Oracles – Bedroom Eyes

Mehr als nur die Trendwelle reiten: Das Debütalbum der Köln/Berliner bietet Psychedelia für das Hier und Jetzt, ohne in nostalgischen Revivalismus zu verfallen.

Anderthalb Jahre nach ihrer Debüt EP Stanford Torus veröffentlicht die Band Oracles ein erstes Album, das nicht nur aufgrund seiner Spielzeit als „richtiges“ Album bezeichnet werden muss. Auf zwölf tadellos geschriebenen, aufgenommenen und sequenzierten Songs zeigt das Quintett aus Köln und Berlin, dass es der psychedelischen Musik mehr als nur um der Hipness willen verhaftet ist. Im Vergleich mit anderen aktuellen Veröffentlichungen aus dem Bereich „Psychedelic Pop/Rock“ ist Bedroom Eyes deutlich ruhiger und introspektiver. Anstatt ein Festivalpublikum zum Tanzen bringen zu wollen, regen die meisten Songs eher zum Tagträumen an.

Nicht, dass das was Schlechtes wäre. Im Gegenteil, paradoxerweise ist Bedroom Eyes sowohl entspannt als auch catchy. Das fünfeinhalb Minuten lange Intro „Lacerate Slowly“ klingt, als würde man langsam seine Augen aufschlagen und in die Mittagssonne blicken. Die meisten Songs sind schöne Popsongs, die auf dem Grat zwischen Eingängigkeit und spielerischem Experimentieren wandeln. Ein tanzbares „Gazing from Without“ findet man zwar nicht, dafür sind die Einflüsse breiter gefächert: ein bisschen Peace, viel prä-Swim Caribou, oft erinnert Bedroom Eyes auch an MGMT. Mit „Chardonnay“ und der Mac DeMarco-Gedächtnisnumer „Returning Never“ zeigt das Quintett, dass Jangle Pop nicht den Kanadiern vorbehalten ist. Selbst „Agharta“, das vor zwei Jahren als einer der ersten Songs der Band veröffentlicht wurde, kommt ohne den double time Endteil deutlich besser aus.

Den Seelenfrieden, für den MGMT drei Alben gebraucht haben – das richtige Gleichgewicht zwischen weird und poppig also – haben Oracles schon auf ihrem Debütalbum gefunden. Noch besser: Das, was Ariel Pink mit 80er Jahre College Radio für ein amerikanisches Publikum so attraktiv macht, bieten fünf inzwischen nicht mehr als Nachwuchstalente beschreibbare Musiker viel universeller dar. Und das aus einem Land heraus, das historisch gesehen mehr mit robotisch-motorischem Rock als mit psychedelischer Musik zu tun hatte,

Being does not entail presence – hauntologische Musik ist kein simpler, nostalgischer Revivalismus. Niemand, der sich Bedroom Eyes genau anhört, wird es für ein Album des letzten Jahrhunderts halten, und sei es aufgrund der produktionstechnischen Tricks. „Lacerate Slowly“ beginnt mit dem Sound eines warmlaufenden Schallplattenspielers, „Chardonnay“ wiederum hört so abrupt auf, als hätte jemand dem Turntable den Stecker gezogen. „Cries & Whispers“, zusammen mit „Amoeba“ das Finale furioso, zerreißt es am Ende, so als würde sich das Tape auflösen oder die Boxen den Geist aufgeben. Die Produktionsmittel dringen in die Musik ein.

Wie schon Stanford Torus ist Bedroom Eyes eine Zeitreise, aber nicht, wie man erwarten würde, in die Vergangenheit, sondern aus der Vergangenheit ins Jetzt. Statt sich blauäugig nach einem Früher zu sehnen, das eh nicht mehr kommt, nehmen die Musiker alte Geister als Ausgangspunkt und lassen sie durch ihre fest im Heute verwurzelte Musik spuken. Da wird ein bisschen Tagträumerei ja wohl erlaubt sein.

Beste Songs: Cries & Whispers, Thoughts of Love on the Verge of Sleep, That Was I

VÖ: 27/05 // This Charming Man

„Amoeba“:

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