2014 ist jetzt zwar schon eine Weile vorbei (zumindest in musikjournalistischen Dimensionen), aber noch lange nicht abgehakt. Viel zu viele Alben haben wir gehört, die viel zu wenig Beachtung erhalten haben. Vor allem das EP-Format wurde von vielen Musikmedien sträflich vernachlässigt, dabei müssen sich Bands wie Caddywhompus oder Musiker wie Olga Bell nicht hinter den (zurecht) hochgelobten fka twigs‘, St. Vincents und the War on Drugs‘ der Top 50 Listen verstecken. Als Ausgleich, und weil eine Musikwelt ohne Underdogs keine heile ist, präsentieren wir euch nun unsere Alternative Liste der Ebenfalls Besten Alben 2014.


  The Amazing Snakeheads: Amphetamine Ballads

Bluesrock aus Glasgow: The Amazing Snakeheads // © Gavin Watson
Bluesrock aus Glasgow: The Amazing Snakeheads // © Gavin Watson

Ein Album wie ein Rausch. Mal präsentiert sich das Trio, allen voran Dale Barclay, wie eine pöbelnde Schlägertruppe, die mit ihrem harten Bluesrock nur so um sich schlagen. Mal geben sie sich aber auch als ausgenüchterte, erwachsene Männer, die den Ernst des Lebens in ihren Sound gekonnt verarbeiten und so als Sinnbild einer ganzer Bevölkerungsschicht in Großbritannien stehen.

>> Hier das Video zur Single „Here It Comes Again“


Aquaserge: Tout arrive

© Eric Gonzales
Art Rock mit Spaß: Aquaserge // © Eric Gonzales

Drei Tracks, drei große Lacher. Aquaserge sind eine fünfköpfige Band aus Frankreich mit zwei Juliens, der Bassistin von Melody’s Echo Chamber und Beziehungen zu Stereolab. Und weil Humor in der Musik oft unterschätzt wird, haben Aquaserge uns eine EP namens Tout arrive gegeben. Darauf befinden sich: der Titeltrack, eine Sébastien Tellier-Slow Rock-Schmonzette; „TVCQJVD“ (frz. für „Du Weißt, Worauf Ich Hinaus Will“) im 31/32-Takt und Jazz-rockig-legerem Gitarrensolo; und „La Ligue anti jazz-rock“, das mit Tortoise- und Guapo-Anklängen in die Post-Rock-Sparte fällt. Macht Spaß und hört sich dabei noch gut an.

>> Hier das Video zur Single „TVCQJVD“


Batsch: Collar

Soft Rock? Dark Disco? Batsch! // © Batsch Twitter
Soft Rock? Dark Disco? Batsch! // © Batsch

Batsch haben wir als Vorband von Sinkane kennengelernt. Bassist Joe Carvell hat uns nach dem Konzert die neueste EP seiner Band in die Hand gedrückt, Collar. Fünf Tracks mit einem angenehmen linkischen Hauch, die sanft und doch leicht tanzbar sind und deren Basslinien sich im Kopf festsetzen. Empfehlung: Das >> Video zu „Celina“.


Benjamin Clementine: Glorious You

Eine Ausnahmestimme: Benjamin Clementine // © Micky Clement / Universal
Eine Ausnahmestimme: Benjamin Clementine // © Micky Clement / Universal

Das Debütalbum At Least for Now erscheint zwar erst im März und doch hat Benjamin Clementine das vergangene Jahr geprägt. Mir seiner EP Glorious You hatte der britische Songwriter sein Können als Schreiber, wie auch als unglaublicher Sänger unter Beweis gestellt. Wer solch eine eindrucksvolle Stimme hat, darf in einer Bestenliste einfach nicht fehlen.

>> Hier das Video zur Single „Condolence“


Caddywhompus: Feathering a Nest

Zwei ist das neue Drei: Caddywhompus // © Caddywhompus
Zwei ist das neue Drei: Caddywhompus // © Caddywhompus

Gitarre-Drums-Duos sind nicht mehr ganz in. Johnossi und Two Gallants verschwinden so langsam aus der öffentlichen Wahrnehmung, auch wenn Letztere bald zurückkommen wollen. Caddywhompus stört das nicht: 2014 veröffentlichten Sean Hart und Chris Rehm die EP Feathering a Nest, ein explosiver kleiner Post-Hardcore-Noise-Brocken mit dem perfekten „Company“ als Höhepunkt.

