Alben des Monats – Februar 2015

Schweißperlen auf der Stirn und viel Gitarrensex. So lief der Monat.

Der Februar war um etliches heißer als die Temperaturen es eigentlich zulassen. Mit den Veröffentlichungen von beispielsweise Bilderbuch und BRNS läuft das Musikjahr so langsam aber sicher heiß. Außerdem bringt der oft so kalte Monat die Erkenntnis, dass Gitarren längst nicht tot und abgenutzt sind. Deswegen haben wir euch aus gegebenem Anlass eine schöne (ziemlich gitarrenlastige) Top 10 zusammengestellt:


BRNS: Patine

BRNS-Patine-CoverDas erste richtige Album der zur Zeit besten belgischen Band ist so ungleich dem Mini-Album Wounded und doch unverkennbar BRNS. Die Aufregung von Songs wie „Mexico“ und der Pathos, den es stellenweise schon auf Wounded gab, ist auf Patine durch Ernsthaftigkeit und einer für ein Debütalbum erstaunlichen Reife ersetzt worden. Der Post-Rock des Quartetts ist jetzt nicht bloß Rock, der seine Strukturen umgeht, sondern gleicht sich dem weitschweifenden Genre „Post-Rock“ (Mogwai, Godspeed You! Black Emperor) an, wenn auch von weitem. Was bleibt, ist der feierliche Gesang und das immer interessante Drumming von Tim Philippe, der Gebrauch von für Rock ungewöhnlichen Elementen und generelle Awesomeness. Wenn ich dieses Jahr eine Empfehlung ausspreche, dann ist das Patine.


Dan Deacon: Gliss Riffer

dandeaconglissriffercvr2400Auch wenn es weder so epileptisch wie Spiderman of the Rings noch so majestätisch wie America daherkommt, ist Dan Deacons viertes Album Gliss Riffer ein unwiderstehlich süßes Popalbum, das gegen Ende hin nochmal kräftig Richtung Minimalismus ausschlägt. Live werden die Synthesizer voll aufgedreht und das Publikum mit Adrenalin vollgepumpt, doch mit Gliss Riffer kann man Dan Deacon auch gemütlich im Sessel genießen. Sofern der nicht selbst umhertanzt und -spielt. Wenn Animal Collective und Terry Riley ein Baby zeugten, hieße es vermutlich Gliss Riffer.

>> Die komplette Rezension könnt ihr hier nachlesen.


Dutch Uncles: O Shudder

2014DutchUncles_OShudder221014Nach Out of Touch in the Wild hatten die Briten von Dutch Uncles ein Ungeheuer vor sich: Wie toppt man ein Album, das gleichzeitig verwinkelt, originell und catchy ist, das mit seinen Melodien besticht, den Hörer mit seinen Rhythmen aber immer wieder vor den Kopf stößt, kurzum: das Pop und Kunst in perfekter Symbiose zusammenbringt? Die Lösung schien Duncan Wallis und Kumpanen die Öffnung hin zum Pop zu sein. Folglich ist O Shudder, das vierte Album der Dutch Uncles, ein schimmerndes und von Streichern umspieltes Poptimist-Werk à la Present Tense, schlank und rank und noch eingängiger als ihr bisheriger Output. Ein Artikel auf Drowned in Sound beschrieb kürzlich Wild Beasts und Dutch Uncles als vorausschauend und „am Rand der populären Anerkennung tänzelnd“. Wenn O Shudder tatsächlich den Weg in die Pop-Zukunft weist, steht uns Großes bevor.


Ibeyi: Ibeyi

Ibeyi Album 2015Die beiden Schwestern von Ibeyi (Yoruba für ‚Zwillinge‘) sind die Töchter von Anga Díaz, einem Perkussionisten des Buena Vista Social Club. Auf ihrem eponymen Debütalbum finden sich zwar Einflüsse aus dem kubanischen Jazz ihres Vaters sowie französische Lyrics – Lisa-Kaindé und Naomi Díaz leben seit ihrer Kindheit in Paris. Der erste Vergleichspunkt ist allerdings die Isländerin Björk, sowohl wegen Lisa-Kaindés Gesang als auch was die Produktion von Tracks wie „Oya“ angeht. Mal fallen elektronische Wände ineinander, mal gibt es traditionelles Soul- oder Chanson-Songwriting („Stranger/Lover“, „Mama Says“). Dann wieder sind die Arrangements so spärlich wie eine Wüsten-Version von James Blake. Andernorts hört man Electro Swing-Intonationen, traditionelle kubanische Instrumente und Texte auf Yoruba, einer Sprache, die in Nigeria und Benin gesprochen wird. Die Musik hat mitunter etwas Unheimliches, so dass Ibeyi zu den interessantesten Stimmen dieses Jahres gehören.


