Tame Impala – Live Versions

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Nicht bloß Studio-Songs mit Publikumsgeräuschen

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Eine der großen Schwierigkeiten beim Rezensieren von Live-Alben ist die Tatsache, dass es sich meist nicht um neue Musik handelt, die man bespricht, sondern um durch Lautsprecher gepresste Bühnenpräsenz (oder -absenz). Der ein oder andere neue Song taucht gelegentlich auf, doch je länger die Karriere, desto mehr gleicht ein Live-Album einer Greatest Hits Collection. Wenn man also nicht gerade Swans heißt, dient ein Konzertalbum hauptsächlich dem Versuch, im Studio aufgenommenen Songs ein bisschen mehr Leben einzuhauchen, sowie denjenigen als Souvenir, die die Band schon einmal live gesehen haben. Die willkommene Ausnahme sind Bands wie The Mars Volta, die solche Aufnahmen dazu nutzen, die Dimensionen ihrer Songs so zu ändern, wie es sonst nur beim Träumen passiert.

„Live Versions“ von Tame Impala ist da so ein Zwischending. Einerseits fehlen die großen Hits „It Is Not Meant to Be“, „Solitude Is Bliss“ und „Elephant“; stattdessen gibt es eine Art Interlude namens „Sestri Levante“ und „Half Full Glass of Wine“ von der ersten EP. Auf der anderen Seite ist letzterer Song wohl der am häufigsten live gespielte, der zwar anders als im Studio klingt, aber seit jeher live auch immer gleich. Dazu kommt kurz vor Schluss dann doch noch „Feels Like We Only Go Backwards“ zum Vorschein, mit „Elephant“ vielleicht das berühmteste Stück Kevin Parkers.

Der Fokus auf dem zum Record Store Day veröffentlichten „Live Versions“ liegt auf den Liedern von „Lonerism“, dem zweiten, grandiosen Album der Australier. Dass die frühen Songs vernachlässigt werden, ist schade, aber nachvollziehbar: Schon von vornherein besser und live-tauglicher, besitzen Kopfkino-Glanznummern wie „Endors Toi“ und „Be Above It“ – paradoxerweise durch ihren elektronischen Aspekt – mehr Potential für psychedelische Jams. Besonders die erste Hälfte des Albums zeigt, wie man Konzerte auf Tonträgern interessant machen kann; „Desire Be Desire Go“ mit seinem zusammenhangslosen Mittelteil überzeugt dagegen weniger.

Von der Trip-Hop Coda des Openers „Endors Toi“ bis zu „Apocalypse Dreams“, das am Ende noch kaleidoskopischer explodiert als schon die Studioversion, macht Tame Impala live schlicht und einfach glücklich. Der Bruno Nicolai-auf-Woodstock-Jam „Sestri Levante“ ist wie für die sonnigen Festival-Auftritte gemacht, vergleichbar mit der Stimmung des oft als Intro gespielten Led Zeppelin. „Mind Mischief“ endet so sonnig wie wohl nur Perth. Schon auf CD ist „Endors Toi“ ein Highlight: Das entfesselte Schlagzeug, die schwebenden Gitarren und schwurbelnden Synths, die Parkers schon längst gen Wolken fliegendem Gesang ein Abschiedslied spielen, überwältigen den Hörer mit einem Gefühl von Freiheit wie sonst keine drei Minuten Musik. Hier sind die Synthesizer noch trance-induzierender, bis zu dem Punkt, an dem sich alles Irdische um einen herum auflöst – und das Album erst zu Track zwei springt. Diesmal sind zur Party in Parkers Kopf alle eingeladen.

Klar, auch der Erfolg von „Live Versions“ ist von der Qualität der ursprünglichen Lieder abhängig. Tame Impalas Musik ist so gut, Parker könnte fast alles damit anstellen und es würde überzeugen. Viel wichtiger ist jedoch, dass Parker und Co. so sehr an den Kompositionen herumexperimentiert und -gespielt haben, dass „Live Versions“ seine Existenzberechtigung neben den Studioalben nicht nur für hartgesottene Fans besitzt. „Live Versions“ ist kein Ersatz für den Besuch eines Tame Impala Konzerts – nichts ist ein Ersatz für den Besuch eines Tame Impala Konzerts! –, doch es zeigt einmal mehr, dass gute Live-Alben ihr Geld wert sind.

Beste Tracks: „Endors Toi“, „Be Above It“, „Apocalypse Dreams“

VÖ: 19/04 // Modular Recordings (Record Store Day Repressing)

 

Hier kann man sich den Song „Endors Toi“ aus Live Versions anhören:


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Fichon

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