>> Hier das Video zu „Company“


Coasts: A Rush Of Blood

Haben Slot beim Coachella ergattert: Coasts // © Presse
Haben Slot beim Coachella ergattert: Coasts // © Presse

Die fünfköpfige Band aus Bristol gilt momentan als wohl einer der heißesten Indie-Acts überhaupt. So ein Slot beim legendären Coachella kommt schließlich nicht von ungefähr. Mit ihrer Rush of Blood EP haben sie mit der gleichnamigen Single nicht nur für ordentlich Airplay in Großbritannien gesorgt, sondern auch verlauten lassen, dass man 2015 mit ihnen rechnen sollte.

>> Hier das Video zur Single „Rush of Blood“


Fever the Ghost: Crab in Honey

Psych-Pop aus L.A: Fever The Ghost // © Presse
Psych-Pop aus L.A: Fever the Ghost // © Presse

Wer die Flaming Lips mag, wird Fever the Ghost lieben. Es erwartet einen herrlich verspielten Psych-Rock, welche von den vier Musikern mir einem gewissen Glamour vorgetragen wird. Stellenweise wird gewollt und gekonnt verwirrt, um einen dann wieder an der Hand zu fassen und durch ihre Traumwelt zu führen.

>> Hier das Video zur Single „Source“


Forever Pavot: Rhapsode

Paris, 1968: Forever Pavot // © Astrid Karoual
Der Mann im Mohn: Forever Pavot // © Astrid Karoual

Als hätten unsere Nachbarn nicht schon genug kuriose Köpfe, gibt sich der Franzose Emile Sorin den verwirrenden Namen Forever Pavot und macht kaum weniger wirre Musik. Rhapsode hätte es fast in unsere Alben des Monats November geschafft, dann aber knapp gegen the Corals The Curse of Love verloren. Deren psychedelischem Pop stark verwandt, klingen die zwölf Songs von Rhapsode wie Broadcast und Stereolab. In den Worten von LesInrocks: „Rhapsode ist reich genug, um euch bei jedem Hördurchgang 1000 Landschaften zu erfinden.“

>> Hier der Song „Les Cigognes nénuphars“


Girlpool: Girlpool

Schriller Gitarrensound: Girlpool // © Alice Baxley
Schriller Gitarrensound: Girlpool // © Alice Baxley

Ihr Sound ist unbequem rockig, schrill, kommt in wohl bekannte DIY-Manier daher und doch empfindet man gleich große Sympathie beim Anhören der gleichnamigen EP. Es sind wohl die starken Persönlichkeiten des Duos und die speziellen aber interessanten Lyrics, die einen so fesseln und aus den sieben Songs einen der Geheimtipps des vergangenen Jahres macht.

>> Hier das Video zu „Jane“


Jenny Hval & Susanna: Meshes of Voice

Bibi & Tina in Noise: Jenny Hval & Susanna // © Press
Bibi & Tina in Noise: Jenny Hval & Susanna // © Press

Meshes of Voice ist wieder so ein schwer zu beschreibendes Album. Um ehrlich zu sein, vergesse ich nach dem Hören immer, was für Musik ich eigentlich gerade gehört habe. Das Einzige, was bleibt, sind die Stimmen. Der Titel des Albums kommt nicht von ungefähr, man verliert sich im Zusammenspiel von Jenny Hval und Susanna Wallumrød wie in einem nebulösen Traum. Manchmal von Noise getragen, an anderen Stellen von formlosen neoklassischen Kompositionen. Hypnotisch und berauschend.

