Suuns – Hold/Still

Krautronic is the new Black: Suuns verfeinern ihren neuen, elektronischen Art Rock

Die Prophezeiung hat sich bewahrheitet. „And now I’m talking to the old God about rock’n’roll / but the old God don’t listen to rock’n’roll no more“. „Music Won’t Save You“, der letzte Song auf Suuns‘ zweiten Album Images du Futur, nahm eine Entwicklung vorweg, die sich nicht nur an einem, sondern an zwei in diesem Monat veröffentlichten Alben ablesen lässt. Rock’n’roll wird zwar nie sterben, aber selbst die alten Götter interessieren sich inzwischen mehr für elektronische Musik, weil die schlicht mehr Innovationspotenzial bietet. Auf Hold/Still, dem vierten Werk des Quartetts aus Montreal, ist diese Zukunft endlich eingetroffen.

Dabei ist die Veränderung erst gar nicht so offenbar. Der Opener „Fall“ wartet mit Feedback und krachenden Drums auf, als sei schon wieder 1987. Wenn man genau hinhört, merkt man aber, dass die Bassdrum Techno-Produzenten wie Lakker näher steht als der Noise Rock Vergangenheit, der Suuns an der Oberfläche Ehre erweisen. „Instrument“ und „UN-NO“ wiederum scheinen mit krautigem Funk und gezielt gesetzter Gitarre an alte Songs wie „Up Past the Nursery“ und „Sunspot“ anzuknüpfen. Wie auf Images du Futur sind Gitarre und Synths auf Hold/Still ganz den Triolen, Quintolen und sonstigen -olen anheim gefallen, die den hypnotischen Effekt der Rhythmussektion noch verstärken.

„Resistance“ und „Mortise and Tenon“ bestätigen dann, was die zweite Single „Paralyzer“ bereits vermuten ließ: Suuns sublimieren die punkige Energie ihrer früheren Veröffentlichungen, indem sie das bassige Wabern des gemeinsamen Albums mit Jerusalem In My Heart als Songmodell nehmen. Das Bild der Rockband, die die Gitarren zur Seite legt und den Synthesizer in die Hand nimmt, ist zwar schon länger ein abgegriffenes, aber in letzter Zeit so präsent wie nie. Aus Krautpunk wird Krautronic, wie vorher aus Space Rock, Psych Rock und Noise Rock verschieden gefärbte Spielarten elektronischer Musik wurden.

Hold/Still verdeutlicht trotz seines Status als Nischenprodukt für Kraut- und Art Rock-Aficionados den ästhetischen Zeitgeist dieses Jahrzehnts. Große wie kleine Künstler sind musikalisch in den letzten Jahren auf der Gefühlsskala von ‚relativ gut gelaunt‘ zu irgendwo zwischen ‚besorgt‘ und ‚abgefuckt‘ gerutscht, ohne dass sich an den Texten groß etwas geändert hätte. Diese Entwicklung zieht sich durch Rock, Hip-Hop und Electro gleichermaßen und findet sich, wenn man darauf achtet, in etlichen Subgenres. Nur geben Rockbands heutzutage, Neupunks wie Cloud Nothings und Iceage ausgenommen, diesen Gefühlen anscheinend lieber mit dem verzerrten Synthesizer als mit der verzerrten Gitarre Ausdruck. Dass Hold/Still bei all dem weder unzufrieden klingt noch macht, zeigt nicht zuletzt, wie gut Suuns das Experimentelle mit dem Eingängigen in ihrer neuen, elektronischen Form von Art Rock vereinen.

Beste Songs: Mortise and Tenon, Translate, Brainwash

VÖ: 15/04 // Secretly Canadian

„Paralyzer“:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.