Bilderbuch – MAGIC LIFE

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Ganz nach dem Motto "I <3 Stress" beweist MAGIC LIFE, dass Facebook-Hate auch toll sein kann. Warum? Weil er Bands wie Bilderbuch zeigt, dass sie nicht blind den Trends hinterherlaufen, sondern auf Innovation setzen.

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Konventionen und Erwartungshaltungen sind nicht das Ding von Bilderbuch. Anders kann man sich die ständigen Stilbrüche nicht erklären. Bereits 2015 haben die Wiener mit SCHICK SCHOCK erstmalig den Bruch zu der oft festgefahrenen Indie-Szene gewagt und der Erfolg gab ihnen Recht. Wie nach einem Umstyling à la Guido Maria Kretschmer (ist positiver gemeint, als es sich liest) überzeugten die vier Musiker mit Singles wie „Maschin“, „Spliff“ oder dem grandiosen „OM“. Aber auch sonst hat die Platte alles zu bieten was das Hit-Herz begehrt. Mit dem Opener „Willkommen im Dschungel“ hatten Bilderbuch damals quasi den Slogan für das Album angekündigt. Ein Wirrwarr aus neuen Eindrücken prägte das Album und so verwundert es nicht, dass es auch auf MAGIC LIFE gleich zu Beginn ein Statement gibt.

„I <3 Stress“ ist eine klare Ansage an diejenigen, die gedacht haben, dass Bilderbuch ein zweites SCHICK SCHOCK releasen werden. Die Vorboten „Sweetlove“, der eben angesprochene „I <3 Stress“ und „Erzähl Deinen Mädels Ich Bin Wieder In Der Stadt“ wurden im Netz von der Community eher negativ aufgenommen. Und doch scheint es fast so, als hätten die Österreicher genau das gewollt.  „Peitsch mich Baby, ich brauch‘ Hits“, säuselt der Sänger Maurice Ernst mit Autotune auf dem Opener vor sich hin und gibt die Richtung vor. Ernst und seine Gang denken nicht im jetzt. Sie denken Future und in dieser Stimmung ist auch MAGIC LIFE ein Sammelsurium aus Future Funk, R’n’B und Indie.

Für Prince Nostalgiker gibt es mit „SUPERFUNKYPARTYTIME“ einen 80’s Radio-Banger, der zusammen mit dem SUPERMEGASONG „Bungalow“ einen der raren Hits des vierten Studioalbums bietet. Der Hit-Mangel macht MAGIC LIFE aber keineswegs zu einer schlechteren Platte. Im Gegenteil: die Unbequemlichkeit die Bilderbuch an den Tag bringen, entfesselt einen beim Hören wahrhaftig und lässt einen zu einem lässigen Dude à la Maurice Ernst werden. Die schrillen Gitarrenklänge des Gitarristen Michael Krammer sind fast die komplette Spiellänge über Wegbegleiter und bilden eine angenehme Homogenität, der ansonsten so vielfältigen Platte. Bei „Baba“ zeigen Bilderbuch, dass sie den Spagat zwischen Reggae und Cloud Rap spielend leicht beherrschen. Songs wie diese sind ein Schlag in die Fresse für jeden starren Musiknerd, der es nicht wagt über den Tellerrand zu schauen. Dabei ist es nicht so, als würden die Songs komplett inspirationslos im genreleeren Raum hängen. Mit „Investment 7“ oder „Erzähl Deinen Mädels Ich Bin Wieder In Der Stadt“ findet man nämlich auch Nummern wieder, die man abgesehen von den Filter und Autotune-Effekten als klassische Bilderbuch-Nummern bezeichnen könnte. Aber was ist bei den Jungs schon „classic“. Vielmehr sind sie classy und cool. Word!

Songs wie diese sind ein Schlag in die Fresse für jeden starren Musiknerd, der es nicht wagt über den Tellerrand zu schauen.

„Für dich ist alles gratis“, heißt es im Closer „sneakers4free“. Die Bois von Bilderbuch geben nämlich mit MAGIC LIFE nicht bloß, kostenlosen Unterricht in Sachen Offenheit, sondern beweisen auch, dass man als ehemalige Indie-Band durchaus Street Credibility haben kann. Erst kürzlich tauchte im Netz ein Snapshot von Maurice Ernst mit dem österreichischen godfather of popular akwardness Yung Hurn auf. Das freigeistige Denken, das Genres zu einer reinen Schreiberei der Musikjournalisten macht, ist die größte neugewonnene Stärke einer Band, die vor Lässigkeit nur so strotzt. MAGIC LIFE sind 40 Minuten pures Selbstbewusstsein. Bilderbuch lassen viele Fragen offen, sodass man sich als Hörer einfach keine Fragen mehr stellt. Deswegen lehnt man sich zurück, gönnt sich ’nen feschen Drink und reist mit MAGIC LIFE back to Future.

Beste Songs: Bungalow, Sweetlove, Baba

VÖ: 17.02.2017 // MASCHIN/Universal