Alben des Monats – März 2016

Mit música popular brasileira und thailändischen Jams

Die interessantesten Alben im März kamen ein bisschen von überall her. Neben der Brasilianerin Céu waren da die Khun Narin Electric Phin Band aus Thailand und australischer Psych Pop von Methyl Ethel. Aber auch die Alben von Esperanza Spalding und Anna Meredith klingen außerirdisch (und außerirdisch gut). Sogar die Alben, die es nicht in dieses Best-of geschafft haben, waren zu einem großen Teil international: Boris und Merzbows Kollaboration GenshoHiperasia vom spanischen Produzenten El Guincho und Fatima al Qadiris Brute. Hoch lebe die Globalisierung!


Anna Meredith: Varmints

CoverEs ist eine Frage der Perspektive: Ist „Nautilus“ eher Hudson Mohawke ohne die Beats oder The Ark Work ohne die Metal-Vergangenheit? Am besten trifft es wohl „switched-on Bruckner“ – dröhnende MIDI-Bläser, die aufwärts drängen. Aber das ist nicht mal alles. Nach dreieinhalb Minuten zerstört ein Drumcomputer den Rhythmus, der sich vorher im Kopf gebildet hatte und der Song nimmt eine ganz andere Richtung. Man weiß nicht so recht, wie einem geschieht, aber Varmints hält alles, was dieser Song verspricht und legt noch eine Schippe drauf.

„Nautilus“ ist der erste Song auf Anna Merediths Debütalbum Varmints, das eines der experimentelleren Releases auf dem Londoner Label Moshi Moshi darstellt. Meredith, die Komposition unterrichtet, ist gleichermaßen klassische Komponistin wie elektronische Künstlerin und fällt damit in das gleiche Raster wie Daniel Lopatin und Dan Deacon. Wie bei jenen Musikern vermag man nicht immer zu sagen, ob man die Musik nun als elektronische Klassik oder Popmusik wahrnehmen soll. Und das ist der springende Punkt. Obwohl es kaum einer als Art Pop bezeichnen würde und wohl niemand als Klassik, gehört Varmints zu den Alben, die – wie The Ark Work – am eindrucksvollsten die Schnittstelle zwischen Kunst und Pop verkörpern. Die Wahrnehmung von Musik ist eben auch nur Perspektive.


Céu: Tropix

Céu TropixIch verstehe zwar kein Wort von dem, was Maria do Céu Whitaker Poças singt, aber es hört sich nach einer entspannten Welt an, in der sie lebt. Der Großteil der Songs auf Céus viertem Album Tropix ist auf Portugiesisch vorgetragen, die Sängerin stammt aus São Paulo. Ihre musikalischen Vorbilder sind nach eigener Aussage jedoch vor allem amerikanische Jazz- und Soulsängerinnen wie Ella Fitzgerald und Erykah Badu.

Dazu kommen auf Tropix noch heimische Spielarten wie Samba und Bossa Nova, aber auch Metronomy-reifer Electropop, Jazz Rock inspiriert von Melody Nelson und mehr als eine languröse Ballade. Lasst doch die anderen Trübsal blasen, Céu ist frei davon wie der Himmel, der in ihrem Namen steckt. Diese Kollektion kleiner Pop-Perlen ist die musikalische Entsprechung zu Wolkengucken, Slow Food und Ausspannen in der Sonne.


Esperanza Spalding: Emily’s D+Evolution

Esperanza-Spalding-Emilys-DEvolutionEsperanza Spalding entwickelt sich immer weiter und die Cover der fünf Alben, die sie bis dato veröffentlicht hat, dokumentieren ihre Veränderungen. Die 2011, ein halbes Jahr nach dem Release ihres dritten Albums, mit einem Grammy für Best New Artist ausgezeichnete Jazzbassistin wanderte in zehn Jahren von Latin Jazz über „contemporary jazz“ zu Fusion auf Emily’s D+Evolution – je bekannter sie wurde, desto hipper wurden die Cover.

Ihr aktuelles Album ist alles andere als bieder, sondern selbst für Fans von D’Angelo und Hiatus Kaiyote, deren Funk Rock Sound sie auf Emily’s D+Evolution übernimmt, eine Herausforderung. Auf den ersten Blick nur passt Spalding neben Ms. Lauryn Hill und Erykah Badu, tatsächlich ist ihre Musik aber deutlich jazzig-vertrackter als das der Neo R&B Ikonen. Der nächste Anhaltspunkt ist Joni Mitchells Mingus Album, aber mit einer deutlich erdigeren Note. Die Bestandsaufnahme Emily’s D+Evolution ist der beste Einstiegspunkt in Spaldings Diskografie.


Khun Narin Electric Phin Band: II

Cover kleinSelten, seitdem ich vor einigen Jahren dem Soundtrack zu Jim Jarmuschs Meisterwerk Broken Flowers zum ersten Mal begegnet bin, habe ich Musik wie die der Khun Narin Electric Phin Band gehört. Music from Broken Flowers ist selbst für ein Soundtrack-Album eine unglaublich eklektische Mischung aus Garage Rock, Marvin Gaye und Stoner. Das beste sind aber die Stücke von Mulatu Astatqé, einem Jazzpianisten, der generell als „Vater des Ethiojazz“ bezeichnet wird.

Nun stammt Khun Narin nicht aus Äthiopien, sondern aus Thailand, und die instrumentalen Stücke sind abgesehen vom unterschiedlichen Ursprung auch deutlich rockiger. Die Freiheit, die Songs wie „Long Wat“ und „Sao Ubon Ro Rak“ suggerieren, findet sich aber eher im Astatqé-Roadtrip-Mixtape von Bill Murrays Filmnachbarn wieder als zum Beispiel in der geografisch benachbarten Musik der kambodschanischen Band Dengue Fever, die auf Music from Broken Flowers ein Astatqé-Stück interpretierten. Wenn ihr euch irgendwann einmal auf eine Autofahrt begeben solltet, um die Mutter eures Sohnes zu suchen, könnte II euer Soundtrack sein.


Methyl Ethel: Oh Inhuman Spectacle

CoverUnd zum Schluss nochmal das, was allen gefällt. Methyl Ethel ist Jake Webb aus Perth, und wenn euch bei der Stadt ein Licht aufgeht, habt ihr auch schon herausgefunden, was für Musik er macht. Methyl Ethel ist inzwischen eine Band, auf dem Debüt Oh Inhuman Spectacle, das im März in Europa erschien, hat er noch alles selbst eingespielt. Hört man ihm aber nicht an, finden auch die Juroren des Australian Music Prize, die Oh Inhuman Spectacle in ihre Shortlist gepackt haben – neben Alben von Tame Impala und Courntey Barnett.

Methyl Ethels verträumte, stellenweise gespenstische Lieder verdanken ihren Popappeal der oft funktionierenden, wenn auch selten originellen Mischung aus Chillwave und MGMT-Weirdo Pop. „To Swim“ würde auf Paracosm nicht auffallen und die ebenfalls preisgekrönten Singles „Rogues“ und „Twilight Driving“ sind State of the Art Psych Pop, wie ihn Grounders vor nicht allzu langer Zeit auch schon gemacht haben. Richtig interessant wird es aber in der zweiten Hälfte, während der sie mit Songs wie „Obscura“„Also Gesellschaft“ und dem Panda Bear-esquen „Unbalancing Acts“ beweisen, dass sie besser komponieren als kopieren. Perfekt ist Oh Inhuman Spectacle zwar nicht, aber am Ende muss man dem letzten Song „Everything Is As It Should Be“ dann doch zustimmen.

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