>> Hier der Song „Black Lake“


Jupiter Lion: Brighter

Das Einmaleins der Kopfbehaarung: Jupiter Lion // © Fernando Gimeno
Das Einmaleins der Kopfbehaarung: Jupiter Lion // © Fernando Gimeno

Es ist schon seltsam, dass trotz Krautrock-Enthusiasmus (s.u.) niemand über Jupiter Lion geredet hat. Die Band aus Barcelona hat mit Brighter letztes Jahr ein einwandfrei krautiges Album abgeliefert, mit Songlängen zwischen anderthalb und über zwölf Minuten. Die Motorik und der Headspace sind da, „Your God Is Human“ und „Doppelgänger“ tuckern vor sich hin wie auf der Autobahn. Zwar nicht neu, aber fast schon Neu!.

>> Hier das Video zu „Your God Is Human“


Lanks: Thousand Piece Puzzle

Erinnert stellenweise an Chet Faker: LANKS // @ Presse
Erinnert stellenweise an Chet Faker: LANKS // @ Presse

Der australische Musiker trifft den Nerv der Zeit mit seiner Thousand Piece Puzzle EP. Elektronisch und wirr klingen die insgesamt sechs Songs und bewegen sich irgendwo zwischen Chet Faker und wütenden Stürmen, die einem ins Gesicht blasen. Dass die gesamte EP im Schlafzimmer des Musikers aufgenommen wurde, ist nicht nur ein Funfact, sondern gibt dem Stück das gewisse Etwas.

>> Hier die EP auf Soundcloud


Nick Waterhouse: Holly

Kommt aus Kalifornien: Nick Waterhouse // © Presse
Kommt aus Kalifornien: Nick Waterhouse // © Presse

Nick Waterhouse ist kein Mann großer Worte. Der Gitarrist und Produzent fungiert sonst gerne als Produzent für Acts wie Allah-Las. 2014 hat er trotzdem mit Holly bereits sein zweites Studioalbum veröffentlich. In den zehn knackigen Nummern präsentiert er den Soul in seiner reinsten Form und nötigt den Zuhörer dazu sich auf eine Zeitreise zu begeben. Als Belohnung dafür gibt es eines der unterschätztesten Alben des vergangenen Jahres und einen guten Bourbon.

>> Hier das Video zur Single „This Is A Game“


Olga Bell: край (Krai)

Unerhörtes Russland: Olga Bell // © Noah Kalina
Unerhörtes Russland: Olga Bell // © Noah Kalina

Olga Bell macht mit Tom Vek als Nothankyou Dance Music und ist bei Dirty Projectors als Keyboarderin tätig. Nebenbei veröffentlicht sie unter eigenem Namen Musik, und die hat es in sich. Nach Diamonite folgte 2014 Krai, ein Konzeptalbum über ihre Heimat Russland. Neun Songs für neun seiner Regionen, gleichzeitig neun Etappen auf einer Reise durch ein raues, schönes, unbekanntes Land. Eklektischer Kunst-Pop (wie das noch nie dagewesene „Khabarovsk Krai“) und unglaublicher Gesang, der durch die fremde Sprache noch krassere Wirkung zeitigt. Ich war zwar noch nie in Russland, aber wenn die Musik Bells Heimat widerspiegelt, kann es dort nur faszinierend sein.

>> Das ganze Album könnt ihr euch hier anhören


Oracles: Stanford Torus

Veröffentlichen 2015 ihr Debütalbum // © Animalistics
Veröffentlichen 2015 ihr Debütalbum: Oracles // © Animalistics

Das Lob von Pete Doherty hat sie geehrt und doch ziemlich kalt gelassen, was vielleicht auch damit zu tun hat, dass sie sich musikalisch doch auf einem anderen Stern bewegen. Oracles beweisen, dass auch 2014 noch eine erschlagende Nachfrage an neuem Kraut besteht. Mit Stanford Torus bieten sie Hippies wie auch Musiknerds ein Medium, um in die Welt der psychedelischen Musik eintauchen zu können. Wir trauen uns jetzt mal einfach und behaupten, dass das Debütalbum 2015 eines der spannendsten überhaupt werden wird!

>> Hier das Video zur Single „Melt Tonight“


Sable Noir: CHEW !

