Deerhoof – The Magic

Weniger Friktion, mehr Frivolität: Das 14. Album der Kultband besticht durch Eingängigkeit und Eklektizität.

„You don’t have to like me / you just have to want me“ singt Gitarrist Ed Rodriguez auf „That Ain’t No Life to Me“, der ersten Single von Deerhoofs neuem Werk The Magic. Ein Album der kalifornischen Noise Rock Combo am Stück zu hören ist immer auch ein bisschen anstrengend. Im Durchschnitt sind das zwar nur 37 Minuten, aber wegen ihrer rastlosen und oftmals chaotischen Natur muss man schon selbst etwas aufgekratzt sein, um nicht kopflos aus einem solchen Album wieder aufzutauchen. Das an sich ist selbstredend keine Kritik: Wenn du als avantgardistische Noise Rock Band keine Reibung beim Hörer erzeugst, hast du definitiv etwas falsch gemacht. Deerhoof, die man nach einem Dutzend Langspielern in zwanzig Jahren als alte Hasen bezeichnen darf, sind sich dessen auch auf The Magic bewusst. Und haben trotzdem mal etwas Neues gemacht: weniger Friktion, mehr Frivolität.

Die Leichtfertigkeit kommt in erster Linie von einer musikalischen Diversität und „Poppigkeit“, für die der eingangs erwähnte Song ein gutes Beispiel ist. In feinster Fuzz Rock Manier wird hier abgerockt*; die Stimme ist so verzerrt wie die Gitarren, man hört über dem Punk noch den alten Surf Rock Vibe heraus. Man hört die Eingängigkeit schon in den nach Freiheit rufenden Gitarren und dem Shuffle Rhythmus von „The Devil and His Anarchic-Surrealist Retinue“. Dass Deerhoof auch einfache Songs schreiben können, die gut sind, zeigen sie später noch auf „Learning to Apology Effectively“„Dispossessor“ und „Plastic Thrills“.

„Criminals of the Dream“ und das auf japanisch gesungene „Acceptance Speech“ bestechen hingegen durch ihre simple melodische Schönheit – manchmal geht es eben doch ohne Reibung. Ein weiterer Höhepunkt ist „Life Is Suffering“, das Hip-Hop Drums mit einem zurückhaltend drohenden Riff und, unglaublicherweise, einer Referenz an „You Sexy Thing“ in der Gitarre paart. Auf „Model Behavior“ bewegen sie sich dann auf dem jazzigen Terrain von Tortoise und the Season Standard.

Nicht, dass sie es nötig hätten (sowohl bei den Kritikern als auch bei ihrer großen Fanbase genießen sie schon länger Kultstatus), aber mit dem bunten Genremisch, den The Magic darstellt, gehen sie der größten Falle ihrer eigenen Diskografie aus dem Weg. Gewollt oder nicht, der „typische“ Deerhoof-Sound – Satomi Matsuzakis kindlich-weiche Stimme, die quietschenden bis kreischenden Gitarren von Rodriguez und John Dieterich, Greg Sauniers unterbrochene und knallige Rhythmen – benötigt auf Albumlänge einfach ein Gegengewicht. Eklektizität wirkte Wunder auf Milk Man, La Isla Bonita war gut weil eingängig. Trotzdem es ebenfalls zu ihren besten gehört, geht das 14. Deerhoof Album mit „Nurse Me“ nervenaufreibend zu Ende. Deerhoofs Essenz ist eben in Form gepresster Krach.

Die Songs der Kalifornier waren von jeher wie ein zum Leben erwachtes Wo ist Walter?-Buch: Alle paar Sekunden entdeckt man eine neue Melodie, einen neuen vertrackten Rhythmus, ach und da ist der Hundeschwanz, den man so lange übersehen hatte! Auf The Magic besitzen die Wimmelbilder allerdings die Dreidimensionalität, die Alben wie Apple O‘ und Breakup Song fehlt. Eingängigkeit ist für Deerhoof auch eine Errungenschaft, vielleicht sogar noch mehr als die akrobatischen, dissonanten und experimentellen Erfolge dieser avantgardistischen Kultband.

Beste Songs: That Ain’t No Life to Me, Criminals of the Dream, Model Behavior

VÖ: 24/06 // Altin Village & Mine

„Criminals of the Dream“:

*Ja, bei „That Ain’t No Life to Me“ kann man „abrocken“ als Verb benutzen und muss sich (fast) nicht schämen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.