Von Wegen Lisbeth // Albumcover "sweetlilly93@hotmail.com"

Man nehme ein Sammelsurium an Alltagsproblemen der Generation Y, spült diese mit süffigen Synthie-Pop-Melodien durch und heraus kommt „sweetlilly93@hotmail.com“. Auf dem zweiten Album sind Von Wegen Lisbeth reifer geworden, musikalisch bewegen sich die Berliner jedoch noch in derselben gewohnten Sound-Kulisse ihrer verpixelten Realität.

Als Albumtitel eine Internetadresse? Das klingt nicht nur ziemlich verrückt, sondern zeigt den Weg an, den Von Wegen Lisbeth auch auf ihrem zweiten Studioalbum eingeschlagen haben. Experimentierfreudig hebt sich die Band selbst aus ihren Babyschuhen der „Grande“-Zeiten und taucht direkt in die Pubertät ab. Wer kann sich nicht noch gut daran erinnern mit 13, 14, 15 seiner erste E-Mail-Adresse genau in dem Stil angelegt zu haben? Von Wegen Lisbeth verstehen es perfekt die Alltagsprobleme ihrer Generation aus Mitt- und Endzwanzigern in rhythmische Pop-Gewände zu hüllen.

„Wieso“ ist dabei der passende Opener. Der Song startet wie ein 80er-Jahre Rock-Klassiker, bevor er durch verspielte Synthie-Pop-Elemente das Ganze in ein experimentierfreudigeds Pop-Gewand lullt. Nicht nur der Sound fasziniert hier direkt, sondern auch der Text. So wird in dem Song das hinterfragende „Wieso“ als Erklärung für alles, getreu dem Motto „du weißt wieso“, ausgelegt! Mit „Lieferandomann“ folgt anschließend die erste Single-Veröffentlichung der Platte – ein Liebesbrief an den bunten Food-Engel. Hinter dem Offensichtlichen verbirgt sich – wie so oft bei Von Wegen Lisbeth – eine Metapher. Eifersucht und Probleme mit dem eigenen Selbstbewusstsein werden hier in humoristischer Manier relativiert und in Alltagsprobleme gepackt. Dabei bedient sich die Band in ihren Songs auch gern lautmalerischen, bildhaften Texten, die ihre Musik noch lebendiger und teils auch emotionsgeladener klingen, wie auch wirken lässt. Die Berliner-Band versteht sich darauf ihre Songs so zu schreiben, damit diese für ihre Hörer nachvollziehbar bleiben. So wird niemand der Generation Y Probleme damit haben, sich mit den einzelnen Ärgernissen und angesprochenen Situationen identifizieren zu können.

Hochintelligente, sprachverliebte Kreationen treffen auf treibenden Indie-Pop

Ernster wird es hingegen auf „Staub und Schutt“. Hier wird der Humor für kurze Zeit abgelegt. Es geht um Steuerunterschlagung, Missbrauch und heruntergespielte Kavaliersdelikte. Themen, die für Von Wegen Lisbeth schon fast zu ernst klingen. Der Song beweist jedoch, dass die Band sich sehr wohl auch außerhalb ihres „Kiez“ bewegen kann. Eine weitere Ausnahme aus dem süffigen Synthie-Pop-Gewand der Platte bildet auch „Westkreuz“. Zwar kommt die Nummer im treibenden Indie-Pop daher, doch zeigen die Berliner hierauf eine melancholische, düstere Seite von sich.

Wer ist eigentlich diese Lilly? Das wird man sich spätestens bei dem Track „Sweet Lilly“ fragen. „Sweet Lilly ist so schüchtern, sweet Lilly ist so nett, sie würde dir nie wehtun, außer du triffst sie im Internet,“ heißt es im Text. Hier wird schön die Message des Albumtitels erneut aufgegriffen. So wird man sich seit der Ankündigung des Titels fragen, was sich wohl hinter „sweetlilly93@hotmail.com“ verbirgt? Etwa eine sweete Lilly, geboren 1993? Oder wohl doch ein dicker alter Mann? Ist auch egal, denn die Nummer kommt cool und lässig daher und birgt großes Ohrwurmpotential. Daran knüpft auch „Gefährder“ an. Die Nummer wird spätestens auf der großen „Britz-California“-Tour ihr wahres Zündpotential entfalten. Besonders der Refrain animiert zum mitsingen, muss man sich hier auch nicht allzu viel Text merken.

Hinter den süffigen Pop-Nummern und den banal wirkenden Texten verbergen sich hochintelligente, sprachverliebte Kreationen. Hierfür greifen Von Wegen Lisbeth immer noch tief in die Casio-Tasten. Musikalisch bewegen sich Von Wegen Lisbeth noch im gewohnt gleichen Horizont, wie noch zu „Grande“-Zeiten, und knüpfen gar daran an. Die Songs sind groovig, schmissig und beinhalten ironisch-humoristische Textzüge, die beim Zuhören Spaß machen. Thematisch kreist die Band dabei stets um die selben Alltagsprobleme ihrer Generation: Gentrifizierung, Liebe, Hafermilch-Cheesecake und Nachbarn, die ihre DHL-Pakete nicht zeitnah abholen. Alles erwartbar, trivial und doch nachvollziebar. „sweetlilly93@hotmail.com“ birgt keine krassen Stilbrüche und keine großen Überraschung und doch wirken die Berliner reifer und experimentierfreudiger als noch zu „Grande“-Zeiten.

Beste Songs: „Sweet Lilly“, „Westkreuz“, „Staub und Schutt“
VÖ: 03.05.2019 // Columbia / Sony Music

Hier gibt’s das Video zur aktuellen Single „Westkreuz“: