Savages – Adore Life

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Lebensbejahung ohne Banalität: eine Kampfansage an die Hassschürer

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Adore Life ist ein Statement. Das zweite Album der Savages vermählt erneut die Gravitas von Anna von Hausswolff oder Cold Specks mit der unbändigen Wut von Punk und Post-Punk. Jehnny Beth ist hypnotischer denn je. Alles an der Frontfrau der Londoner Band zieht einen in einen Bann – die strenge Stimme, der flexible Gesang, bis hin zu ihrem markanten Gesicht und dem unnachgiebigen Blick. All das ist nicht trivial, sondern gehört zum Gesamtkonzept der Band. Worin das besteht, wird mit jeder Veröffentlichung des Quartetts deutlicher.

Auch musikalisch stellt das Album eine Verfeinerung der Savages-Ästhetik dar. Der Punk ist aggressiver, die Post-Punk-Elemente wirken noch dunkler und harscher als zum Beispiel auf „She Will“. Das zeigt sich vor allem im Zusammenspiel von kalter Leadgitarre und rauer, warmer Rhythmusgitarre. Gemma Thompson bringt ihre Gitarren abwechselnd zum Knurren („The Answer“) und zum Schreien („Slowing Down the World“), manchmal beides in einem Song wie auf „T.I.W.Y.G.“. Es lärmt und kracht noch stärker, „Fuckers“ findet sein Echo in der Maschinengewehr-Snare von „Evil“. „When In Love“ zeigt Parallelen zu der Welle an unzufriedenen (Post-)Punkbands – Iceage, Eagulls, METZ, Protomartyr – der letzten Jahre auf. Was sich geändert hat, lässt sich am besten an den letzten Songs der beiden Alben ablesen: Wo „Marshal Dear“ noch versöhnlich mit Piano und Klarinette aufwartete, ist „Mechanics“, der Closer von Adore Life, von rastlosem Noise durchzogen und zerfranst am Ende in elektronische Verstümmelung.

Beths Gesang geht mit der Musik Hand in Hand. Beides ist genauestens geplant, der spärliche Einsatz der Kopfstimme sorgt für maximalen Adrenalineffekt. Auf „I Need Something New“ klingt Beth wie ein Hund, der gleich zubeißt, anderswo vibriert und hallt ihre Stimme wie die einer Opernsängerin. Die Geplantheit verhindert aber (zum Glück!) nicht das Ausrasten, wie das für den Moshpit gemachte „The Answer“ oder der Punk Shuffle von „T.I.W.Y.G.“ beweisen.

Liebe ist allgegenwärtig, sie ist „the answer“ und „the strongest addiction I know“.

Schon vom Debüt Silence Yourself an machten Savages klar, dass ihre Musik mehr ist als nur Vergnügung. „In einem Zeitalter der ständigen Stimulation“ sollten die Songs dazu dienen, sich mal wieder auf das Wesentliche zu besinnen – „the distant rhythm of an angry young tune“. Was dieser „tune“ eigentlich war, ließen sie offen, auch wenn es nicht schwer fiel, die Lücke zu füllen. Nach dem Release der Single „Fuckers“ – „don’t let them fuckers get you down“ war dort die Parole – wurde die Kernaussage mit der Bo Ningen-Kollaboration Words to the Blind offensichtlicher; nun steht sie endlich explizit im Titel: Liebe das Leben!

Was auf dem Kalender eine Plattitüde wäre, ist im Kontext von Adore Life eine Kampfansage. Die dritte Single „Adore“ ist dabei zentral. „Is it human to adore life?“, fragt sich Beth und antwortet sogleich: „I will die maybe tomorrow / so I need to say: / I adore life.“ Liebe ist allgegenwärtig in ihren Texten, sie ist „the answer“ und „the strongest addiction I know“. Was sich oft als Liebesgeschichte zwischen zwei Personen lesen lässt, ist auf „Adore“ deutlich universeller. Jehnny Beth ist schließlich nur ein Künstlername, dahinter versteckt sich Camille Berthomier, Nationalität: Französisch. Nach den Schrecken des letzten Jahres erscheint die Faust auf dem Cover also wie eine Drohung: Passt auf, ihr Terroristen, Ausbeuter und Hassschürer! Die Wut, die ihr hört? Die blüht euch, wenn ihr das Leben nicht zu ehren wisst. „This is what you get when you mess with love.“

Beste Tracks: Adore, Surrender, alle anderen

VÖ: 22/01 // Matador Records

„The Answer“:

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