Alben des Sommers 2016

Das Beste aus den letzten drei Monaten

Während alle busy waren, haben wir bei The Postie eine kleine Auszeit gemacht. Zum falschen Zeitpunkt, wie sich herausstellte. Radiohead sind fünf Jahre nach The King of Limbs endlich wieder mit einem sehr guten Album aufgetaucht. Metronomy, DM Stith, Swans, Wild Beasts, BADBADNOTGOOD und Gonjasufi melden sich ebenfalls mit überzeugenden neuen Platten zurück.

In Deutschland ging es auch hoch her: Niklas Kramer, die deutsche Antwort auf Kevin Parker, hat seine Debüt LP als Still Parade veröffentlicht, genauso wie Marius Lauber aka Roosevelt; Sea Moya treiben mit ihrer Baltic States EP die Erwartungen an deutsche Newcomer noch höher; die Heiterkeit stellen sich mit Pop & Tod I+II große Fragen vor dem Hintergrund kleiner Musiken. Von Sommerloch kann also (mal wieder) keine Rede sein. Im Folgenden unsere Highlights aus den letzten drei Monaten.


Die Heiterkeit: Pop & Tod I+II

„Die Kälte“, „Im Zwiespalt“, „Vergessen“ – das dritte Album von der Heiterkeit platzt vor lauter Schwermut. Oder eher vor lauter Andeutungen, dass man sich nach dem Hören von Pop & Tod I+II schwermütig beziehungsweise melancholisch fühlen wird. Wenn man nämlich über den Bariton von Stella Sommer und die eindeutigeren Weltschmerz-Textzeilen hinweghört, ist es vor allem der an Element of Crime erinnernde Irgendwie-Doch-Optimismus in der Musik, der einen in einen Zustand der Heiterkeit versetzt. Am besten, man lässt sich von dem Doppelalbum mitreißen in den Strudel zwischen moribunder Atmo und großen Popmelodien.


Mala: Mirrors

Nach fünf Jahren Untergrund im UK, sechs Jahren Aufstieg zum Mainstream in Clubs und Radios aller Länder und weiteren sechs, in denen von London aus ein Songwriter den Stil salonfähig (und stilübergreifend interessant) macht, während auf der anderen Seite des Atlantik ein ehemaliger Post-Hardcore Sänger das Ganze auf amerikanisch-übertriebene Art zu einem orgiastischen (und von den Außenstehenden größtenteils verachteten) Phänomen hochzieht, ist Dubstep im Jahre 2016 kaum noch ein Gesprächsthema. Wie so oft zog die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit einer Horde Termiten gleich über die Musik her, die uns Burial, Skream und Digital Mystikz gegeben hat.

Der Großteil jener Produzenten hat seit drei Jahren nichts mehr veröffentlicht. Umso erstaunlicher daher, dass Mala, eine Hälfte der Digital Mystikz, im Juni ein von peruanischen Rhythmen beeinflusstes Album namens Mirrors veröffentlichte – und das sogar frischen Wind in das aus dem Relevanzschrank aussortierte Genre bringt! Neben einem akustischen (!) Song mit der Sängerin Danitse aus Lima ist auf „Zapateo“ – der Name eines peruvianischen Tanzes, dem Chicagoer Footwork im Grunde sehr ähnlich – die Fußpercussion des Colectivo Palenke zu hören. Während Mala In Cuba Dubstep wieder wie den ihm zugrunde liegenden Dub in den Antillen verortete (von Jamaika über Bristol nach Kuba), lässt Mirrors darauf schließen, dass seine Zukunft anderswo liegt, in Peru und, wer weiß, darüber hinaus…


Mitski: Puberty 2

„Ihr habt es leicht, früher war alles viel schwieriger,“ sagen uns die Eltern und Großeltern. Klar, dank Facebook, Bafög, Interrail und Erasmus können sich die digital natives und sonstige Angehörige der Generation Y mehr oder weniger ungehindert durch digitale und reale Regionen bewegen. Das Eintrittsalter in die Berufswelt erhöht sich immer weiter, Geld ist für die Generation, die alles hinterfragt, auch nicht mehr so wichtig. Aber ohne Beruf und Familie fallen auch Orientierungspunkte weg. Die zwischen 1984 und 2000 geborenen befinden sich gerade in einer Situation zwischen Jugend und Erwachsenenleben.

