David Portner gehört zu den Künstlern, deren Musik man nicht gleichgültig gegenüberstehen kann. Von den vier Tieren im Kollektiv ist er der verrückte Affe, der schreiend auf und ab hüpft, um seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Als Avey Tare ist er verantwortlich für die wilde, animalische Seite von Animal Collective, nicht zuletzt aufgrund seiner markanten Stimme. Die Art, wie er diese einsetzt, verleiht dem Großteil seiner Songs ihre besondere Euphorie: “Grass” und “Turn Into Something” auf Feels, “For Reverend Green”, “Fireworks” und “Cuckoo Cuckoo” auf Strawberry Jam, “Brothersport”, “Today’s Supernatural”, “Monkey Riches”, … Die Liste ließe sich beliebig weiterführen. Sein atemloser, unermüdlicher Gesang ist pure Emotion, die entweder missfällt oder begeistert. Dem gegenüber steht Noah “Panda Bear” Lennox, der andere Sänger von Animal Collective. Ihm kommt die Rolle des Träumers zu, er ist – in Ermangelung eines besseren Vergleichs – der Panda, der von seinem Baum aus den Urwald beobachtet.

Während Lennox schon seit den Anfängen von Animal Collective nebenher eine recht erfolgreiche Solokarriere führt – nach einem Gastauftritt auf Random Access Memories wird er dieses Jahr schon sein fünftes Album vorlegen – hat Portner, von zwei Kollaborationen abgesehen, erst ein Album unter seinem eigenen Namen veröffentlicht. Auf Down Here versteckte er sich noch hinter langsamer Elektronik und wässrigen Vocaleffekten, mit seinem neuen Projekt, Avey Tare’s Slasher Flicks, lässt er seine wilde Seite raus.

Wer gehofft hatte, dass David Portner mit den Slasher Flicks völlig neue Wege gehen würde, den werden die elf Lieder möglicherweise enttäuschen. Das Nebenprojekt – denn es ist nicht mehr als das – trägt zurecht den Präfix “Avey Tare’s”, da Portner allein für das Songwriting verantwortlich zeichnet. Die Slasher Flicks sind nicht weit genug von Portners Musik mit Animal Collective entfernt, um eine Band mit eigenständiger Identität zu sein. Dadurch ordnet sich Enter the Slasher House im Grunde zwischen den Animal Collective Alben Feels und Strawberry Jam ein, soundtechnisch und qualitativ. Es ist organischer als das Beach Boys-on-Acid-gleiche Merriweather Post Pavilion und ungezähmter als Centipede Hz.

Enter the Slasher House klingt eigentlich exakt nach dem, was man erwartet, wenn man “Avey Tare gründet Supergroup mit Ex-Dirty Projectors und Ex-Ponytail Mitgliedern” liest. Der Großteil der 50 Minuten ist verspielter Freak Folk oder hippie-esker Indie Rock mit explosivem Drumming und vor allem viel, viel guter Laune. Schlagzeuger Jeremy Hyman ist der entscheidende Faktor auf Enter the Slasher House. Er klingt mal wie John Stanier (Battles), mal wie Deantoni Parks (The Mars Volta) oder wie Panda Bear auf Centipede Hz, sein Stil passt sich jedoch immer an die jeweilige Stimmung der Lieder an. Durch ihn verwandeln sich die Songs von typischem Animal Collective-Material in Slasher Flicks Songs. Der beste – von der Single “Little Fang”, die man am einfachsten mit den Worten “catchy” und “trippy” beschreiben kann, abgesehen – ist folglich derjenige, bei dem man am ehesten erkennt, dass er nicht von einem Animal Collective Album stammt: das erst marschierende, dann wild um sich selbst wirbelnde “The Outlaw”, das sogar ein bisschen nach the Mars Volta klingt. Der einzigartige Track findet sein Echo am Ende des Albums, im Schlussteil von “Your Card”. Angel Deradoorian ergänzt die Musik durch ihre starken Basslinien und bringt etwas Abwechslung in die üblicherweise männlichen Backing Vocals von Portners Songs.

Als leichte Variation der bisherigen Musik von Avey Tare erfüllt Enter the Slasher House absolut seinen Zweck. Portner und Lennox traten zum ersten Mal auf Here Comes the Indian gemeinsam mit Josh “Deakin” Dibb und Brian “Geologist” Weitz als Animal Collective auf, bis dahin veröffentlichten die beiden ihre Musik als “Avey Tare and Panda Bear”. Auch die als Animal Collective veröffentlichten Alben sind nicht immer Bandangelegenheiten: auf Sung Tongs, das fast genau ein Jahr nach Here Comes the Indian in den Läden erschien, waren wieder nur Lennox und Portner zu hören, auf Merriweather Post Pavilion fehlte Deakin. Während das durchgehend gute Enter the Slasher House also die Rolle von den anderen beiden Mitgliedern des Kollektivs in Frage stellt, zeigt es vor allem, wie talentiert Avey Tare als Songwriter ist. Abgesehen von der Nähe zu Animal Collective hat das Album so gut wie keine Schwächen, im Gegenteil: die Ohrwurmqualität von Songs wie “Blind Babe”, “Roses on the Window”, “The Outlaw” oder “Modern Days E” macht es zu einem von Portners besten.

 

Beste Tracks: The Outlaw, Little Fang

VÖ: 04/04

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Hier findet man das komplette Album (mit Visuals) im Stream:

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=f6H4OGARJMs&w=640&h=360]


Fichon