Manche Leute kommen auf Ideen: Sable Noir // © Charlotte Robin
Manche Leute kommen auf Ideen: Sable Noir // © Charlotte Robin

Niki Noir und Beastie Vee von Sable Noir aus Paris mischen Zouk – karibische Musik mit ausgeprägtem Rhythmus, die oft beim dortigen Karneval gespielt wird – mit dunkleren, westlichen Spielarten wie Grunge und Punk. Klingt komisch? Ist auch so. In etwa so ungewohnt wie Suicides Debütalbum, mit dem Gefühl, dass diese Musik eigentlich nicht sein sollte. Tut sie aber, also kann man sie ebenso genießen.

>> Das Album könnt ihr euch hier anhören


Something Anorak: Tiny Island

Low Fidelity, High Quality: Something Anorak // © Something Anorak
Low Fidelity, High Quality: Something Anorak // © Something Anorak

Tiny Island haben wir euch schon im November vorgestellt. Das Debütalbum von Something Anorak aus Bristol ist Grizzly Bear, Two Gallants und Animal Collective zugleich, auf so wunderbare lo-fidelische Weise zusammengeflickt, dass es bei mir (Fichon) auf Platz 2 der Jahrescharts gelandet ist, knapp hinter Present Tense von den Wild Beasts. Auf der Alternativen Liste kriegt es von mir die Underdog-Krone.

>> Hier das Video zu „Boy Without a Friend“


Son Lux: Alternate Worlds

Ryan Lott aka Son Lux // © Son Lux
Ryan Lott aka Son Lux // © Son Lux

Ryan Lott aka Son Lux hat mit seiner EP Alternate Worlds genau das erreicht, was erreicht werden sollte. Die vier neu arrangierten Versionen von Songs seines Über-Albums Lanterns sind tatsächlich Parallelwelten zu jenem Hexenkessel. „Alternate World (Alternate Age)“ ist die industrielle Cyberpunk-Dystopie, näher dran an der Live-Umsetzung mit Band. „Easy (Switch Screens)“ ist nicht nur dank Lorde ein unweltlicher Schocker, vielleicht sogar ein besserer als das Original. „Build a Pyre (Begin Again)“ nimmt den Groove aus der ursprünglichen Version heraus und ersetzt ihn durch hohe Sci-Fi-Synths. „Lost It to Trying (Mouths Only Lying)“ schließlich entschleunigt den dringlichsten Song von Lanterns und versetzt ihn in eine Kathedrale. Epische Versionen, nicht bloß Remixes. Und keine Angst, die Musik ist längst nicht so nerdy wie obige Referenzen es vermuten lassen.

>> Hier der Song „Easy (Switch Screens)“


Trash Kit: Confidence

Geballte Frauenpower: Trash Kit // © Emilie Gouband
Geballte Frauenpower: Trash Kit // © Emilie Gouband

Trash Kit klingen wie die verwirrten, kleine Schwestern von Foals, die in ihrer Freizeit heimlich Thurston Moore hören. Confidence ist der bereits zweite Longplayer der Band aus London und sprüht nur so vor aufgedrehten Gitarrenriffs. Eine Indie-Platte mit gewissen Post-Punk-Einflüssen und dem Spirit einer Noise-Platte, die leider zu wenig hervorgehoben wurde und deshalb in unserer alternativen Liste einen berechtigten Platz findet.

>> Hier das Video zur Single „Medicine“


The Wytches: Annabel Dream Reader

Machen gruseligen Post-Punk: The Wytches // © The Wytches
Machen gruseligen Post-Punk: The Wytches // © The Wytches

Achtung es wird düster! In feinster Horrorshow-Manier hat das Trio aus dem schönen Brighton ihr Debütalbum aufgenommen und lassen den Hörer das Fürchten kennenlernen. Erinnern tun die Musiker vom Sound her ein wenig an eine weniger trashige Version der frühen Horrors. Einziger Wehmutstropfen bei diesem energiegeladenen Debüt bleibt wohl das Veröffentlichkeitsdatum. Halloween ist doch im Oktober und nicht im August, oder?

>> Hier kann man sich das Album in voller Länge anhören


Fichon & Yannick