Mitski Miyawaki, Baujahr 1990, hat dieser zweiten Pubertät der Mittzwanziger ein ganzes Album gewidmet. Und welche Anhaltspunkte passen da besser als College Rock, Grunge und der leicht leiernde Gesang von Indie Singer-Songwritern? Von der Musik ihres Geburtsjahres aus drängt sie in alle möglichen Richtungen, von denen Menomena’sches Saxofon-Staccato („Happy“) und Autotune („Thursday Girl“) nur die entferntesten sind. Mitski, das hört man ihr sofort an, ist nicht sorglos, auch wenn sie scheinbar ohne Anstrengungen für jeden Song die Haut des vorigen ablegt. Heute ist vieles leichter, aber Sorgen gibt es immer.


Radiohead: A Moon Shaped Pool

Wer hätte gedacht, dass Radiohead nochmal mehr als ein Abklatsch von Thom Yorkes Ausschweifungen im Electrobereich sein können? A Moon Shaped Pool, das neunte Album der Briten, hat die einst vom Musikexpress als „Motor der Moderne“ bezeichnete Band nach viel Lob für die Releaseformate endlich wieder musikalisch relevant gemacht. Und das, obwohl die elf Songs hauptsächlich von den Streicherarrangements von Jonny Greenwood getragen werden und zu einem großen Teil sehr verhalten zwischen Electronica und Kunstpop schweben. Radiohead gibt es nun seit 31 Jahren, Songs wie „True Love Waits“ und die erste Single „Burn the Witch“ stammen noch aus dem letzten Jahrhundert. A Moon Shaped Pool zeigt, dass sie nichts von ihrer frühen Größe verloren haben.


Still Parade: Concrete Vision

Gefühlvoller Funk Pop im Stile von Tame Impalas Currents, dazu noch aus den heimischen Gefilden? Vorhang auf für Niklas Kramer aus Berlin. Der als Still Parade seit drei Jahren durch das Indie-Orbit schwebende Musiker hat im Juni sein Debütalbum veröffentlicht. Das hört auf den Namen Concrete Vision und enthält wunderbar unkonkrete Tagträumerlieder. Die Gefühlsspanne reicht dennoch vom beschwingten „07:41“ über den sommerlichen „Walk In the Park“ zum defätistischen „Everything Is Going Down (Again)“. Ein Muss für alle, die gerne mit einem Hauch von Traurigkeit im Blick den Horizont anstarren und ihre Gedanken vagabundieren lassen.


Swans: The Glowing Man

Die neuen Swans haben allein wegen der Massivität ihrer Musik schon gewonnen. Songs, die bis zu 34 Minuten lang sind, drei Alben mit jeweils zwei Stunden Laufzeit, ganz zu schweigen von der monochromen, ausgedehnten und repetitiven Natur der Songs selbst. Die Resultate von Michael Giras Reinkarnation sind im wahrsten Sinne überwältigend. The Glowing Man, das vierte Album seit der Wiedergeburt der No Wave Pioniere, soll das vorerst letzte in dieser Formation sein. Mit acht Songs über 118 Minuten (das sind durchschnittlich 14,5 Minuten pro Song) und einem Gefühl von Zufriedenheit ist es ein würdiger Abschluss für diese Periode der Swans.


Whitney: Light Upon the Lake

Diejenigen unter euch, die wie ich über die Tatsache, dass Julien Ehrlich bei Unknown Mortal Orchestra an den Drums saß, auf Whitney gekommen sind, werden sich angesichts der Single „No Woman“ erstmal am Kopf gekratzt haben: zwar lo-fi, wie das Debüt des Orchesters um Ruban Nielson, aber überhaupt nicht funky. Stattdessen gibt der Opener von Light Upon the Lake einen Einblick in jenes Paralleluniversum, in dem Nielson, Justin Vernon und Dan Bejar dieselbe Person sind. Die 26 Minuten, die auf „No Woman“ folgen, schillern dann tatsächlich in jenen drei Farben – discogold, Bon Iver-grün und das verwaschene Grau der Cover der letzten drei Destroyer Releases. Mit solch einer Flagge muss man sich nicht hinter den gestandenen Größen verstecken.


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