diese Stilvielfalt selbstbewusst weiter und es scheint, als ob die vier Musiker sich bereits mit dem Albumtitel dafür verschmitzt entschuldigen wollen.

„mea culpa“ führt diese Stilvielfalt selbstbewusst weiter und es scheint, als ob die vier Musiker sich bereits mit dem Albumtitel dafür verschmitzt entschuldigen wollen. „Super rich Kids haben Stress“, philosophiert Maurice Ernst gleich im Opener „Sandwishes“ vor sich hin und könnte die First World Problems, die uns beschäftigen nicht besser herunterbrechen. Der Trap-Einfluss der den Opener dezent mit „skrrt“ unterwandert, wird in „Taxi Taxi“ konsequent weitergeführt. Mit angezogener Instrumental-Bremse rappt sich Ernst auf der Hinterbank eines Wiener Taxis zu der nächsten „Lounge 2.0“. Der tanzbare Beat des Songs lädt dazu ein, in Zukunft bei der Musik in Hotellobbys genauer hinzuhören. Es treffen funky Basslines auf sozialkritische Texte wie „Du verdienst jetzt richtig Geld, aber nicht genug für diese Welt“ auf die, wie im echten Leben, „Emotion“(en) folgen.

Bilderbuch mögen nämlich vielleicht das Bewusstsein für Großbuchstaben verloren haben, jedoch nicht ihren Sinn für Lässigkeit.

In der zweiten Hälfte von „mea culpa“ regnet es spätestens mit „Checkpoint (Nie Game Over)“ lila Regen auf das Slackertum, das Bilderbuch in Songs wie „Mein Herz bricht“ versprühen. Bilderbuch mögen nämlich vielleicht das Bewusstsein für Großbuchstaben verloren haben, jedoch nicht ihren Sinn für Lässigkeit. Maurice Ernst, Michael Krammer, Peter Horazdovsky und Philipp Scheibl haben ihre größte Stärke immer in der Nonchalance. Es werden Effekte überspitzt eingesetzt, Stimmen verzerrt und auch sonst vor technischem Schnickschnack nicht zurückgeschreckt. Bilderbuch mögen wie Workaholics erscheinen, dabei konstruieren sie sich mit ihren Alben eigentlich aber nur eine eigene, feine Spielwiese.

Genau hier steht die Band vor einem Gewissenskonflikt. Obwohl die  Musiker  ein genaues Bewusstsein für die Probleme unserer Zeit haben, haben sie ihren Zuhörern mit der vorherigen Platte „Magic Life“ eine Insel des Wohlfühlens geschaffen, die zwar Probleme anspricht, sie aber nicht mit Scheinwerfern beleuchtet.

In „mea culpa“ wurden diese Scheinwerfer sogar durch Sonnenstrahlen ersetzt. Denn „Memory Card“ empfiehlt sich wärmstens als Sommerhit und ist zweifelsohne mit „Checkpoint (Nie Game Over)“ einer der eingängigsten Songs auf dem Album. Von einem leichten Gefühl umgeben, schleusen Bilderbuch einen zum überraschend schnellen Closer namens „Aloe Vera“. „mea culpa“ funktioniert nämlich als Momentaufnahme. Eine Momentaufnahme, in der man loslassen sollte. Sich loslösen von den ganzen großen und kleinen Problemen dieser Welt. Die Musiker von Bilderbuch haben längst verstanden, wie man sich am besten zurückfallen lässt und die Stimme der Entspanntheit sprechen lässt, ohne die Kreativität außen vor zu lassen. Genau das hört man „mea culpa“ an.

VÖ: 04.12.2018 // Maschin Records

Beste Songs: Lounge 2.0, Memory Card, Checkpoint (Nie Game Over)

„mea culpa“ von Bilderbuch gibt es hier im Stream: