Young Blood verliert keine Zeit mit ausufernden Intros, es gibt mit „Aftermath“ direkt auf’s Maul. Für einen Blick auf das Albumcover reicht es noch (das versteckt sich doch ein transparenter Hai auf dem Foto!) und schon wird man von der Noise Rock Welle mitgerissen. Dass der Weiße Hai, in Spielbergs amerikanischem Original „Jaws“, das Cover des Debütalbums einer deutschen Band namens No Jaws ziert, liegt wahrscheinlich nur daran, dass JAWS als Bandname schon vergeben war. Die drei Jungs aus Zwickau blecken nämlich im Verlauf der 40 Minuten von Young Blood immer wieder ihre Zähne, sodass man selbst schon panisch am Strand hin und her rennen will.

Marcus und Martin Wellnhofer und Sami Chahrour wollten eigentlich auch gar nicht No Jaws heißen, sondern the Buyable Sluts Wanted for Stealing Virginity, doch wurde der wenig kindgerechte Name nach Problemen unter anderem mit Facebook wieder verworfen. Nicht, dass Kinder bis 13 sich Young Blood anhören würden: Wenn man anfängt, sich mit der Art Noise und ’90er Indie Rock auseinanderzusetzen, den No Jaws von solchen Bands wie Sonic Youth und Pavement kopieren, schockt einen der Ausdruck „buyable sluts“ wohl auch nicht mehr.

Um endlich zur Musik zu kommen: Schon beim Opener „Aftermath“ hört man Thurston Moore und Steve Shelley raus, ihre Vorbilder können und wollen die Jungpunks gar nicht verheimlichen. Nach genau 82 Sekunden gibt es die erste große Wall of Noise, die das Gitarrensolo ersetzt. „Real Oh One“ schließt direkt daran an. Nachdem Peter, Bjorn and John dem Schlagzeuger kurz „rip-off!“ an den Kopf geworfen haben, kommt das übliche Sonic Youth-Muster: rechte Gitarre stoisch auf einem Ton, linke mit typischer Indie-Melodie, dann von Marcus Wellnhofer ein nonchalantes „fuck up the beach“. No Jaws sind zweifelsfrei teil der Daydream Nation.

Ich will euch nichts vormachen, Young Blood ist ein ziemliches Copy & Paste Gewitter. Wer Originalität an erste Stelle setzt, ist mit dem Album schlecht beraten. Doch auch mit ein paar Durchhängern macht es schlicht und einfach Spaß, genauso wie Here and Nowhere Else oder Jagwar Ma einfach Spaß machen. „Grasshopper“ zum Beispiel würde auf dem Soundtrack zu einem Sport-Videospiel nicht negativ auffallen. Die zweite Single „Honey Kid“ könnte die neue Hymne der Zwickau Youth werden, Lyrics wie „This is our momument“ und die „warning tides“ und „warning signs“ gegen die „leisure society“ und robotisch-inaktive Arbeiterköpfe werden von crunchy Gitarren und hyperaktivem Drumming effektiv unterstützt. „Phalanx“ zeigt nochmal, dass No Jaws auch fehlerfrei Shoegaze spielen können, und mit den letzten Geräuschwellen des Albums werden wir wieder an den Strand des Alltags gespült.

Young Blood ist kein Meisterwerk, aber für das erste Album einer Band kein schlechtes Ergebnis. Zumindest kann man die Hoffnung hegen, dass der Nachfolger mehr Eigenständigkeit hat, die handwerkliche Basis ist da. Wenn man auch nicht von den „neuen Sonic Youth“ sprechen kann, sondern eher von den alten, geben No Jaws einem zumindest das Gefühl, dass Sonic Youth irgendwie in der Nähe sind und man sie vielleicht, wiedergeboren als Zwickauer Noise-Trio, doch nochmal live sehen kann.

s

Beste Tracks: Honey Kid, Aftermath, Loyal to Disillusion

VÖ: 14/11 // Modern Guilt Records

l

Schaut euch hier das Video zu „Honey Kid“ an:

https://www.youtube.com/watch?v=ke-291hLZTA


Website // Facebook

Fichon