Mount Eerie: Sauna

sauna mount erieDrei Jahre nach Clear Moon und Ocean Roar kommt Phil Elverum mit einem seiner bedrückendsten Alben um die Ecke. Seine Musik als the Microphones und Mount Eerie war immer schon dunkel und im Moor/Wald/Halbschlaf versunken, doch mit Sauna kommt die Hitze des Titels dazu. Die Musik soll schwer auf dem Hörer lasten, was mit dem zehnminütigen Titeltrack, der dazu noch am Anfang des Albums steht, kein schweres Unterfangen ist. Natürlich taucht auch wieder ein Track namens „(Something)“ auf, später noch ein 13-Minüter mit dem unpassenden Titel „Spring“. Elverum versucht sich zwischendurch auch mal als Shoegazer, auf „Dragon“ spielen Wind und weiblicher Gesang die Hauptrollen. Sauna könnte fast als Soundtrack zu Lars von Triers Antichrist fungieren.


Peace: Happy People

Peace Happy PeopleEin Spaßalbum das keines sein will. Unter dem Motto hat die Band aus Birmingham einen Nachfolger zu ihrem Erfolgsalbum In Love veröffentlicht. Gängige Melodien und teilweise sogar ziemlich lustige Nummern dominieren die Platte, die aber immer von einem ernsten Kern geprägt ist. Es ist eine Art Selbsttherapie des Sängers Harry Koisser, der damit verschiedenste gesellschaftliche Probleme anspricht. Musikalisch bewegen die Briten sich auf den Pfaden ihrer Vorgänger und orientieren sich an vergangenen Indie-Tagen und lassen tief in die 90’er blicken. Happy People ist, als wenn man im Platzregen Eis isst.

>> Eine detaillierte Rezension lest ihr hier.


Black Rivers: Black Rivers

19265Das Debütalbum von Black Rivers klingt wie eine Doves Platte nach einer Detox-Kur. Insgesamt wirken die Songs schnittiger und „edgy“ wie man im Neudeutschen wohl sagen würde. Trotz dieser Verjüngung des Sounds sind die beiden Williams-Twins sich ihrer Linie treu geblieben. Episch-weite Klangwelten lassen den Zuhörer tief in die Materie eintauchen und vermitteln ein Gefühl von Schwerelosigkeit. Songs wie „Diamond Days“ oder „The Wind Shakes The Barley“ haben das Potenzial zu Gassenhauern und zur regelrechten Live-Feinkost zu werden. Doves, also Black Rivers minus Jimi Goodwin beweisen mit ihrem Debüt, dass man sie noch nicht tot schreiben sollte.


Carl Barât & The Jackals: Let It Reign

web-carl-barat-and-the-jackals-let-it-reign-cookcd611-copyWir schreiben das Jahr 2004 und Let It Reign steht auf Platz 1 der britischen Albumcharts. Denn so in etwa hätte das zweite Solo-Album vor ungefährt 10 Jahren wohl seinen Lauf genommen. Doch wir schreiben in seinem Fall leider das Jahr 2015 und Carl Barât kämpft schon fast händerringend um den Erfolg seiner Platte. Auf seinen sozialen Netzwerken hat er nach Bandmitgliedern suchen lassen, da ihm das stille, einsame Musizieren auf den Sack gegangen ist. Ja, Carl Barât lässt bei seiner neuesten Schöpfung tatsächlich den Punk raushängen und gibt sich mit vielen Hooks und dreckigen Bässen extrem cool und spricht somit die fast ausgestorbene Lederjacken-Fraktion an. Wäre diese nicht vom Aussterben bedroht, wäre Let It Reign eine äußerst gute Platte. So leider aber nur ein Appetithappen auf die anstehende Libertines-CD.


Bilderbuch: Schick Schock

bilderbuch-schick-schock-cover-artwork-533x533„Willkommen im Dschungel“. Mit diesen Worten begrüßt der Österreich-Export uns auf Schick Schock. Mindestens genau so heiß wie die Temperaturen im Urwald, präsentieren sich die vier Musiker auch auf ihrer neuesten Platte. Wer bis jetzt wegen Bands wie den Sportfreunden Stiller oder Revolverheld der Annahme war, dass deutschsprachige Musik nicht sexy sein kann, wird hier eines besseren belehrt. Mal rappend, mal ungewollt (?) im Stile Falcos performt Maurice Ernst die zwölf schillernden Songs dermaßen anzügig, dass man einem die Schweißperlen die Schläfen entlang kullern. Bilderbuch haben mit Schick Schock geschafft einem ganze Genre mehr Glanz, Glitter und Sex-Appeal zu verleihen. Darauf erstmal einen (Soft)Drink!


The Districts: A Flourish and a Spoil

districts_flourish_lpGibt es abseits von Kings of Leon und Muse eigentlich noch einigermaßen passable Bands, die sich mit radiotauglicher Musik in der Vordergrund spielen? Die Antwort liegt hier eindeutlich bei The Districts aus Pennsylvania und kann wird von diesen mit einem deutlichen JA beantwortet. Die junge Band wirft klassische Indie-Rock-Elemente mit heimlichem Americana zusammen und gewinnt so nicht nur Fans vons für sich. A Flourish and a Spoil ist ja zwar keineswegs ein Werk das für seine Innovation in die Geschichtsbücher eingehen wird. Es ist einfach nur eine verdammt noch mal scheiss gute Gitarrenrock-Platte geworden.


Fichon & Yannick

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