Der Ringer – Soft Kill

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Digitalisierte Herzen und elektronische Emotion - Der Ringer zeigen auf ihrem Debütalbum die großen Gefühle, und verstecken sie dann doch wieder.

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2016 war sicher kein schlechtes Jahr für Der Ringer: Veröffentlichung der eigenen Glücklich EP im Frühjahr, Veröffentlichung der Zusammenarbeit mit ihren Brudis Isolation Berlin im Herbst und eine anschließende Tour mit eben jenen im Winter. Wer das Hamburger Quintett auf letzterer erleben durfte, hatte höchstwahrscheinlich Schwierigkeiten damit, sich der Faszination für die melodische Mischung aus New-Wave und Post-Punk zu entziehen. Texte, die live unwirklich und verzerrt vorgetragen werden und eine Band, die sich bewusst vom Publikum zu distanzieren scheint. Schubartig hervorbrechende Refrains, eine Roboterstimme, mit der Sänger Jannik Schneider den nächsten Song ankündigt und fünf schöne Menschen auf einer Bühne. 2016 also Glücklich, 2017 nun der Soft Kill. Eine Annäherung an ein Album aus überschäumenden Effekten und morbiden Fahrten durch entfremdete Emotionen.

Wie funktionieren Gefühle, wenn sie über Social Media, Chatverläufe und Dating Apps vermittelt werden? Welche Entfernung kann durch künstliche Übertragungen über Glasfaserkabel egalisiert werden, und kann sie das überhaupt? Die zeitgenössische menschliche Existenz und die artifiziell erhaltene Zwischenmenschlichkeit im Zeitalter von Tinder, Facebook und Konsorten war 2016 wesentlicher Aspekt der Texte von Der Ringer, die sich auf Soft Kill aber nun verstärkt dem Erkunden der daraus entstehenden Gefühlswelten zuwenden. Technologie und globalisierte Digitalisierung werden erneut weder positiv noch negativ bewertet, sondern als Grundkonzepte angenommen, die die Basis für die dramatische Erkundungstour Soft Kills darstellen.

Der Ringer als proklamierende Emotionsmaschine

Im Gegensatz zur direkten Erzählweise eines Tobias Bamborschke (Isolation Berlin), vermeiden Schneiders Songtexte konsequent das Darstellen konkreter Ereignisse, Personen oder Geschichten, sondern verstecken sich in abbrechenden Metaphern und angedeuteten Bildern, die weder songübergreifend zusammenhängen, noch innerhalb eines Tracks aufgelöst werden. Es erscheint auf diesem Album schlicht müßig, die Emotion an persönlich-alltäglichen Beispielen zu veranschaulichen, wenn sie doch auch in Parolen wie „Ich bemühe mich, bis der letzte meiner Knochen bricht“ in ihrer schmerzhaftesten und realsten Form zur Geltung kommen kann. Genau diese Momente, in denen Der Ringer zur proklamierenden Emotionsmaschine werden, sind textlich die stärksten des Albums. Der Hörer wird zum Betrachter eines immer wieder fast verzweifelnden Protagonisten im Mahlstrom der eigenen Gefühlswelt. Mag teilweise kitschig sein, ist aber niemals belanglos.

Soundtechnisch mag beim ersten Hören vielleicht vor allem der Auto-Tune und die effektverzerrte Stimme auf Soft Kill auffallen und mancher Indie-Fan wird sich mit den Chorus Effekten, dem konsequenten Hall, dem Einsatz von Overdrive und Distortion wahrscheinlich nicht endgültig anfreunden können, verpasst aber damit ein Zusammenspiel von Text und Klang, wie es bisher im deutschsprachigem Pop so nicht anzutreffen war. Immer wieder werden Songzeilen absichtlich unkenntlich gemacht, um es Songs wie „Morton Morbid“ oder „Violence“ zu ermöglichen, sich in explosionsartigen Post-Punk Orgien zu verlieren. Das Extreme in Soft Kill findet sich vielleicht in den dynamischen Drums, den effektreichen Gitarren, die gemeinsam mit den weichen Synthies immer wieder an 80er Größen á la The Cure (sorry für 1 classy namedropping) erinnern und der immer wieder durch den Auto-Tune vibrierenden Stimme sogar noch stärker als im textlich dargelegten Spektrum.

Soft Kill kann ein warmes Gefühl des Vermissens personeller Nähe sein, eine Reise in’s Unterbewusstsein unseres Zeitgeists und ist zu keinem Zeitpunkt anklagend oder prätentiöses Bashing einer modernen,  digitalisierten Gesellschaftsform. Der Ringer legen ein Debütalbum vor, auf dem viel unerklärt bleibt, auf dem sich fünf junge Männer nicht viel um die oft geforderte Realness,  beziehungsweise die Authentizität von Text und Musik scheren und dessen Komplexität den Hörer in manchen Teilen dazu auffordert, nach Aussage und Sinn zu suchen. Wer sich darauf einlässt, wird fasziniert bleiben von soviel punkiger Selbstreflexion. Wer sich noch ein wenig mehr einlassen will, kann Jannik Schneider, Jakob Hersch, Jonas und David Schachtschneider und Benito Pflüger ab 15. Februar auf ihrer „Soft Kill Tour 2017″ erleben.

Beste Songs: Apparat, Knochenbrecher, Ohnmacht

VÖ: 27.01.2017 // Staatsakt/ Caroline